Mittwoch, 5. Februar 2014

Das Findelkind


Es ist ein herrlicher Sommertag.
Von dem wolkenlosen blauen Himmel strahlt die Sonne und beleuchtet das Dörfchen R., das eingebettet zwischen den Alpen auf der italienischen Seite liegt.
Auf den Feldern leuchtet der gelbe Raps und in die Kornfelder werfen Mohn- und Kornblumen rote und blaue Farbtupfer in das goldgelbe Getreide.
Inmitten der Wiesen, auf denen in verschwenderischer bunter Pracht die Blumen blühen, stehen träge wiederkäuende Kühe und genießen die Wärme der Sonnenstrahlen.
In dem angrenzenden Wald tummeln sich Hasen, Rehe und Hirsche.
Ein Eichkätzchen fliegt von Baum zu Baum, wobei es mit seinem Schwanz das Gleichgewicht hält.
Ein Buntspecht klettert geschickt den Baum auf und ab, dabei klopft er mit dem Schnabel gegen die Baumrinde und pickt die Insekten und Larven darunter auf.
In den dichten Blättern einer Buche tummeln sich einige Elfen.
Kichernd sitzen sie auf den Ästen und lassen die Beine baumeln.
Eine Autotür schlägt zu und der Wald verstummt.
Der Specht unterbricht sein Klopfen, verharrt einen Moment lauschend, dann schlüpft er in seinen Bau.
Hasen und Rehe verschwinden und nur das Rascheln im Unterholz ist zu hören, als sie eilig das Weite suchen.
Die Elfen fliegen in den Gipfel des Baumes und lugen vorsichtig durch das Geäst.
Schritte sind zu hören, langsam und müde.
Eine junge Frau taucht zwischen den Bäumen auf mit einem Bündel im Arm.
Vorsichtig legt sie es unter der Buche ab und nun kann man erkennen, dass es ein Baby ist.
Ein hübsches Kind, das mit seinen dunklen Augen die Frau anstrahlt und glucksend die Arme nach ihr ausstreckt.
Die junge Frau lässt sich neben dem Baby auf die Knie nieder und streicht ihm sachte über das Köpfchen.
Ich muss es tun, mein Kleine, sonst bringt er dich um,“ flüstert sie und dicke Tränen laufen ihr über die Wangen.
Sie schlägt die Hände vors Gesicht und ihre Schultern zucken.
Dann wischt sie sich energisch über das Gesicht.
Ich habe eine große Dummheit gemacht und meine gute Herrin verraten. Ich werde es wieder gut machen, aber zuerst muss ich dafür sorgen, dass er aus deiner Nähe kommt.“
Sie beugt sich zu dem Kind und küsst es.
Möge Gott mir verzeihen.“
Aus der Tasche zieht sie eine blaue Blechdose und sieht sich suchend um.
Da sind alle Beweise und auch mein Geständnis drin, nur wohin damit. Ich kann doch niemanden trauen?“
Da fällt ihr am Stamm des Baumes eine Einbuchtung auf.
Sie greift hinein, um festzustellen wie tief diese ist, dann schiebt sie vorsichtig die Dose in das Loch.
Mit Moos und kleinen herunter gefallenen Ästchen macht sie das Versteck unkenntlich.
Noch einmal bückt sie sich, streicht dem Kind über den Kopf, dreht sich um und läuft davon.
Kurze Zeit später hört man eine Autotür zuschlagen, der Motor springt an und dann ist es wieder still.
Das Baby liegt ganz ruhig da und blickt mit wachen forschenden Augen umher, doch dann verzieht es das Mündchen und will zu weinen anfangen.
Schnell fliegen die Elfen vom Baum hinunter und setzen sich zu der Kleinen, die sofort zu weinen aufhört und glucksend versucht die kleinen Wesen zu greifen.
Lächelnd öffnet es den zahnlosen Mund, an ihren langen Wimpern hängen noch einige Tränen, doch nun hebt es beide Händchen und brabbelt fröhlich vor sich hin.
Und die Elfen zwitschern beruhigend als könnten sie die Babysprache verstehen.
Es raschelt im Unterholz und ein Hecheln ist zu hören und schnell sind die Elfen im Gewirr der Blätter verschwunden.

Kommentare:

  1. Guten Morgen liebe Lore
    Das fängt ja wieder gut an und damit spannst Du uns auf die Folter, wie wird es weiter gehen?
    Lieben Gruß Joachim

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  2. Wenn man die ersten Sätze liest, weiß man um deine große Gabe, bildhaft zu schreiben. Man ist sofort mitten drin im Geschehen!! Ob die neuen Geschichten in deinem Kopf ähnlich sind??? Ich habe von ein paar Wortvorgaben gehört. Da bin ich doch mal sehr gespannt, was du uns daraus zaubern wirst. LG Martina

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Für die lieben Kommentare möchte ich mich bedanken, ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich nicht immer dazu komme, sie zu beantworten.