Samstag, 1. Juni 2013

Hieronymus




In Burghausen ist wie jedes Jahr Volksfest.
Der würzige Duft von Brathendl, Steckerlfisch und Bratwürsten liegt über dem Platz und das Geplärr der Schlager vermischt sich mit dem fröhlichen Gekreische der Kinder.
Die Schausteller wetteifern um die Gunst des Publikums.
Zwischen all den Karussells und Schaubuden steht auch Meister Martins Kasperletheater.
Das Kasperle mit dem fröhlichen Gesicht ist sehr beliebt bei den Kindern und wenn es seine fröhlichen Streiche spielt, dann ist die Bude von Groß und Klein belagert.
Gegenüber gibt es noch ein Kasperletheater.
Doch hier sind sehr selten Besucher zu sehen.
Es gehört dem bösen Sandor und dieser ist sehr eifersüchtig auf Meister Martin.
Fridolin, so heißt das Kasperle sitzt auf der Bühne und blickt sehnsüchtig zu der Bude hinüber, von der immer wieder das schallende Lachen der Kinder ertönt, wenn Hieronymus seine lustigen Grimassen
schneidet.
Wie gerne wäre Fridolin jetzt bei Meister Martin und würde mit Hieronymus die Kinder zum Lachen bringen.
Sandor schlurft herein.
Er riecht nach Schnaps und angeekelt wendet sich Fridolin zur Seite.
Ha, du Tropf!“ zischt der Mann und packt das Kasperle grob am Arm.
Schau nur hinüber, wie viele Leute wieder bei Meister Martin sind und wer ist bei uns?
Keiner, weil ich ein Kasperle habe, das nicht einmal Lachen kann!“
Er gibt Fridolin einen kräftigen Stoß und wankt zu seinem Bett.
Fridolin aber senkt traurig den Kopf.
Wie kann ich lachen, wenn ich unglücklich bin, denkt er bitter.

Es ist dunkel.
Die Musik ist verstummt.
Karussell und Buden sind geschlossen und die Schausteller schlafen alle in ihren Wohnwägen.
Zufrieden wandert der gute alte Mond über den nachtschwarzen Himmel.
Plötzlich stutzt er.
Was ist denn da unten los?
Das ist doch dieser unsympathische Sandor, was will der denn noch so spät auf dem Platz.
Leise, immer wieder um sich schauend huscht Sandor zu Meister Martins Wohnwagen, lauscht einen Moment und schleicht weiter zum Theaterwagen, in welchem die Puppen schlafen.
Blitzschnell öffnet er die Tür, schnappt sich das Kasperle, und steckt es in einen schmutzigen Sack und verschwindet damit in seinen Wohnwagen.
Außer dem Mond hat niemand etwas bemerkt und der kann leider nicht helfen.
In seinem Wagen wirft Sandor den Sack auf die Bank und nachdem er die Vorhänge zugezogen hat, zündet er eine Kerze an.
Dann öffnet er den Sack und lässt Hieronymus heraus.
Zitternd steht das Kasperle vor dem Bösewicht, der ihn höhnisch betrachtet.
Jetzt ist dir wohl dein dämliches Lachen vergangen, was, hast Angst vor mir, haha, sollst du auch haben.“
Er gibt ihm einen groben Rempler, dass das Kasperle gegen die Tischkante fällt.
Sandor aber packt es und wirft es in eine Truhe.
Da bleibst du bis ich mir überlegt habe was ich mit dir anfange.“
Lauernd beobachtet er Hieronymus.
Es sei denn du willst in Zukunft für mich spielen.“
Hieronymus aber schüttelt heftig den Kopf und wütend schlägt Sandor die Truhe zu.
Dann angelt er sich die Flasche Schnaps vom Tisch, zieht den Korken mit den Zähnen
heraus und nimmt einen tiefen Schluck.
Mit der Flasche in der Hand taumelt er zum Bett und bald ertönen laute Schnarchgeräusche.
Hieronymus aber kauert angstvoll in der dunklen Kiste.
Es knarrt und das Herz des Kasperles klopft aufgeregt, kommt der Bösewicht zurück?
Ein Lichtschein fällt in die Kiste, als der Deckel angehoben wird und Hieronymus atmet erleichtert auf, als Fridolins Gesicht über dem Kistenrand auftaucht.
Schnell, er schläft, du musst verschwinden!“
Hieronymus klettert flugs aus der Truhe und rennt zur Tür.
Dort dreht er sich noch einmal um.
Komm doch mit, Fridolin, Meister Martin wird dich bestimmt aufnehmen.“
Das würde euch so passen!“
Sandor ist aufgewacht und packt die beiden Kasperle am Kragen.
Er wirft Fridolin in die Truhe.
 „Mit dir befasse ich mich später!“
Hieronymus aber steckt er in den Sack und grollt:
Du willst also nicht für mich spielen, nun dann werde ich dafür sorgen, dass du in Zukunft für niemanden mehr spielen wirst!“

Keine Kommentare:

Kommentar veröffentlichen

Für die lieben Kommentare möchte ich mich bedanken, ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich nicht immer dazu komme, sie zu beantworten.