Montag, 10. September 2012

Die alte Vogelscheuche



Das Weizenfeld war abgeerntet und nur noch Stoppeln ragen aus der Erde.
Die alte Vogelscheuche blickt traurig unter ihrem zerbeulten Hut in die Ferne.
Der Sommer war vorbei und ihre Arbeit getan. Keinem Vogel konnte sie mehr Angst machen, keine Rehe mehr erschrecken.
„Hallo, Herr Vogelscheuche“, piepst eine zarte Stimme.
„Guten Tag, Frau Feldmaus, ich habe von ihrem Unglück gehört.“
„Ach ja, mein armer Mann. Frau Eule hat ihn erwischt und nun bin ich Witwe und muss meine fünf Kinderchen alleine aufziehen.“
Sie wischt sich eilig mit der Pfote über die Augen.
„Mein herzlichstes Beileid!“
„Danke, ob ich wohl ein paar der abgefallenen Körner nehmen darf?“
fragt sie schüchtern.
„Aber sicher, sehen sie dort drüben, nicht weit von ihrer Wohnung liegt eine ganze Ähre.“
Der Wind gibt der Vogelscheuche einen Schubs und sie dreht sich so, dass ihr
ausgestreckter Arm auf die herabgefallene Ähre zeigt.
„Vielen herzlichen Dank!“
Die kleine Feldmaus trippelt zu der Stelle und nimmt das Ende der Ähre ins Mäulchen und zerrt und schleift sie in ihre Höhle.
Die Vogelscheuche seufzt.
Wie gerne hätte sie geholfen, doch sie muss ja hier stramm und steif stehen.
Zwei Krähen fliegen herbei und setzen sich auf ihre Schultern, ohne sich durch ihren grimmigen Gesichtsausdruck stören zu lassen.
Ein ungehobeltes Volk diese Krähen!
Sie tratschen über alles mögliche und fliegen dann über das Stoppelfeld in den nahe gelegenen Wald.
Wildgänse fliegen kreischend über das Feld und traurig sinniert die Vogelscheuche , wie schön es doch wäre, fliegen zu können und fremde Länder zu sehen.
Maxl, der Sohn des Bauern kommt mit mürrischem Gesicht angelaufen.
Wütend gibt er ihr einen Tritt, dass sie empört ächzt.
„Blöder, alter, vergammelter Trampel,“ schimpft der Junge zornig.
Er war kurz davor, Schusserkönig zu werden, als sein Vater ihn rief und befahl die alte Vogelscheuche in den Schuppen zu bringen.
Nun würde wohl der Jokel gewinnen!
Der Gedanke macht ihn noch wütender und er umfasst mit beiden Händen das alte Ding, reißt es aus der Erde und pfeffert es auf den Boden.
Maxl packt nun die Vogelscheuche und schleift sie über Sand und Kies zum Schuppen.
Immer dünner wird diese, denn unterwegs verliert sie das ganze Stroh, mit dem sie gepolstert war.
Der Junge öffnet die Schuppentür und wirft die Vogelscheuche in die Ecke.
Sie knallt gegen einen verrosteten Pflug, streift einige alte Melkeimer und landet, oh Wunder, auf mehreren alten Säcken.
Zufrieden wälzt sie sich in eine bequeme Lage.
Wegen dem Stroh macht sie sich keine Gedanken. Sie weiß , im Frühjahr wird sie wieder frisch ausgestopft.

Maxl, aber hat seine Freunde noch nicht erreicht, da taucht sein Vater auf.
Mit grimmigem Gesicht deutet der auf den Weg.Vom Feld bis zum Schuppen war alles voller Stroh.
„Nimm sofort den Besen und mach den Weg sauber!“knurrt der Bauer.
Maxl seufzt.
Das Schusserspiel konnte er für heute vergessen.

Im Schuppen aber grinst die Vogelscheuche und schließt zufrieden die Augen.

(c) Lore Platz

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