Sonntag, 16. November 2014

November, die graue Eminenz

November, die graue Eminenz


Der November ist der Monat, den ich überhaupt nicht mag.
Sehe ich morgens aus dem Fenster, dann fühle ich mich als wäre ich im Inneren eines riesigen Spinnennetzes, gewebt von Tausenden von Spinnen, gefangen.
Ringsum ist die Landschaft von grauen Nebelschleiern umhüllt und dieses Grau setzt sich nahtlos fort in den Himmel.
Meine Gedanken werden bei diesem Anblick trübe und grau, selbst meine kleinen gefiederten Freunde haben keine Lust mehr zu zwitschern.
Wie vermisse ich das wunderschöne Lied der Amsel, die in einem Baum des Nachbargrundstückes ihr Nest hatte. Selbst das lärmende Tschilpen der Spatzen würde ich zu gerne wieder hören.
Ab und zu ist vielleicht das „Krakra“ eines Raben zu hören, aber sind diese Vögel in den Geschichten nicht die Begleiter von Hexen und Zauberern?
Nun gespenstisch ist er schon dieser November und deshalb ist es wohl auch kein Wunder, dass in Amerika die Nacht vor dem 1. November zur Gespensternacht erklärt wurde.
Bei uns ist der November der Monat unserer Verstorbenen.
An Allerheiligen treffen sich die Angehörigen an den Gräbern, um zu trauern und der Toten zu Gedenken.
Ich habe diesen Tag immer gehasst. Wir trafen uns bei unserer Mutter und während unsere Männer mit den Kindern in der schönen warmen Wohnung bleiben durften
mussten meine Schwestern und ich mit unserer Mutter auf
den Friedhof.
Während ich auf den marmornen schwarzen Stein starrte, auf dem der Name meines Vaters, sowie sein Geburts- und Todesdatum eingraviert war, empfand ich alles andere als Trauer.
Unmut machte sich in mir breit, ausgelöst von der Kälte die langsam von den Zehen bis zu meinen Knien nach oben kroch.
Warum musste ich hier vor einem leeren Grab stehen und warten bis der Pfarrer begleitet von zwei Ministranten zu uns kam, um das Grab zu segnen und ein Gebet zu sprechen.
Ich habe meinen Vater sehr geliebt, war so ein richtiges Papakind und es verging kein Tag, an dem ich nicht an ihn dachte. Ein Bild von ihm hatte ich vergrößern lassen.
Es hing rechts neben meinem Schreibtisch an der Wand und immer wenn ich dort saß, dann schenkte ich ihm ein Lächeln und schickte einen Gruß in die Welt, wo er jetzt lebt.
Doch zu diesem Grab hatte ich überhaupt keine Verbindung und spürte hier auch nicht seine Nähe.
Längst schon ist sein Körper verwest und eins mit der Erde geworden und seine Seele, die ist doch sowieso nie mitgegangen in das Grab.
Doch dann schämte ich mich meiner Gedanken. Für viele bedeutet so eine Grabstätte doch die einzige Verbindung noch zu ihren lieben Verstorbenen, die letzte Wohnstätte.
Und indem sie diese sauber machen und bepflanzen, können sie auch über den Tod hinaus für den geliebten Menschen sorgen.
Endlich kam der Priester zu uns, murmelte sein Gebet, sprach den Segen und sprengte Weihwasser über das Grab, dann ging er weiter.
Erleichtert wartete ich auf das Zeichen meiner Mutter zum Aufbruch.
Als mich dann die wohlige Wärme der Wohnung empfing, die Kinder uns fröhlich entgegenkamen, aus dem
Wohnzimmer die Stimmer unserer Männer drangen, da spürte ich, wie mit der Kälte auch meine trübe Stimmung abfiel.
Und ich dachte daran, dass der November ja nur dreißig Tage dauerte und dann der frostige, polternde Dezember kam, der die Welt in eine schöne weiße Decke hüllte.
Und der Weihnachtsdüfte, Weihnachtfreude und Weihnachtsfrieden mitbrachte.
Auch werde ich dann meinen kleinen gefiederten Freunden wieder begegnen, wenn ich das Vogelhäuschen aufstellte.

© Lore Platz





November

 
Der November bin ich,
der Oktober wurde nach Haus geschickt,
meine Länge ist dreißig Tag,
davon niemand einen mag.

Ich komme daher trutzig und kalt,
über alles habe ich die Gewalt,
herrisch und hart halt ich Gericht,
was sich nicht biegt das bricht.

Die Landschaft ist öd und leer,
Bäume haben auch kein Laub mehr,
die Wiesen weit und kahl,
das ist mein November Mahl.

Nebel wallen durch das ganze Land,
Feuchtigkeit und Sturm ich erfand.
Rutschpartien auf feuchten Laub,
Minusgrade, die Hände werden taub.

Laubsauger die ständig dröhnen,
das Laubwerk von uns föhnen,
Regen peitscht uns in das Gesicht,
dicke warm Kleidung ist Pflicht.

Morgentau zu Eis gefroren,
wir ziehen die Mütze über die Ohren,
dünne Eisschicht auf Teichen sich bildet,
Fische lustlos in diesem Gefilde.

Dieser Monat, Nr.11 im Jahr,
nicht immer der schlechteste war,
er hatte auch mal schöne Tage,
ist immer verdammt in seiner Lage.


Die Nachtigall







 


Kommentare:

  1. Jaja, der November. Keine Ahnung, warum ich ihn mir als meinen Geburtsmonat ausgesucht habe. Ich mag ihn nämlich auch nicht so doll. Aber er ist der Monat vor dem Christfest - und das ist nun wirklich ein Lichtblick! LG Martina

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  2. Vielen Dank Lore, für deinen etwas traurigen aber wunderschönen Beitrag.

    Liebe Grüße, Margot.

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  3. Die Nachtigall hat dir wieder dies traurige November-Gedicht zukommen lassen. Dazu möchte ich ihm meinen Respekt zollen und du liebe Lore hab Dank, dass du dieses berührende Gedicht hier veröffentlicht hast. LG. Gerda R.

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Für die lieben Kommentare möchte ich mich bedanken, ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich nicht immer dazu komme, sie zu beantworten.