Mittwoch, 28. November 2012

Jasper, das besondere Rentier








Am Sonntag haben wir den ersten Advent. Ich liebe diese Zeit, das hängt wohl mit meinen schönen Kindheitserinnerungen zusammen.
Obwohl die Nachkriegszeit noch recht ärmlich war, haben meine Eltern es doch verstanden uns Kindern diese Zeit besonders schön und auch geheimnisvoll zu gestalten.
In der Küche stand ein Holz- und Kohlenofen und verströmte behagliche Wärme. Das Holz knisterte und knackte und die ganze Familie hielt sich in der Küche auf, da es da einfach am wärmsten war.
Während meine Mutter Plätzchen backte und uns der herrliche Duft umschmeichelte, saßen wir Kinder am Tisch und mein Vater las uns aus einen dicken Buch, dass er aus der Pfarrbücherei entliehen hatte, Märchen vor.
Manchmal sangen wir auch Lieder und eins meiner Lieblingslieder damals war:
In Mutters Stüberle, da geht der Hm,hm,hm
in Mutters Stüberle da geht der Wind.“
Und wenn mal ein Blech mit den Plätzerln missglückte, durften wir die leicht angekokelten essen.
Die anderen Herrlichkeiten wurden verpackt und gut versteckt und erst am heiligen Abend bekam jeder dann seinen extra Weihnachtsteller.
An den Nikolaustag habe ich keine so gute Erinnerungen, denn der freundliche heilige Mann wurde immer von dem grausligen Knecht Rupprecht begleitet und der jagte mir schreckliche Angst ein.
Unter der Maske verbargen sich junge Kerle, denen es diebisches Vergnügen bereitete die Kinder zu erschrecken.
Bei mir haben sie das geschafft.
Ich weigert mich wenn es abends dunkel wurde mit der Milchkanne beim Bauern im Stall die frische warme Kuhmilch zu holen und ging nur, wenn meine große Schwester mich begleitete.
Später eroberte unser Land der Weihnachtsmann. Er war ein kräftiger laut polternder Kerl mit vergnügten Augen und einem großen Herz für Kinder.
Lange schon habe ich überlegt, wie es wohl wäre, wenn diese zwei so verschieden Männer, die doch eigentlich beide nur das eine wollen, die Kinder glücklich, sich begegnen würden.
Dieses Jahr in meiner neuen Weihnachtsgeschichte habe ich diese Begegnung herbei geführt.
Geholfen hat mir dabei ein ganz besonderes Rentier, das eine leichte Behinderung hat, aber ein selten liebes Tier ist.
Nein es ist nicht Rudolf mit der roten Nase, sondern Jasper mein Freund mit dem blinkenden Geweih.



Es ist Frühling in Norwegen.
Der Ren-Hirsch Tundor steht auf einer Anhöhe und lässt stolz seinen Blick über seine kleine Herde gleiten.
Er hat sie hier auf diese geschützte Bergwiese geführt, damit seine Kühe in Ruhe ihre Kälber zur Welt bringen können.
Neun junge Rentiere springen bereits munter über die Wiese.
Nur Alleschja seine Lieblingskuh hat noch nicht geworfen.
Mit besorgtem Blick sucht er sie in der Herde und bemerkt wie sie zu Boden sinkt.
Er dreht sich um und galoppiert den steilen Weg hinunter. Steinchen lösen sich unter seinen Hufen und kullern über den mit Gras bewachsenen steinigen Boden.
Als er bei Alleschja ankommt, stupst er sie sanft mit der Nase an und bemerkt nicht die eifersüchtigen Blicke der anderen Kühe.
Alleschja stöhnt auf und der kleine Ren-Hirsch ist geboren.
Stolz beobachten die Eltern wie der Kleine tolpatschig versucht auf die Beine zu kommen und immer wieder umkippt. Endlich hat er es geschafft und bleibt schließlich noch etwas zittrig stehen.
Mit tapsigen Schritten stolpert er zu seiner Mutter und hat bald die Zitzen gefunden und beginnt gierig zu trinken.
Jasper wächst zu einem hübschen jungen Rentier heran, auch hat er ein freundliches, vertrauensvolles Gemüt und ist viel zu arglos, um zu erkennen, dass die anderen Jungtiere, aufgestachelt von ihren Müttern ,ihn nicht leiden können.
Aber da er der Liebling von Tundor ist, wagen sie es nicht es offen zu zeigen.
Wieder kommt ein Frühling und Jasper ist nun ein Jahr alt und sein Geweih beginnt sich langsam zu bilden.
Und Jasper ist mächtig stolz auf die kleinen Sprossen auf seiner Stirn.
Im Sommer hat er schon ein stattliches Geweih .
Eines Tages , als er voller Freude über die Wiese und direkt zu seiner Mutter galoppiert, glaubt diese, dass ein Blitzen von Jaspers Geweih aus geht.
Aber als er dann vor ihr steht, denkt sie nur die Sonne hätte sie geblendet.
Bald aber bemerkt sie, dass mit ihrem Sohn nicht alles in Ordnung war.
Immer wenn Jasper sich freut, erschrickt oder
übermütig ist, beginnt sein Geweih zu leuchten und zu blitzen.
Nicht lange und auch die anderen Rentiere bemerken es.
Eines Tages, als Tundor zu Alleschja und seinem Sohn geht, läuft ihm Jasper voller Freude entgegen und dabei blinkt und leuchtet sein Geweih in schönstem Rot.
Tundor bleibt stehen und starrt seinen Sohn an.
Alleschja stellt sich neben Jasper und wirft Tundor einen herausfordernden Blick zu.
Dieser sieht sie an. In seinem Blick liegt Entsetzen, Bedauern und Verachtung. Dann wendet er sich um und geht.
Seit diesem Tag meidet er Alleschja und seinen Sohn.
Sobald die anderen Jungtiere mit bekommen, dass Jasper nicht mehr unter Tundors Schutz steht, beginnen sie ihn zu hänseln und zu ärgern.
Jasper wird immer stiller und all seine Fröhlichkeit ist verschwunden.
Er weicht seiner Mutter kaum noch von der Seite und beide halten sich abseits von der Herde.
Inzwischen ist es Herbst geworden.
Jasper liegt neben seiner Mutter im Gras und blickt hinauf zu den Sternen.



Mama, ist es wegen meinem Geweih, dass alle so gemein zu mir sind und selbst Papa mich nicht mehr lieb hat, obwohl ich doch niemand etwas Böses getan habe ?“
Alleschja schließt die Augen, um die Tränen zurück zu halten.
Liebevoll fährt sie mit der Zunge ihrem Sohn über den Kopf.
Ich hab dich doch lieb und dein Geweih ist etwas ganz besonderes. Die anderen sind nur zu dumm ,um das zu erkennen.
Der große Herr der Tiere, der im Himmel wohnt hat sich bestimmt etwas dabei gedacht. Sicher wartet eine große Aufgabe auf dich.“
Jasper lächelt , legt seinen Kopf auf die Beine und schließt zufrieden die Augen.
Alleschja aber sieht voller Sorgen hinauf in den Sternenhimmel
Am nächsten Tag haben die beiden die Herde verlassen.

Nun ziehen Alleschja und ihr Sohn allein über die weiten Flächen von Norwegen.
Wenn sie einer Herde begegnen weichen sie aus, denn sie fürchten Häme und Spott.
Alleschja lehrt ihrem Sohn wie man in der Wildnis überlebt.
Diesmal kommt der Winter sehr früh und mit eisiger Kälte.
Die Nahrungssuche wird immer schwerer und oft denkt Alleschja, ob es nicht doch besser wäre den Schutz bei einer der großen Rentierherden zu suchen.
Doch dann fällt ihr Blick auf ihren Sohn und sie verwirft den Gedanken.
Eines Abends lagern sie in einer Höhle.
Jasper schläft bereits tief und fest, doch Alleschja hebt lauschend den Kopf.
Wölfe!
Sie springt auf beugt sich über ihren Sohn, und streicht mit der Nase zart über seine Wange.
Jasper lächelt im Schlaf und sein Geweih flackert freundlich.
Alleschja geht zum Ausgang, dann dreht sie sich noch einmal Abschied nehmend um und sieht mit traurigen Blick auf den Schlafenden.
Leb `wohl mein Junge, du bist stark und tapfer und wirst nun deinen Weg alleine schaffen.“
Hoch erhobenen Hauptes verlässt sie die schützende Höhle und trabt den Wölfen entgegen.
Als sie ihre Witterung aufnehmen, läuft sie los, um die Wölfe möglichst weit von ihrem Sohn weg zu locken.
Endlich umkreist sie doch das Rudel und als einer der Wölfe ihr mit gefletschten Zähnen an die Kehle springt, stürzt sie mit einem wehen Laut zu Boden.




Jasper in seiner Höhle hebt den Kopf. Obwohl seine Mutter viel zu weit weg ist, als dass er ihren Todesschrei gehört hätte, weiß er doch ,dass etwas Schreckliches geschehen ist und er nun ganz allein weiter wandern muss.
Er springt auf und verlässt die Höhle.
Und während die Tränen in den Schnee fallen wandert er ins Ungewisse.






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