Dienstag, 13. Oktober 2015

Die Katzenmarei - Reizwortgeschichte

Auf die Idee zu dieser Geschichte kam ich durch einen
alten Zeitungsartikel in meiner Ideenmappe.
Die Reizwörter sind: 
Kartoffelacker, Papierkorb, kariert, anrufen, füllen







Die Katzenmarei

 
Müde tastet sich die alte Frau durch den schmalen Flur, den Eimern ausweichend, die sie wegen dem eindringenden Regen dort aufgestellt hat.
Der Sturm vor einigen Tagen hat einige Dachziegel herunter gerissen.
In der halbdunklen Küche, durch dessen schmales Fenster der beginnende Tag sein schwaches Licht wirft, ist es kühl und Marei zieht frierend das Schultertuch fester um ihre Schultern.
Mit klammen Fingern schürt sie in der Glut des alten Eisenofens und legt einige Holzstücke dazu.
Bald hört man es lustig knistern und knacken und ganz langsam breitet sich Wärme aus.
Fröstelnd wäscht sie sich mit dem kalten Wasser an dem Becken aus Email am Fenster, dann schlüpft sie in die alten abgenutzten Kleider, die sie aus der Schlafstube mitgebracht hat.
Sie stellt einen Kessel mit Wasser auf den Ofen, nimmt den Melkeimer, schlüpft in die Holzpantinen und schlurft über den Hof in den Schuppen.
Die Ziege begrüßt sie mit ihrer meckernden Stimme und liebevoll streicht Marei ihr über das Fell, bevor sie sie melkt.
Dann geht die alte Frau zu einer großen weißen Schüssel in der Mitte des Schuppens und gießt die noch warme Milch hinein.
Und nun wird es lebendig. Aus allen Ecken kommen Katzen angelaufen. Keine Schönheiten, mager zerzaust und einem kampferprobtem Kater fehlt sogar ein Ohr.
Schmeichelnd drängen sie sich an Marei, als wollen sie Danke sagen, bevor sie sich über die Milch hermachen.
Liebevoll betrachtet die Katzenmarei, so nennt man sie im Ort, weil sie sich um streunende Katzen kümmert, ihre Schützlinge.
Dann wird ihr Blick traurig. Wie mager sie sind, wie viele von ihnen den Winter wohl überleben. Und es würde einen harten Winter geben.
Als sie im Wald Tannenzapfen und Holz gesammelte hat,
ist ihr aufgefallen, wie groß die Ameisenhaufen sind, das lässt auf einen langen harten Winter schließen.
Ihr Blick fällt auf eine schwarzweiße Katze, die jetzt die Schüssel erreicht hat. Gestern erst ist sie zu ihr gekommen und so schwach, dass ihre Hinterläufe immer wieder einknicken und so mager, dass man jede einzelne Rippe zählen kann.
Sie braucht unbedingt kräftigere Nahrung als nur Milch, die anderen auch, doch die sind wenigstens noch kräftig genug, um sich ab und zu eine Maus zu fangen.
Marei seufzt und Tränen treten ihr in die Augen.
Bis vor kurzem hat ihr der Metzger am Ort jede Woche eine große Portion Fleischabfälle vorbei gebracht und auch Markknochen.
Aus den Markknochen machte sie eine kräftigende Brühe , der sie, die von ihr gesammelten Kräuter, hinzufügte.
Und diese Brühe flößte sie dann den schwächsten ihrer Schützlingen ein. So manches Tier konnte sie damit retten.
Aber dann hat die Metzgerei geschlossen, der nahe Supermarkt war eine zu große Konkurrenz .
Marei geht in trübe Gedanken versunken ins Haus zurück.
Nachdem sie den Melkeimer gesäubert, gießt sie sich einen Tee auf und isst die letzte Scheibe Brot mit Marmelade.
Nachher muss sie noch im Supermarkt Brot kaufen, doch erst will sie auf den Kartoffelacker.
Sie darf nämlich die Kartoffeln, die die Maschine nicht erfasst hat, auflesen.
Wenig später kommt sie mit zwei gut gefüllten Eimern wieder zurück. Es ist gar nicht so leicht gewesen mit dem kleinen Leiterwagen und der schweren Last über die holprigen Wege zu fahren. Doch es hat sich gelohnt, mit den Kartoffeln wird sie gut über den Winter kommen.
Nachdem sie ihren kostbaren Schatz im Keller verstaut hat, macht sie sich Stadt fein und mit ihrer großen Tasche über dem Arm geht sie zum Supermarkt.
Sie mag den Supermarkt nicht, hier ist alles so groß und unübersichtlich und die Verkäufer sind auch nicht sehr freundlich. Sie schüchtern sie sogar ein wenig ein und wenn sie etwas umständlich ihr Kleingeld zusammen sucht, spürt sie die Ungeduld der jungen Frau an der Kasse.
Marei legt das Brot und die Flasche billiges Salatöl in ihren Einkaufswagen und fährt in Richtung Kasse.
Im Vorbeigehen fällt ihr Blick auf ein Regal voll mit Katzenfutter. Sie studiert die Preise und bedauert, dass sie nicht genügend Geld dabei hat. Es ist einige Tage vor dem Ersten.
Vor ihrem inneren Augen sieht sie die schwarzweiße kleine Katze, die so schwach ist, dass sie sich nur mühsam vorwärts bewegen kann.
Mit diesem kräftigen Futter könnte sie sie wieder aufpäppeln, ansonsten befürchtet sie das allerschlimmste.
Automatisch greift sie nach der großen Dose und lässt sie in ihrer karierten Einkaufstasche verschwinden
Ein schwere Hand legt sich auf ihre Schultern.

Daniel sitzt in seinem Büro des Zeitungsverlags
'Der Tagesbote', die Füße auf dem Schreibtisch und zielt mit Papierkügelchen auf den Papierkorb.
Christiane, seine Kollegin beobachtet ihn amüsiert und meint: „ Du solltest mal an deinem Wurfarm arbeiten.“
Mit einem schiefen Grinsen betrachtet Daniel das Chaos auf dem Teppich.
Er nimmt die Füße vom Schreibtisch und fährt sich mit beiden Händen durch das bereits verstrubbelte Haar.
Ich soll bis Redaktionsschluss einen Artikel schreiben und ich habe keine Ahnung worüber.“
Da hätte ich was für dich, ich war eben auf dem Gericht.“
Hat Richter Gnadenlos mal wieder zu geschlagen?“
Christianes Gesicht verfinstert sich.
Ja und diesmal hat er sich selbst übertroffen. Er hat die Katzenmarei zu 300Euro Strafe verdonnert!“
Ist das die alte Frau, die in dem verfallen Haus am
Ortsrand wohnt und sich um streunende Katzen kümmert? Was hat sie denn verbrochen?“
Im Supermarkt eine Dose Katzenfutter gestohlen?“
Die Strafe ist aber happig, selbst für Richter Gnadenlos.“
Er will ein Exempel statuieren, erklärte er bei der Begründung, denn die Verluste durch Ladendiebstähle sei enorm hoch.“
Ach und das muss er ausgerechnet bei dem armen alten Weiblein?“
Die sich noch nie etwas in ihrem Leben zuschulden kommen ließ und der nur 170 Euro von ihrer Rente bleiben zum Leben.“
Daniel machte nur „hm“ und Christiane verlässt leise das Zimmer.
Den Blick kennt sie, nicht umsonst hat sie den besten Reporter im Team auf diese Geschichte angesetzt.
Vergnügt summend schlendert sie zu ihrem Schreibtisch mit dem sicheren Gefühl, dass der Katzenmarei geholfen wird.
Wenig später verlässt Daniel die Redaktion und bald hält sein Sportwagen vor dem alten Häuschen.
Er führt ein langes Gespräch mit der alten Frau, macht auch einige Fotos von den Katzen besonders von der schwarzweißen für die das Katzenfutter bestimmt war.
Beim Abschied erklärt er noch, dass die Zeitung die Strafe
bezahlen würde.
Zurück in der Redaktion geht er ohne rechts und links zu schauen in sein Büro und dann hämmern seine Finger auf den Laptop.
Am nächsten Morgen steht ein großer Artikel auf der ersten Seite des 'Tagesboten' mit Bilder von der Marei, ihren Schützlingen und der kleinen schwarzweißen völlig abgemagerten Katze.
Dieser Artikel löst einen Sturm der Hilfsbereitschaft aus.
Geldspenden gehen in der Redaktion ein, sodass man ein extra Spendenkonto einrichten muss.
Der hiesige Tierschutzverband ruft an, dass er künftig die Katzenmarei mit Katzenfutter versorgen wird.
Aus der Kreisstadt kommt der Tierarzt und fragte nach dem Weg zu Mareis Haus, denn er will die Katzen kostenlos ärztlich betreuen.
Und der ortsansässige Bauunternehmer fährt mit einigen seiner Leute zu dem alten Haus, um die Sturmschäden zu beseitigen und selbst den Schuppen verstärken sie mit zusätzlichen Brettern, damit die Tiere es schön warm haben.
Die alte Marei aber kann ihr Glück gar nicht fassen und als Daniel sie besucht, streckt sie ihm nur mit Tränen in
den Augen beide Hände entgegen und flüstert: „Danke“
Dann nimmt sie den jungen Mann mit in den Schuppen und zeigt ihm die schwarzweiße Katze, die gesund und munter mit den andern angelaufen kommt.

© Lore Platz




Kommentare:

  1. Das ist wieder einmal eine sehr schöne Geschichte und zeigt das Geld und Konsum nicht alles sind.
    Denn Glück (Freude) ist das Einzige, was sich verdoppelt, wenn man es teilt.
    LG Elke

    AntwortenLöschen
  2. Ein wunderbar erzähltes, modernes Märchen! Denn nur im Märchen gehen alle Geschichten gut aus, wenn die Wirklichkeit doch nur auch so wäre! Aber manchmal werden auch heute noch Märchen wahr und solche Geschichten können dazu beitragen Danke, liebe Lore!
    LG Anna

    AntwortenLöschen
  3. Liebe Lore,
    es ist schön, dass es Menschen gibt, die sich um Tiere kümmern und es ist wundervoll wenn Menschen sich um Menschen kümmern. In Deiner Geschichte war dies der Fall. Manchmal gibt es so etwas auch im wahren Leben, aber ich glaube fast das sind Ausnahmen.
    Danke für Deine schöne Geschichte, die ich gerne gelesen habe.
    LG
    Astrid

    AntwortenLöschen
  4. Liebe Lore
    eine rührende, mitfühlende Geschichte dass doch Menschen gibt die helfen den schwachen Menschen mit ihren Tieren.
    Danke dir!
    Lieben Gruss Elke

    AntwortenLöschen
  5. Wunderbar, liebe Lore, eine bewegende Geschichte! Herzliche Grüße vom Bett aus
    REGINA

    AntwortenLöschen
  6. Liebe Lore,
    da ist Dir wieder eine wunderbare Geschichte aus der Tastatur geflossen! Die könnte sich tatsächlich so abgespielt haben. Man liest nicht selten, dass gerade ein Zeitungsbericht eine Welle der Hilfsbereitschaft auslöst und den in Not geratenen Menschen oder Tieren dann geholfen wird.
    Ich habe diese Geschichte sehr gerne gelesen. Vielen Dank dafür!
    Liebe Grüße
    Christine

    AntwortenLöschen
  7. Liebe Lore, wunderschöne Geschichte. Hier könnten die Medien wieder einmal etwas Positives tun. Toll und so muss es sein, Liebe Grüße Eva

    AntwortenLöschen
  8. Das ist eine ganz wunderbare Geschichte - und dass sie auf wahren Tatsachen beruht, ist das Beste daran! LG Martina

    AntwortenLöschen
  9. Liebe Lore
    Eine wunderbare Geschichte von der Tierliebe.
    Warum muss man die Mensche immer erst zur Hilfsbereitschaft anstoßen, warum kommt denn keiner von selbst drauf?
    einen sxchönen Abend und liebe Grüße von Joachim

    AntwortenLöschen

Für die lieben Kommentare möchte ich mich bedanken, ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich nicht immer dazu komme, sie zu beantworten.