Dienstag, 5. Mai 2015

Gibt es ein Leben nach den Kindern? - Reizwortgeschichte


 Reizwörter: Gemüse. Hausfrauen, griesgrämig, 
                    kaufen, zaubern


Meine Tochter begann ihre Ausbildung in München, doch dann beschloss sie diese in Berlin zu beenden.
Sie schrieb damals kleine Geschichten, die sie im Internet veröffentlichte und lernte dadurch einen jungen Mann kennen, der einen kleinen Radiosender hatte und ihre Werke dort vortrug.
Dann wurde in dessen WG ein Zimmer frei und meine Tochter zog es nach Berlin.
Das war ein Schock für mich, dachte ich doch sie würde während ihrer Ausbildungszeit noch bei uns bleiben.
Tränen flossen natürlich bei mir, aber nur heimlich.
Denn Kinder muss man ziehen lassen, wenn sie ihre Flügel ausprobieren wollen.
Dieses Thema habe ich nun in meiner heutigen Geschichte verarbeitet.  
Viel Spaß beim Lesen!







Gibt es ein Leben nach den Kindern?


Bärbel steht an der Tür und winkt dem Auto nach.
Nun hat auch ihr Nesthäkchen das heimatliche Nest verlassen.
Frank bringt sie gerade nach München zum Bahnhof und von dort fährt sie dann nach Berlin, wo sie ihre Ausbildung beenden will.
Durch einen Glücksfall hat sie ein Zimmer in einer WG bekommen.
Seufzend wendet sich die Frau um und geht ins Haus, das jetzt so merkwürdig still und verlassen wirkt.
Und nun kommen die Tränen, die sie bisher so tapfer unterdrückt hat.
Tag an Tag reiht sich aneinander und Bärbel weiß oft nichts mit sich anzufangen. Als sie wieder einmal zum dritten Mal über die frisch polierte Spüle fährt, lässt sie sich ermattet auf einen Stuhl fallen.
Die Stille erdrückt sie.
Wie sehr vermisst sie doch den Lärm, die Fröhlichkeit und selbst das Chaos, das ihre Kinder immer hinterlassen hatten bevor sie das Haus verließen, um dann in einigen Stunden wieder zu kommen, hungrig und voll von ihren Erlebnissen.
Schluss mit dem sinnlosen Putzen!
Sie musste raus hier.
Kurzentschlossen greift sie ihren Korb, wirft Schlüssel und Geldbörse hinein und verlässt das Haus.
Auf dem Wochenmarkt sind um diese Zeit nur Hausfrauen zu treffen.
Bärbel schlendert zum Stand von Erna Waldinger, bei der sie seit Jahren immer einkauft.
Die alte Frau begrüßt sie mit einem Lächeln und packt das gewünschte Gemüse in ihren Korb.
Als sie ihr das Wechselgeld zurückgibt meint sie schmunzelnd.
Ihre Einkäufe werden immer weniger.“
Bärbel nickt.
Nun hat auch unser Nesthäkchen das Nest verlassen und mein Mann und ich sind alleine.“
So ist es im Leben, die Kinder werden flügge.
Ich habe ihr drei ja aufwachsen sehen. Es sind prima Kinder und sie müssen sich keine Sorgen machen, die werden sich in der Welt behaupten.“
Aber sie fehlen mir und zuhause ist es so entsetzlich still!“
Das ist der Lauf der Welt, daran kann man nichts ändern, aber es ist doch auch eine Chance und sie könnten etwas für sich tun.“
Vielleicht, auf Wiedersehen.“
Mit müden Schritten schlendert sie weiter.
Bärbel, Bärbel!“
Bärbel sieht sich um und entdeckt vor dem
Cafe Bergmeister ihre ehemalige Schulfreundin Adelheid.
Mensch Heidi, seit wann bist du denn wieder hier.“
Noch nicht lange, aber setze dich doch. Wie geht es dir denn?“
Bärbel schüttet der Freundin ihr Herz aus.
Ich habe ja keine Familie, da mein Beruf mich immer zu sehr in Anspruch genommen hat, aber manchmal sind solche Veränderungen auch eine Chance.“
Das habe ich heute schon einmal gehört,“ murmelt ihre Freundin.
Ich stehe auch gerade vor einer Veränderung.“
Gefällt es dir denn nicht mehr in Hamburg?“
Und wie, aber mein Vater hatte einen Herzinfarkt.“
Ich habe davon gehört, wie geht es ihm denn?“
Besser und wenn er nicht mehr so viel arbeitet kann er noch lange leben. Er möchte, dass ich seinen Verlag übernehme.“
Adelheids Vater gehörte ein kleiner Zeitungsverlag, der täglich die regionale Zeitung herausbrachte.
Möchtest du?“
Adelheid nickt zögernd.
Wie du weißt hat mein Urgroßvater den Verlag gegründet und nun liegt es wohl an mir ihn weiter zu führen.“
Du willst dich also wieder in den Staub unseres Provinznestes begeben,“ grinst Bärbel.
Die beiden Frauen prusten los.
Als Adelheid nach ihrem Examen das Angebot einer großen Hamburger Zeitung bekommen hatte, führte sie einen Freudentanz auf und jubelte:
Nun kann ich endlich und für immer den Staub dieses Provinznestes von den Schuhen schütteln!“
Als sich beide wieder beruhigt haben, gesteht Adelheid etwas verlegen:
Naja auch hier hat sich in den letzten Jahren viel verändert und außerdem möchte ich etwas frischen Wind in unseren Verlag bringen.
Neben der Regionalzeitung möchte ich auch über das Weltgeschehen berichten, die Landwirtschaftszeitung neu gestalten und etwas über die ländliche Küche und auch die Ausflugsziele hier berichten. Und ich habe eine Zeitung für die ganze Familie geplant.
Da wird es etwas für die Väter, die Mütter und auch die Kinder geben.“
Sie runzelt die Stirn und betrachtet Bärbel nachdenklich.
Malst du eigentlich noch diese reizenden kleinen Bilder und denkst dir dazu Geschichten aus, wie du es in unserer Kindheit immer getan hast?“
Schon lange nicht mehr, als die Kinder noch klein waren habe ich ihnen immer kleine ausgedachte Gutenachtgeschichten erzählt und manchmal auch Bilder für sie gezeichnet.“
Hast du keine Lust für meine neue Familienzeitung eine Kindergeschichte zu schreiben und Bilder dazu zu zeichnen? Am besten eine Fortsetzungsgeschichte, das erhöht die Auflagen, denn die Kleinen werden solange betteln, bis die Eltern die nächste Zeitung kaufen, damit sie die Fortsetzung lesen können. Was meinst du? Entschuldige!“
Adelheids Handy klingelt.
Während ihre Freundin telefoniert überlegt Bärbel und mehr und mehr gefällt ihr der Gedanke.
Adelheid klappt das Handy zu und springt auf.
Tut mir leid, ich muss los!“
Sie kramt in ihrer Tasche und reicht Bärbel eine Visitenkarte.
Lass es dir durch den Kopf gehen und rufe mich an. Ich würde mich freuen.“
Auch Bärbel macht sich auf den Weg nach Hause.
In dem kleinen Schreibwarengeschäft an der Ecke kauft sie sich einen Block und Stifte.
Zu Hause stellt sie den Einkaufskorb achtlos in der Küche ab und läuft hinaus in der Garten.
Sie setzt sich auf die Bank und legt Block und Stifte auf den Tisch vor sich.
Die Sonne scheint warm auf sie herunter und dringt bis in ihr Herz.

Weiße Schäfchenwolken zieren den hellblauen Himmel und Bienen um schwirren summend die duftenden Blüten.
Eine Amsel singt auf dem Birnbaum voll Inbrunst ein Lied und ein Schmetterling tanzt taumelnd vor übermütiger Freude dazu.
Plötzlich erwacht der Garten zum Leben.


Der Schmetterling verwandelt sich in eine kleine Elfe, die sich auf einer Tulpe niederlässt und vergnügt mit den Beinen baumelt.
Die Bienen haben auf einmal kleine goldene Eimerchen, in die sie fleißig den gesammelten Nektar geben.




Der Amselmann aber trägt einen Smoking und eine weiße Fliege, hält zwischen den Flügeln einen bunten Blumenstrauß und singt für seine Angebetete ein Liebeslied.
Diese sitzt einige Äste weiter in einem einfachen braunen Hauskleid und lauscht verzückt dem voll tönenden Bariton.
Ein Zwerg mit griesgrämigem Gesicht, steckt seinen Kopf aus dem Brombeergebüsch und brüllt:
Ruhe, ich möchte schlafen!“
Bärbels Stift fährt über das Blatt und immer mehr liebliche, skurrile und fröhliche Gestalten entstehen.
Und dazu spinnt und zaubert sie im Kopf eine wundersame Geschichte, die sie später dann aufschreiben wird.
Blatt um Blatt füllt sich und Bärbel vergisst gänzlich die Zeit und erschrickt, als ihr Mann plötzlich neben ihr steht und sie begrüßt.
Schuldbewusst sieht sie auf die Uhr.
Ich habe vergessen zu kochen.“
Frank grinst.
Den Einkaufskorb habe ich in der Küche gesehen, aber was zeichnest du denn da?“
Er setzt sich neben sie und während er sich staunend Blatt für Blatt betrachtet, erzählt ihm Bärbel von Adelheids Vorschlag.
Frank aber freut sich, denn er hat sich schon Sorgen um seine Frau gemacht.
Doch nun sind die Schatten verschwunden und es leuchtet wieder die alte Energie und Lebensfreude aus den Augen seiner Bärbel.

© Lore Platz
Eva Vs Geschichte

Regina ist in Urlaub und lässt sich den Wind an der Nordsee um die Ohren wehen, deshalb kann sie dieses Mal nicht mitmachen. 

Kommentare:

  1. Oh, die Tränen, wenn die Kinder das Haus verlassen, die kenne ich. Nein, dass ist so nicht richtig: das Kind - ich habe ja nur eins :-) und das zog keine 10 km in den Nachbarort - Tränen gab es dennoch. Und die andere Seite der Medaille, dass man sich neu orientieren muss, kenne ich auch. Einzig das Zeichnen liegt mir nicht so und es gibt auch keine Freundin mit einem Zeitungsverlag - aber wer weiß, was sich noch ergibt! Danke für die tolle Geschichte! Lg Martina

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  2. Guten Morgen, Lore,
    ja, man muss sich immer wieder neu orientieren im Leben. Auch dann, wenn man - so wie ich - keine Kinder hat. Das Leben ist eine ständige Veränderung, und manchmal kommt man sich vor wie ein Tennisball in der Waschmaschine, weil sich die Welt immer schneller dreht...
    Deine Geschichte finde ich wunderschön, gerade weil sie so einen persönlichen Bezug hat!
    Vielen Dank dafür, und einen wunderschönen Tag!
    Liebe Grüße
    Christine

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  3. Das ist eine sehr schöne Geschichte für einen Neuanfang. Die Zeit vergeht, manchmal viel zu schnell und plötzlich ist das Kind groß und aus dem Haus, meine Tochter auch.
    LG Elke

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  4. Liebe Lore,
    ich kann Dich sooo gut verstehen. Unser Sohn ist ja schon ausgezogen und studiert hier in Cottbus. Für mich ist das eine kleine Übergangsphase, denn in 11 Min. ist er mit dem Auto bei uns. Aber noch in diesem Jahr wird er seinen Master haben und dann zieht er auch aus dieser Stadt weg. Ein bisschen Angst habe ich schon davor, da bin ich ganz ehrlich. Aber man muss die Kinder ziehen lassen. Sie müssen ihren eigenen Weg gehen.
    LG
    Astrid

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  5. Liebe Lore, hoffe, dass meine Mutter nicht auch so schlimm drauf war. Sie hat noch halbtags gearbeitet. Habe mit ihr, bis sie dement wurde, jeden Tag morgens telefoniert. Eine liebevolle Geschichte, danke. LG Eva

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  6. Danke, Lore, für Deine interessante und berührende Geschichte.

    Ja, so ist er Lauf der Welt, meine Jüngste lebt noch hier, die beiden Großen zogen schon vor Jahren aus.

    Alles Liebe
    Eva :)
    https://evasgeschichten.wordpress.com/

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  7. Liebe Lore
    Eine schöne Geschichte, wie aus dem Leben gegriffen. Danke

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  8. Hallöööchen liebe Lore, danke dir für diese Geschichte die aus deinem Leben gegriffen ist und sie hat mich sehr berührt, da ich ja auch nur eine Tochter habe, die in Oberbayern lebt. Man muss loslassen können, aber das ist mir auch schwer gefallen. Im Juni wird sie 50 und das wird gefeiert. Da ist es ja nun wirklich an der Zeit, dass ich mich schon längst abgenabelt und neu orientiert hab. Zu ihrem Geburtstag kriegt sie eine Geschichte wie sie gezeugt und geboren wurde. Hab sie fast fertig, nur mit Bildchen muss ich es noch ausschmücken. LG. Gerda Reichhart

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  9. Liebe Lore
    das kenne ich auch der Schmerz los lassen und verabschieden das letzte Kind und alles verändert sich plötzlich, eine wunderbare Geschichte einer Mutter die es geschafft hat wieder Lebensmut zu finden für sich, ein neuer Anfang!
    rührende Geschichte die mir ins Herz ging!
    Lieben Gruss Elke

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  10. Liebe Lore, auch meine Söhne leben schon lange ihr eigenes Leben. Als der letzte auszog habe ich mich eigentlich gefreut. Eigentlich - denn es war dann doch nicht so einfach wie gedacht. Aber es ist eben wirklich eine Chance. Endlich Zeit für Hobbys zu haben, neue zu entdecken, Freunde treffen und, und, und...Heute kann ich sagen, alles hat seine Zeit. Man muss sie einfach genießen. Danke für diese schöne Geschichte!

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  11. Liebe Lore,
    eine wunderschöne Geschichte - wie immer.
    Heute waren die Reizwörter nicht gerade leicht.
    Liebe Grüße
    Irmi

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Für die lieben Kommentare möchte ich mich bedanken, ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich nicht immer dazu komme, sie zu beantworten.