Mittwoch, 14. November 2012

Die Puppe Namenlos Teil 5





























Die blonde Frau aber eilt durch den Garten dem Haus zu und stutzt, als sie die Puppe entdeckt.
Nanu, du warst doch eben noch nicht hier?“
Suchend sieht sie sich um , kann aber niemanden entdecken.
Sie bückt sich und hebt die Puppe auf.
Armes Hascherl, dich hat man ja übel zugerichtet.“
Mit einem Ruck hat sie die Beine wieder eingerenkt.
Siehst du Schätzchen, die Beine gehören schon wieder dir.“
Ein Mann kommt auf die Terrasse.
Inge, wo bleibst du denn, wir müssen fahren.“
Gleich Hubert, sieh nur, was ich gefunden habe. Ich will sie nur schnell waschen.“
Der Mann wirft einen kurzen Blick auf die Puppe und nickt.
Aber beeil` dich.“
Inge eilt mit der Puppe ins Badezimmer.
Das schmutzige zerrissene Kleid landet im Mülleimer.
Dann wird Namenlos in ein duftendes Schaumbad gesteckt und anschließend in ein kuschelig weiches Handtuch gehüllt.
Sie wird auf liebevolle Arme genommen und in einer Puppenwiege abgelegt.
Inge beugt sich hinunter und sieht sich den kaputten Arm an.
Später werde ich mich um deine Nase und den Arm kümmern, doch nun muss ich zu meinem Mann.

Namenlos liegt in dem Bettchen und fühlt sich endlich wieder sauber und glücklich.
Sie duftet so frisch und ihr herrlich rotes Haar ist von Schmutz und Blättern befreit.
Neugierig sieht sie sich in der Stube um.
Ringsum in Regalen und Schränken stehen unzählige Puppen.
In einer Ecke sind aufeinander gestapelt Puppenküchen und Kaufläden.
Namenlos gefällt es hier. Seit ihrer Irrfahrt fühlt sie sich
wieder so heimelig wie im Schaufenster von
Marion`s Puppenstube“.
Plötzlich taucht Annas Gesicht vor ihr auf und Augen voller Liebe sehen sie an.
Ein leise Sehnsucht zieht in ihr kleines Puppenherz.
Die Tür öffnet sich und die blonde Frau kommt herein.
Namenlos wird aus der Wiege gehoben und auf einen Tisch gesetzt, der voller Kästchen, Schächtelchen, Töpfchen und Döschen ist.
Inge fährt vorsichtig mit dem Finger über die kaputte Nase, dann öffnet sie ein Döschen, holt Celluloidsplitter heraus und lässt sie behutsam in das Loch rieseln, drückt sie mit den
Fingern fest und streicht die neu geformte Nase glatt.
Sie schraubt ein Gläschen auf und trägt mit dem Pinsel das flüssige Celluloid auf.
Diesen Vorgang wiederholt sie mehrmals.
Dann betrachtet sie ihr Werk.
Nun hast du wieder ein hübsches Näschen. Das Ganze muss
aber jetzt trocknen. Erst dann kann ich mich um deinen Arm kümmern.
Namenlos wird wieder hoch gehoben und in die Wiege gelegt, dann verlässt die Puppendoktorin den Raum.
Die Gedanken der Puppe wandern wieder zu Anna und sie beginnt zu träumen.
Anna und sie laufen zusammen über eine blühende Wiese, setzen sich auf eine Decke und machen ein Picknick.
Dann legen sie sich hin und beobachten die Wolken. Schmetterlinge tanzen im Sonnenschein, Bienen fliegen brummend von Blüte zu Blüte und alles duftet so herrlich und
Namenlos fühlt sich so glücklich.
Und am Abend nimmt Anna sie mit in ihr Bett und sie kuscheln zusammen.
Ein Geräusch schreckt Namenlos aus ihren Träumen und als sie die Augen aufschlägt, sieht sie viele Puppen, die sich um die Wiege drängeln und tuscheln.
Es ist dunkel draußen, nur der neugierige alte Mond blickt durch die Scheibe.
In den Kaufläden und Puppenküchen brennen kleine Lichter.
Jetzt hat eine der Puppen bemerkt, dass Namenlos die Augen geöffnet hat.
Sie ist wach!“ ruft sie und alle drängen an die Wiege, die leicht zu schaukeln beginnt.
Herzlich willkommen bei uns. Bald bist du wieder wie neu
und darfst auch an unseren nächtlichen Teepartys teilnehmen.“
So schwirrt es durcheinander.
Macht Platz! Lasst mich durch!“
Eine große Puppe zwängt sich nach vorne.
Hallo, ich bin Bärbel und wie heißt du?“
Namenlos,“ flüstert diese verschämt.
Mitleidiges Gemurmel ringsum.
Bärbel runzelt die Stirn.
Das heißt, du hattest noch niemals eine Puppenmutti, wie bedauerlich! Meine erste Puppenmutter gab mir den Namen Bärbel und den habe ich behalten, auch wenn ich im Laufe der Jahre mehrere Puppenmütter hatte. Aber du weißt ja, der erste Name von der ersten Puppenmutter bleibt für immer.“
Bärbel lässt einen hoheitsvollen Blick durch die Stube gleiten.
Ich bin eine echte Schildkrötpuppe und die erste, die in diese Stube eingezogen ist. Alle anderen hier haben es mir zu verdanken, dass es die Puppendoktorin gibt.“
Die anderen Puppen stöhnen und verdrehen genervt die Augen.
Schon wieder die alte Geschichte.
Jedes Mal, wenn eine Neue kam, dann erzählte Bärbel die uralte Geschichte.
Still und leise verdrücken sie sich in die Ecke.









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