Mittwoch, 12. Dezember 2012

Wie Ingelore Weihnachten fand Fortsetzung 5







Als Ingelore am nächsten Tag in die Villa kommt muss sie ihren Kakao mit Andrea allein trinken.
Etwas sehnsüchtig sieht sie später auf den verwaisten Sessel und das dicke Buch auf dem Tischchen.
Andrea, die den Blick bemerkt hat, lächelt.
Meine Mutter muss heute etwas wichtiges erledigen, aber ich habe eine schöne CD mit Weihnachtsliedern.“
Und bald klingen die herrlichen Töne durch das adventlich geschmückte Zimmer.
Frau Naumann aber steht mit einer großen Tasche in der Hand vor dem ärmlichen Häuschen von Ingelores Oma und klopfte kräftig an die Tür.
Die alte Frau öffnet und sieht sie stumm an.
Willst du mich nicht herein bitten, Marga?“
Diese dreht sich um und geht in Küche.
Frau Naumann folgt ihr schmunzelnd.
Sie zieht ihren eleganten Mantel aus legt ihn auf das Sofa neben dem Ofen und setzt sich an den Tisch.
Marga hat ihr den Rücken zugewendet und hantiert mit etwas herum.
Möchtest du Tee?“
Gerne!“
Bald stehen zwei dampfende Tassen vor ihnen und die alte Frau hat ihr gegenüber Platz genommen.
Nun Marga, morgen ist Nikolaus und ich werde deiner Enkelin ein Paar Winterschuhe schenken, das will ich dir nur sagen, damit du aus deinem dummen Stolz heraus, dem Mädel nicht die Freude verdirbst.“
Marga presst unwillig die Lippen zusammen, doch dann grinst sie.
Christiane versuchst du wieder einmal mit mir dein Pausenbrot zu teilen?“
Die beiden prusten los, wie zwei junge Mädchen und der Bann ist gebrochen.
Und nun geht es ans erzählen, von früher, als sie noch Freundinnen waren.
Weißt du?“ meint Marga versonnen, dass diese vier Jahr mit dir, meine schönsten Jahre waren?“
Christiane erschrickt ein wenig, sie war immer mit Liebe umgeben gewesen, und als sie ins Gymnasium kam hatte sie sofort viele neue Freundinnen gefunden und das kleine Mädchen aus der Dorfschule bald vergessen.
Aus einem Impuls heraus meint sie.
Marga, lass uns unsere Freundschaft wieder erneuern. Wir sind beide nicht mehr jung und diesmal wollen wir keine Minute vergeuden.“
Sie reicht ihr die Hand und nach kurzem zögern schlägt diese ein.
Christiane aber greift in die Tasche und zieht ein Wollknäuel heraus.
Ich möchte dich und Ingelore, die wir sehr ins Herz geschlossen haben für Heilig Abend zu uns einladen. Einen Wintermantel habe ich für deine Enkelin gekauft, er ist rot mit einem weißen Pelzkragen. Da du doch immer so schöne Handarbeiten machen konntest, dachte ich mir, du strickst für das Mädchen einen Schal, eine Mütze und Handschuhe dazu, vielleicht langt die Wolle auch noch für einen Muff.“
Marga nimmt die Wolle und hält sie an ihre Wange.
Schön weich.“ murmelt sie.
Christiane lächelt.
Erinnerst du dich noch, wie du für mich immer die Handarbeiten gemacht hast, wenn ich sie mal wieder total verkorkst hatte?“
Sie lächeln sich an.
Übrigens hat Ingelore deine geschickten Hände geerbt, du sollst sehen welch herrliche Sterne sie gemacht hat für den Weihnachtsbasar. Überhaupt erinnert sie mich oft an dich, sie ist dir sehr ähnlich.“
Marga sieht stumm in ihre Tasse Tee, dann bricht es plötzlich aus ihr heraus.
Ach Christiane, ich habe alles falsch gemacht!
Ich habe Ulli geheiratet weil er so fröhlich war und es ihm gelang mich zum Lachen zu bringen. Du weißt wie streng und ernst mein Vater war und meine Mutter, die sich nie den Mund aufmachen traute.
Doch Ulli war ein Bruder Leichtfuß, dem das Geld nur so zwischen den Fingern verrann und wenn ich ihm Vorhaltungen machte, dann lachte er nur. Dann kam meine Dorle auf die Welt. Sie war ein so schönes Baby und ich liebte sie vom ersten Moment an. Ulli vergötterte seine hübsche Tochter und sie ihn. Er verwöhnte sie wie eine kleine Prinzessin und wenn ich schimpfte, dann war ich immer die böse Mama.
Als Ulli dann verunglückte hat Dorle sich total verändert. Sie redete nicht mehr mit mir und fing an sich mit Jungs herumzutreiben und dann verschwand sie eines Tages bei Nacht und Nebel.
Zehn Jahre später stand sie dann plötzlich mit Ingelore vor meiner Tür. Ich war so verbittert und habe ihr die Tür vor der Nase zugeschlagen. Und kurz darauf war sie tot!“
Plötzlich fängt Marga zu weinen an, immer heftiger strömen die Tränen aus ihren Augen, als hätte sich ein Damm gelöst und die seit vielen Jahren zurückgehaltenen Tränen losgelassen.
Christiane sitzt ganz still da und legt nur ihre Hände über die verarbeiteten alten Hände ihrer Freundin.
Als das Schluchzen langsam weniger wird, reicht sie Marga ein Taschentuch.
Diese trocknet sich die Tränen und schnäuzt kräftig und steckt es in ihre Schürze, dann lächelt sie.
Du bekommst es wieder, wenn ich es gewaschen habe, aber vielleicht behalte ich es auch, denn so ein schönes Taschentuch hatte ich noch nie.“
Christiane aber nimmt ihre Hand und sieht sie eindringlich an.
Marga, wenn wir unsere Kinder zum ersten Mal im Arm halten, dann wissen wir nicht, ob wir immer alles richtig machen und was im Leben auf sie zu kommt und ob wir sie immer vor allem beschützen können. Deine Dorle hat den unruhigen Geist deines Mannes geerbt und sie ist ständig einem Glück nachgejagt, das es gar nicht gibt.
Dort wo sie jetzt ist, hat sie sicher ihren Frieden gefunden.“
Ich weiß nicht, ob es in der Hölle so friedlich ist!“ meint Marga bitter.
Marga, wie kommst du denn auf die dumme Idee, dein fehlgeleitetes Kind wäre in der Hölle!“
Durch Pfarrer Broderick, er war kurz nach Dorles Tod bei uns und wetterte, dass meine Tochter nicht auf seinem Friedhof beerdigt werden würde. Eine so sündhafte Person, die sicher in der Hölle schmort, wäre eine Beleidigung für die vielen aufrechten und ehrlichen Bürger die dort beerdigt wären.“
Christiane schnaubt und flucht:
So ein verdammter Idiot! Ich konnte den Broderick noch nie leiden, ein Glück dass er in Pension ist, dieser aufgeblasene Wichtigtuer!“
Magda sieht sie verwundert an, dann grinst sie.
Christiane hast du soeben deine gute Erziehung vergessen?“
Die beiden prusten los wie zwei Teenager.
Doch dann wird Marga wieder ernst.
Das schlimmste aber war, dass Ingelore auf einmal in der Tür stand und alles mit angehört hat.
Du musst aber nicht glauben,der alte Pfarrer wäre verlegen geworden und hätte freundlich zu dem Kind gesprochen. Nein, jetzt ging er auf Ingelore los, beschimpfte sie als Heidenkind, weil sie nicht getauft war und Kind der Sünde, das einmal neben ihrer Mutter in der Hölle schmoren würde.
Wochenlang hatte die Kleine danach Albträume.“
Christiane schwieg erschüttert.
Wo liegt denn nun dein Dorle?“
Ich habe in der Kreisstadt ein Urnengrab gekauft.“
Christiane nickt ernst und meint dann:
Der neue Pfarrer Gietl ist ein moderner aufgeschlossener Mann, vielleicht kann man mit ihm reden und dein Dorle hierher überführen lassen.“
Margas Augen leuchten auf.
Lange noch reden die beiden Freundinnen miteinander und als Ingelore nach Hause kommt, ist sie ganz erstaunt Frau Naumann bei ihrer Oma zu sehen.
Diese verabschiedet sich und während sie nach Hause geht, denkt sie, wie viel die kleine Ingelore in ihren neun Jahren schon mitmachen musste und trotzdem so ein wunderbares Geschöpf war. So stark wie ihre Oma.

1 Kommentar:

  1. Liebe Lore, ich könnte ein ganzes Buch über Pfarrer schreiben. Ich hab viele kennen gelernt. "Mein" Pfarrer hat einmal ein Kind getauft, dessen Taufe ein anderer Pfarrer abgelehnt hatte.
    Und noch ein anderer hat einmal bei einer Beerdigung gesagt: Der Verstorbene war Alkoholiker und deshalb hat sich seine Familie von ihm zurück gezogen. Da passieren unglaubliche Dinge.
    LG Martina

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