Dienstag, 19. Mai 2015

Der Streit der Buchstaben - Reizwortgeschichten

Zuerst möchte ich eine neue Mitschreiberin begrüßen, herzlich willkommen Sophie.
Könnt ihr euch noch erinnern, wie ich einst schrieb, dass es sich bei den Reizwortgeschichten-Scheiberinnen wie in dem Lied der zehn kleinen Negerlein handelt, nur im umgekehrten Sinn.
Nun sieht es so aus als würden wir der Zahl zehn immer näher kommen.

Heute geht es um die Reizwörter:
Lexikon, Karte, zeichnen, wunderbar, berühren

Die Bilder dazu hat mir wieder Heide Marie K. gezeichnet, wofür ich mich herzlich bedanken möchte.

Viel Spaß beim Lesen!






Der Streit der Buchstaben


Schrill ertönt die Schulglocke und lärmend stürzen die Erstklässler in den Schulhof, wo sie von ihren Müttern oder Omas bereits erwartet werden.
Johanna und ihre Freundin Christa dürfen schon allein nach Hause gehen, denn sie wohnen ganz in der Nähe.
Johanna winkt ihrer Freundin nach, als diese durch das Gartentor zu ihrem Haus läuft, dann hüpft sie vergnügt weiter.
Frau Baumann schneidet gerade einen Kopf Salat vorsichtig ab und blickt lächelnd ihrer kleinen Tochter entgegen.
Du kommst aber früh heute?“
Die letzte Stunde ist ausgefallen, Kaplan Werder ist krank.“
Das Essen ist aber noch nicht fertig.“
Das macht nichts, ich habe noch keinen Hunger, dann kann ich gleich meine Hausaufgaben machen und nach dem Essen zu Christa gehen. Wir wollen eine Karte für Frau Kebinger zeichnen, weil sie doch bald Geburtstag hat“
Johanna darf nämlich erst zum Spielen, wenn die Hausaufgaben gemacht sind.
Wenig später sitzt sie am Küchentisch. Ihre Mutter beugt sich über ihre Schulter.
Eifrig erklärt ihr das Mädchen:
Heute haben wir die letzten drei Buchstaben des Alphabets gelernt, X,Y, und Z. Siehst du...“
Sie deutet auf die linke Heftseite auf der 'Zebra' steht.
Das Zebra beginnt mit Z und wir müssen die ganze Seite
mit diesem Wort schreiben und hier...“
Johanna zeigt auf die rechte Seite des Hefts auf der ein sehr langes Wort steht, das die ganze Zeile füllt.
Das heißt Xylo..., Xylof..., Xylofo..., Xylofon und es ist ein X und ein Y drin. Damit kann man Musik machen. Weißt du wie es aussieht?“
Hat euch Frau Kebinger das nicht gezeigt?“
Johanna schüttelt den Kopf. „Nein sie hatte leider kein Bild.“


Dann wollen wir doch mal in Papas Lexikon nachsehen!“
Das Mädchen strahlt.
Das Lexikon ihres Vater war ein dickes in Leder gebundenes Buch mit vielen bunten Bildern und Papa hütete es wie einen Schatz.
Er hatte es von seinem Opa, der leider schon tot war, zum Schulabschluss bekommen.
Johanna war es verboten es anzufassen, nur wenn Mama oder Papa dabei waren.
Als die Mutter das Buch aus dem Regal im Wohnzimmer zieht, berührt Hanna ehrfürchtig das braune Leder.



Sie setzen sich auf das Sofa und Frau Baumann sucht die Seite mit dem Buchstaben 'X'.
Als das Mädchen das Musikinstrument sieht, ruft sie:
Aber das kenne ich, so etwas hat mir doch Tante Grete einmal geschenkt, nur waren Frösche darauf und immer wenn ich mit dem Hämmerchen auf einen Ton geklopft habe, dann haben sie gequakt.“
Sie runzelt die Stirn.
Eines Tages war es verschwunden und ich konnte es nicht mehr finden?“
Ihre Mutter wird ein wenig rot, denn daran war sie schuld, das Ding machte einen grässlichen misstönenden Lärm, dass sie es einfach heimlich entsorgte, als Hanna im Kindergarten war.
Um das Kind abzulenken, blättert sie schnell weiter zum Z
und deutet auf das Zebra.
Johanna winkt ab. „Das habe ich doch im Zoo gesehen.“
Frau Baumann stellt das Buch zurück und sie gehen in die Küche.

Es ist Abend und der gute alte Mond wandert seine Bahn.
Vor Johannas Fenster verweilt er und lässt einen seiner silbernen Strahlen in das Zimmer gleiten.
Lächelnd betrachtet er das vom Schlaf zart gerötete Gesicht und streichelt sanft über die Wange des Mädchens, das leise lächelt.
Doch dann runzelt der alte Geselle die Stirn.
Die pinkfarbene Schultasche öffnet sich und ein leises Schimpfen und Murmeln ist zu hören.
Buchstaben verlassen die Mappe und klettern an dem Tischbein empor, um auf dem Tisch heftig zu streiten anzufangen.
Der Mond spitzt die Ohren.
 „Ich bin der wichtigste Buchstabe, denn ich stehe für 'Anfang',“ ruft das A.
Wenn das so ist, dann bin ich der wichtigste, denn ich stehe für Ende!“ brüllt das E.
Unsinn!“ behauptet sich das S , „für das Wort 'Schluss' bin ich verantwortlich.
Quatsch! Was wären die Menschen wohl ohne Leben, also bin ich am allerwichtigsten, „ meldet sich das L.
Ach ja und gäbe es das Feuer nicht, könnten die Menschen gar nicht kochen,“ ereifert sich das F.
Und was ist mit dem Licht!“ ruft das L „ und was mit dem Bett,“ meint das B.
Ich kann Wunder vollbringen, Wünsche erfüllen und das ist wirklich wunderbar!“ erklärt das W.
Und nun rufen alle durcheinander, jeder weiß ein anderes besonders wichtiges Wort und will die anderen damit übertrumpfen.
 Nur das K steht mit verschränkten Armen etwas abseits und betrachtet Kopf schüttelnd die Streithähne.
Das fällt dem D auf und es stellt sich breitspurige
vor das K .
Du bist ja so still, gibt wohl kein Wort das wichtig wäre.“
Das K zieht eine Augenbraue nach oben und lächelt überlegen.
Oh doch, es gibt sogar ein sehr wichtiges Wort an dessen Anfang ich stehe und es ist sogar das Gegenstück zu einem Wort von dir?“
Pah, und was wäre das?“
Die Klugheit!“
Einen Moment sind die Buchstaben still, doch dann ruft das vorwitzige V:
Und das Gegenstück ist die Dummheit. Das D ist dumm!“



Alle fangen zu lachen an und das O lässt sich sogar auf den Rücken fallen und strampelt mit Armen und Beinen.
Das D aber wird puterrot, ballt die Fäuste und macht einen Schritt auf das K zu.
Schnell stellt sich das F dazwischen, denn schließlich ist es für den Frieden verantwortlich.
Das K aber bleibt ganz ruhig und wartet bis seine Kameraden sich wieder beruhigt haben.
Dann aber sagt es ernst:
Ihr streitet euch wer für das wichtigste Wort verantwortlich ist, dabei habt ihr aber vergessen, dass ein einzelner Buchstabe kein Wort bilden kann.
Nur mit Hilfe eurer Kameraden entstehen doch Wörter.
Was wäre der Apfel ohne das p – f - e und l, der Wind ohne das i - n und d und die Sonne ohne das o – die n-Zwillinge und das e.
Die Buchstaben schweigen betroffen und senken beschämt die Köpfe.
Daran haben sie nicht gedacht, nur das K. Kein Wunder, dass es für das Wort Klugheit verantwortlich ist.
Dann aber lachen sie fröhlich und befreit auf, fassen sich an den Händen und tanzen jubelnd um das K herum.
Als Johanna sich unruhig im Bett bewegt, werden sie ganz leise, rutschen das Tischbein hinunter und verschwinden im Schulranzen.
Der Mond aber zieht lächelnd weiter

© Lore Platz


Übrigens hatte meine Tochter ein so grässliches Frosch-Xylofon. Aber ich habe es NICHT heimlich verschwinden lassen.



Kommentare:

  1. Liebe Lore,
    das hat Freude gemacht, Deine Geschichte zu lesen. Ein bisschen wie mit den Buchstaben ist es auch mit den Menschen. Was wären wir ohne unsere Mitmenschen? Jeder von uns hat andere Fähigkeiten und so können wir einander ergänzen. Keiner von uns kann alles, aber gemeinsam kann man viel erreichen.
    LG
    Astrid

    AntwortenLöschen
  2. Liebe Lore, auch dir vielen Dank für dein Willkommen - es ist einfach zauberhaft welche fantastischen Geschichten sich aus Buchstaben machen lassen -

    wenn mir mal nichts einfällt, dann nehme ich die störrischen Buchstaben, werfe sie in einen Topf mit heißem Wasser und koche sie - dann werden sie von ganz allein weich und anschmiegsam :-)

    AntwortenLöschen
  3. Danke, Lore, sehr gut beschrieben, ich war lebhaft dabei bei Deiner Buchstaben-Geschichte.

    Freu mich auf die nächsten Geschichten.

    Alles Liebe
    Eva :)
    https://evasgeschichten.wordpress.com

    AntwortenLöschen
  4. Liebe Lore, oh wie schön, deine Geschichte. Und dass die Mama das grässliche Musikinstrument verschwinden lassen hat, hihi, das mache ich auch so, wenn etwas nervt! Die Bilder von Heidi sind wunderschön!Liebe Grüße Eva

    AntwortenLöschen
  5. Liebe Lore, diese lustige und auch nachdenkliche Buchstabengeschichte hast du wieder ganz doll hingekriegt. Gell, da muss man erst mal draufkommen und ich bewundere deine Fantasie, dank dir und wünsch dir alles Gute und Liebe. Gerda Reichhart

    AntwortenLöschen
  6. Liebe Lore,
    eine wunderbare Geschichte, eine, die auch Lukas gefallen wird, der sich gerade sehr intensiv mit den Buchstaben beschäftigt und viele Fragen dazu stellt!
    Danke - auch die Bilder sind zauberhaft!
    Herzliche Grüße
    Regina

    AntwortenLöschen
  7. Wow, Lore, ich bin beeindruckt! Einfach klasse! Auf so eine hübsche (und noch dazu lehrreiche) Geschichte wäre ICH nie gekommen! Ein Buchstabe ist nichts wert ohne die anderen - und - wie Astrid so schön schreibt - auch wir Menschen brauchen andere, die uns ergänzen.
    Vielen Dank für Deine tolle Geschichte, und die wunderschönen Bilder, die Deine Freundin dazu gezeichnet hat. Es passt einfach alles zusammen. Hut ab!
    Liebe Grüße
    Christine

    AntwortenLöschen
  8. Und da erzählst du mir am Telefon, du hättest doch schon über ALLES geschrieben und dir fiele GANZ und GAR NICHTS mehr ein!!! - Bravo!!! Dir ist noch etwas Neues aus der Feder geflossen. Eine grandiose Idee, liebe Lore! Und merkste was: Es wird niiiieee ein Ende geben. Dir wird immer wieder etwas einfallen!!! LG Martina

    AntwortenLöschen
  9. Was für eine wunderbare Geschichte liebe Lore ach herrlich wie die Buchstaben lebendig wurden... !
    Die Bilder sind wieder so schön gemalt zu diener Geschichte!
    Lieben Gruss Elke

    AntwortenLöschen
  10. Heide Marie,
    Lore
    Suuuuperentzückend diese Geschichte!!!!
    Ihr seid tolle Künstlerinnen! Danke
    Liebe Grüße
    Frauke

    AntwortenLöschen

Für die lieben Kommentare möchte ich mich bedanken, ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich nicht immer dazu komme, sie zu beantworten.