Samstag, 16. November 2013

Wie Ingelore Weihnachten fand

Vorwort zur Ingelore


Als ich letztes Jahr nach einer Idee für eine Weihnachtsgeschichte suchte, meinte meine Freundin Inge, ich sollte doch über ihre Lehrerin Fräulein Naumann schreiben, denn diese hätte ihr erst Weihnachten nahe gebracht, hätte sie in der Adventszeit zu sich eingeladen zum Basteln und Kakao und Plätzchen.
Da ich ein wenig von Inges Geschichte kannte, habe ich einiges hier auch verwendet.
Inge wurde als Baby von ihrer Mutter bei deren Cousine „vergessen“, denn sie wollte mit ihrem derzeitigen Freund nach Amerika auswandern.
Die Cousine bei der Inge nun aufwuchs war gut zu ihr, aber sie gehörte den Zeugen Jehovas an und die feiern ja weder Geburtstag noch Weihnachten.
Inge ist dann am Heiligen Abend durch das Dorf gegangen und hat sehnsüchtig durch die Fenster in die geschmückten Zimmer gesehen.
Bis dann Fräulein Naumann in ihr Leben trat.
Das Hexenhäuschen, das diese ihr zu Weihnachten schenkte, hat Inge heute nach fast 60 Jahren immer noch.
Sie ist inzwischen mit einem wunderbaren Mann verheiratet und wird von ihren vier Söhnen, sowie Enkeln und Urenkelin vergöttert.
Auch ist Inge eine richtige „Weihnachtsfrau“.
Bei ihr beginnt Weihnachten am Buß- und Bettag
und endet im Februar.
Da Inge mir die Idee lieferte, überließ ich es ihr den Namen der Heldin auszusuchen und sie meinte was würde besser als Inge + Lore passen.





Wie Ingelore Weihnachten fand




Es ist eine kalte Septembernacht.
Die Sterne funkeln und der Mond scheint auf die kleine Hütte am Rande des Dorfes.
Oben am Dachfenster steht ein kleines Mädchen und schaut in den sternenklaren Himmel.
Es ist die neunjährige Ingelore.
Wegen der Kälte hat sie sich eine Decke um die Schultern gelegt und hält sie zitternd vorne zusammen.
Traurig denkt sie, ob ihre Mutter wohl im Himmel war?
Pfarrer Broderich hatte gesagt: „Sünder kamen nicht in den Himmel!“
Und ihre Mutter war ja wohl eine Sünderin.
Flittchen, Hure!“ hatten die Leute im Dorf sie bezeichnet und dass sie, Ingelore ein Bastard sei, weil niemand wusste, wer ihr Vater war.
Vor vier Jahren hatte ihre Mutter sie zur Oma gebracht und war wenig später mit Lutz ihrem damaligen Freund tödlich verunglückt.
Ingelore konnte sich noch genau daran erinnern.
Fünf Jahre alt war sie gewesen, als sie eines Nachts erwachte und ihre Mutter nebenan weinen hörte.
Das kann ich nicht, sie ist doch mein Kind!“
Nun, überlege es dir, sie oder ich, ich habe keine Lust das Gör nach Amerika mit zu nehmen“
die Stimme von Lutz klang unerbittlich.
Aber wohin soll ich sie denn bringen,“ rief ihre Mutter schluchzend.
Gib sie meinetwegen in ein Heim, oder vergiss sie einfach im Supermarkt!“
Ingelore hätte sich am liebsten die Ohren zugehalten.
Wie sehr sie den Freund ihrer Mutter doch hasste.
Eine Weile war es still im Nebenzimmer, dann hörte sie Mama mit stockender Stimme sagen:
Meine Mutter lebt in einem Dorf bei Heidelberg, vielleicht kann ich sie zu ihr bringen?“
Gut, morgen fahren wir hin, je eher wir das Gör los sind, umso besser. Aber nun komm, sei lieb zu mir, gib mir einen Kuss!“
Ingelore aber vergrub ihr Gesicht im Kissen, damit niemand ihr Schluchzen hörte.
Sie zitterte am ganzen Körper vor Angst und fühlte sich so allein und einsam.
Wenn es auch nicht immer schön war bei Mama, besonders wenn sie mal wieder einen neuen Freund hatte, so war das doch ihr zuhause, in dem sie sich geborgen fühlte.
Und nun sollte sie weg, für immer, zu einer Oma, von der sie bisher noch nie gehört hatte.
Irgendwann war das Mädchen dann eingeschlafen.
Ihre Mutter hatte rotgeweinte Augen, als sie am nächsten Morgen in ihr Zimmer kam und während sie ihren Koffer packte, erzählte sie etwas hektisch von der Oma, zu der Ingelore für einige Zeit gehen sollte.
Ingelore ließ alles schweigend über sich ergehen. Seit Lutz bei ihnen wohnte schwieg sie sowieso meistens, denn Lutz konnte sehr böse werden, wenn ihm etwas nicht passte.
Still saß sie auch auf dem Rücksitz des Autos und blickte durch das Seitenfenster auf die vorbei fliegende Landschaft.
Sie fuhren durch ein Dorf und hielten vor einem kleinen Häuschen.
Beeil dich,“ rief Lutz ihnen nach, als sie das Gartentor öffneten und den Kiesweg entlang auf das Haus zugingen.
Rechts war eine Ziege an einen Pfahl angebunden und meckerte sie an.
Einige Hühner flohen flügelschlagend vor ihnen und eine getigerte Katze saß auf der Fensterbank und blickte ihnen gelangweilt entgegen.
Mama klopfte an die Tür.
Schlurfende Schritte waren zu hören und die Tür öffnete sich einen Spalt.
Hallo Mama.“
Mit zusammengekniffenen Augen betrachtete die alte Frau ihre Tochter.
Lange nicht gesehen, was willst du?“
Ich wollte dir deine Enkelin Ingelore vorstellen:“
Die Alte warf einen kurzen Blick auf das Kind und bellte unfreundlich.
Nun, ich habe sie gesehen, du kannst wieder gehen.“
Die Tür fiel ins Schloss.
Die Mama führte Ingelore auf die Bank neben der Tür, stellte den Koffer daneben und sagte:
Warte hier bis die Oma wieder heraus kommt, sie wird sich um dich kümmern. Leb` wohl!“
Sie umarmte sie flüchtig und lief davon.
Der Motor heulte auf und das Auto fuhr weg.
Still saß Ingelore, mit brav gefalteten Händen auf der Bank.
Stundenlang.
Eine getigerte Katze setzte sich neben sie, als wollte sie sie beschützen.
Als es dämmerte kam die alte Frau aus dem Haus einen Blecheimer in der Hand.
Sie stutzte, als sie das Kind sah, sah sich kopfschüttelnd um, murmelte etwas vor sich hin und raunzte, „komm rein!“
Das war vor vier Jahren und seitdem ist Ingelore nun bei ihrer Oma.
Miauuuu“, Minka, die getigerte Katze balanciert geschmeidig über die Dachtraufe und springt dann neben ihr ins Zimmer.
Sie streckt sich, macht einen Buckel und streicht schmeichelnd um die Beine des Mädchens.
Als sich dieses bückt und sie streichelt, schnurrt sie laut.
Minka hat sie als einzige willkommen geheißen und ihr Freundschaft geschenkt und seitdem fühlt Ingelore sich nicht mehr so allein.
Bald liegen die beiden eng aneinander geschmiegt im Bett und schlafen tief und fest.

Kommentare:

  1. Liebe Lore,
    eine anrührende Geschichte, sie geht zu Herzen.
    Ein schönes Wochenende wünscht dir
    Irmi

    AntwortenLöschen
  2. Hallo Lore!
    Kann es sein das ich die Geschichte letztes Jahr bei Dir schon gelesen habe? Finde sie trotzdem sehr schön. Ich melde mich nächste Woche mal. Gruß Uschi.

    AntwortenLöschen

Für die lieben Kommentare möchte ich mich bedanken, ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich nicht immer dazu komme, sie zu beantworten.