Sonntag, 5. Mai 2013

Pension Eulenspiegel Fortsetzung 6



Einige Zeit sind sie schon im Wald unterwegs.
Patricks Nase ist rot vor Kälte und Eulenspiegel überläuft von Zeit zu Zeit ein Zittern.
Sie erreichen eine Lichtung von der aus sie den Kirchturm von Neumünster sehen können.
Dorthin müssen sie, wenn sie den Zug erreichen wollen.
Das heißt, von jetzt an müssen sie vorsichtiger sein.
Am Waldrand steht ein Haus, aus dessen Schornstein Rauch kommt und im Garten steht ein großer Schneemann.
Unwillkürlich lenkt Patrick seine Schritte darauf zu und erschrickt, als die Tür sich öffnet und ein Mädchen heraus tritt.
Schnell will er sich in den Wald zurück ziehen, doch das Mädchen läuft auf ihn zu.
Warte, bist du Patrick?“
Der Junge nickt überrascht.
Das Mädchen sieht sich hastig um, dann nimmt sie ihn am Ärmel und flüstert:
Komm schnell, bevor dich jemand sieht.“
Sie zieht ihn zum Haus und Eulenspiegel trottet hinterher.
An dem großen Schneemann vorbei läuft das Mädchen mit ihnen zu einem Schuppen.
Wohlige Wärme umfängt sie.
Der Schuppen ist voller Äpfel, Karotten, Heu, Hafer und Kastanien.
Mein Opa ist Förster und das alles haben die Bauern
gespendet für die Wildfütterung. Bei diesem harten Winter heuer ist es besonders wichtig.“
Sie beginnt dem Esel die Last vom Rücken zu nehmen und reicht dem immer noch verdutzen Jungen ein Tuch.
Hier, reib`ihn trocken, damit er sich nicht erkältet.“
Sie läuft zur Tür und lugt hinaus.
Hoffentlich hat dich niemand gesehen. Ich finde es prima was du getan hast, aber der Bertlbauer hat dich bei der Polizei angezeigt.
Polizist Salvermoser fährt durch die Gegend und sucht dich.“
Patrick wird blass.
Dann wäre ich ihm bestimmt in die Arme gelaufen.
Ich war auf dem Weg nach Neumünster, dort fährt heute Nachmittag ein Viehtransport ab und ich wollte mich in den Zug schmuggeln.“
Die passen jetzt besonders auf, bleib doch erst mal hier.“
Aber was werden deine Eltern sagen?“
Mein Vater ist schon lange tot und meine Mutter arbeitet als Krankenschwester. Sie hat Frühschicht und kommt erst mittags wieder heim.
Bestimmt hat sie nichts dagegen und kann dir vielleicht sogar helfen. Ach ja, ja ich heiße übrigens Ellen. Komm mit ins Haus, ich mache dir einen heißen Tee.“
Eulenspiegel ist gut versorgt und scheint sich hier wohl zu fühlen, so folgt Patrick dem Mädchen ins Haus.
Diese plappert unentwegt und Patrick verdreht genervt die Augen, als er hinter ihr das Haus betritt.
Nachdem er seine Jacke ausgezogen hat, setzt er sich in der Küche auf die Eckbank.
Ellen stellt Teewasser auf, holt Tassen aus dem Schrank und dabei steht ihr Mündchen keinen Moment still.
Sag mal, kannst du nur eine Minute mal die Klappe halten?“
Ellen ist im ersten Moment beleidigt, doch dann lacht sie.
Ich weiß, ich bin schrecklich.
Mein Schwätzen hat mir schon manche Strafarbeit in der Schule eingebracht.
In welche Klasse gehst du?“
Patrick, der gerade noch gegrinst hat wird ernst.
Im Herbst wäre ich in die achte Klasse gekommen, aber ich bin von der sechsten abgegangen, als ich zum Bertlbauern kam. 
Und der hat mir nicht erlaubt in die Schule zu gehen, denn er brauchte mich zum Arbeiten.
Ist das nicht strafbar? Es besteht doch Schulpflicht bis zur neunten Klasse.“
Patrick zuckt die Schulter.
Es kümmert keinen.“
Und dein Vater?“
Ich habe ihm nichts gesagt.
Weißt du meine Mutter ist schon lange tot, dann hat er auch noch seinen Job verloren, weil die Firma pleite machte.
Deshalb hat er sich für zwei Jahre auf einer Bohrinsel in der Nordsee verpflichtet.
Es ist ihm nicht leicht gefallen, mich beim Bertl zurück zu lassen. Sollte ich ihm noch mehr Kummer machen?“
Ellen sieht ihn einen Moment an, dann nickt sie.
Ich hätte es meiner Mutter auch nicht gesagt.“
Sie lächeln sich an.
Das Mädchen blickt auf die Uhr.
Meine Mutter kommt bald. In den Ferien kümmere ich mich um das Mittagessen. Du kannst mir helfen.“
Während Ellen sich um das Fleisch kümmert, schneidet Patrick die Tomaten, den Paprika und die Gurken für den Salat.
Die Haustür öffnet sich und eine fröhliche Stimme ruft:
Hm, das riecht aber lecker!“
Eine hübsche junge Frau betritt die Küche und stutzt
ein wenig, als sie den Jungen sieht.
Wir haben Besuch?“
Das ist Patrick,“ murmelt Ellen und meidet den Blick der Mutter.
Diese runzelt die Stirn.
Der Junge, der von der Polizei wegen Diebstahl gesucht wird?“
Aber er ist kein Dieb, er wollte doch nur seinen Freund vor dem Abdecker retten. Stell dir vor, die wollten aus dem Esel Wurst machen. Du rufst doch nicht die Polizei? Bitte Mama!“
Nun beruhige dich Ellen, wir wollen erst einmal essen.“
Gemeinsam räumen sie nach dem Essen die Küche auf, dann möchte Frau Wildmooser sich etwas hinlegen, da sie sehr früh im Krankenhaus mit der Schicht begonnen hat.
Wie wäre es, wenn ihr im Wald mit der Wildfütterung beginnen würdet? Der Opa freut sich bestimmt,“ meint sie, „ und später überlegen wir uns, wie wir Patrick und seinem Esel helfen können.“
Die Kinder laufen hinaus.
Unterwegs zum Schuppen bewerfen sie sich kichernd mit Schneebällen und stürmen lachend und voller Schnee in den Schuppen.


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