Montag, 22. Dezember 2014

Ich lade gern mir Gäste ein

Meine Freundin Eva, die den größten Teil des Jahres
mit ihrem Mann in ihrem Haus in Norwegen verbringt, hat mir eine hübsche Geschichte von einem kleinen Jungen und einem zahmen Rentier geschickt. 
Inspiriert wurde sie zu der Geschichte durch einen Vorfall  in einem Nachbarort. 
Ein zahmes Rentier lebte dort und wurde von einem doofen Jäger erschossen. 
Die Aufregung war groß und der Sonntagsjäger wurde angezeigt.
Das Rentier hieß Reinert!

Viel Spaß beim Lesen!



Lars und das Rentier Reiniheini - Weihnachtswünsche

Der Kachelofen knisterte. Papa, Mama und Lars sassen am Frühstückstisch in der Wohnküche. Es war Samstag Vormittag. Kater Luxohr lag auf der Ofenbank, streckte sich gähnend und rollte sich wieder zusammen, um schnurrend weiter sein Schläfchen zu halten.
In Wachhaltung lag Terrier Trippel an der Tür und verfolgte aufmerksam, was passierte. 
Papa goss noch Kaffee in die großen bunten Henkeltassen und Mama las die Lokalzeitung. 
Lars wollte zum Spielen nach draußen, er wurde schon wieder zappelig. 
Sie waren auf einem alten Smaabruk mit einer Ansammlung von alten, liebvoll restaurierten Holzhäusern, den Papa von Onkel Erland geerbt hatte, zu Hause, der am Waldrand mitten von zwei großenWiesen umgeben, in einem kleinen Gebirgsort in Südnorwegen lag.
Plötzlich lachte Mama beim Lesen. "Hast Du von dem zahmen Rentier gehört, dass sich am Storskaret aufhält?"
"Ja, ich habe den Burschen schon einige Male gesehen.", antwortete Papa.
"Schau , Lars, hier ist ein Bild in der Zeitung"!
Das Foto zeigte ein schneeweißes Tier mit nur einem Geweih. Das war doch etwas. Lars war ganz aufgeregt, ein zahmes Rentier.
"Bitte, Mama, Papa, können wir hinfahren und es aufsuchen?", bettelte Lars.
Mama schaute Papa an und der nickte.
"Lars, in einer Stunde fahren wir los. Du gehst Dein Zimmer aufräumen und ich die Küche", bestimmte Mama.
Wie ein Wirbelwind sauste Lars in sein Zimmer, die Klamotten auf dem Boden sammelte er zusammen und legte sie in die Fächer, die Schmutzwäsche stopfte er in den Sack, den Mama hingehängt hatte, die Spielsachen kamen in die große Kiste unter das Bett, er machte auf seinen Schreibtisch Ordnung, das Malzeug wanderte wieder in den Malkasten, verstreute Stifte in den Becher. Alles sah ordentlich aus.
Er sauste herunter in die Diele und zog den gepolsterten Anorack, warmen Stiefel, die dicke Wollmütze und gestrickte Fäustlinge von Oma an.
Mama und Papa kamen warm eingepackt aus dem Haus. Lars stand startklar an Papas Auto. Trippel bellte und sprang ihm freudig um die Beine. Alle stiegen in den Wagen und los ging es in Richtung Setervegen. Es waren 10 Grad minus und heute Nacht hatte es ganz leicht geschneit. Sie fuhren ca. 20 Minuten immer in Serpentinen hoch ins Gebirge.
 Zum Glück hatte Papa sehr gute Winterreifen mit Spikes, denn es war recht glatt auf dem Weg, An einem Seter parkten sie. Dann ging es zu Fuss auf einem kleinen Waldweg entlang steil in die Höhe. 
Trippel, der Terrier, lief Schwanz wedelnd voraus. Er war ein gut erzogener, braver kleiner Hund, der aufs Wort hörte. 
Die Tannen und Kiefern waren leicht mit feinem Schnee eingezuckert. Dann erreichten sie einen Felsvorsprung mit einer großen geraden Fläche. Von hier aus hatte man eine wundervolle Aussicht über das ganze Tal, mit dem großen See, der türkisfarben mit den Segmenten der Gletscher noch eisfrei dalag, ringsum die schneebedeckten Gebirgsketten, die teilweise von der rosa Wintersonne angeleuchtet wurden und ihren Ort, wo sie wohnten.
Papa hatte sein Fernglas mit, sie machten sich einen Spaß daraus, alles von oben zu beobachten.
"Ich seh Anna mit ihrem Papa", bemerkte Lars aufgeregt.
Sie wohnte 500 Meter entfernt auf dem Nachbarbauernhof mit ihrem Papa und dessen Freund. Anna‘s Eltern waren geschieden und ihre Mama wohnte in Oslo. Anna‘s Papa bewirtschaftete seinen Bauernhof ökologisch mit Kühen, Schafen und Ziegen, ein wundervoller Spielplatz für Lars und Anna. Sie war seine beste Freundin.
"Hallo, Anna", brüllte Lars und winkte. Aber das Schreien erreichte natürlich nicht das Tal.
Lars musste an das Rentier denken. Ob es wohl kam. Er hielt vor Spannung die Luft an.
Plötzlich krachte es leicht im Unterholz und wie ein Blitz, fast magisch, stand das schneeweisse Rentier vor ihnen. Lars schaute gebannt auf das wunderschöne Tier mit dem einen Geweih. Er hielt Mamas Hand ganz fest, sein Herz klopfte ganz laut,.
"Darf ich es streicheln, Papa?"
"Versuche es Lars!"
Schüchtern ging Lars auf das Tier zu, damit es ihn erst einmal beschnuppern konnte, hielt seine Hand an die Nase des Rentiers, dann streichelte er vorsichtig, zart den Kopf. Das Rentier schnaubte leise und genoss das Streicheln.
"Wenn Du mich hörst", sprach das Rentier, "dann nicke nur!" .
"Komme morgen Nachmittag um 4.00 Uhr an den Waldrand bei der großen Wiese und spreche mit keinem darüber".
Lars nickte wie hypnotisiert. Das Rentier drehte sich um und trabte im wiegenden, fliegenden Schritt davon. Hatte das weiße Rentier wirklich mit ihm gesprochen? Lars war ganz ergriffen und leicht verstört über das gerade Erlebte. Träumte er oder war es wahr?
Gedankenverloren trottete er zum parkenden Auto hinter seinen Eltern her. Was das wohl bedeutete morgen?

Lars war kurz vor 4 Uhr warm eingepackt. Es war schon 15 Grad minus. "Ich gehe mit Trippel noch einmal heraus", sagte er zu seiner Mutter
"Ja mache das", antwortete Mama. "bleibe aber nicht zu lange, es gibt bald Essen".
Lars und Trippel rannten um die Wette über die Wiese hoch zum Waldrand.
"Bei Fuß", rief Lars ausser Atem Trippel zu, "Du musst jetzt ganz brav sein".
Der Hund setzte sich vor die Füße von Lars.
Lars Atem war in der Kälte zu sehen und sein Herz klopfte heftig vor Aufregung, was würde gleich passieren?
Der Vollmond stand schon leuchtend am Himmel. Langsam wurde es dunkel, leicht leuchteten die Lichter der Häuser. In der Ferne unterbrach der Motor eines Traktors die Stille.
Plötzlich knackte es hinter Lars und das weiße Rentier kam aus den Bäumen heraus.
"Hallo, ich bin Reiniheini und wer bist Du?", fragte das Rentier.
"Ich bin Lars".
"Erzähle mehr von Dir, kleiner Lars".
Es war schon komisch einem sprechenden Rentier von sich zu erzählen, Lars räusperte sich und war ganz verlegen, dann begann er zu erzählen.
"Ich bin schon 6 Jahre alt, gehe in die Vorschule, aber im Kindergarten hat es mir besser gefallen, da muss man nicht so viele Stunden stillsitzen und dort unten wohne ich zusammen mit Mama und Papa, Luxohr, dem rotgetigerte Kater und Trippel ,dem Terrier".
Trippel knurrte leicht, ihm schien alles nicht so geheuer und um Lars drehte sich alles.
Lars war ganz entzückt von dem Anblick des wunderschönen Kopfes dieses Tieres. Es hatte so wunderbare Augen mit ganz langen Wimpern, die aber so traurig dreinschauten. Das Rentier scharrte mit seinen Hufen und schaute unter sich.
"Du siehst so traurig aus, Reiniheini?"
"Ich habe im letzten Winter bei dem Abgang der großen Lawine bei Lomseggen meine ganze Herde verloren und seitdem bin ich sehr einsam."
Das weiße Rentier hatte Tränen in den Augen. Lars schniefte leicht, er musste mit den Tränen kämpfen und Trippel jaulte ganz leise.
Lars umarmte den Hals des Rentieres und streichelte Reiniheini ganz zart.
"Kannst Du Dich nicht einer anderen Herde anschließen", fragte Lars. "damit Du nicht so alleine bist?,
"Das ist nicht so einfach in eine Herde zu kommen, als junges, männliches Rentier, es kommt dann zu Kämpfen mit dem Leittier. Und mit meinem einen Geweih bin ich nicht gut dran", antwortete Reiniheini, "das zweite habe ich bei dem Lawinenunglück verloren und bisher ist es nicht mehr nachgewachsen".
"Kann ich Dir etwas Gutes tun, damit Du nicht mehr so traurig bist?"
"Ach Lars", seufzte Reiniheini, " schon dass ich mit Dir reden kann, macht mich freudig und ich fühle mich nicht mehr so einsam."
Mit seiner rauen Zunge leckte Reiniheini die Hand von Lars. Das kitzelte sehr und er musste kichern.
"Ich muss jetzt nach Hause, Reiniheini, es gibt gleich Abendessen und Mama wartet."
"Lars, hast Du morgen Abend wieder Zeit?"
"Ja um 6.00 Uhr, da sind Mama und Papa beim Elternabend."
"Ich freue mich, sind wir jetzt Freunde, Lars?"
Er umarmte ihn ganz fest und drückte einen Kuss auf die weiche, feuchte Nase.
" Ja, Reiniheini, wir sind Freunde."
"Komm Trippel, wir müssen nach Hause".
"Bis morgen Reiniheini!" Lars winkte dem Rentier und rannte mit dem Hund die Wiese herunter.
"Bis morgen Lars" , rief Reiniheini Lars nach,"aber behalte für dich, dass wir miteinander sprechen", drehte sich um und verschwand mit leichten, wiegenden Schritten im Dunkeln des Waldes.

Die Fenster auf den Höfen waren überall mit Weihnachtssternen und -girlanden geschmückt. Die Landschaft wirkte vorweihnachtlich. Es schneite und Lars freute sich schon auf Weihnachten. Er war in Gedanken, plötzlich stand Reiniheini neben ihm.
"An was denkst Du Lars?"
"An Weihnachten!"
"Was wünschst Du Dir zu Weihnachten, kleiner Lars?"
"Eine Schlittenfahrt zusammen mit Dir, meinen Eltern und meiner besten Freundin Anna, das wird bestimmt toll und eine Gokart-Ausrüstung. Vor einer Woche ist endlich die neue Bahn im Ort eröffnet worden und ohne darf man nicht fahren. Mama findet mich noch zu klein", bemerkte Lars, "aber Papa erlaubt es mir".

"Und was wünschst Du Dir lieber Reiniheini?, fragte Lars
Ganz verlegen blickte Reiniheini nach unten und scharrte mit einem Huf im Schnee.
"Eine hübsche Rentierfrau", flüsterte das Rentier, "das ist mein größter Wunsch".
"Früher habe ich mir immer eine leuchtende, rote Nase gewünscht, wie sie Rudolf, das Rentier hat und wollte dann mit im Schlittengespann des Weihnachtsmann fahren."

Lars seufzte, weil ihm das eben Gehörte unerreichbar erschien, machte aber dem Rentier Hoffnung für seine Wünsche.
" Du musst fest daran glauben, Reiniheini, dann wird alles in Erfüllung gehen!"

Lars war gerade aus dem Schulbus gestiegen und trabte den Weg zum Hof hinauf, dort stand das Auto von Tante Randi mit dem Pferdeanhänger. es waren Weihnachtsferien und sein letzter Schultag. Lars war neugierig, was das wohl bedeutete? Am Hof angekommen, sah er in dem eingezäunten Gatter ein Rentier stehen.
"Hallo Tante Randi, was macht das Rentier hier?" fragte Lars ganz aufgeregt.
"Wir haben es in Pflege, bis es wieder ganz in Ordnung ist", antwortete Papa.

Tante Randi, die Tierärztin war, erzählte, dass sie das Tier im Gebirge verletzt gefunden und es bei einer OP wieder zusammengeflickt hatten. Jetzt braucht es nur noch einige Zeit Schonung auf Papas Hof.
"Ist es ein weiblich?", fragte Lars.
"Ja!", antwortete Tante Randi.
Papa, der Nationalparkverwalter war, hatte schon oft verletzte Wildtiere in Pflege.
Wäre das nicht die Erfüllung des Wunsches von Reiniheini? Das Herz von Lars tat einen Hüpfer.
Alles lief doch wie am Schnürchen. Lars war auch gestern bei Onkel Henning gewesen, der ihm beim Basteln einer roten, leuchtenden Nase für Reiniheini behilflich war. Weihnachten konnte kommen.

Es war Mittag am Juleaften, dem Heiligen Abend, musste Lars mit Papa den Weihnachtensbaum aufstellen und schmücken.
"Ich gehe noch einmal mit Trippel raus bevor es ganz dunkel wird", erklärte Lars schon mit Anorack, Mütze und Schal angezogen, seinem Papa. Gleich würde er sich mit Reiniheini am Waldrand treffen.
"Vergesse die Handschuhe nicht!" ermahnte Mama aus der Küche, die das Festmahl für den Abend vorbereitete.
Trippel lief aufgeregt mit wedelndem Schwanz zur Haustür.
"Komm Trippel, los geht es", rief Lars.

Mama und Papa schauten den Beiden nach, die um die Wette die Wiese hoch rannten, wo das weiße Rentier mit dem einen Geweih stand. Ihr Sohn umarmte das Rentier und sie liefen gemeinsam zu dem Gatter wo das in Pflege stehende Rentier untergebracht war.
"Mir schwant da etwas!", sagte Papa.
"Mir auch!", antwortete Mama.
Beide lachten und umarmten sich.

Lars hatte ihn aufgefordert, die Augen zu schließen. Reiniheini war ganz gespannt, was Lars ihm zeigen wollte.
"Jetzt öffne die Augen!" Reiniheini.
Sie standen vor einem Gatter, darin stand ein bezauberndes, weißgraues Rentiermädchen. Das hatte Reniheini nicht erwartet, er war total überrascht.

"Frohe Weihnachten - God Jul, Reiniheini.", rief Lars und er umarmte das Rentier, setzte ihm noch die gebastelte, rote Leuchtnase auf.

"Vielen Dank, Lars God Jul - frohe Weihnachten und bis bald zur Schlittenfahrt, ", rief Reiniheini Lars nach, der mit Trippel glücklich in großen Sprüngen die Wiese hinabhüpfte.

©Eva V.








Kommentare:

  1. Danke für die schöne Geschichte!
    Ich wünsche Dir einen guten Start in eine wunderschöne Weihnachtswoche!
    ♥ Allerliebste Grüße, Claudia ♥

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  2. Wie rührend eine wunderschöne Weihnchstgeshcichte vom Rentier!
    Danke an Eva und an dir lieb Lore.
    Ich wünsche dir ein schönen Tag!
    Lieben Gruss Elke

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  3. Man merkt beim Lesen dieser wunderschönen Geschichte dass die Autorin die meiste Zeit in Norwegen lebt. Vieles ist so genau beschrieben, einfach große Klasse. Vielen Dank an Eva und auch an dich, liebe Lore für das einstellen der Geschichte. LG Christa

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  4. Ich kann mich dem nur anschließen. Auch ich fand die Geschichte sehr, sehr gut!!!
    LG Martina

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Für die lieben Kommentare möchte ich mich bedanken, ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich nicht immer dazu komme, sie zu beantworten.