Dienstag, 23. September 2014

Als Elke ihrem Opa mit einer Geschichte geholfen hat -- Reizwortgeschichte

Heute ist es nun die 30. Reizwortgeschichte und diesmal sind es die Wörter:

Leben, Muster, gefangen, perfekt, strukturieren






Wie Elke ihrem Opa mit einer Geschichte geholfen hat.





Gefangen in einem immer gleichen Muster, gelang es ihm nicht sein Leben perfekt zu strukturieren!“
Aufatmend schloss Elke das Heft und gab es Lukas, der durch die Reihen ging, um die Diktate einzusammeln.
Endlich Wochenende.
Vergnügt lief sie nach Hause, stellte im Flur den Schulranzen ab und trat in die Küche.
Die Oma ließ gerade den Strudelteig auf das Brett krachen und knetete wütend darauf herum.
So ein alter Sturkopf, da lässt er sich nicht operieren, nur weil der Professor ihm keine hundertprozentige Garantie geben kann.“
Wieder hob sie den Teig und knallte ihn nieder.
Schmunzelnd von der Mutter beobachtet, die gerade Äpfel schälte.
Sie lächelte ihrer Tochter zu.
Du kommst ja früh, das Mittagessen dauert noch ein bisschen.“
Die letzte Stunde ist ausgefallen, wo ist Opa?“
Der sitzt draußen im Garten,“ antwortete die Mutter.
Die Oma schnaubte nur und klatschte auf den Teig.
Grinsend hüpfte das Mädchen nach draußen.
Doch dann wurde sie nachdenklich. Sie wusste warum die Oma sich ärgerte.
Vor einiger Zeit waren Opas Augen immer schlechter geworden und er war von Arzt zu Arzt gelaufen, doch niemand konnte ihm helfen.
Mittlerweile war er fast blind.
Da hatte die Oma von einem berühmten Professor gehört, der eine neue Operationstechnik in der Augenheilkunde entwickelt hatte. Doch Opa weigerte sich, denn er hatte die Nase voll von den Ärzten und war nicht sicher, ob die OP ihm helfen könnte.
Außerdem hatte er sich mit seiner Blindheit inzwischen abgefunden.
Elke ging zu ihrem Opa der auf der Bank an der Hauswand saß und nun lauschend den Kopf hob.
Hallo, meine Kleine.“
Woher weißt du, dass ich es bin?“
Seit ich nicht mehr so gut sehe, habe sich meine anderen Sinne verschärft und ich kann euch an den Schritten auseinander halten. 
Willst du mir aus der Zeitung vorlesen?“
Ach nöööö, da steht immer so langweiliges Zeug drin. Ich erzähle dir lieber eine Geschichte.“




Sie setzte sich neben ihn und begann.

In einem großen Wald wohnten die Tiere friedlich und freundschaftlich zusammen.
Auch ein großer Bär hauste dort in einer Höhle und alle liebten ihn. Er passte auf die Tierkinder auf, wenn die Eltern keine Zeit hatten. Gutmütig legte er sich auf den Boden und die kleinen Eichhörnchen und Hasenkinder hüpften auf ihm herum.
Manchmal brummte er, wenn sie es gar zu toll trieben, aber er tat ihnen nichts zuleide.
Die Jahre vergingen und der Bär wurde immer älter. Graue Haare waren in seinem Fell zu sehen und er bemerkte, dass seine Augen immer schlechter wurden.
Bald konnte er nur noch einen schwachen Schimmer wahrnehmen und wenn er durch den Wald lief, stieß er sich oft an den Bäumen.
Seine Freunde waren sehr besorgt und jeden Tag wurde
nun eines der Tiere bestimmt, das ihn begleiten musste.
Auch führten sie ihn zu den Sträuchern mit den süßesten Beeren. Und der Dachs brachte ihm die Fische, die die Biber an Land warfen in seine Höhle.
So ging das einige Zeit und obwohl es beschwerlich für die Waldtiere war sich um den alten Bären zu kümmern, beklagte sich doch keiner.
Hatte er doch früher auch ihnen geholfen und besonders liebevoll auf ihre Kinder aufgepasst.
Doktor Pillendreher, der in dem nahe gelegenen Wichteldorf wohnte und den sie um einen Rat baten konnte ihnen auch nicht helfen.
Eines Tage kam die Eule Eusebia von einem ihrer Rundflüge zurück und erzählte aufgeregt von einem Einsiedler, der wahre Wunder in der Heilkunst vollbrachte.
Die Tiere machten sich auf den Weg zu dem Heiler.
Lange mussten sie laufen und besonders beschwerlich war der Weg den steilen Berg hinauf, doch endlich standen sie vor der Hütte des Einsiedlers.
Sie erzählten ihm von dem blinden Bären und er fragte sie genau über die Krankheit des Bären aus.
Er versprach eine Kräutermixtur zu bereiten, womit er die kranken Augen auswaschen wollte und würde damit morgen zu ihnen in den Wald kommen.
Glücklich und zufrieden liefen die Tiere zurück und in die Höhle des Bären, um ihm die freudige Nachricht zu bringen.
Dieser aber war den ganzen Tag allein gewesen, keiner hatte sich um ihn gekümmert und war deshalb sehr griesgrämig.
Er hörte gar nicht richtig zu, was seine Freunde ihm erzählten sondern knurrte nur, sie sollten ihn mit dem Quacksalber in Ruhe, er sei alt und blind und daran sei nun mal nichts zu ändern.
Traurig zogen die Tiere ab.
Eusebia, die bei dem Lärm nicht schlafen konnte und alles beobachtet hatte rauschte in die Höhle und zerrte den alten Bären kräftig am Ohr und dann begann sie wütend zu zetern.
Undankbar nannte sie ihn, einen alten Narren, der so gute Freunde gar nicht verdient hätte. Sie hatten sich auf den langen beschwerlichen Weg gemacht, nur um ihm zu helfen und er benehme sich wie ein kleines trotziges Kind.
Der alte Bär schämte sich und versprach kleinlaut, dass der
Heiler kommen könnte und er alles machen würde was er verlange.
Am nächsten Tag kam der alte Mann in die Höhle und richtete sich dort ein.
Mehrmals am Tag wusch er die Augen des Bären und verband sie.
Für die Nahrung der beiden sorgten die Tiere, das Trinkwasser schleppten die Wichtel herbei und die
Bienenkönigin sandte ihnen Honig, denn sie wusste wie gerne der Bär diesen hatte.
Der alte Einsiedler strahlte über das ganze Gesicht, denn  auch er war ein Schleckermäulchen.
So vergingen einige Tage, dann wurde der Verband von den Augen des Bären genommen.
Langsam öffnete er die Augen.
Erst sah er nur einen schwachen Lichtschimmer, doch dann wurden die Konturen um ihn herum immer schärfer, bis er alle seine Freunde erkennen konnte, die mit erwartungsvollen Gesichtern um ihn herum standen.
Als sie bemerkten, dass er sie sehen konnte, da brach ein Jubel los.“

Elke schwieg und schmiegte sich an den Großvater.
Eine Amsel, die auf dem Birnbaum saß flötete ihr schönstes Lied und übertönte damit sogar das Gezänk der Spatzen auf dem Kirschbaum.
Der alte Mann legte seine Hand auf den Kopf des Mädchens und fragte leise.
Du meinst also, dass ich mich operieren lassen soll?“
Ja, wäre es denn nicht schön, wenn du wieder im Garten arbeiten und deine geliebten Kreuzworträtsel lösen könntest?
Außerdem müsste ich dir dann nicht mehr aus der Zeitung vorlesen, wo immer so schrecklich schwere Wörter drinstehen.“
Das ist ein Argument!“
Der Opa lachte.
Es klang fröhlich und befreiend.
Ich werde mich operieren lassen,“ versprach er.
Elke umhalste und küsste ihn, dann nahm sie seine Hand.
Komm, das wollen wir Oma und Mama erzählen.“


© Lore Platz