Mittwoch, 20. November 2013

Wie Ingelore Weihnachten fand Ende

Am nächsten Tag waren wieder beide Damen da, als Ingelore kam.
Die Oma hatte ihr gestern nur erzählt, dass sie mit Frau Naumann einst in die Dorfschule gegangen ist, bis diese dann ins Gymnasium kam.
Ingelore formt gerade einen Esel, als es heftig an der Tür pocht, Ketten rasseln und donnernd schlägt etwas blechernes zusammen.
Das Mädchen zuckt zusammen und blickt erschrocken zur Tür.
Was ist denn da draußen los?“
Frau Naumann tauscht mit ihrer Tochter einen amüsierten Blick.
Gretchen hat es wohl zu sehr übertrieben.
Schmunzelnd meint Andrea.
Nun Ingelore heute hat doch der St. Nikolaus Geburtstag.
Vielleicht will er dir einen Besuch abstatten.“
Ingelore lacht.
Der Nikolaus ist doch eine Legende und außerdem klang das so,als würden die Köchin und Gretchen einige Töpfe zusammen schlagen.“
Andrea beißt sich auf die Lippen, um nicht laut loszulachen.
Das Kind war einfach zu schlau.
Weißt du was, wir sehen einfach mal nach.
Sie nimmt Ingelore an der Hand und öffnet die Tür.
Es ist niemand im Flur zu sehen.
Gretchen und die Köchin haben sich versteckt und beobachten leise kichernd was jetzt geschah.
Ingelore sucht mit den Augen den Flur ab dann fällt ihr Blick auf ein Paar wunderschöne Stiefel.
Sie lässt vor Freude einen Quietscher los und bückt sich.
Mit den Stiefeln unter dem Arm und einer Tasche aus Leinen in der anderen Hand kommt sie ins Zimmer zurück.
Sie stellt die Tasche vorsichtig auf den Tisch und setzt sich auf den Boden, um in die Stiefel zu schlüpfen.
Dann stolziert sie durch die Stube.
Frau Nauman beobachtet sie schmunzelnd.
Und passen sie?“
Das Mädchen nickt begeistert, dann fällt sie abwechselnd Mutter und Tochter Naumann um den Hals.
Danke, danke!“ stammelt sie.
Andrea lächelt. „Hast du denn schon in die Tasche geguckt.“
Ingelore schüttelt den Kopf und eilt zum Tisch. Vorsichtig zieht sie ein Hexenhäuschen aus dem Beutel und betrachtet es entzückt.
Die Hexe stand vor dem Häuschen mit Hänsel und Gretel, auf dem Dach krümmte eine schwarze Katze ihren Rücken und die freien Fläche um die Figuren und zwischen den zwei kleinen Tannenbäumen waren mit Süßigkeiten gefüllt.
Dieses Hexenhäuschen bekam ich als Kind und nun bekommst du es von mir.“ sagt Andrea leise.
Ingelore streicht vorsichtig über die Porzellanfiguren und denkt träumerisch, wie schön es doch wäre, wenn Fräulein Naumann ihre Mutter sein könnte.
Abends als sie der Oma ihre Schätze zeigt, tat diese etwas, was sie bisher noch nie getan hatte.
Sie streicht ihr über den Kopf und gibt ihr einen Kuss auf die Stirn.
An diesem Abend hat Ingelore der Katze Minka viel zu erzählen, als sie zusammen im Bett kuscheln
Wunderschön sind die kleinen Gebilde geworden unter Ingelores geschickten Händen.
Auch Andrea staunt was ihr kleiner Schützling für hübsche Figuren und Tiere schuf.
Keine Krippe gleicht der anderen.
Jede weist eine kleine Besonderheit auf.
Morgen ist der vierte Advent und wir werden unsere Basteleien auf dem Kirchenbasar verkaufen.
Ingelore ist etwas enttäuscht.
War jetzt die schöne Zeit in der Villa Naumann vorbei?
Als hätte Andrea ihre Gedanken erahnt, meint sie lächelnd.
Kannst du morgen früh um sieben Uhr zu uns kommen, dann frühstücken wir gemeinsam und anschließend bauen wir vor der Kirche unsere Basteleien auf.
Der Verkauf beginnt nach der zehn Uhr Messe, so ungefähr um elf.“
Ach ja, und bring die Oma mit, die kann mir dann Gesellschaft leisten.“ lacht Frau Naumann.
Eine sehr glückliche Ingelore geht heute nach Haus.
Pünktlich um sieben Uhr stehen Marga und ihre Enkelin vor der Villa Naumann.
Beide haben sich fein gemacht.
Ingelore staunt über ihre Oma, die so anders auf einmal ist.
Sie lacht und scherzt mit Frau Naumann. Verschwunden ist der strenge mürrische Blick und sie sieht auf einmal jünger und schöner aus.
Der Basar wird ein voller Erfolg.
Die Leute scharren sich um ihren Tisch und viele bewundernde Laute ertönen, als sie die hübschen kleinen Krippen und die herrlichen Sterne sehen.
Es sind viele Menschen auch aus den Nachbardörfern da und der Stand ist schon halb leer, als Ingelore ihre Oma und Frau Naumann, die Arm in Arm über den Platz schlendern, bemerkt.
Staunend betrachtet Marga die kleinen Krippen.
Sie hebt eines der zarten Gebilde hoch und ruft überrascht, „aber da ist ja unsere Minka!“
Ingelore lächelt und freut sich, dass die Oma dies gleich erkannt hat.
Marga stellt die Krippe vorsichtig auf den Tisch und sieht ihre Enkelin stolz und voller Bewunderung an.
Das hast du wunderschön gemacht. Du bist eine richtige Künstlerin.“
Ingelore läuft um den Tisch herum und fällt ihrer Oma um den Hals.
Nach kurzem Zögern drückt diese sie fest an sich.
Hallo, wird man hier nicht bedient!“ ruft ein älterer Mann etwas ungeduldig.
Sofort!“
Marga und Christiane sehen noch eine Weile amüsiert zu, wie Ingelore mit dem Mann um den Preis feilscht, dann schlendern sie weiter, um auch die andern Tische zu betrachten.
Ingelore aber legt die Krippe, auf der Minka zu sehen ist, beiseite.
Die sollte die Oma zu Weihnachten bekommen.
Andrea hatte ein längeres Gespräch mit Pfarrer Gietl und kommt nun wieder aus der Kirche.
Um ein Uhr war der Tisch leer.
Alles war verkauft und sie hatten beträchtliche Einnahmen, die für einen guten Zweck bestimmt waren.
Andrea zählt das Geld und liefert es beim Pfarrer ab, dieser kommt heraus und reicht Ingelore die Hand.
Das hast du wirklich gut gemacht. Ich danke dir.“
Das Mädchen errötet vor Freude und macht einen
Knicks.
Fräulein Naumann hatte recht, der neue Pfarrer war nicht wie Pfarrer Broderich.
In der Villa Naumann führt Andrea das Mädchen ins Arbeitszimmer.
Hier, ich habe noch weihnachtliches Geschenkpapier, damit kannst du die Krippe für deine Oma einpacken.“
Sie hilft ihr dabei und mit den Sternen, die Ingelore auch zurückbehalten hat, wird das Päckchen geschmückt.
Wie zwei Verschwörer betrachten sie ihr Werk.
Du kannst es ja gleich hier lassen, da ihr sowieso den Heiligen Abend bei uns verbringt.“
Dann gehen sie ins Esszimmer, wo Gretchen bereits aufträgt.
Die Vier feiern einen wunderschönen Advent zusammen und als Ingelore glücklich in ihrem Bett liegt, erzählt sie Minka, die geduldig mit geschlossenen Augen zuhört, von ihrem Glück.
Am Mittwoch war Hl. Abend.
Wie staunt Ingelore als sie im Wohnzimmer den großen bis zur Decke reichenden Christbaum sieht.
Andrea setzt sich ans Klavier und sie singen Weihnachtslieder und in Ingelores Magen kribbelt es ganz komisch vor Freude und Glück.
Nun darf das Mädchen als erstes ihre Geschenke auspacken und die drei Erwachsenen beobachten sie gespannt.
Jubelnd hält Ingelore den roten Wintermantel an sich und jubelt weiter,als sie die dazu passende Mütze, Schal, Handschuhe und noch einen hübschen kleinen Muff auspackt.
Nun liegt noch ein schweres dickes Paket auf dem Tischchen und als sie das schöne bunte Papier entfernt, kommt ein Geschichtenbuch zum
Vorschein.
Das glückliche Mädchen fällt den Dreien abwechselnd um den Hals.
Nun ist Marga dran.
Mutter und Tochter Naumann habe sich gegenseitig nichts geschenkt und auch ihre Gäste gebeten, es nicht zu tun.
Zuerst öffnet sie das Geschenk von Ingelore und ist gerührt, als sie die Krippe sieht, die ihr so besonders gut gefallen hat.
Sie nimmt das Mädchen am Kopf und gibt ihr einen liebevollen Kuss.
In dem anderen Paket befindet sich ein Wintermantel und die dazu passende Pelzmütze.
Sie ist ganz stumm vor Freude und hält sich die Mütze an ihre Wange.
Tränen schimmern in ihren Augen und rinnen die Wangen runter, als sie dann den großen Umschlag aufmacht,auf dem ihr Name seht und die beiden Schreiben liest.
Sie umarmt ihre Freundin Christiane.
Das eine war eine Urkunde über eine Grabstätte hier im Ort und das andere eine Bestätigung,
dass am 8. Januar um 10.15 Uhr die Urne der
Dorle Benken von der Kreisstadt P in den Ort S überführt wird.
Marga muss sich setzen und Ingelore sitzt neben ihr und legt ihren Kopf an ihre Schulter.
Die Damen Naumann betrachten die Beiden gerührt.
Vergnügt wird später gefeiert bei, Ingelore zuliebe, Kinderpunsch und Plätzchen.
In der Christmette sitzt Ingelore dann zwischen ihrer Oma und den Damen Naumann.
Nun weiß sie,was das Fest Weihnachten bedeutet.
Es hat mit Liebe zu tun, mit viel Liebe, die man geschenkt bekommt und weiter verschenkt.
Ihr Blick streift Andrea, die sie heute gefragt
hat, ob sie sich im Januar taufen lassen will.
Und Andrea wird ihre Taufpatin.
Ingelore lächelt.
Eine Taufpatin war ja auch so etwas ähnliches wie eine Mutter.
Und als sie alle aufstanden und das herrliche Lied:
Stille Nacht, Heilige Nacht... sangen, da sieht Ingelore nach vorne zu dem Jesuskind in der Krippe und ihr Lippen formen: „Danke!“




Kommentare:

  1. Guten Morgen liebe Lore
    Ein Schicksal wie es vielleicht vielen ergangen ist, hier kann ich nichts weiter sagen als nur ein ganz großes
    D A N K E
    Lieben Gruß Joachim

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  2. Ich mag diese Geschichte so sehr - auch, weil sie einen wahren Kern und Hintergrund hat. Du hast uns damit auf das bevorstehende Fest eingestimmt. Dankeschön!
    Martina

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  3. Liebe Lore,
    eine wirklich anrührende Geschichte.
    Ich werde sie noch einmal lesen.
    Einen schönen Mittwoch wünscht Dir
    Irmi

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Für die lieben Kommentare möchte ich mich bedanken, ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich nicht immer dazu komme, sie zu beantworten.