Freitag, 9. Mai 2014

Wie ich einmal einen Vater adoptierte - Erinnerungsgeschichte



Ich habe schon einmal erwähnt, dass meine Eltern nach dem Krieg in Bayern blieben und mein Vater zur Polizei ging.
Ich verbrachte viele Stunden in der gemütlichen Polizeiwache.
Als ich noch klein war, brachte mich meine Mutter zu meinem Vater, wenn sie etwas zu erledigen hatte.
Und da ich sehr ruhig und brav war, hatte keiner etwas dagegen.


Ich war ein bisschen das Maskottchen der Gendarmerie.
Später, als ich größer war, besuchte ich oft meinen Vater, durfte auf der alten Schreibmaschine klappern und spitzte mit Begeisterung für alle die Bleistifte.
Am Pult war ein Spitzer angeschraubt und in die Rolle vorne steckte man den Stift und durch kurbeln wurde er gespitzt.
Als ich ungefähr zwei Jahre alt war, starb meine Großmutter mütterlicherseits und meine Eltern wollten mich nicht auf die lange Zugreise ins Saarland mitnehmen.
Ein Kollege, der selbst zwei Jungen hatte, erbot sich, mich während dieser Zeit bei sich zuhause aufzunehmen.
Da ich ihn kannte, fremdelte ich auch nicht.
Zwei Tage später hatte ich meine Eltern vergessen und da der Kollege dieselbe Statur und Uniform meines Vaters trug, war er bald mein Vater.
Jeden Abend, wenn er vom Dienst nach Hause kam, wieselte ich in den Flur, hievte seine schweren Pantoffeln hoch und stolperte auf ihn zu.
Mit strahlendem Lächeln und den Worten; „Vati, kalte Füß",
streckte ich ihm die Puschen entgegen.
Dieser Satz verfolgte mich dann jahrelang. Jedes Mal wenn wir uns begegneten und wenn es mitten im Supermarkt war, dann grinste er von einem Ohr zum anderen und brüllte mit seiner dröhnenden Stimme:
Vati kalte Füß!“
Das konnte manchmal ganz schön peinlich werden, besonders wenn man inzwischen ein Teenager war.

Kommentare:

  1. Eine ganz zauberhafte Erinnerungsgeschichte, liebe Lore! Danke, dass du sie mit uns geteilt hast.
    Ich wünsch dir einen glücklichen Tag und ein schönes Wochenende! Nur noch ein paar Tage, dann kannst du deinen neuen Stuhl in Beschlag nehmen, dann soll sich das Wetter bessern. Hoffen wir darauf! Martina

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  2. Liebe Lore
    Eins sehr drollige aber schöne Erinnerungsgeschichte und so erzählt, dass man sich das so richtig vorstellen kann.
    Liebe Grüße Joachim

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  3. Ach, ist das eine niedliche Geschichte. Ich habe die kleine Lore mit den Pantoffeln in der Hand genau vor Augen. Ich kann mir aber auch gut vorstellen, dass die Art der Begrüßung für Dich als Teenager peinlich war. Man kann ja nie wissen, wer es mithört. Aber später dann kann man darüber lachen und vergisst genau diese Momente nie.
    Schön, dass Du diese Geschichte aufgeschrieben hast.
    LG
    Astrid

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Für die lieben Kommentare möchte ich mich bedanken, ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich nicht immer dazu komme, sie zu beantworten.