Dienstag, 17. Juni 2014

Reizwortgeschichte - Der achtzigste Geburtstag

 Reizwörter

Waldmeister, Vorsatz, grün, bunt, rupfen

Diesmal musste ich viel überlegen, denn Waldmeister war mir nicht bekannt, doch welch Glück, dass es das Internet gibt.
Viel Spaß beim Lesen


Auch dieses Bild stammt von Elli M.





Der achtzigste Geburtstag



Birgit legte den Schlüssel auf die Kommode und ging ins Wohnzimmer. Bernd, der gerade fürs Examen büffelte, hob den Kopf von den Büchern und grinste.
Nun hast du die Turteltauben in den Flieger gesetzt?“
Birgit kicherte. „ Man sollte meinen sie fahren in die Flitterwochen und nicht auf eine Kreuzfahrt nach 25 Jahren Ehe.“
Ihr Vater hatte der Mutter zur Silberhochzeit eine Kreuzfahrt geschenkt und Birgit hatte die beiden eben zum Flughafen gefahren.
Bernd sah seine Freundin nachdenklich an. Irgend etwas bedrückte sie doch?
Und dann setzte sich Birgit auch schon neben ihn, legte den Kopf auf seine Schultern und erzählte ihm von Tante Betty und Onkel Franz, die im gleichen Haus wie ihre Eltern gewohnt hatten und immer auf sie aufgepasst haben, wenn die Eltern in der Arbeit waren.
Sie waren wie Großeltern für sie, doch dann waren sie weg gezogen, nachdem sie sich ein kleines Häuschen gekauft hatten.
Nun hatte ihre Mutter ihr erzählt, dass Onkel Franz vor einem Jahr gestorben sei und Tante Betty nächsten Dienstag ihren achtzigsten Geburtstag feiere und ganz allein wäre.
Sie hat Birgit gebeten, nach ihr zu schauen.
Das Mädchen hob den Kopf. „Weiß du ich schäme mich, so oft habe ich mir vorgenommen, sie zu besuchen, doch es blieb immer nur bei dem Vorsatz, dabei sind es nur
hundert Kilometer von hier. Ich habe ein richtig schlechtes Gewissen.“
Warum fährst du denn nicht für ein paar Tage zu ihr? Deine Klausur für dieses Semester ist abgeschlossen und du hast frei.“
Und du?“
Bernd grinste. „ Ich genieße es, dich mal für ein paar Tage los zu sein!“
Birgit knuffte ihn in die Seite.
Doch im Ernst, ich muss sowieso fürs Examen büffeln, du verlierst dein schlechtes Gewissen der alten Dame gegenüber und am Dienstag komme ich mit dem Zug, dann feiern wir gemeinsam zu dritt Geburtstag.“
Birgt küsste ihn stürmisch.
Du bist ein Schatz!“
Einige Stunden später stand sie vor dem Häuschen von Tante Betty.
Etwas bange ist ihr doch zumute, doch da kam die alte Dame schon aus dem Haus und es ist, als hätten sie sich erst gestern getrennt.
Bald saßen sie gemütlich am Kaffeetisch, nachdem Birgit ihren Koffer in das kleine Zimmer gebracht hat, das von Tante Betty gleich nach ihrem Anruf für sie hergerichtet wurde.
Die alte Frau war überglücklich das Mädchen nach all den Jahren wieder zu sehen und als Birgit ihr gestand, dass sie ein schlechtes Gewissen hatte, winkte sie nur ab.
Nun verlebten die beiden so unterschiedlichen Frauen einige wundervolle Tage und wurden des Erzählens nicht müde.
Am Abend vor ihrem Geburtstag fand Birgit die alte Frau weinend draußen auf der Bank.
Still setzte sie sich neben sie und legte den Arm um ihre Schultern.
Weißt du, das ist der erste Geburtstag den ich ohne meinen Franz feiere.“ flüsterte Betty.
Doch dann lächelte sie unter Tränen.
Jeden Morgen vor meinem Geburtstag ist er in den Wald gegangen und hat Waldmeister gerupft und dann hat er davon eine Bowle zu meinem Geburtstag gemacht.“
Gerupft?“
Tante Betty kichert. „Ja sie sahen immer ziemlich zerrupft aus, aber es wurde trotzdem eine köstliche Bowle daraus.“

Es dämmerte erst frühmorgens, als Birgit sich aus dem Haus schlich und in den nahe gelegenen Wald ging.
Sie musste ziemlich suchen, bis sie die weißen Blüten in dem grünen Blättermeer entdeckte.
Vorsichtig legte sie die Blätter in das mit gebrachte Tuch, das sie dann verknotete.
Als sie den Wald verließ pflückte sie noch einen bunten Wiesenblumenstrauß und schaute dann noch beim Bäcker vorbei und kaufte frische Brötchen und Kuchen.
Sie befürchtete schon, dass Tante Betty bereits wach sei, denn die Suche nach dem Waldmeister hatte doch länger gedauert.
Aber im Haus war alles still. Sie wusste nicht, dass die alte Dame bereits hell wach im Bett lag und schmunzelnd darauf wartete, dass sie gerufen wurde.
Summend bereitete Birgit das Frühstück, richtete den Tisch besonders liebevoll her und legte die mitgebrachten Geschenke neben den Teller der Tante, obenauf das Tuch mit dem Waldmeister.
Angelockt von dem Duft des Kaffees, der durchs ganze Haus zog, kam das Geburtstagskind die Treppe herunter und fand sich sogleich in einer stürmischen Umarmung.
Tränen traten der alten Dame in die Augen, als sie das Tuch aufknöpfte und die grünen Blätter sah und Birgit bekam einen extra Kuss.
Später machten sie zusammen die Bowle, wobei der frisch gewaschenen Waldmeister in Bündeln gebunden mit den
Blättern voran in den Wein gelegt wurde. Später wurde dann der Sekt dazu gegossen.
Von Birgits Eltern kam ein Blumenstrauß von Fleurop und ein Glückwunschtelegramm.
Gegen Mittag kam Bernd an und die Beiden verstanden sich auf Anhieb.
Bis spät in die Nacht wurde nun gefeiert und als die jungen Leute abfuhren, versprachen sie jetzt recht oft zu Besuch zu kommen.
Und dieses Versprechen haben sie auch gehalten.

© Lore Platz




Kommentare:

  1. Liebe Lore,
    auch diese tolle Geschichte ist dir wieder sehr gut gelungen. Es hat Spaß gemacht, sie zu lesen!
    Herzliche Grüße
    Regina

    AntwortenLöschen
  2. Sooo eine schöne Geschichte, liebe Lore! Was für ein Geburtstag für Tante Betty! LG Martina

    AntwortenLöschen
  3. Wow, Lore, so eine wunderschöne Geschichte, gefällt mir sehr gut :)

    Alles Liebe
    Eva :)

    AntwortenLöschen
  4. Wieder eine so schöne Geschichte.
    Vielen Dank LG Christa

    AntwortenLöschen
  5. Liebe Lore
    Allen vier Damen möcht ich ein großes Lob aussprechen für die wunderbaren Geschichten. Danke, Danke, Danke.
    Liebe Grüße an alle vier von Joachim

    AntwortenLöschen
  6. Dafür, dass du den Waldmeister nicht kanntest, ist dir eine wundervolle Geschichte gelungen, liebe Lore.
    Tante Betty wird ihren 80. Geburtstag nicht so schnell vergessen.
    Einen schönen Nachmittag wünscht dir
    Irmi

    AntwortenLöschen

Für die lieben Kommentare möchte ich mich bedanken, ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich nicht immer dazu komme, sie zu beantworten.