Samstag, 27. Oktober 2012

Nur ein Päckchen Kaffee (Teil 2)




Am nächsten Morgen, Lieschen war gerade gähnend auf dem Weg ins Bad, läutet es Sturm.
Noch immer gähnend und verschlafen öffnet sie und sieht in die vergnügt grinsenden Augen von Jutta.
Frühstückservice !“
Sie drängt an dem alten Fräulein vorbei in die Küche und stellt den großen Korb auf der Spüle ab.
Dann nimmt sie das alte Mädchen bei der Schulter, setzt es sanft auf den Stuhl und zaubert aus ihrem Korb eine große blaue Thermoskanne.
Kaffee!“ erklärt sie, dann folgt ein Kännchen mit Sahne, Zucker, ein Hefezopf, Butter, Marmelade und eine Schale mit Erdbeeren und zu guter Letzt eine kleine Vase mit frischen Wiesenblumen.
Guten Appetit, meine Liebe!“
Sie beugt sich hinab und küsst Lieschen auf den Wange.
Ich muss jetzt los, bald werden meine Trabanten aufwachen und laut “Hunger!“ brüllen.
An der halb geöffneten Tür bleibt sie noch einmal stehen.
Übrigens Lieschen, zieh dich morgen schön an, ich hole dich um neun Uhr ab. Wir werden deinen Geburtstag feiern und bei dieser Gelegenheit lernst du auch meine Familie kennen.“
Die Tür fällt hinter ihr ins Schloss.
Lieschen aber lehnt sich wie erschlagen im Stuhl zurück.
Es kommt ihr vor, als wäre ein Wirbelsturm durch ihr stilles Zimmer gesaust.
Dann aber lässt sie ihren Blick über den liebevoll gedeckten Tisch schweifen und grinst vergnügt.
Vorsichtig schraubt sie den Deckel von der Kanne und seufzt wohlig, als der frische Duft des Kaffees in ihre Nase steigt.
Langsam gießt sie ihre Tasse voll, lässt zwei Stückchen Zucker hineinfallen, gießt etwas Sahne dazu und nimmt den ersten Schluck.
Ihr Gesicht strahlt vor Wonne.
Gibt es etwas Schöneres einen Sonntagmorgen zu beginnen.


Am nächsten Morgen ist Lieschen schon lange vor der verabredeten Zeit fertig.
Schick hat sie sich gemacht für den bevorstehenden Besuch.
Zu ihrem taubenblauen Kostüm trägt sie ihre beste Bluse aus beigefarbener Seide mit hohem Spitzenkragen und schweren metallenen Knöpfen.
Auf dem Kopf thront ein dunkelblaues Hütchen, dessen schwarzer Spitzenschleier bis in die Stirn ragt.
Aufgeregt trippelt sie durch die Küche, immer wieder einen Blick auf die Uhr werfend.
Als sie von draußen das Gezanke der Spatzen hört, öffnet sie lächelnd das Fenster und streut etwas von dem Hefezopf auf die Fensterbank.
Als hätten sie nur darauf gewartet stürzen sich die kleinen frechen Gesellen auf die Leckerbissen.
Zanken, schimpfen, zwitschern aufgeregt und wollen sich die besten Bissen gegenseitig weg schnappen.
Lächelnd sieht Lieschen ihnen zu, bis die nahe Turmuhr neunmal schlägt.
Sie schließt das Fenster, hängt sich die altmodische Tasche an den Arm und lauscht.
Wenig später läutet es Sturm und als sie öffnet, wird sie heftig umarmt.
Alles Gute zum Geburtstag, liebes Lieschen!“
Jutta schiebt das alte Fräulein etwas zurück und betrachtet sie schmunzelnd.
Schick siehst du aus! Aber nun komm, meine Familie freut sich schon auf dich!“
Lieschen folgt ihr etwas bang, es ist doch schon lange her, seit sie unter Menschen war.
Doch Juttas fröhliches Geplauder lässt sie gar nicht zum Grübeln kommen.
Staunend betrachtet sie wenig später das große schöne Haus und den wundervollen Garten, als Jutta schwungvoll in die Einfahrt fährt.
Fürsorglich hilft ihr diese aus dem Auto und führt sie durch den Garten auf die Terrasse zu ihrem Mann, der Lieschen freundlich lächeln die Hand entgegen streckt.
Guten Morgen, Fräulein Krämer und alles Gute zum Geburtstag. Entschuldigen sie, dass ich ihnen nicht entgegen gekommen bin, aber zwei kleine Monster halten mich umklammert.“
Nun erst bemerkt Lieschen die beiden Kinder hinter Herrn Zimmermann.
Das kleine blonde Mädchen mit dem Schnuller im Mund verschwindet blitzschnell hinter seinem Vater, als der Blick Lieschens sie trifft.
Der Junge aber tritt nun hervor, reicht ihr die Hand und meint artig:
Guten Tag Fräulein Krämer und alles Gute zum Geburtstag.“
Danke mein Junge, aber du kannst ruhig Lieschen zu mir sagen.“
Dirk schüttelt den Kopf.
Ich darf Erwachsene nicht beim Vornamen nennen.“
Wie wäre es dann mit Tante Lieschen? Wäre dir das recht?“
Dirk nickt.
Nun komm aber mit, ich führe dich an deinen Ehrenplatz.“
Er nimmt ihre Hand und als Lieschen sich auf den
bequemen Stuhl setzt, deutet er auf den Blumenkranz, der um das Gedeck dekoriert ist.
Das war ich, gefällt es dir?“
Lieschen streicht ihm über den Kopf.
Ja sehr, das hast du wirklich fein gemacht, danke dir.“
Der Junge grinst erfreut, tritt einen Schritt zurück und betrachtet sie aufmerksam, dann dreht er sich um und läuft ins Haus.
Jutta und Harald sind inzwischen auch an den Tisch gekommen und die junge Frau legt Lieschen ein Stück Kuchen auf den Teller.
Für eine Schwarzwälderkirschtorte hatte ich die richtigen Zutaten nicht daheim. Ich hoffe du magst Käsekuchen.“
Oh ja!“ Lieschen lässt ihren Blick über den liebevoll gedeckten Tisch gleiten und meint nur schlicht:
Danke!“
Jemand zupft sie am Rock und als sie nach unten sieht, bemerkt sie das kleine niedliche Mädchen.
Der Schnuller hüpft aufgeregt auf und ab und die Kleine hebt beide Arme.
na o“ versteht Lieschen.
Jutta bückt sich und nimmt ihrer Tochter den Schnuller aus dem Mund.
So kann Tante Lieschen dich nicht verstehen.“
Susanna runzelt die Stirn und wiederholt.
Sanna, Tane ieschen och.“
Lächelnd hebt diese das kleine Persönchen auf ihren Schoß.
Wie eine Königin blickt Susanna über den Tisch.
Ihr Blick bleibt auf dem Kuchen auf Lieschens Teller hängen.
Sie deutet darauf und fordert:
Sanna, Gucken essen!“
Schmunzelnd nimmt Lieschen ein kleines Stückchen auf einen Kaffeelöffel und stopft es in das weit aufgerissene kleine Schnäbelchen.
Zufrieden kuschelt sich die kleine Prinzessin an ihre Schulter.
Das Eis war gebrochen.
Dirk kommt aus dem Haus gelaufen und legt ein großes Stück Papier vor Lieschen.
Das habe ich für dich zum Geburtstag gemalt,“ verkündet er stolz.
Lächelnd betrachtet Lieschen sich das Bild.
Rechts oben war eine grellgelbe etwas schiefe Sonne und unten viele grüne Striche, sollte wohl eine Wiese darstellen, denn darauf standen fünf Strichmännchen.
Dirk deutet auf die Figuren und erklärt.
Mama, Papa, Sanna, ich und du!“
Lieschen sieht sich das letzte Männchen auf dessen Kopf ein großer blauer Ballon sitzt an und deutet auf das blaue Gebilde.
Das soll wohl mein Hut sein?“
Dirk nickt ernsthaft.
Ich wusste doch nicht, wie du aussiehst, deshalb konnte ich mein Bild noch nicht fertig machen. Gefällt es dir?“
Ganz prima, das ist wunderschön und du hast mir eine große Freude damit gemacht.“
Dirk strahlt, dann setzt er sich auf seinen Stuhl und ist die nächste Zeit damit beschäftigt, seine Backen mit Kuchen voll zu stopfen.
Es wurde für Lieschen ein wunderschöner Tag und als sie abends müde in ihrem Bett lag, dankte sie dem lieben Gott für den schönen Geburtstag.


Nun holte Jutta ihre Freundin jedes Wochenende zu sich nach Hause und das alte Fräulein blühte richtig auf unter den netten liebevollen Menschen.
Die Kinder kamen ihr jedes Mal jubelnd entgegen gelaufen. Sie liebten ihr Tante Lieschen heiß und innig.
Und eines Tages hatte Jutta mit ihrem Mann ein langes Gespräch.
Die nächsten Tage herrschte geschäftiges Treiben im Haus Zimmermann.
Den Samstag darauf nachdem sie wieder zusammen gefrühstückt hatten und Harald mit den Kindern auf den Spielplatz ging, nahm Jutta Lieschen bei der Hand und zog sie in ein hübsches kleines Zimmer.
Zarte duftige Gardinen bauschten sich an dem Fenster, an dem ein großer gemütlich aussehender Sessel stand, daneben ein kleines Lesetischen.
Helle freundliche Möbel und eine bunte Couchgarnitur füllten den Rest des Zimmers aus.
Jutta zerrte Lieschen durch die Verbindungstür in ein ebenfalls mit hellen freundlichen Möbeln eingerichtetes Schlafzimmer.
Sie deutet auf eine weiße Tür in der Ecke und meinte, „ dort ist noch ein kleines Badezimmer.
Glaubst du es würde dir hier gefallen?“
Bange ist die sonst so lebhafte Jutta.
Als Lieschen nichts sagt, sich nur mit großen Augen umschaut, sprudelt es aus Jutta heraus.
Wir haben dich alle so lieb gewonnen, die Kinder beten dich an und wir möchten gerne, dass du für immer bei uns bleibst. Wenn dir der ganze Trubel bei uns einmal zu viel wird,dann kannst du dich hier in deine eigenen vier Wände zurück ziehen!“
Etwas ängstlich sieht die sonst so burschikose junge Frau das alte Mädchen an.
Auf einmal geht ein strahlendes Lächeln über das schöne Altfrauengesicht und Lieschen nickt, während Tränen in ihren Augen schimmern.
Stumm umarmen sich die beiden so ungleichen Frauen, die doch so gute Freundinnen geworden sind.


Ende







Kommentare:

  1. Liebe Lore, heimlich hatte ich gehofft, dass die Geschichte noch weiter geht. Aber mit diesem schönen Ende hatte ich nicht gerechnet.
    Liebe Grüße und ein schönes (vielleicht schon verschneites?) Wochenende!

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  2. Liebe Lore,
    diese Geschichte gefällt mir ganz besonders gut.
    Sie erzählt von Hilfsbereitschaft, Armut aber auch Mut und Freundschaft. All das ist so wichtig, gerade in der heutigen Zeit.
    Vielen Dank dafür und liebe Grüße von Elli

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Für die lieben Kommentare möchte ich mich bedanken, ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich nicht immer dazu komme, sie zu beantworten.