Sonntag, 11. November 2012

Die Puppe Namenlos Teil 2







Das Paket bleibt lange Zeit unbeachtet neben dem Hydranten liegen, obwohl viele Menschen vorbei hasten.
Zwei Jungen schlendern gelangweilt über den Bürgersteig.
He, Anderl! Da hat jemand ein Paket verloren!“
Martin schaut sich schnell um, schnappt das Päckchen und die beiden Jungen laufen in einen verlassenen Hinterhof.
Martin reißt die Schachtel auf.
Eine Puppe!“ ruft er enttäuscht.
Lass sehen, vielleicht gefällt sie ja meiner kleinen Schwester.“
Anderl will ihm die Schachtel aus der Hand nehmen.
Martin weicht einen Schritt zurück und zieht feixend die Puppe an den Haaren heraus.
Doch wie sieht sie aus.
Ein Stück von der Nase fehlt, beide Beine baumeln hin und her. Sie sind aus den Gelenken gesprungen.
Ein Arm ist am Ellbogen gebrochen und das einst hübsche Kleid hat einen langen hässlichen Riss.
Pfui Deibel wirf sie weg!“
Martin grinst, wirft die Puppe in die Luft und kickt sie mit dem Fuß in Richtung Mülltonnen.
Diese landet auf einem Häufchen stinkendem Abfall, der aus der überquellenden Tonne gefallen war.
Die Buben laufen wieder hinaus auf die Straße.
Die einstmals so hübsche Puppe aber liegt auf einem Haufen Dreck und dicke Tränen kullern über ihr Gesicht.
Ihre ersten Schritte hinaus in die Welt waren ja nicht gerade schön verlaufen.
Sie war von einem Auto überrollt worden, durch die Luft geschleudert, von groben Bubenhänden an den Haaren gezogen und dann noch als Fußball benützt und letztendlich auf stinkendem Müll gelandet.
Es raschelt in ihrer Nähe und eine dicke fette Ratte trippelt auf sie zu, mustert sie aus kleinen runden Augen, stupst sie mit der Nase an und läuft davon.
Die Puppe betrachtet das Stückchen Himmel über ihr und traurig und voller Sehnsucht denkt sie an das kleine Mädchen, deren Haare genauso rot sind wie ihre.
Nie wieder würde sie es wiedersehen.
Plötzlich hört sie eine sonore Stimme singen.

Der König der Straßen werde ich genannt
Wenn ich nur zwinkere, kommen die Miezen angerannt
Bin so schön, besonders klug und ein vollendeter Kavalier
Und besiege alle Kater in meinem Revier

Ein kräftiger Kater stolziert mit hoch erhobenem Schwanz über den Hof.
Vor der Puppe bleibt er stehen und betrachtet sie nachdenklich.
Du siehst ja scheußlich aus!“
Danke! Du würdest auch nicht besser aussehen, wenn du von einem Auto überfahren und von frechen Buben als Fußball benützt worden wärst!“
Da dürftest du Recht haben. War wohl heute nicht dein Tag?“
Das kann man wohl sagen!“
Oh, Oh,“ der Kater wirft einen Blick über die Schulter,
da kommt der Hausmeister, der kann mich nicht leiden, ich verdrück mich mal wieder.“
Der Kater wendet sich um.
Halt! Du willst mich doch nicht hier lassen!“ ruft die Puppe verzweifelt.
Unschlüssig bleibt der Kater stehen und sein Blick wandert zwischen der Puppe und dem näher kommenden alten Mann hin und her.
Dann beugt er sich hinunter, nimmt das Kleid der Puppe ins Mäulchen und flitzt in großem Bogen um den Hausmeister herum und auf die Straße.





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