Freitag, 16. November 2012

Die Puppe Namenlos Teil 7







Am nächsten Morgen holt die blonde Frau sie aus dem Bettchen und nun wird der Arm der Puppe gerichtet.
Wieder muss sie still liegen und kann an der Teeparty um Mitternacht nicht teilnehmen.
Doch als am Morgen darauf die Sonne durch das Fenster lacht, darf Namenlos wieder ihre Wiege verlassen und wird auf einen Tisch gesetzt.
Inge öffnet eine alte von Hand geschnitzte Truhe und breitet einige Kleidungsstücke vor der staunenden Namenlos aus.
Diese bekommt nun ein mit Spitzen besetztes Unterhöschen, dazu das passende Unterhemd und dann noch einen weit ausladenden Unterrock, der von der Hüfte abwärts mit Rüschen besetzt ist.
Inge kneift ein Auge zusammen und betrachtet die rot wallenden Locken der Puppe.
Grün oder Türkis!“ murmelt sie.
Dann holt sie ein wunderschönes grünes Kleid aus der Truhe und stülpt es Namenlos über den Kopf, schließt dann die kleinen Perlmuttknöpfe am Rücken und zieht das Kleid über dem bauschigen Unterrock glatt und betrachtet stolz die Puppe.
Hübsch siehst du aus. Jetzt wollen wir deine Locken noch etwas entwirren und dann bist du perfekt.“
Mit einem kleinen Kamm fährt sie durch die dichte Lockenpracht und obwohl es etwas ziept, ist Namenlos in diesem Moment die glücklichste Puppe der Welt.
Auf der Teeparty in der Nacht darf Namenlos zum ersten Mal teilnehmen.
Alle freuen sich, dass sie wieder gesund ist und bewundern ihr schönes Kleid.
Tagsüber sitzt sie nun mit einigen anderen Puppen auf dem Sofa und abends feiern sie die schönsten Feste.
Sie war nun eine von ihnen und alle waren nett zu ihr.
Namenlos könnte nun zufrieden und glücklich sein, wenn nicht dieser nagende Schmerz in ihrem kleinen Puppenherz wäre.
Sie konnte Anna nicht vergessen und sehnte sich nach ihr.
Immer wieder taucht das liebe Gesicht des kleinen Mädchens in ihren Träumen auf.
Wieder ist es Tag und die Puppe sitzt auf dem Sofa.
Durch das geöffnete Fenster dringt die Wärme der Sonne und goldene Pünktchen tanzen im Raum.
Die Vögel im Garten jubilieren um die Wette.
Eine dicke Hummel fliegt brummend ins Zimmer, stößt überall an, bevor sie wieder den Weg hinaus in den Garten findet.
Ein Schatten taucht plötzlich am Fenster auf.
Ein Kater sitzt auf der Fensterbank, springt auf den Boden und stolziert durch das Zimmer.
Ramon, hier bin!“ ruft Namenlos.
Der Kater wendet seinen Blick zum Sofa und starrt überrascht auf die Puppe.
Ich hätte dich beinahe nicht mehr erkannt. Gut siehst du aus!“
Namenlos errötet vor Freude.
Dann bemerkt sie, dass das rechte Ohr des Katers herab hängt
und daran noch ein wenig verkrustetes Blut klebt.
Was ist denn passiert?“
Ramon zuckt lässig mit den Schultern.
Ach das ist nichts. So ein junger Spund hat geglaubt, er könnte meinen Platz einnehmen.“
Der Kater lacht vergnügt.
Du solltest ihn einmal sehen. Sobald kann er sich bei der Damenwelt nicht mehr blicken lassen.“
Namenlos lacht.
Du bist schon einer. Wie geht es denn der reizenden Prisilla?“
Ramon streckt beide Vorderpfoten nach vorn und gähnt herzhaft.
Ach die,“ meint er gedehnt, „ mit leckerer Sahne ist es vorbei. Ihr Frauchen passte immer auf und wenn ich den Garten betrat, hat sie mich mit dem Besen verjagt. Und nun hat sie einen Kater gekauft, so einen Lackaffen mit Stammbaum.“
Ramon kratzt sich mit der Pfote hinter dem Ohr.
Jetzt würdigt mich die reizende Prisilla keines Blickes mehr und hat nur noch Augen für ihren Gigolo.“
Habe ich dir nicht gesagt, sie ist eine hochnäsige Zicke!“
triumphiert Namenlos.
Der Kater zuckt die Schulter, streift durch das Zimmer und beschnuppert die Einrichtung.
Und was hast du in der Zwischenzeit so erlebt?“
Wie du siehst hat die Puppendoktorin mich wieder geheilt und die anderen Puppen hier sind alle sehr nett.
Nach Mitternacht feiern wir immer eine lustige Teeparty.
Es ist schön hier!“
Aber?“
Ramon ist wieder zum Sofa zurück gekehrt.
Namenlos sieht ihn an.
Was meinst du mit `aber ` ?“
Der Kater hat sich hingesetzt und den Schwanz um die Vorderpfoten gekringelt.
Dein Worte klingen nach einem großen ´aber´ .
Was bedrückt dich?“
Die Puppe lächelt traurig.
Wie gut du mich doch kennst. Ich kann das kleine Mädchen nicht vergessen.“
Das dich immer im Schaufenster besucht hat? Weißt du denn wo sie wohnt?“
Namenlos schüttelt den Kopf.
Ich weißt nur, dass sie Anna heißt, so hat die alte Frau sie gerufen.“
Irgendwo knarrt eine Tür und Ramon springt auf die Fensterbank.
Ich komme bald wieder!“


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