Donnerstag, 18. April 2013

Die Klassenfahrt

He, Elke, was ist drei plus drei?“ ruft Lukas.
Das Mädchen verdreht genervt die Augen.
Sechs mit „ch“. „
Lukas grinst.
Dennis und Paul bombardieren Ricarda, Solveig und Michelle mit Papierkügelchen, die kreischend in Deckung gehen.
Die Tür öffnet sich und eine hübsche, junge Lehrerin betritt das Klassenzimmer.
Sofort eilen die Kinder auf ihre Plätze und sitzen da, als könnten sie kein Wässerchen trüben.
Nur ein einsames Papierkügelchen rollt über den Boden auf das Pult zu.
Hinter Frau Streit schiebt sich ein Mädchen durch die Tür.
Die hellblonden Haare sind zu sauberen Zöpfen geflochten und sie trägt ein blaues Hängekleid, nicht mehr ganz modern, aber sauber und weiße Schuhe, die an manchen Stellen schon abgewetzt sind.
Die Lehrerin nimmt die Kleine an der Hand und zieht sie ins Klassenzimmer.
Kein Angst, Katja.“
Sie wendet sich an die Klasse.
Das ist Katja Bauer und sie ist vor kurzem mit ihren Eltern hierher gezogen. Sie kommt aus Berlin und ich hoffe, ihr helft ihr, dass sie sich
bei uns wohlfühlt.“
Das Mädchen steht nur stumm da und fixiert einen Punkt hinten an der Wand.
Nun Katja, setze dich in die letzte Bank.“
Die Neue nimmt ihren Schulranzen und schlendert durch die Reihen.
Als sie an Mandy vorbei kommt, meint diese spöttisch:
Die hat wohl ihre Kleider auf dem Flohmarkt gekauft.“
Elke, die zur Zeit neben Mandy sitzt, schnaubt empört.
Auch Katja hat die dumme Bemerkung gehört.
Sie presst ärgerlich die Lippen zusammen.
Was wussten die schon!
So lange war ihr Vater schon arbeitslos und je länger er keine Arbeit fand, umso trauriger wurde er.
Auch Mutz, die so gerne lachte und sang, war immer stiller geworden.
Nele, ihre kleine Schwester und sie hatten nicht geklagt, wenn sie in den Ferien nicht ins Schwimmbad konnten, oder ins Kino, oder zum Eisessen.
Nein, sie wollten ihre Eltern nicht noch trauriger machen.
Auch als sie von Berlin wegziehen mussten, weil ihr Vater hier in diesem bayrischen Dorf
eine neue Stelle gefunden hatte, waren sie sofort einverstanden gewesen, obwohl sie alle ihre Freunde zurücklassen mussten.
Und ihre Kleider waren nicht vom Flohmarkt, wohl aber aus der Kleidersammlung.
Das Mädchen seufzt.
Was hatte Mutz gesagt, als sie bemerkte, dass Katja ihre Kleider schrecklich fand.
Nicht die Kleidung macht den Menschen.“
Trotzdem, Katja fühlte sich nicht wohl hier.
Alles war so fremd und sie hatte Angst verletzt zu werden.
Am besten sie sprach mit niemanden.
Die hatten hier sowieso einen komischen Dialekt, den sie kaum verstand.
Elke dreht sich um und schenkt der Neuen ein freundliches Lächeln, doch diese sieht starr nach vorne auf die Tafel, wo Frau Streit gerade die Satzergänzung im dritten Fall erklärt.
Enttäuscht dreht Elke sich um und konzentriert sich nun auch auf die Erklärungen der Lehrerin.
Als der Pausengong ertönt, verlässt Katja als erste das Klassenzimmer.
Auf dem Pausenhof steht sie zusammen mit ihrer Schwester Nele abseits von allen Kindern und und isst einen Apfel.
Elke, die bei Silke, Nadine, Claudia und Melissa stand, sieht zu ihr hinüber und überlegt, ob sie
zu ihr hinüber gehen soll, doch da kommt Luca und schnappt sich Claudias Mütze und wirft sie Daniel zu, der sie an Steffen weitergibt und kreischend laufen die Mädchen ihnen nach.
Nach der letzten Stunde ist es wieder die Neue, die als erste das Klassenzimmer verlässt.
Bald haben sich die Kinder daran gewöhnt, dass die Neue immer als Erste das Klassenzimmer verließ und nicht mit ihnen sprach.
 
Nur Frau Streit macht sich manchmal Gedanken, denn Katja war so verschlossen und sie kam einfach nicht an sie heran.

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