Dienstag, 7. Juli 2015

Tobias reißt aus - Reizwortgeschichte

Mir geht es wieder besser, doch nun hat die Hitze mich im Griff!


Heute geht es um die Reizwörter:
Zirkus, Glocke, glitschig, mitmachen, erbärmlich

Viel Spaß beim Lesen!






Tobias reißt aus

Die Schulglocke ertönte und die Kinder stürmten lachend und lärmend aus dem Schulhaus.
Sechs Wochen Ferien lagen nun vor ihnen und nicht mal die Zeugnisse in ihren Mappen konnten ihnen die Freude verderben.
Tobias ging mit gesenktem Kopf und traurigem Gesicht zwischen seinen Kameraden, die ihn in Ruhe ließen.
Tobias war einst ein fröhlicher übermütiger Junge, doch vor zehn Monaten war sein Vater gestorben und seitdem hatte er sich sehr verändert.
Seine Freunde wussten nicht so recht wie sie mit ihm umgehen sollten und hatten auch eine gewisse Scheu vor Tobias.
Der Junge hatte nun das große Miethaus erreicht und ging die abgetretenen Holzstufen hinauf.
Abgestandene Luft schlug ihm entgegen und schnell öffnete er die Fenster. In der Küche nahm er eine Dose Linsensuppe schüttete sie in einen Topf und stellte die Herdplatte an.
Dann deckte er den Tisch, schnitt Brot, stellt die Flamme kleiner und atmetet tief durch, bevor er ins Wohnzimmer ging.
Wie immer saß seine Mutter im Sessel, ein Bild des Vaters auf dem Schoß und starrte vor sich hin.
Tobias berührte sachte ihre Schulter und wie aus einem Traum erwachend sah die Mutter ihn an.
Sie versuchte ein Lächeln, doch es misslang.
Komm zum Essen, Mama.“
Schwerfällig wie eine alte Frau erhob sich die vierzigjährige und folgte ihrem Sohn stumm in die Küche.
Schweigend löffelten sie ihre Suppe, dann erhob sich Frau Königsberger und murmelte: „ Ich gehe zum Friedhof.“
Der Zehnjährige nickte nur.
Nachdem er aufgeräumt hatte warf er sich auf sein Bett, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und starrte an die Decke.
Er fühlte sich erbärmlich !
Wie schön war es gewesen als der Vater noch lebte, die Mutter hatte gesungen und gelacht und wenn der Vater sie neckte wurde sie immer rot wie ein junges Mädchen.
Und dann war von einem Tag auf den anderen alles vorbei. Auf dem Weg nach Hause wurde das Auto seines Vaters von einem betrunkenem Autofahrer gerammt, überschlug sich und sein geliebter Vater war tot.
Seitdem war die Sonne aus seinem Leben verschwunden und er fühlte sich, als würde er in einer Schattenwelt wohnen.
Besonders, da seine Mutter sich immer mehr in ihre
Trauer vergrub und oft vergaß, dass sie noch einen Sohn hatte.
Dabei hätte er sie gerade jetzt so dringend gebraucht, denn er wusste nicht wohin mit seinem ganzen Kummer und Schmerz.
Zu gerne hätte er sich in ihre Arme geflüchtet und geweint, doch seine Mutter hatte eine unsichtbare Mauer um sich gebaut und ihn ausgeschlossen.
So war er immer stiller geworden und hatte all sein Leid tief im Inneren verschlossen.
Mit Grauen dachte er an die vor ihm liegenden sechs Wochen. Nein das hielt er nicht aus, er würde verrückt werden. Er musste weg.
Schnell holte er sein Sparschwein und zerschlug es. Die 60 Euro, die darin waren würden genügen, bis er bei seiner Tante war, die in der Nähe des Chiemsees einen Bauernhof besaß.
Ja er wollte zu Tante Jutta, die hatte ihnen sowieso angeboten einige Zeit zu ihnen zu kommen, doch
die Mutter wollte nicht weg vom Grab ihres Mannes.
Tobias holte den Schlafsack vom Schrank und packte seinen Rucksack, dann verließ er die Wohnung.
Kurz überlegte er, ob er seiner Mutter ein paar Zeilen schreiben sollte, doch dann meldete sich sein Trotz. Nein! Sie würde doch sowieso nicht merken, ob er da war oder nicht.
Er klemmte den Schlafsack auf den Gepäckständer seine Rads, schulterte den Rucksack und fuhr los.
Bald hatte er die Stadt verlassen, ein leichter Wind fuhr durch sein Haar und die Sonne umschmeichelte sein Gesicht.
Ganz leicht wurde ihm auf einmal ums Herz.
Es war schon Spätnachmittag, als er an einem Bach
hielt, um die unterwegs gekauften belegten Brötchen zu verspeisen.
Dann legte er sich bäuchlings ans Ufer und schöpfte mit der hohlen Hand Wasser aus dem klaren Bach.
Anschließend füllte er noch die leere Saftflasche und stieg wieder aufs Rad. Es war Zeit sich nach einem Schlafplatz umzusehen.
Er musste ganz schön in die Pedale treten um die Steigung zu schaffen, auch war er schon sehr müde.
Plötzlich gab es ein komisches Geräusch und das Hinterrad fing an zu hoppeln.
Schnell sprang er ab und besah sich den Schaden. Ein langer Nagel steckte im Hinterrad. Er hatte einen Platten. Tobias schob die letzten paar Meter nach oben und blieb dann stehen.
Im Tal unten sah er die Spitze eines Kirchturms und weiter rechts flatterte eine Fahne auf einem großen Zelt lustig im Wind.
Ein Zirkus! Da wollte er hin und vielleicht erlaubten sie ihm auch dort zu übernachten. Und in dem Dorf fand er sicher jemand, der ihm das Fahrrad wieder richtetet.
Bald erreichte er die große Wiese und sah staunend das große Zelt und die bunten Wohnwagen.
Ein Clown jonglierte mit Bällen. Eine Dame ließ einen Hund in rosa Kleidchen mit vielen Rüschen auf den Hinterbeinen tanzen.
Eine Frau, die eine große Schlange um den Hals trug führte, tänzelte über den Platz wobei sie den züngelnden Kopf des Reptils vor ihr Gesicht hielt.
Du hast ja einen schönen Platten!“ hörte er eine Stimme neben sich und erblickte ein Mädchen ungefähr in seinem Alter, das einen Schimpansen an der Hand führte.
Tobias grinste. „Ja, gerade passiert, ich heiße Tobias und wollte fragen, ob ich bei euch übernachten dürfte. Ich brauche nicht viel Platz für meinen Schlafsack.“
Aber sicher, komm wir fragen den Direktor! Ich bin übrigens Lisa und das ist Gina. Gina sag schön guten Tag zu Tobias.“
Der Affe fletschte die Zähne, schnatterte und reichte dem Jungen seine Pfote, die dieser mit einem freundlichen: „Guten Tag Gina;“ drückte.
Dann folgte Tobias dem Mädchen und dem Schimpansen zu dem älteren Mann, der gerade mit der Schlangentänzerin sprach.
Der Direktor betrachtete forschend den Jungen, dann lächelte er und nickte. Außerdem lud er ihn zur Vorstellung ein, bevor er weiter ging.
Tobias sah etwas scheu auf die große Schlange, die sich auf der Schulter der jungen Frau ringelte.
Diese meinte lächelnd.
Hast du Angst vor Schlangen?“
Der Junge zuckte verlegen die Schultern.
Meine Indira ist ganz harmlos, willst du sie mal streicheln. Keine Angst, sie ist nicht glitschig!“
Während die Schlangentänzerin den Kopf der züngelnden Schlange fest hielt, fuhr Tobias vorsichtig mit der Hand über den Rücken des Tieres.
Die Haut fühlte sich trocken und etwas rau an,
trotzdem atmete er auf, als die junge Frau sich verabschiedete und weiter ging.
Lisa führte ihn nun in ein kleines Zelt, in dem Werkzeuge und allerlei Gerümpel war.
Ein alter Mann feilte gerade an einer Eisenstange und drehte sich um, als sie eintraten.
Freundlich begrüßte er Lisa und diese stellte ihm Tobias vor. Beppo betrachtete sich den Schaden am Rad und meinte:
Wird ne Weile dauern, heute kannst du nicht weiter fahren.“
Das geht in Ordnung,“ erklärte das Mädchen, „der Direktor hat erlaubt, dass Tobias bei uns schlafen darf.“
Dann wüsste ich ein Plätzchen für dich.“
Der alte Mann deutete in die Ecke, in der neben dem Futter für die Tiere auch ein großer Heuhaufen war und gemeinsam brachten sie Tobias Sachen dorthin.
Nachdem sie sich von Beppo verabschiedet hatten, zeigte Lisa dem Jungen noch die Tiere, doch dann musste sie zurück ins Zelt, weil bald die Vorstellung begann.
Da Lisa bereits bei der Einzugsparade mitmachen musste, wollte sie sich vorher noch umziehen.
Auf dem Rückweg kamen sie an einem Wohnwagen vorbei auf dessen Stufen eine alte Frau saß und eine Pfeife rauchte.
Das ist die Großmutter von unserem Direktor, sie kann in die Zukunft sehen.“
Lisa, was wisperst du mit dem Jungen, du machst ihm doch nur Angst. Komm her mein Junge setz' dich zu mir und du Lisa lauf los, damit du nicht zu
spät kommst.“
Scheu setzte Tobias sich neben die alte Frau und betrachtete das braune lederartige Gesicht, das voller Runzeln war.
Können sie wirklich in die Zukunft sehen?“
Die alte Frau schmunzelte und einige Zahnlücken wurden sichtbar.
Wer weiß? Außerdem niemand sagt 'Sie' zu mir, ich bin Miranda und dass du Tobias heißt habe ich gehört.“
Sie kicherte und auch der Junge lächelte. Die alte Frau gefiel ihm und er vertraute ihr.
Ich kann gut in Gesichtern lesen und in die Herzen der Menschen sehen. Dein Herz ist voller Kummer und Schatten.“
Mein Vater ist tödlich verunglückt vor einigen Monaten,“ sagte Tobias leise.
Die alte Frau nickte ernst.
Ich musste schon viele der Meinen begraben, das Zirkusleben steckt voller Gefahren. Dein Vater musste viel zu früh gehen, du hättest ihn noch so notwendig gebraucht.“
Tobias nickte und eine Träne rollte über seine Wange.
Und meine Mutter hat sich so in die Trauer vergraben, dass sie vergessen hat, dass es mich gibt!“
Seine Stimme klang bitter.
 Miranda schwieg eine Weile, dann sagte sie leise.
Ein indianisches Sprichwort sagt:
'Lass den Vogel der Trauer ruhig über deinen Kopf
kreisen, aber erlaube ihm nicht in deinen Haaren zu
nisten.
Mein Vater war ein Cherokee-Indianer und in diesem Spruch steckt viel Weisheit.
Man darf die Trauer nicht unterdrücken und muss sie zulassen, nur so kann man sie einst überwinden.
Aber wenn man sich zu sehr in der Trauer verliert, dann findet man den Weg nicht mehr zurück ins Leben. Du darfst deiner Mutter nicht böse sein, der plötzliche und viel zu frühe Tod deines Vaters war für sie ein Schock.“
Aber wie kann ich ihr helfen?“
Du hast ihr schon geholfen, indem du ausgerissen bist.“
Schweigend blicken die zwei so ungleichen Menschen hinauf ins Firmament, das sich inzwischen dunkelblau verfärbt hat und ab und zu blinkt bereits ein Stern auf.
Gibt es ein Leben nach dem Tod?“
Wer weiß? Schließ' deine Augen und blicke in dein Herz.“
Was spürst du?“
Die Nähe meines Vaters.“
Mein Volk glaubt, dass nur dann eine Seele stirbt, wenn es niemanden gibt, der sich an sie erinnert. Solange du dich an deinen Vater erinnerst, wird er immer bei dir sein und du bist nie allein.
Und nun geh, die Vorstellung beginnt gleich und denke daran, dein Vater würde sich freuen, wenn du wieder lernst zu lachen und das Leben zu genießen.
Und mache dir keine Sorgen um deine Mutter. Es wird alles gut werden.“
Tobias lief zum Zirkuszelt, wo ihn Lisa schon erwartete und ihn zu einer Kiste hinter der Bühne führt, von wo er die Vorstellung verfolgen kann.
Es waren schöne Darbietungen und bei den Späßen Clowns lachte er hellauf.


Erstaunt lauschte er den eigenen Tönen, wie lange hatte er schon nicht mehr gelacht.
Und gleichzeitig liefen ihm die Tränen über das Gesicht. Sie spülten die letzten Schatten aus seinem Herzen und das Lachen erfüllte es mit Freude.
Er fühlte sich so glücklich und frei wie schon lange nicht mehr.
Am nächsten Morgen nach einem ausgiebigem Frühstück radelte er weiter, begleitet von den guten Wünschen der Zirkusleute.
Und am Spätnachmittag fuhr er in den Hof seiner Tante Jutta.
Nachdem er ihr alles erzählt und sie ihn in der Küche bei der alten Bertha abgeliefert hatte, die den Jungen sofort begann so richtig mit Leckereien zu verwöhnen, führte Jutta ein langes Gespräch mit ihrer Schwester.
         Elfriede Königsberger legt den Hörer auf. Sie schämte sich, denn sie hatte nicht einmal bemerkt, dass Tobias nicht da war.
Wie erwachend schaute sie sich um und erkannte wie ihre einstmals so saubere Wohnung herunter gekommen war.
In den achtlos hingeworfenen Papieren wühlt sie, bis
sie den Zettel mit der Telefonnummer der Trauerhilfe fand, die Pfarrer Braun ihr bei der Beerdigung in die Hand gedrückt hatte.
Nachdem sie einen Termin für Morgen Vormittag vereinbart hatte, krempelte sie die Ärmel hoch, um mit Wasser und Seife den Schmutz in ihrer Wohnung zu beseitigen.
Spät in der Nacht fiel sie todmüde ins Bett und schlief zum ersten Mal tief und traumlos.
Am nächsten Morgen, nachdem sie ein langes Gespräch mit der Dame von der Trauerhilfe geführt und die Adresse eines Trauercafes in der Tasche hatte, rief sie ihre Schwester an.
Lange redeten die beiden miteinander, dann bat Elfriede ihre Schwester ihr doch Tobias zu holen.
Tobias legte den Hörer auf und sah seine Tante strahlend an.
Mama hat sich professionelle Hilfe geholt und sie will sich eine Arbeit suchen, obwohl sie es durch Papas Lebensversicherung eigentlich nicht nötig hat.
Aber sie meint, die Arbeit würde sie vom Grübeln abhalten und sie hat versprochen wenn ich nach Hause komme wird alles anders werden.
Außerdem kommt sie in drei Wochen zu dir, bleibt bis zum Ende der Ferien und wir fahren gemeinsam zurück.“
Jutta die das alles schon wusste nickte.
Und ich werde euch nach Hause bringen, dein Rad bekommen wir locker in meinen Jeep.“
Sie umarmte ihren Neffen, der sich nicht schämte zu weinen.
Doch diesmal waren es Freudentränen.

© Lore Platz