Dienstag, 5. August 2014

Reizwortgeschichte - Die Hände einer Mutter






Viel Spaß beim Lesen!

Reizwörter:
Hände, Weg, ahnen, fasziniert, lustig

Die Hände einer Mutter


Adelheid sitzt am offenen Fenster, die schönen zarten Hände im Schoß verschlungen und sieht träumend hinaus. Sie bemerkt nicht die Schmetterlinge die fröhlich tanzend die Blumen umgaukeln. Hört nicht das eifrige Summen der Bienen die in die geöffneten Kelche schlüpfen und mit schweren Körbchen davon fliegen. Auch das Zirpen der Grillen erreicht sie nicht, denn ihre Gedanken sind bei Arthur, dem Mann, dem all ihre Liebe gilt.
Es klopft und er tritt herein.
Leicht errötend sieht sie ihm entgegen.
Und als er ihr dann den Verlobungsring an den Finger steckt und sie anschließend mit fröhlich blitzenden Augen herum schwenkt, ist ihr Glück vollkommen.
Wenige Monate später schreitet sie am Arm ihres Vaters durch den Mittelgang der geschmückten Kirche und ihr Vater übergibt sie seinem Schwiegersohn.
Ein Jahr später wird ihre kleine Tochter Amelie geboren und als sie über das samtweiche Köpfchen streicht, da fühlt sie sich als der glücklichste Mensch unter der Sonne.
Sie ahnt noch nicht, welch steiniger, dorniger Weg vor ihr liegt.
Dunkle Wolken erscheinen am Himmel und das Kriegsgeschrei wird immer lauter.
Und eines Tages steht Arthur in Uniform vor ihr und seine Augen, die immer so lustig blitzten, sind ernst und traurig.
Mit beiden Händen umfasst sie sein geliebtes Gesicht und
flüstert: „Gott schütze dich und lasse dich gesund wieder kehren.“ Und in beider Augen stehen Tränen.
Ein letzter Kuss, eine stumme Umarmung und er geht.
Adelheid bleibt mit wehen Herzen zurück, doch ihrer Tochter zuliebe versucht sie den Alltag so normal wie möglich zu gestalten.
Der Krieg hat das eigene Land noch nicht erreicht und hier geht alles weiter wie immer.
Nur die Mütter und Frauen die ihre Söhne und Männer an der Front haben, weinen heimlich stille Tränen.
Wenn ein Feldpostbrief kommt, dann öffnet Adelheid ihn mit zitternden Händen und atmet erleichtert auf, dass er noch lebt, doch sie liest auch den Schmerz und den Kummer zwischen den Zeilen.
Abends wenn die Kleine schläft, dann schreibt sie ihm und erzählt von der kleinen Amelie, dass sie nun schon laufen kann und beginnt die Umwelt, die sie faszinierend findet, zu erforschen.
Sie jammert nicht, sie klagt nicht, sie bemüht sich die Briefe heiter zu gestalten und so schickt sie ihm einen kleinen Sonnenstrahl ihn die grausame, blutige Welt, die ihn umgibt.
Der Krieg, der nur ein Jahr dauern sollte, wird immer schlimmer und grausamer und die Jahre vergehen und immer noch ist kein Ende in Sicht.
Und als Amelie gerade eingeschult wird erreicht er das eigene Land.
Wenn das schrille Kreischen des Fliegeralarms ertönt, nimmt sie mit der einen Hand Amelie, mit der anderen den gepackten Koffer und läuft in den Keller.
Dort tröstet sie das verängstigte Kind, streichelt zärtlich ihre Locken und dann beginnt sie mit ihrer schönen Stimme zu singen. Die anderen Kinder im Raum scharren sich um sie und beginnen die Kinderlieder mitzusingen und lauschen den Geschichten, die sie ihnen erzählt.
Eine Bombe trifft das Haus ihrer Eltern und begräbt beide darin.
Zu all dem Schmerz kommt auch noch die Sorge um Arthur, denn schon lange war kein Brief mehr gekommen.
Doch Amelie zuliebe verschließt sie ihren Kummer ganz tief in ihrem Herzen.
Auch wird der Alltag von Tag zu Tag schwerer und die Lebensmittel knapper.
Oft müssen sie hungrig zu Bett gehen, aber immer wieder gelingt es ihr die Kleine aufzuheitern und sie den Hunger vergessen zu lassen.
Dann kommt der Frieden und eines Tages steht Arthur in der Tür, hager, schmutzig und seine Augen sind stumpf und leer.
Glücklich eilt sie ihm entgegen, legt beide Hände um sein Gesicht und flüstert.
Gott sei gedankt, er hat dich wieder nach Haus gebracht.“
Und in beider Augen stehen Tränen.
Nachts wenn die Dämonen ihn plagen ist sie bei ihm und streichelt ihn mit linder, zarter Hand bis eines Tages seine Seele wieder geheilt ist.
Die Zeiten werden besser. Arthur hat wieder einen Job als Ingenieur und sie bauen sich ein Haus. Adelheid richtet sich im Dachgeschoss ein Atelier als Schneiderin ein.
Denn als sie während des Krieges ihre eigenen Kleider für Amelie umgeändert hat, hat sie ihr Talent fürs Nähen entdeckt.
Eines Tages entwirft und näht sie ein Brautkleid für ihre Tochter.
Und wie einst ihr Vater sie, so führt nun Arthur seine Tochter durch den Mittelgang der geschmückten Kirche und übergibt sie seinem Schwiegersohn.
Dann setzt er sich neben Adelheid und ihre Hände finden sich und beide haben Tränen in den Augen.
Nach und kommen die Enkelkinder und sie bringen wieder Glück und Freude ins Haus.
Eines Tages fährt Adelheid das letzte Mal mit der Hand über Arthurs Gesicht und schließt seine Augen für immer.
Ihre Kinder bitten sie, bei ihr einzuziehen und die Enkelkinder sind begeistert.
Niemand kann so gut trösten wie die Oma.
Wenn sie mit ihrer Hand zart über ihre Köpfe streicht und sie so lieb anschaut, dann ist aller Kummer und Schmerz vergessen.
Während sie inmitten ihrer Enkel sitzt und ihnen Märchen erzählt, dann klappern vergnügt die Stricknadeln.
Denn ihre Hände haben verlernt ruhig im Schoß zu liegen.
Dafür sorgt erst ein Höherer.
Eines morgens nimmt Amelie die Hände ihrer Mutter und legt sie gekreuzt auf ihre Brust.
Und Amelies Hand fährt sacht über die Augen der Mutter und schließt sie für immer.

 
© Lore Platz




Kommentare:

  1. Meine liebe Lore, was für eine Geschichte hast du uns da geschrieben. Ich heule Rotz und Wasser. Ist es nicht eigenartig, dass die Gedanken von Regina auch in diese Richtung geführt wurden für diese Reizwörtergeschichte. Das finde ich schon sehr bemerkenswert. Deine Geschichte ist wunderbar, liebe Lore. So schön erzählt, dass man tief im Inneren berührt ist. Alles Liebe! Martina

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Lore,
    da gingen unsere Gedanken mal wieder in die gleich Richtung, erstaunlich - oder auch nicht!
    Deine Geschichte berührt mich sehr, gerade in diesen Tagen wird einem durch das Weltgeschehen wieder vor Augen geführt, dass immer irgendwo Krieg ist und dass gerade wieder der Zenit erreicht ist, der mich sehr traurig macht. Mein Mitgefühl ist bei allen, die darunter zu leiden haben, hier und da in der Welt.
    Liebe Grüße
    Regina

    AntwortenLöschen
  3. Liebe Lore
    es ist eine wundervolle Geschichte gerade in dieser Zeit von Kriegen und Schwere Nöten dort.. die Erinnerungen wie es war diese Zeit von früher sollte jeden aufrütteln..
    Dankeschön!
    Lieben Gruss Elke

    AntwortenLöschen
  4. Danke für diese Geschichte! Unvorstellbar für uns, wie es damals war ...
    Ich habe schon vieles von meiner Familie aus dieser Zeit gehört, ich frage auch immer wieder nach.
    Ein Büchlein meines Vaters aus dem Krieg habe ich, ich möchte es gern aus Kurrent "übersetzen" ... und dann .. mal sehen ...

    Alles Liebe
    Eva :)

    AntwortenLöschen
  5. Liebe Lore, jetzt weiß ich, warum keine Sonne scheint. Denn ich habe schon die Geschichte von Regina gelesen. Sie hat das gleiche Thema in eurer Geschichte, Krieg. Und ich reagiere wie es Martina Pfannenschmidt geschrieben hat. Ich heule Rotz und Wasser. Es muss reichen ... Danke.
    Liebe Grüße, Margot.

    AntwortenLöschen
  6. Guten Tag liebe Lore
    Eine Geschichte wie sie besser nicht sein kann und wenn man diese Zeiten miterlebt hat so geht jeder Satz, ja jedes Wort ins Blut.
    Man kann das mitfühlen als wenn man es selbst gewesen sei.
    Die drei anderen Geschichten lese ich Morgen
    Lieben Gruß Joachim

    AntwortenLöschen
  7. Liebe Lore, tief innerlich berührt mich deine Geschichte von Adelheid und ihre Nachkommen sehr. Du weißt ja, dass ich eine Chronik von meinem Mann der 1934 geboren ist, schreibe. Weil er als Kind den 2.Weltkrieg miterlebte und sein Vater an der Front war und seine Mutter die 5 Kinder, die nach und nach während des Krieges geboren wurden, durchbringen musste. Es müsste der Menschheit eine Warnung sein und es sollte keine weiteren Kriege geben, das ist mein Wunsch. Aber wir sind leider nur ganz kleine Samenkörner und werden nicht gehört. Meine Wünsche kennst du ja, schließlich bist du an vorderster Front. Ganz liebe Grüße von Gerda Reichhart

    AntwortenLöschen

Für die lieben Kommentare möchte ich mich bedanken, ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich nicht immer dazu komme, sie zu beantworten.