Freitag, 5. September 2014

Die andere Familie

Ich liebe Geschichten mit gutem Ausgang, aber einmal habe ich doch eine Geschichte geschrieben, die nicht so gut ausging.
Wie ich schon einmal erwähnte gibt es bei dem Forum "seniorbook" eine Rubrik "Schreibwerkstatt und in der wird einmal im Monat ein Reizwort gestellt.
Auf das Wort "Parallelwelten" habe ich dann folgende Geschichte verfasst.
Inspiriert wurde ich von einer Sendung in Sat 3, die über Kinder von Alkoholkranken Eltern berichtete.
Diese Kinder kümmern sich im zarten Kindesalter um ihre Eltern und übernehmen in der Familie die Rolle des Erwachsenen.
Das machte mich so traurig, denn diesen Kindern wurde die Kindheit gestohlen.


 





 Die andere Familie



Leise öffnete die zwölfjährige Anna die Haustür. Einen Moment hielt sie den Atem an, denn die abgestandene Luft nach schalen Bier und Zigaretten ist kaum zu ertragen.
Nachdem sie in der Arche ihr Mittagessen bekommen und auch noch dort die Hausaufgaben gemacht, hatte sie sich auf dem Spielplatz und im Park herumgetrieben, um das Nachhausekommen hinauszuzögern.
Als sie am Wohnzimmer vorbei schlich sah sie wie ihre Mutter auf dem Sofa kauerte und sich mit zitternder Hand eine Zigarette anzündetet, während ihr Vater im Sessel fläzte, das fleckige Hemd spannte über seinem Bauch.
Er hob die Bierflasche an den Mund und trank gierig. Rechts und links floss der Gerstensaft aus seinen Mundwinkeln.
Er rülpste und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.
Anna ging weiter in die Küche und starrte mit leeren Augen auf die Unordnung. In der Spüle stapelte sich das dreckige Geschirr. Auf dem Tisch standen leere Bierflaschen und dazwischen ein aufgeschlagener Pizzakarton, in dem sich noch angebissene Reste befanden.
Der Mülleimer quoll über und auch daneben befanden sich leere Bierflaschen.
Das Mädchen öffnete den Kühlschrank, doch außer einigen Flaschen Bier befand sich nichts darin.
Musste sie eben hungrig zu Bett gehen, wie so oft.
Noch einmal schaute sie sich um, dann wandte sie sich ab.
Früher hatte sie versucht hier Ordnung herein zu bringen, doch inzwischen hat sie resigniert.
Anna, bist du das, bring uns doch noch ein Bier, Liebling!“
Ihre Mutter hatte wohl die Tür des Kühlschranks gehört.
Das Mädchen gab keine Antwort und schlich die Treppe hinauf. Sie machte einen langen Schritt, um nicht auf die eine Stufe, die knarrte, zu treten.
Anna hatte früh gelernt sich unsichtbar zu machen.
Aufatmend schloss sie die Tür ihres Zimmers hinter sich.
Unten begann es nun laut zu werden. Ihre Eltern stritten sich, wer das Bier aus der Küche holen sollte.
Sie presste die Hände auf die Ohren und wankte zu ihrem Bett.
Zusammengerollt wie ein Fötus schloss sie die Augen.

Wärme umgab sie und ein lieblicher Duft umschmeichelte ihre Nase.
Anna öffnete die Augen und lachte fröhlich.
Sie lag inmitten einer blühenden Wiese. Schmetterlinge gaukelten an ihr vorbei, Bienen summten in ihrer Nähe und ein Marienkäfer ließ sich auf ihrer Stirn nieder. Sie bewegte sich etwas und er flog davon.
Anna setzte sich, die Arme um die Knie geschlungen, auf.
Ein glücklicher Seufzer hob ihre Brust. Sie war wieder zuhause, bei ihrer anderen Familie.
Ein achtjähriges Mädchen, ihre Schwester Melanie, tanzte über die Wiese und ließ sich neben ihr ins Gras fallen.
Da bist du wieder! Sieh mal was ich dir gemacht habe.“
Sie setzte ihr denselben Blumenkranz, den sie auf dem Kopf trug, ins Haar.
Nun sind wir Prinzessinnen.“
Der kleine Wirbelwind sprang auf und zog ihre Schwester mit hoch und ausgelassen tanzten sie über die Wiese.
Atemlos ließen sie sich fallen, doch Melanie konnte nicht lange still sitzen.
Komm gehen wir zum See und sehen nach wie viele Fische Alex gefangen hat.“
Alex war ihr vierzehnjähriger Bruder.
Der See funkelte im Sonnenschein, das Ruderboot, das an den Steg gebunden war, schaukelte leicht auf den Wellen. Alex stand breitbeinig am Ufer und hielt seine Angel ins Wasser.
Als er sie kommen hörte, drehte er sich um und legte den Finger auf den Mund.
Seine Schwestern verdrehten die Augen, wenn Alex angelte mussten sie immer leise sein.
Sie spähten in den Eimer, in dem bereits vier Forellen lagen und setzten sich dann auf den Steg, der einige Meter ins Wasser ragte und ließen die Beine baumeln.
Doch dann wurde es ihnen zu langweilig, gerade als Alex den fünften Fisch an Land zog.
Hand in Hand liefen sie nach Hause.
Der Vater kam aus dem Schuppen. Er trug einen Sack mit Holzkohle und zwinkerte ihnen zu.
Welch schöne Prinzessinnen geben uns heute die Ehre, habt ihr vielleicht euren Bruder, Junker Alex gesehen. Ich möchte nämlich den Grill anheizen und hoffe er hatte beim Fischen Glück.“
Die Mädchen knicksten kichernd und meinten.
Wir haben den Junker getroffen, gerade als er den fünften Fisch aus dem Wasser zog.“
Dann verschwanden sie im Haus.
Schmunzelnd sah der Vater ihnen nach und ging dann seinem Sohn entgegen.
Hand in Hand betraten die Mädchen die gemütliche Küche.
Ihre Mutter knetete gerade einen Brotteig.
Ihre Wangen waren gerötet und im Gesicht zeigten sich Spuren von Mehl.
Doch ihre Augen blitzten vergnügt, als sie ihre Töchter sah.
Zwei so schöne Prinzessinnen geben mir die Ehre, da wage ich ja gar nicht zu fragen, ob ihr mir beim Bereiten der Salate wohl helfen könnt.“
Wenig später standen die drei vergnügt um den Tisch herum und schälten und schnippelten.
Ein köstlicher Duft zog durch das geöffnete Küchenfenster und zeigt ihnen, dass die Fische bereits auf dem Grill lagen.
Flink deckten die Mädels draußen den Tisch.
Während es sich die fünfköpfige Familie schmecken ließ wurde erzählt und gelacht.
Nach dem Essen holte der Vater seine Mundharmonika aus der Tasche, klopfte sie auf dem Handrücken aus und spielte fröhliche Weisen.
Hell erklangen ihre schönen Stimmen, nur Alex, der bereits im Stimmbruch, brachte etwas Disharmonie in den Gesang.
Als sie ihn auslachten, spielte er den Beleidigten und hielt den Mund.
Doch seine vergnügt funkelnden Augen zeigten, dass er keineswegs beleidigt war.
Anna ließ glücklich ihren Blick umherschweifen und betrachtete ihre Familie.
Doch dann verblassten die Gesichter, bis sie ganz verschwanden.

Als Anna die Augen aufschlug war sie wieder in ihrem Zimmer, das ihm fahlen Licht des Mondes noch trostloser wirkte.
Sie fröstelte.
´Nein, sie wollte hier nicht sein. Sie wollte zurück zu ihrer anderen Familie!`
Sie drehte sich zur Wand und presste fest die Augen zu.
Doch der Schlaf kam nicht.
Über eine Stunde wälzte sie sich unruhig im Bett voller Sehnsucht nach der anderen Welt dort drüben.
Da fielen ihr die Schlaftabletten ihrer Mutter ein.
Sie schlich ins Bad und kramte das Röhrchen aus dem Schrank.
Ernst sah sie zu, wie die Tablette sich im Wasser auflöste.
Aber würde eine denn reichen? Wäre es nicht wieder ein viel zu kurzer Aufenthalt bei ihrer anderen Familie?

Kurzentschlossen schüttete sie auch die beiden Tabletten, die noch im Röhrchen waren, dazu.
Angewidert verzog sie das Gesicht, als sie den bitteren Geschmack auf der Zunge spürte.
Sie stolperte in ihr Zimmer und ließ sich auf das Bett fallen.

Am nächsten Morgen fand man die zwölfjährige Anna tot in ihrem Bett.
Auf ihrem Gesicht lag ein überirdisch schönes Lächeln.

© Lore Platz

Anmerkung:
Anna hatte nicht vor Selbstmord zu begehen, doch für den durch Hunger geschwächten Körper waren drei Schlaftabletten zu viel.







 
 

Kommentare:

  1. Liebe Lore, sooooo eine Geschichte hast du uns noch nie geschrieben!! Und sie ist sooooo schön - obwohl man dies bei der Tragik gar nicht sagen dürfte! Gut, dass es 'nur' eine Geschichte ist - in diesem Fall - doch leider hast du wohl auch die Realität, wie sie täglich irgendwo auf der Welt geschieht, erzählt. Man möchte diesen Kindern helfen, doch auch den Eltern müsste geholfen werden. Doch manche wollen es wohl gar nicht! Bis später - melde mich noch bei dir! Martina

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  2. Guten Morgen liebe Lore
    Eine sehr traurige Gesichte die zum herzen geht.
    in wieviel Familien wird es wirklich so sein, wenn sie dem Alkohol verfallen sind.
    Die Kinder müssen dann darunter leiden-
    Ein sonniges Wochhenende mit lieben Grüßen von Joachim

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  3. Liebe Lore,
    diese Geschichte geht zu Herzen und macht nachdenklich. Manchmal muss man auch solche Geschichten schreiben. Eltern, die dem Alkohol verfallen sind, zerstören leider nicht nur ihr eigenes Leben, sondern auch noch das ihrer Kinder.
    LG
    Astrid

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Für die lieben Kommentare möchte ich mich bedanken, ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich nicht immer dazu komme, sie zu beantworten.