Sonntag, 17. November 2013

Wie Ingelore Weihnachten fand Fortsetzung 1





Am nächsten Morgen, nachdem Ingelore sich im Waschhaus mit dem eiskalten Wasser gewaschen hat, eilt sie in die Küche und kniet sich vor den Ofen, um Feuer zu machen, wie es ihre Aufgabe ist.
Ihre Oma kommt mit einem Eimer Milch aus dem Ziegenstall und gießt einen Teil davon in den Topf und schiebt ihn auf den Ofen.
Ingelore hat inzwischen zwei Scheiben Brot von dem großen Laib geschnitten und zusammen mit Butter und Marmelade auf den Tisch gelegt.
Frau Benken schüttet die heiße Milch in zwei dicke Tassen und stellt eine davon vor ihre Enkelin.
Die erste Zeit hat Ingelore sich vor der Ziegenmilch geekelt, aber mittlerweile hat sie sich an den seltsamen Geschmack gewöhnt.
Das Frühstück wird wie immer schweigend eingenommen.
Ingelore stört es nicht, so kann sie ihren Gedanken nachhängen.
Heute war der erste Schultag nach den großen Ferien und sie würden eine neue Lehrerin bekommen. Die Tochter vom Apotheker Naumann, der letztes Jahr gestorben war.
Deshalb hatte seine Tochter die Lehrerstelle hier in ihrem Heimatdorf angenommen, um bei ihrer Mutter zu sein.
Wie sie wohl war die neue Lehrerin?
Ingelore war froh, dass Fräulein Hartleitner in Pension gegangen war,denn diese hatte sie immer härter behandelt als die anderen Kinder und war oft ungerecht zu ihr gewesen und mehr als einmal hatte sie Ingelore vor der ganzen Klasse lächerlich gemacht.
Fräulein Naumann erwies sich als sehr freundlich und gerecht.
Zum ersten Mal fühlt Ingelore sich nicht vom Unterricht ausgeschlossen, auch war der Unterricht nicht so langweilig wie bei Fräulein Hartleitner und Ingelore macht es richtig Spaß.
Fräulein Naumann duldet auch nicht, dass die anderen Kinder sie verspotten oder ärgern.
Und als der dicke Karl, der Sohn des Bürgermeisters einmal den langen Zopf von Ingelore in das Tintenfass steckt und ihre Kleider danach voller Tinte sind, wird Fräulein Naumann sehr böse.
Karl muss nachsitzen, bekommt eine saftige Strafarbeit und einen Brief nach Hause.
Der Bürgermeister hat sich persönlich bei Ingelore und ihrer Oma entschuldigt und sein Sohn muss die Reinigung von seinem Taschengeld bezahlen.
Seitdem wagt keiner mehr Ingelore zu ärgern und diese verehrt ihre Lehrerin seit diesem Tag.
Zum ersten Mal in ihrem Leben ist jemand für sie eingetreten.
Der Sohn des Bürgermeisters war ja immer der erklärte Liebling von Fräulein Hartleitner gewesen und wenn er Ingelore etwas antat, dann wurde immer diese bestraft und nicht der Übeltäter.
Das Mädchen merkt, wie gern sie plötzlich in die Schule geht und wie viel Spaß das Lernen macht. Und ihre Noten verbessern sich rapide.
Am Erntedankfest darf sie beim Binden der Garben helfen und Fräulein Nauman bemerkt, was für geschickte Hände das Mädchen zum Basteln hat und wie kreativ sie doch war.
Auch den anderen Mädchen fällt es auf und wenn sie nicht weiter wissen, dann kommen sie zu Ingelore und diese hilft ihnen gerne.
Und so wird das Mädchen stillschweigend in die Klassengemeinschaft aufgenommen.

Mittlerweile ist es schon November und Andrea Naumann sitzt mit ihrer Mutter im Salon bei einer Tasse Tee.
Weißt du Mama, diese Ingelore ist schon ein besonderes Mädchen, klug, sehr begabt, kreativ, aber auch sehr verschlossen.“
Frau Naumann sieht sie aus ihren gütigen Augen an.
Sie hat es nicht leicht die Kleine.
Ihre Mutter hat sie bei der Oma abgeliefert wie ein Paket und die alte Benzen, nun sie ist nicht gerade ein fröhlicher Mensch.“
Andrea nickt.
Weißt du, was mir Fräulein Hartleitner erzählt hat?
Letztes Jahr ließ sie die Kinder einen Aufsatz schreiben, über ihre Erlebnisse an Weihnachten. Und Ingelore hat ein weißes Blatt abgeliefert.
Sie bekam eine Sechs!“
Ihre Mutter nimmt einen vorsichtigen Schluck von dem heißen Tee und sieht versonnen aus dem Fenster.
Ich bin mit Marga,der Großmutter von Ingelore in die Schule gegangen.
Sie hatte keine schöne Kindheit.
Ihr Vater war ein strenger verschlossener Mann und ihre Mutter eine verhärmte verschüchterte Frau.
Sie haben nie Weihnachten gefeiert.
Ich kann mir vorstellen, dass Marga auch heute noch kein Weihnachten feiert.
Wie soll das Kind also über etwas schreiben, das sie gar nicht kennt.
Letztes Jahr hat man sie gesehen, wie sie am heiligen Abend durch das Dorf stromerte und in die hell erleuchteten Fenster sah.
Manche haben sich erschreckt, als sie plötzlich ein Gesicht auftauchen sahen, doch als sie vor die Tür gingen, war sie wie der Blitz verschwunden.“
Andrea schüttelt traurig den Kopf, doch dann erhellt sich ihr Gesicht.
Mama, wie wäre es, wenn wir ihr dieses Jahr ein unvergessliches Weihnachten bereiten würden?“
Gute Idee! Aber nun möchte ich mich etwas hinlegen, meine Knochen schmerzen heute besonders arg“
Frau Naumann blickt aus dem Fenster.
Morgen wird es schneien, ich spür`s in den Knochen!“ lacht sie.
Andrea hilft ihr aus dem Sessel und umarmt sie.
Kleiner Wetterprophet!“
Dann flüstert sie.
Danke, dass du und Papa mir so eine schöne Kindheit gegeben und mir so viel Liebe geschenkt habt.“
Die beiden Frauen sehen sich lächelnd an.
Am nächsten Tag liegt wirklich eine dicke Schneedecke über dem Land.
Ingelore schippt den Weg zum Gartentor frei, bevor sie frühstückt.
Dann schnappt sie sich ihre Schultasche und macht sich auf den Weg.

Dann wünsche ich euch mal einen schönen Sonntag.
Einige werde die Geschichte vom letzten Jahr noch kennen,aber es sind auch viele neue Leser hier,deshalb habe ich gedacht ich setzt sie nochmal hier ein, denn sie gehört zu meinen Lieblingsgeschichten und man kann sie immer mal wieder lesen. 


Kommentare:

  1. Guten Morgen liebe Lore
    Die Geschichte ist ergreifend, wie vielen Kindern mag es so ergangen sein. Eine Auswirkung des Krieges. Außerdem finde ich es Frevelhaft wenn die Mutter ihr Kind verstößt. Mein Vater ist auch von e

    der Mutter verstoßen worden und bei fremden Leuten aufgewachsen, die ich meine Großeltern nannte und ich dadurch eine gute Kindheit hatte.
    Danke für die schöne Geschichte und freue mich auf die Fortsetzung.
    Lieben Gruß Joachim

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  2. Eine wunderschöne Geschichte, Lore.
    Gut, dass du sie noch einmal eingesetzt hast.
    Darf ich sie mitnehmen - und natürlich unter
    Nennung deines Namens - meinen Kindern vorlesen?
    Das würde ihnen vor Augen führen, dass es ihnen doch
    gut geht.
    Einen guten Start in die neue Woche wünscht dir
    Irmi

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Für die lieben Kommentare möchte ich mich bedanken, ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich nicht immer dazu komme, sie zu beantworten.