Dienstag, 13. Januar 2015

Die zweite Chance - Reizwortgeschichte

 
Reizwörter
Konzert, Geruch, verlassen, denken, dunkelrot
Ich wünsche euch viel Spaß beim Lesen!






Die zweite Chance



Sinnend sah Franziska aus dem Fenster.
Eben war ihre Freundin Elke hier gewesen und hatte ihr zwei Karten für das Konzert, das heute Abend um 19.30 im Münchner Stadttheater vom Kammerorchester der Bayrischen Philharmonie aufgeführt wurde, da gelassen.
Das Musikereignis fand zur Erinnerung an den Geburtstag von Wolfgang Amadeus Mozart am 27.1.1756, statt.
Franziska liebte die Musik von Mozart und sollte sich eigentlich freuen, aber trotzdem wusste sie nicht, ob sie hingehen sollte.
Elke wollte nämlich mit ihrem Vetter Christian, der seit kurzem wieder in Deutschland lebte, das Konzert besuchen, aber dann hatten bei ihrer Tochter vorzeitig die Wehen eingesetzt.
Da sie ihren Vetter nicht erreichen konnte, bat sie ihre Freundin doch an ihrer Stelle ins Theater zu gehen.
Christian würde um sieben Uhr vor dem Eingang warten.
Franziska lächelte wehmütig.
Christian, ihre erste große Liebe!
Übermütig und verliebt waren sie gewesen und dachten die ganze Welt gehöre ihnen und nichts könnte ihre Liebe zerstören, denn sie war für immer.
Wie naiv sie doch waren!
Doch dann hatte ein kinderloser Onkel in Kanada den Geliebten gebeten in seine Firma einzusteigen und dieser war sofort Feuer und Flamme.
Sie wollten sich schreiben und ihre Liebe würde an dieser Prüfung nicht scheitern, schworen sie sich.
Am Anfang gingen die Luftpostbriefe auch eifrig hin und her, doch dann wurden sie immer spärlicher.
Und sie hatte dann ihren Mann Bernd kennen gelernt und auch Christian hatte geheiratet.
Und nun war er wieder hier.
Elke hatte ihr erzählt, dass seine Frau gestorben war, Christian seinem Sohn die Firma übergeben und Kanada für immer verlassen hatte, um in Deutschland zu bleiben.
Ein brenzeliger Geruch stieg ihr in die Nase.
Ihr Kuchen! Schnell eilte sie in die Küche und konnte ihn gerade noch retten.
Ein Blick auf die Uhr zeigte ihr, dass sie sich fertig machen sollte.
Nachdem das sechste Kleid auf dem Bett gelandet war, fing sie plötzlich an zu lachen.
So lange sie denken konnte hatte sie sich nicht so benommen.
Kurzentschlossen zog sie das dunkelrote Kleid aus dem Stapel und schlüpfte hinein.
Sie drehte sich vor dem Spiegel, eigentlich sah sie ja noch recht gut aus für ihre sechzig Jahre.

Kurz vor sieben Uhr stieg Franziska vor dem Theater aus dem Taxi.
Mit klopfendem Herzen blickte sie sich um und dann sah sie ihn stehen.
Er hatte sich kaum verändert, nur seine Haare waren grau geworden.
Zögernd trat sie auf ihn.
Hallo, Christian!“
Ein Strahlen ging über sein Gesicht.
Franziska! Du bist noch genauso schön wie früher!“
Alter Schmeichler!“

Sie lachten und der Bann war gebrochen.
Es war, als wären sie erst gestern auseinander gegangen und nicht vor vierzig Jahren.

Christian betrachtete von der Seite das Gesicht seiner Freundin, die versunken den Klängen der Musik lauschte.
Und er dankte im Stillen seiner Kusine, die dieses kleine Komplott mit ihm geschmiedet hatte.
Er wusste, dass auch Franziska inzwischen Witwe war und diesmal würde er sie nicht mehr loslassen.
Er hatte eine zweite Chance bekommen und wollte sie auch nützen.

© Lore Platz