Dienstag, 6. Oktober 2015

Oma erzähl mir von früher - Reizwortgeschichte

 Ich bin noch keine siebzig Jahre und doch hat sich vieles seit meiner Kindheit verändert. Und die Erinnerungen der Oma in meiner Geschichte sind meine eigenen.  
Heute geht es um die Reizwörter:
Glas, Paradeiser, blicken, ersehnen, glücklich
Viel Spaß beim Lesen!






Oma erzähl mir von früher

Schwungvoll nahm Ilse die Kurve und bog in den Gartenweg ein, dabei ließ sie fröhlich die Fahrradklingel ertönen.
Vor der Garage stellte sie das Rad ab und nahm ihre Schultasche.
Ihre Eltern waren verreist und deshalb war die Oma da, um auf sie und ihren Bruder aufzupassen.
Ilse freute sich, denn viel zu selten sah sie ihre geliebte Oma, da diese sehr weit weg wohnte.
Lächelnd sah Frau Wegner auf, als das Mädchen in die Küche stürmte.
Hallo Oma, ich habe einen Bärenhunger!“
Das ist doch gut, sobald Lutz kommt können wir essen, ich muss nur noch die Paradeiser schneiden, du kannst schon den Tisch decken.“
Oma? Warum nennst du die Tomaten immer Paradeiser?“
Meine Mutter nannte sie immer so?“
Aber woher kommt dieses Wort?“
Die Oma zuckte die Schultern.
Das kann ich dir erklären,“ meinte Lutz, der unbemerkt die Küche betreten hatte.
Ach Mister Schlaumeier weiß es mal wieder, hätte ich mir denken können,“ spottete Ilse, die etwas neidisch auf ihren Bruder war, weil der schon ins Gymnasium ging, während sie erst in der Grundschule war.
Bei der Wiener Weltausstellung 1873 wurden die Tomaten zum ersten Mal in Europa gezeigt und die Österreicher nannten sie Paradeiser. Das Wort ist wohl abgeleitet von Paradiesapfel. Kam Uroma Mathilde nicht aus Österreich ?“
Und warum nennen wir sie Tomaten?“
Nach Deutschland kamen die Tomaten erst sehr spät, in den fünfziger Jahren und der Name leitet sich von von dem asketischen Wort 'xitomatl' ab, denn 200 Jahre vor Christus haben die Maja die Pflanze schon kultiviert, denn man hat bei Ausgrabungen Samen gefunden. Aber nun hab ich Hunger, außerdem muss ich zum Fußballtraining.“
Ilse half der Oma nach dem Essen die Küche sauber zu machen und während diese dann ihr Mittagsschläfchen hielt, machte sie ihre Hausaufgaben.

Später setzten sie sich in den Garten auf die Bank und das Mädchen kuschelte sich an die alte Frau.
Oma, erzählst du mir von früher?“
Was möchtest du denn wissen?“
Wie du gelebt hast, als du so alt warst wie ich. Aber warte Oma, ich hol mir schnell was zu trinken, möchtest du auch etwas?“
Die alte Frau schüttelte den Kopf.
Lächelnd sah sie zu wie Ilse vorsichtig die Limonade in das Glas schüttete.
Als ich noch ein Kind war gab es keine Limonade. Meine Mutter machte im Sommer immer einen großen Krug Leitungswasser mit einigen Spritzern Essig und Zucker.“
Ilse verzog etwas das Gesicht.
Oh, das schmeckte lecker. Zitronen kannten wir damals noch nicht, es war ja kurz nach dem Krieg und meine erste Tomate bekam ich zu sehen, da war ich schon vierzehn. Und als ich zehn war, da lernte ich die Schokolade kennen.
Tante Leni, die im Saarland lebte, das nach dem Krieg noch unter französischer Verwaltung stand, hat uns diese Köstlichkeit geschickt und meine Mutter hat die Tafel unter uns drei Geschwistern aufgeteilt.
Ich hütete meinen in Staniolpapier gewickelten Schatz und jeden Tag brach ich ein Stückchen ab, suchte mir eine ruhige Ecke und ließ die Köstlichkeit ganz langsam auf der Zunge zergehen.
Weißt du, dass ich als Kind ein großer Angsthase war?
Einen Kühlschrank gab es ja damals noch nicht. Deshalb wurde alles eingemacht und im Keller verstaut. Bohnen, Birnen und Äpfel, Marmelade, selbst das Sauerkraut machte meine Mutter selbst.
In dem Haus, in dem wir wohnten gab es einen sehr dunklen kalten Keller. Ich hatte immer eine Heidenangst wenn ich dort hinunter musste. Die schwache Glühbirne, erhellte nicht, sondern machte alles nur noch gruseliger, denn ich meinte immer, dass die Schatten an der Wand sich bewegten.
Bereits auf der ersten Stufe begann ich laut zu singen, um die Gespenster zu vertreiben.“
Ilse kicherte und auch die Oma musste schmunzeln.
Versonnen blickte sie vor sich hin, bevor sie weiter berichtete.
Mein Schulweg war sehr lang und da ich eine Trödelliese war schickte mich meine Mutter immer früher weg und trotzdem musste ich das letzte Stück meistens laufen, damit ich nicht zu spät kam.
Es gab aber auch immer so viel unterwegs zu sehen.
Besonders fasziniert hat mich der Eiswagen.“
Lecker, meine Lieblingseis ist Walnusseis.“
Nein, Speiseeis kannten wir noch nicht.
Mein Schulweg führte an einer Brauerei vorbei und jeden Mittwoch hielt dort ein Lastwagen. Ein kräftiger Mann, der eine Gummischürze trug, holte mit einem Haken ein großes rechteckiges Eisstück und warf es sich über die Schulter und ging damit die Stufen zur Brauerei hinauf.
Meist kam ich an diesem Tag zu spät, was mir wieder Ärger einbrachte.
Die ersten beiden Jahre hatte ich eine sehr strenge und cholerische Lehrerin. Und oft bekam ich wegen der kleinsten Kleinigkeit eine Ohrfeige oder was noch schlimmer war, mit dem Zeigestock eins auf die Handfläche.
An die Schulzeit habe ich keine glückliche Erinnerung, aber sonst hatten wir eine schöne Kindheit. Die Wiese, der Wald und auch die Straße waren unser Spielplatz und das fehlende Spielzeug ersetzte unsere Fantasie.
Wir waren bei jedem Wind und Wetter draußen.
Denn unsere Mutter musste sehr viel arbeiten, gab es doch weder Waschmaschine, Staubsauger oder elektrisches Bügeleisen.
Waschen musste man alles mit der Hand. Ein Waschbrett wurde in die Wanne mit Wasser gesteckt und dann die Wäsche darauf mit Kernseife geschrubbt. Weißt du wie so ein Waschbrett aussah?
Um ein gewelltes Blech war ein Holzrahmen gespannt und das waschen war sehr mühselig. 
Deshalb trugen wir wohl auch immer Schürzen über dem Kleid, weil die leichter zu waschen waren.

Meine arme Mutter hatte sehr oft Kreuzschmerzen, aber ich hörte sie nie klagen.
Das Bügeleisen war ein schweres Eisengerät, das auf dem Ofen gewärmt wurde und wenn es heiß war, wickelte man ein Tuch um den Griff und bügelte die Wäsche.
Und die Teppiche wurden über eine Stange geworfen und mit dem Teppichklopfer bearbeitet, das staubte vielleicht.
Manchmal wurde der Klopfer auch zweckentfremdet und tanzte auf dem Allerwertesten eines unartigen Kindes. Ich habe es nicht erlebt, doch ein Nachbarjunge. Aber der war ein frecher Rüpel und hat schlimme Streiche gespielt und uns Mädchen immer geärgert. Ich habe es ihm gegönnt.“
Frau Wegner schmunzelte und auch Ilse kicherte und dachte an den frechen Oskar in ihrer Klasse.
Wir hatten eine unbeschwerte Kindheit und einen riesengroßen Spielplatz, gab es doch noch kaum Autos, auch noch nicht so viele Häuser und noch keine Supermärkte.
In unserem Dorfladen ging ich gerne einkaufen, durfte ich doch immer, bevor ich ging in das große Bonbonglas greifen, und auf dem Heimweg lutschte ich dann das nach Himbeere schmeckende Zuckerding.
Mein Vater nannte den Laden immer spöttisch, die „Ratschzentrale“ weil sich hier die Frauen trafen, um den neuesten Dorfklatsch auszutauschen.
Es war eine schöne Zeit. Wir hatten nicht viel, aber wir waren zufrieden. Das einzige was ich ersehnte war ein Buch, das mir ganz alleine gehörte. Denn ich hatte die Freude am Lesen entdeckt.
Ich war schon in der vierten Klasse, als ich zu Weihnachten ein Buch bekam. Es hatte einen goldenen Umschlag und darin standen Märchen aus der ganzen Welt.
Bisher kannte ich ja nur die Märchen der Gebrüder Grimm. Aber nun tat sich mir eine ganz neue Welt auf. 
Dieses Buch habe ich übrigens noch heute. Wenn du mal wieder zu Besuch kommst, dann zeige ich es dir. Aber nun lass uns hinein
gehen, es wird schon etwas frisch.

Was hältst du von einer schönen Tasse Kakao? Es muss auch noch etwas von dem Kuchen da sein, den ich gestern gebacken haben.“
In diesem Moment kam Lutz mit dem Fahrrad an.
Ilse kicherte. „Mein Bruder muss eine besondere Antenne haben, immer wenn es was zu essen gibt, dann taucht er auf.“
Lachend gingen die Beiden ins Haus.

© Lore Platz