Mittwoch, 12. Juni 2013

Kleiner Engel (Erinnerungsgeschichte)




Regenfälle können ein kleines Rinnsal in einen reißenden Fluss verwandeln.
Als meine Tochter noch klein war, zogen wir in ein Dorf, durch das ein kleines Bächlein floss, gerade so tief, dass es den Kindern bis an die Knöchel reichte, wenn die darin plantschten.
Zwei Jahre später sollte dieses harmlose Gewässer zu einem der schlimmsten Erlebnisse meiner Tochter führen.
Im Kindergarten hatte sie ein Mädchen kennengelernt und die beiden wurden sofort ein Herz und eine Seele.
Ich nannte sie spaßeshalber die siamesischen Zwillinge, denn wenn die eine einen Satz anfing, sprach ihn die andere schon zu Ende.
Jeden Tag steckten sie zusammen und durch die Kinder freundeten auch wir Eltern uns an.
So ging das zwei Jahre.
Claudia wurde eingeschult und Christina, die erst ein Jahr später in die Schule kommen sollte, war immer ungeduldig, weil Claudia nun erst die Hausaufgabe machen musste, bevor sie zum Spielen kam.
Trotzdem freute sich die Kleine auf die Schule, doch dazu sollte es niemals kommen.
Es war der Unsinnige Donnerstag und wir waren zum Kaffee eingeladen bei Christinas Eltern.
Vorher wollten wir noch schnell in dem nächsten Ort ein Kostüm für unser Mädchen kaufen, da sie am nächsten Morgen kostümiert in die Schule gehen sollte.
Als wir in die Straße, die zu dem Dorf führte
einbogen, sahen wir in dem Bächlein, das durch die vorhergehenden Regenfälle mächtig angeschwollen war, einige Männer mit langen Stangen.
Mein Mann meinte noch: “Da wird doch niemand ertrunken sein?“
Und ich lachte, denn das konnte ich mir bei dem kleinen Bach nicht vorstellen.
Als wir aber vor das Haus unserer Freunde fuhren, standen dort Polizei und Sanka.
Und nun erfuhren wir das Schreckliche!
Während meine Freundin den Kaffeetisch deckte, wollte die Kleine den mächtig angeschwollenen Bach ansehen und ihr Vater ging mit ihr hinüber.
Auf der Böschung, die zu dem Bach hinunterführt
blieben sie stehen.
Doch durch die schweren Regenfälle war die Erde aufgeweicht und hatte die Böschung unterspült.
Plötzlich tat sich die Erde auf und in einem unheimlichen Sog wurden die Beiden mitgerissen.
Der Vater konnte sich wenig später befreien, doch die kleine Christina wurde erst am Sonntag viele Kilometer weit im Wasser treibend von Spaziergängern gefunden.
Ich habe mich noch nie so hilflos gefühlt wie in diesen Tagen.
Nicht nur, dass meine eigene Trauer groß war, nein wie sollte ich meinem Kind beistehen und auch meiner Freundin.
Kinder haben wohl eine besondere Art mit Trauer umzugehen, denn am nächsten Morgen erzählt mir meine Tochter, dass Christina sie heute Nacht besucht hat.
Sie hätte ein weißes Kleid getragen und sie wären zusammen in ihrem Zimmer auf dem Boden gesessen und hätten miteinander gespielt.

Bei der Beerdigung durfte meine Tochter das kleine Kreuz voran tragen und sie hielt sich sehr tapfer.
Doch als der kleine weiße Sarg in die Erde gesenkt wurde, brach sie laut schluchzend zusammen.
Noch heute erzählen die Leute im Dorf, dass sie noch nie ein Kind so weinen gesehen hätten.

Eine Mutter sollte niemals erleben müssen, dass ihr Kind vor ihr geht, aber das liegt wohl nicht in unserer Hand.
Manchmal hadert man mit dem Schicksal und doch liegt vielleicht ein Sinn darin.
Als der kleine Junge meiner Tante starb, war sie untröstlich.
Jahre später, als dann der Krieg ausbrach, da sagte sie:
Ich danke Gott, dass er meinen Jungen so früh zu sich geholt hat.“





Kommentare:

  1. Liebe Lore,

    das ist eine sehr traurige Erinnerung! Ich glaube, dass es das Schlimmste ist, ein Kind zu verlieren und ich bin dankbar, dass ich meine Kinder habe. Aber auch für Claudia wird das furchtbar gewesen sein. Sicher wird Christina nie vergessen werden.
    Herzliche Grüße
    Regina

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  2. Liebe Lore, deine Geschichten enden doch immer mit einem 'Happy End', doch es sind Phantasiegeschichten und es liegt in deiner Hand, welches Ende sie nehmen. Diese wahre Geschichte ist sehr, sehr traurig und unbegreiflich und doch wird ein Sinn darin liegen.
    Meine Schwägerin hat auch ihre Freundin verloren - durch einen tragischen Verkehrsunfall - und hat mir einmal erzählt, dass sie in dem Moment entschieden hat, später einmal keine Kinder haben zu wollen, weil es so furchtbar schmerzhaft ist, einen Menschen zu verlieren, den man so sehr liebt.
    Herzliche Grüße Martina

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  3. Liebe Lore,
    eine anrührende, traurige Geschichte. Man kann dem Schicksal
    nicht vorgreifen. Es ist Bestimmung. Da hilft auch kein "wenn"
    oder "aber". Aber als Kind steckt man ein solches Erlebnis auch
    nicht so ohne weiteres weg.
    Eine schönen Abend wünscht dir
    Irmi

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  4. Liebe Lore,
    ich habe gerade diese so schreckliche Begebenheit aus Deinem Leben gelesen. Das hat mich jetzt doch wirklich geschockt. Ich bin total traurig, denn es ist immer schlimm, wenn ein Mensch von uns geht und wenn es dann auch noch ein Kind ist ...
    Ich denke ihr werdet diesen Tag niemals vergessen und den kleinen Engel stets in eurem Herzen tragen.
    Ganz liebe Grüße
    Astrid

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Für die lieben Kommentare möchte ich mich bedanken, ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich nicht immer dazu komme, sie zu beantworten.