Dienstag, 20. Oktober 2015

Die Mondscheinprinzessin - Reizwortgeschichte

Diese Geschchichte möchte ich meiner Internetfreundin Gerda Reichart widmen, die am 13.10.2015 verstorben ist.
Genauso wie das Mädchen in meiner Geschchte war auch sie trotz ihrer schweren Krankheit ein lebensbejahender froher Mensch.

Wir sind nicht traurig, dass du gegangen, wir sind froh, dass du gewesen!

Reizwörter:

Rucksack, Tafel, rennen, verschlafen, sehnsüchtig






Die Mondscheinprinzessin



Urlaub, ich hab Urlaub!“ trällert Gerlinde.
Vier Wochen Urlaub in den Bergen liegen vor ihr, weit weg vom Stress des Alltags. Einfach nur entspannen, wandern und die Seele baumeln lassen.
Die Sonne verschwindet langsam vom Horizont, aber in einer Stunde ist sie ja am Ziel.
Ihr guter alter Monty gibt plötzlich seltsam hustende Geräusche von sich, naja er ist ja nicht mehr der Jüngste, und dann ein langgezogenes gequältes Stöhnen und das Auto bleibt stehen.
Was nun?
Gerlinde startet, doch nur ein gequältes Knirschen ist zu hören. Seufzend kramt sie nach ihrem Handy, super, kein Empfang!
Die junge Frau springt aus dem Wagen, läuft ein paar Schritte, hebt das Telefon in die Höhe und dreht sich im Kreis.
Ein paar Kühe, die auf der Weide stehen, klotzen sie neugierig an. Was die wohl denken?
Gerlinde verdreht genervt die Augen.
Na toll, sie befindet sich mitten in einem Funkloch.
Der Urlaub fängt ja gut an.
Dann muss sie wohl auf Schusters Rappen weiter.
Aus dem braunen nicht mehr ganz neuen Koffer holt sie einige Dinge, die sie für eine Übernachtung braucht und stopft sie in ihren Rucksack.
Vorsichtshalber holt sie auch noch die Tafel Schokolade aus dem Handschuhfach.
Soweit das Auge reicht nur Kornfelder, Wiesen und weiter hinten ein großer Wald.
Hoffentlich muss sie nicht im Wald übernachten, denn die Dämmerung senkt sich bereits über das Tal.
Am besten sie nimmt auch noch die Taschenlampe mit.
Dann stiefelt sie los.
Immer mehr nähert sie sich dem Wald, dann bleibt sie überrascht stehen.
Mitten auf einer Wiese dreht sich eine Lichtgestalt, mit einem Blumenkranz im Haar, barfuß im Mondlicht.
Gerlinde schüttelt den Kopf, narren sie ihre Augen.
Feen gibt es doch nicht.
Hallo!“ ruft sie.
Das Mädchen hält inne, sieht sie erschrocken an und läuft davon.
Als Gerlinde ihr folgt steht sie plötzlich vor einem kleinen Gehöft an dessen Eingangstür eine Lampe hängt.
Da sie keine Klingel findet, klopft sie kräftig an.
Die Tür öffnet sich knarrend und eine alte Frau sieht sie unfreundlich an.
Entschuldigen sie, aber ich habe eine Autopanne, kann ich bei ihnen telefonieren?“
Die Tür öffnet sich weiter und die alte Frau tritt einen Schritt zurück.
Mit einem leisen 'Danke' betritt Gerlinde den dunklen Flur und folgt der Alten, die nun auf ein schwarzes Telefon deutet.
Können sie mir vielleicht die Nummer der Autowerkstatt sagen?“
Ja mei, den Schorsch, den werdns nimma dawischen, der sitzt um die Zeit im Wirtshaus.“
Kann das Fräulein nicht bei uns übernachten?“
Gerlinde dreht sich um und sieht sich der kleinen Tänzerin gegenüber.
Hallo ich kenne dich doch, schön hast du getanzt. Ich heiße Gerlinde.“
Ich bin die Mirzel und das ist meine Oma.“
I bin d Josefa Klinger und wenns mit unsra bscheidnen Hietn zfrien san, kenners gern hier übernachten. Hams Hunger?“
Gerne, mein Auto hat ungefähr zwei Kilometer von hier den Geist aufgegeben. Ich wollte eigentlich nach S.“
Oh das sind noch mindestens 15 Kilometer, das schaffen sie heute nicht mehr. Oma, du kannst ruhig ins Bett gehen, ich kümmere mich um unseren Gast.“
Deine Oma ist wohl nicht sehr gesprächig,“ lächelt Gerlinde, als die alte Frau in einem Zimmer weiter hinten im Flur verschwindet.
Mirzel lacht, „nein, aber sie ist unheimlich lieb, aber nun kommen sie , ich zeig ihnen ihr Zimmer.“
Da kannst ruhig du zu mir sagen.“
Gerne“
Nachdem Gerlinde ihren Rucksack abgestellt hat folgt sie dem Mädchen in die Küche.
Später setzen sich die beiden Mädchen auf die Stufen vor dem Haus.
Ein dicker leuchtender Vollmond taucht die Umgebung in sein fahles Licht. Es raschelt und eine Maus rennt quer über den Hof und schlüpft durch den Zaun des kleinen Küchengartens.
Ich mag den Mond, er tut mir nicht weh mit seinem kalten Licht.“
Gerlinde sieht Mirzel erstaunt an.
Diese lächelt: „ Ich bin ein Mondscheinkind.“
Die junge Frau erschrickt.
Sie hat von dieser seltenen Erbkrankheit gehört. Die Betroffenen können die Sonnenstrahlen nicht vertragen und da ihre Lebenserwartung nicht sehr hoch ist, nennt man sie Mondscheinkinder.
Deshalb kann ich nur nachts raus gehen und dann tanze ich auf der Wiese und träume, ich wäre eine Fee oder eine verwunschene Prinzessin.“
Eine Mondscheinprinzessin,“ lacht Gerlinde, die sich inzwischen wieder gefangen hat.
Mirzel stimmt in ihr Lachen mit ein, doch dann wird sie wieder ernst.
Als die Diagnose bekannt wurde hat meine Mutter mich zur Oma gebracht und ist fort gegangen, glaubst du, dass sie mich nicht lieb hatte?“
Gerlinde legt den Arm um die Schulter der zarten Gestalt und zieht sie an sich.
Sicher hat sie dich lieb, vielleicht zu lieb, dass sie einfach
nicht mit ansehen konnte wie du leidest. Weißt du, nicht jeder ist so stark. Wo ist denn dein Vater?“
Den kenne ich nicht, aber es ist schön bei der Oma und sie ist sehr lieb zu mir und auch die Leute im Dorf sind sehr nett.
Sie haben die Fenster mit einer schützenden Folie beklebt, haben mir einen Schutzanzug besorgt, damit ich zur Schule gehen kann und auch in der Schule hat man die Fenster mit einer Folie beklebt.
Nur manchmal bin ich sehr einsam, denn spielen kann ich nicht im Freien mit den anderen Kindern, denn ich darf nur nachts raus. Aber das ist auch schön, denn so ich habe ich viel Zeit, um mir Geschichten auszudenken.“
Sie lacht fröhlich und meint verschmitzt.
Weißt du, warum der Mond mal dick und mal dünn ist?“
Gerlinde überlegt und versucht sich daran zu erinnern was sie darüber in der Schule gelernt hat.
Wenn der Schatten der Erde auf den Mond fällt...“
Unsinn!“ unterbricht sie Mirzel lachend.
Weil er verliebt ist. Willst du die Geschichte hören?“
Gerlinde nickt und Mirzel kuschelt sich an sie und erzählt:



Eines Tages verliebte sich der Mond in die schöne Sternenprinzessin. Er verließ also sein Haus und sein ach so gemütliches Bett und ging in den Sternenpalast. Dort warf er sich vor seiner Angebeteten auf die Knie und gestand ihr
seine Liebe. Doch da er so dick war konnte er nicht mehr aufstehen und fünf Diener des Sternenkönigs mussten ihm
helfen. Die Sternenprinzessin aber lachte so , dass ihr die Tränen kamen und dann sagte sie zum Mond: „ Komme wieder, wenn du so dünn bist, dass du vom Boden aufstehen kannst.
Der Mond ging also nach Hause und sagte zu seiner Mutter. Ich muss fasten, denn sonst heiratet die Sternenprinzessin mich nicht.
Nun aß er ganz wenig und wurde immer dünner. Als er so dünn und schmal wie eine Sichel war, ging er wieder in den Sternenpalast und und warf sich der Prinzessin vor die Füße.
Doch diesmal war er zu schwach, um wieder aufstehen zu können und die Diener des Königs mussten ihn nach Hause tragen. Dort schimpfte seine Mutter ganz fürchterlich und er musste nun tüchtig essen und bald war er wieder so dick wie vorher.
Aber seitdem versucht er es immer wieder.“

Gerlinde lacht.
Hat dir meine Geschichte gefallen?“
Ja sehr gut, du solltest sie aufschreiben.“
Kannst du denn deinen Urlaub nicht bei uns verbringen, dann erzähle ich dir jeden Tag eine Geschichte.
Ich habe mir noch viele Geschichten ausgedacht. Außerdem haben wir gerade Ferien. Biiiittte!“
Die junge Frau sieht in die sehnsüchtig auf sie gerichteten Augen und nickt. Jubelnd fällt das Mädchen ihr um den Hals.
Am nächsten Morgen wird Gerlinde vom Krähen des Hahns geweckt und reibt sich verschlafen die Augen, dann springt
sie aus dem Bett und geht ins Bad. In der Küche ist nur die alte Frau Klinger. Mirzel schläft noch.
Gerlinde erzählt ihr von der Bitte des Mädchens, den Urlaub hier bei ihnen zu verbringen und fragt, ob sie bleiben darf.
Natürlich würde sie für alles bezahlen.
Die alte Frau rührt ihn ihrem Kaffee und sagt dann leise.
Des Kind ist hoalt durch ihr Krankheit vui alloa und an ernner hoats an Naaren gfressn, würd mi frein, wenns bleim dan. Zoan mirsns nixa!“
Doch, doch und wenn mein Auto wieder geht, dann werde ich auch die Einkäufe im Dorf übernehmen. Danke!“
Gerlinde ruft später die Autowerkstatt an und erklärt wo ihr Wagen steht, dann storniert sie auch die Hotelbuchung.
Für Mirzel aber beginnt eine wunderbare Zeit.
Tagsüber spielen sie Brettspiele oder sie denken sich etwas lustiges aus. Den ganzen Tag hört man sie fröhlich lachen. Sobald die Sonne untergeht, wandern sie durch die Gegend oder tanzen barfuß auf der Wiese.
Und als dann der alte Monty wieder fahrtüchtig ist, fahren sie in die Stadt, setzen sich in ein Straßencafe und beobachten
die Leute, während sie sich einen großen Becher Eis schmecken lassen.
Manchmal gehen sie auch ins Kino und Mirzel staunt über die große Leinwand.
Viel zu schnell vergeht die Zeit und der Abschied ist gekommen.
Gerlinde nimmt die weinende Mirzel in den Arm und verspricht, jeden Tag anzurufen und sie können sich ja auch
schreiben. Und sobald es ihr möglich ist, würde sie wieder
kommen.
Doch dazu sollte es nicht mehr kommen.
Denn eines Tages ruft Josefa an. Mirzel ist gestorben, ein Tumor, aber sie wäre ganz still und mit einem Lächeln eingeschlafen und ihre letzten Worte waren:
Grüß mir die Gerlinde, ich hab sie lieb, sie soll nicht traurig sein, denn ich gehe jetzt dorthin zurück, wo ich hergekommen bin.“
Gerlinde weint bitterlich um ihr kleine Freundin.
Nach der Beerdigung drückt ihr Josefa einen großen Umschlag in die Hand.
Darin sind all die schönen Märchen, die sich Mirzel ausgedacht hat und zu jedem hat sie ein schönes Bild gemalt.
Gerlinde setzt sich mit einer Schulfreundin in Verbindung, die einen kleinen Verlag leitet und lässt die Geschichten drucken.
Das Vorwort schreibt Gerlinde und berichtet von dem ganz besonderem Mädchen, das trotz ihrer schwerer Krankheit so fröhlich und lebensbejahend war und barfuß im Mondlicht auf der Wiese tanzte.


Das Buch wird ein voller Erfolg und mit dem Erlös gründet Gerlinde zusammen mit Josefa die Stiftung „Mondscheinprinzessin“, die todkranken Kindern den letzten Wunsch erfüllen will.

© Lore Platz

Reginas Geschichte       Martinas Geschichte

Kommentare:

  1. Liebe Lore,
    eine sehr berührende Geschichte ist das und sie macht mich wirklich traurig. Leider gibt es so viele Kinder, die mit einer schweren Krankheit leben müssen und letztendlich dieser erliegen. Sie sind so stark und so tapfer.
    LG
    Astrid

    AntwortenLöschen
  2. Ach Lore, war das wieder eine herzige und berührende Geschichte. --- Aber auch ein ganz kleines bisschen lustig, weil ich nämlich dachte: Ich muss mit dem Mond verwandt sein :-) -- ich versuche es auch immer wieder! --- Die Passagen, in denen du so ganz DU bist und DEINE Sprache sprichst, liebe ich ganz besonders, auch wenn ich sie seeeeehr langsam lesen muss. Einfach toll!! LG Martina

    AntwortenLöschen
  3. Liebe Lore, danke für diese traurige, einfühlsame Geschichte und dass Du sie Gerda gewidmet hast. Sie freut sich bestimmt.Alles Liebe Eva

    AntwortenLöschen
  4. Liebe Lore was für eien brührende herzzerreissende Geschichte.. danke dir!
    Lieben Gruss Elke

    AntwortenLöschen
  5. Guten Abend liebe Lore
    Eine sehr traurige Geschichte die sehr zum Herzen geht.
    Liebe Grüße Joachim

    AntwortenLöschen
  6. Eine schöne, aber auch traurige Geschichte, danke schön dafür.
    LG Elke

    AntwortenLöschen
  7. Liebe Lore,
    auch ich habe Gerda gekannt - wenn auch "nur" virtuell, Sie war oft auf meiner Seite zu Gast und hat meine Geschichten gelesen. Ich finde es sehr schön, dass Du ihr diese Geschichte gewidmet hast, und vielleicht kann sie sie ja auch lesen und freut sich darüber - wo immer sie jetzt auch ist.
    Vielen Dank und herzliche Grüße
    Christine

    AntwortenLöschen

Für die lieben Kommentare möchte ich mich bedanken, ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich nicht immer dazu komme, sie zu beantworten.