Freitag, 14. September 2012

Kein Fest für Lisa

Kein Fest für Lisa

Lisa gab der Coladose einen wütenden Tritt, dass sie scheppernd über den Schulhof rollte und an der Treppe liegen blieb.
Heute war Frau Krumbirn wieder einmal besonders ekelig.
"Lisa, wenn du nicht endlich die zehn Euro für Kunst und die zwanzig Euro für die Bücher mit bringst, dann darfst du an dem Ernte-Dank-Fest nicht teilnehmen."
meinte sie streng.
"Pah, wer wollte schon mit so einem blöden Ährenbusch durch die Gegend rennen!"
Traurig seufzt Lisa. Gestern hatte Mama geweint, als die Stromrechnung kam.
Oh ja, sie hatte es genau gesehen, obwohl Mama sich schnell abgewandt hatte.
Und Andreas, ihr kleiner Bruder durfte auch nicht mehr in den Kindergarten gehen, da Mama das Geld dafür nicht aufbringen konnte.
Plötzlich fiel ihr der Brief ein, den Frau Krumbirn ihr für  Mama mitgegeben hatte.
Sie konnte sich vorstellen, was darin stand.
Lisa blieb stehen, zog das Kuvert aus der Schultasche und zerriss es in ganz kleine Schnipsel, die sie dann in den Abfalleimer an der Haltestelle warf.
Auf einmal war sie ganz vergnügt und hüpfte das letzte Stück nach Hause.

"Hallo, Mama!" Sie stellte den Schulranzen in den Flur und umarmte ihre Mutter stürmisch.
"Hallo, meine Große, du kommst aber heute spät, Andreas ist schon fertig."
Lisa nahm ihren kleinen Bruder an der Hand und die Beiden marschieren zu der Arche, wo sie ein kostenloses Mittagessen bekamen.
Die Mutter schaute ihnen vom Fenster aus nach.
Dann setzte sie sich wieder an den Tisch, um die Stellenanzeigen zu studieren, obwohl sie wusste, dass es umsonst war.
Die Arbeitslage war sowieso schlecht und sie hatte noch dazu zwei Kinder.
Seit ihr Mann vor eineinhalb Jahren verstorben war, musste sie mit einer kleinen Witwen- und Waisenrente auskommen.
Es reichte mehr recht als schlecht.
Ein Glück, dass es die Arche gab und die Kinder wenigstens ausreichend zu Essen bekamen.
"Michael, du fehlst mir so!"
Sie legte den Kopf auf die Arme und ließ ihren Tränen freien Lauf.

Lisa nahm Andreas bei der Hand und wollte die Arche verlassen, da sah sie drei ihrer Mitschülerinnen untergehakt die Straße herunter kommen.
Schnell zog sie Andreas in die Arche zurück und versteckte sich hinter der Tür.
Andreas zappelte empört und versuchte seine Hand aus ihrem festen Griff zu lösen.
"Sei still!" zischte Lisa und atmete  erleichtert auf, als die Mädchen in der Ferne verschwanden.
Der Pastor, der sie beobachtet hatte, kam nun herüber.
"Lisa, " meinte er ernst, " es gibt keinen Grund sich zu schämen."
Das Mädchen wurde rot und verließ mit Andreas die Arche.
"Mama, wir sind wieder da!" rief Lisa und half ihrem Bruder die Schuhe aus zu ziehen , dann trat sie in die Küche und erstarrte.
In der Küche saß Frau Krumbirn.
"Was will die denn da!"
"Lisa!" rief ihre Mutter entsetzt.
Doch diese hörte nicht. Ihre ganze aufgestaute Wut entlud sich jetzt.
Mit geballten Fäusten und zornfunkelnden Augen trat sie vor ihre Lehrerin.
"Was wollen sie von meiner Mutter? Seit Wochen schon plagen sie mich wegen den 30 Euro. Ich habe meiner Mutter nichts davon gesagt, weil sie es sowieso schon so schwer hat und den Brief habe ich zerrissen!"
Lisa war zornrot im Gesicht und funkelte ihre Lehrerin trotzig an.
"Lisa," sagte ihre Mutter leise, "geh auf dein Zimmer."
Das Mädchen warf ihr einen verzweifelten Blick zu, doch sie verließ stumm die Küche.
Andreas kletterte auf den Schoß der Mutter und schlang die Arme um ihren Hals.
"Lisa ist heute ganz böse, sie hat mich fest gepackt und ich durfte nicht auf die Straße, bis die Mädchen vorbei waren. Sie hatten Eis!" meinte er sehnsüchtig.
Frau Bernsdorf strich ihm über das Haar.
"Geh spielen mein Schatz."
Seufzend sah sie ihm nach.
" Ich kann den Kindergarten nicht bezahlen," brach es aus ihr heraus ," und wenn der Pastor mit seiner Arche nicht wäre, hätten die Kinder keine geregelte Mahlzeit."
Sie sah Verstehen in den Augen der Frau gegenüber, kein Mitleid und dann sprudelte alles aus ihr heraus, was sie schon viel zu lange mit sich herum getragen hatte.
Der frühe Tod ihres Mannes, die viel zu kleine Rente, ihre verzweifelten Suche, Arbeit zu finden.
Zwischendurch hatte sie Tee gemacht.
Als sie den Beutel aus der Kanne nahm, lächelte sie kläglich.
"Wie gerne hätte ich manchmal eine Tasse Kaffee."
Frau Krumbirn, die auch lieber Kaffee trank, hatte sich noch nie darüber Gedanken gemacht, dass dies ein Luxus war, den sich nicht jeder leisten konnte.
Ihr Blick fiel auf die Nähmaschine.
"Sie nähen?"
"Wie gerne, das war schon immer mein Hobby und jetzt kann ich es gut brauchen. Ich mache gerade einige Blusen für Lisa aus den Hemden meines Mannes."
"Ja, mir ist schon aufgefallen, wie adrett Lisa immer gekleidet ist. Würden sie denn auch für fremde Leute schneidern? Mein Mutter hat ein bisschen Gewichtsprobleme und ist auch sehr wählerisch."
In Gedanken bat sie ihre Mutter um Verzeihung und beschloss gleichzeitig mit Mutters Damenkränzchen zu sprechen.
"Glauben sie, dass sie ihr einige Kleider nähen könnten?"
Frau Bernsdorf strahlt. "Gerne!"
"Prima! Und wegen dem Büchergeld machen sie sich keine Gedanken, ich werde dies regeln."
Frau Bernsdorfs Gesicht verschloss sich.
"Keine Angst, ich zahle es nicht aus eigener Tasche, wir haben einen Fond, über den wir dies verrechnen können."
Lisa stand an der Tür, hinter ihr lugte Andreas hervor.
"Komm doch zu uns, Lisa," bat Frau Krumbirn freundlich.
"Es tut mir leid, dass ich dich wegen dem Geld so geplagt habe, aber ganz schuldlos bist du auch nicht.
Du hättest mit mir reden können. Es gibt keinen Grund sich zu schämen, wenn ihr zur Zeit wenig Geld habt."
"Dasselbe hat der Pastor auch gesagt," murmelt Lisa.
" Wie wäre es, wenn wir alle zum Italiener um die Ecke gehen, deine Mutter trinkt sicher gerne einen Kaffee, Andreas möchte wohl ein Eis...", der Junge beginnt zu strahlen, " und du, nimmst du ein Eis als Entschuldigung an?"
Lisa nickte eifrig.

Am Erntedank-Sonntag ging Lisa mit den anderen Schülern stolz mit ihrer mit Blumen geschmückten Ähre in die Kirche, an der Hand Andreas, der auch ein Herbst-Sträußchen trug.
Bild von dreamies.de
Am Straßenrand aber steht Frau Bernsdorf und sieht dem Einzug der Kinder zu und nach langer Zeit waren ihre Augen wieder voller Hoffnung.








1 Kommentar:

  1. So eine schöne Geschichte, liebe Lore,

    ich kannte sie noch nicht und habe mich gefreut, dass alles ein gutes Ende genommen hat!

    Liebe Grüße
    Regina

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Für die lieben Kommentare möchte ich mich bedanken, ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich nicht immer dazu komme, sie zu beantworten.