Donnerstag, 17. Juli 2014

Ich lade gern mir Gäste ein -- Lebensbericht einer Amselmutter

so hieß mal eine Sendung von Rene Kollo, das Lied stammt übrigens aus der Operette " Die Fledermaus".
Und auch ich lade mir ab und zu gerne Gäste ein, nicht zum singen, sondern um ihre schönen Geschichten vorzustellen.
Auf dem Balkon einer Internetfreundin nistete ein Amselpärchen und das hat Brigtitte in einer Geschichte erzählt.
Und zwar hat sie die Begebenheit aus der Sicht der Amselmutter erzählt.
Diese bezaubernde Geschichte will ich euch nun vorstellen und ich denke, sie gefällt auch genauso wie mir.




Lebensbericht einer Amselmutter


Zuerst möchte ich mich euch einmal vorstellen.
Mein Name ist Alma. -- Ja, Alma, ihr habt richtig gehört.
Ich war die Letztgeborene meiner Mutter, die auch Alma heißt. Ihr werdet sagen, dass das kein Vogelname ist.
Aber das ist eine lange Geschichte. Vor zwei Jahren nämlich, als ich in einer großen Blumenschale geboren wurde, inmitten weißer Margeriten und bunten Zauberglöckchen , erzählte meine Mutter mir, dass in unserer Familie die Letztgeborenen immer den Namen der Mutter erhalten.
Es war ein wunderschöner Sonnentag und und ich kam als Vierte zur Welt. Freudig wurde ich von meinen Geschwistern begrüßt, die schon im Nest lagen und mir nicht mehr viel Platz ließen.
Da ich die Kleinste war, wurde ich auch beim Füttern immer etwas benachteiligt, denn meine Geschwister drängelten sich immer vor. Meine Mutter hatte immer Angst um mich, dass ich nicht überleben würde, aber ich war damals schon sehr zäh.
Irgendwann wurden wir dann alle flügge, und unsere Mutter bereitete uns auf das Alleinleben vor. Wenn ich daran zurück denke,hatte ich doch einen ganz schönen Bammel .
Endlich war es soweit. Dieser Tag hat sich ganz tief in mein kleines Vogelhirn eingegraben. 2 Brüder und 1 Schwester hatten sich schon von mir verabschiedet und wollten im Busch, der vor dem Balkon steht, am nächsten Morgen auf mich warten. Ich aber traute mich nicht so recht. „Flieg, Alma ! Flieg !“ Meine Eltern redeten mir gut zu und ich versuchte mit großer Anstrengung zu fliegen. Und oh Schreck, ich landete auf dem Balkonfußboden.
Ganz aufgeregt piepste ich nach meiner Mutter, die dann auch zusammen mit unserem Vater kam und mich beruhigte.
Sie brachten mir erst mal ein paar Würmer und wiesen mir eine Ecke zu, die geschützt war. Dort sollte ich mich erst mal beruhigen und mich vom Schreck erholen.
Auf einmal erschien Brigitte. Ach ja, ich habe euch ja noch gar nicht von Brigitte erzählt. Brigitte ist ein Menschenkind, die unser Zuhause, die Blumenschale so schön gestaltet hat, und aufpasst, dass keine Elster uns was zu leide tut. Und Brigitte ist auch diejenige, die meiner Mutter den Namen Alma gab.
Das erzählte mir meine Mutter ganz stolz. Als also Brigitte mich so auf dem Balkonfußboden sah, bekam sie vor Schreck den Mund gar nicht wieder zu. So ähnlich wie ich meinen Schnabel, weil ich wirklich große Angst hatte so alleine auf dem Fußboden.
Aber dann tat sie das einzig Richtige . Sie macht die Balkontüre einfach wieder von innen zu, um mich nicht noch mehr zu ängstigen.
Meine Eltern fütterten mich weiter und beruhigten mich ein wenig. Irgendwann versuchte ich es von neuem, und da Brigitte mir durch aufeinander gestapelte Blumentöpfe eine Hilfe gab, schaffte ich es Stück für Stück über die Balkonbrüstung zu fliegen. Das war ein ungeheuer erhebendes Erlebnis für mich, zumal unten im Strauch meine Geschwister mir zuguckten und mich mit viel Gepiepse anfeuerten.
Das also war vor 2 Jahren.Inzwischen bin ich erwachsen geworden und habe nun einen Amselmann kennengelernt. Er ist wunderschön. In seine leuchtenden Augen habe ich mich sofort verliebt, sein schwarzes Gefieder glänzend wie Seide, sehr stolz, liebevoll und vor allem verlässlich.
Das hat man ja heutzutage so selten bei Männern. So ganz anders als mein Vater, der immer so ein kleiner Hallodri war, und gern anderen Amseldamen nach guckte. Ich kann mich erinnern, dass deshalb meist nur meine Mutter uns versorgte.
Aber Ansgar ist ungeheuer pflichtbewusst, und nun hat er mich zur Mutter gemacht. Ich bin überglücklich. Als ich ihm die frohe Botschaft zu zwitscherte, brachte er mir sofort einen besonders dicken Regenwurm, (das ist nämlich meine Lieblingsspeise) schnäbelte mich zärtlich und versprach, immer für mich da zu sein.
Doch nun galt es , einen Ort zu suchen, an dem ich brüten konnte. Ich entsann mich meines Geburtsortes, den Balkon von Brigitte. Sie hatte uns ja auch den ganzen Winter, der doch für uns ziemlich lang war, mit Futter versorgt. Auf ihrem Balkontisch lagen immer ein paar leckere Nüsse und Rosinen bereit, an denen wir uns gütlich taten. Ich erzählte Ansgar davon, und er inspizierte sofort diesen Ort. Er war begeistert, denn dort sah es jetzt wie im Paradies aus, und ich konnte mir gut vorstellen, dass meine Babys dort glücklich zur Welt kommen.
Also machte Ansgar sich sofort ans Werk und scharrte in einem besonders schönen Blumenkasten ein kreisrundes Loch. Dann legte er sich hinein und drehte und wendete sich hin und her, bis das Loch die Größe eines Nestes hatte. Dann flogen wir beide los, um Gräser und kleine Zweige zu sammeln , um unseren Kindern ein schönes Zuhause zu bereiten. Nach 3 Tagen hatten wir es geschafft.
Ein wunderschönes Nest war da, über das die Margeriten wie in einem Himmelbett darüber hingen.

Rechts und links davon bunte Zauberglöckchen. Es war wirklich wunderschön.
Brigittes Blick hättet ihr sehen sollen, als sie das Malheur in ihrem schönen Blumenkasten entdeckte. Doch ich kann schwören, dass ein Lächeln in ihrem Gesicht war und als sie mir neben das Nest noch eine kleine Schale mit Wasser stellte, war ich beruhigt. Wir waren also immer noch Freunde.
Nun konnte ich mich ans Brüten machen. Ansgar versorgte mich während dieser Zeit rührend mit Futter und es dauerte nicht lange, da war das erste Ei da. In den nächsten drei Tagen folgten noch drei andere Eier.
Ansgar war so stolz auf mich . Er sah die Eier ganz verliebt an und stimmte einen Jubelgesang an, in den ich natürlich aus voller Kehle einstimmte. Jetzt wurde maßlos geschnäbelt.
Nun begann für mich die langweiligste Zeit, denn ich musste die Eier ja ausbrüten. Das dauert etwa eine Woche.
Aber ich hatte ja meinen Ansgar. Ab und zu löste er mich ab, damit ich meine Flügel mal wieder bewegen konnte.
Die wären ja ganz lahm geworden.
Irgendwann war es endlich so weit.
Mein erstes Baby kam. Ganz plötzlich fühlte ich unter mir, etwas Warmes, was sich bewegt. Ich war so glücklich und zirpte Ansgar der, mich bewachend, auf der Birke saß, die freudige Botschaft zu :
Es ist da !“
Sofort kam er herunter geflogen und bestaunte seinen Sohn. Na, ihr würdet ihn wahrscheinlich nicht hübsch nennen. Er war ja noch ganz nackt. Aber für mich war es das schönste Baby , das ich je gesehen habe.Das Ganze wiederholte sich drei Tage lang und am Ende hatte ich vier kleine Babys im Nest.
Nun galt es vier hungrige Schnäbel zu füttern. Ich hatte mich bei meiner Mutter erkundigt, die mir sagte, dass man zuerst winzige Maden aus der Baumrinde füttern müsse, später dann erst die Würmer.
Brigitte saß oft am Tisch daneben, und guckte uns zu. Ich sah, wie sie es genoss.
Manchmal kam auch eine Freundin von ihr, die sehr neugierig war. Sie kam mir immer etwas zu dicht heran. Wahrscheinlich hatte sie so etwas noch nie gesehen. Da war ich doch ein wenig vorsichtiger und setzte mich auf meine Babys.
So waren wir alle glücklich , bis auf ein Problem . Der Letztgeborene machte uns sehr zu schaffen. So sehr wir uns auch bemühten, er blieb schwächlich. Die Anderen waren immer schneller und fraßen ihm auch noch das Futter weg. Und die Hitze , die gerade herrschte, tat auch noch ihr Übriges. Für uns war es schwierig geworden, Würmer aus er Erde zu picken, denn durch die Hitze war der Boden steinhart geworden.
Aber auch da dachte Brigitte mit und kippte ab und zu ein paar Eimer Wasser über den Balkon, damit wir es leichter hätten. Das war schon eine große Hilfe, aber auch das rettete unser Baby nicht.
Eines Morgens fand ich es tot im Nest. Seine Geschwister hatten es noch nicht bemerkt und ich rief Ansgar, der es mit mir zusammen unter der Birke verscharrte. Wir sangen noch ein leises Abschiedslied und mussten dann zu unseren drei anderen Sprösslingen zurück.
Um unser Elend noch vollkommener zu machen , erschien auch noch Brigitte auf den Balkon um mir wie immer“ Guten Morgen“ zu wünschen.
Sie erfasste sofort das Drama. Ihren traurigen Blick werde ich mein Lebtag nicht vergessen. Ich glaube, sie hatte alle meine Babys schon in ihr Herz geschlossen. Aber auch sie konnte es ja nicht ändern. Es hat nicht sollen sein. Und nun ist unser Baby im Vogelhimmel.
Natürlich waren auch wir sehr traurig, doch die
drei Anderen ließen uns keine Zeit zum Trauern. Die mussten ja weiter versorgt werden.Und so vergingen die Tage mit Füttern, Nest sauber machen vom Kot und den Eierschalenresten und Aufpassen auf Elstern.
Nun wurden auch meine drei anderen Babys flügge. Es war erstaunlich , wie schnell sie wuchsen. Sie hatten mir so viel Freude gemacht, doch jetzt kam die Zeit für mich, dass ich sie gehen lassen musste. Das Nest wurde auch zu klein für sie.
Schweren Herzens musste ich sie auf das Alleinleben vorbereiten.
In meinen Gute Nacht Geschichten hatte ich ja schon viel von der großen weiten Welt mit ihren Gefahren, aber auch Freuden erzählt. Sie waren schon ganz aufgeregt, und wollten am liebsten gleich davon fliegen.
Ich vertröstete sie auf den nächsten Tag. Nachts konnten sie kaum schlafen und zappelten im Nest herum, bis der morgen graute.
Ansgar ließ es sich nicht nehmen, die drei auch zu verabschieden. Wir schnäbelten alle noch einmal herzhaft, und mit einem Freudengesang segelten sie über die Balkonbrüstung.
Mein größter Wunsch für sie:
Mögen sie ein schönes sorgenfreies Leben haben und nette Menschen kennen lernen, die sie auch im Winter versorgen.
Wir jedenfalls werden sie niemals vergessen.



© Brigitte Homann

 

Kommentare:

  1. Danke fürs Einstellen dieser Geschichte, liebe Lore - und sag einen lieben Gruß an Brigitte:
    Tolle Geschichte!

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Lore
    Eine wunderbare Geschichte, vor allem für einen Tierfreund. Danke dass ich sie lesen dorft. Dank auch an den VErfasser
    Lieb en Gruß Joachim

    AntwortenLöschen
  3. Die Geschichte hat mir sehr gefallen, ich habe mich neben Brigitte an den Tisch gesetzt und mit ihr die Vögel beobachtet, so, als wäre ich dabei gewesen!
    Liebe Grüße
    Regina

    AntwortenLöschen

Für die lieben Kommentare möchte ich mich bedanken, ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich nicht immer dazu komme, sie zu beantworten.