Dienstag, 16. Februar 2016

Das Schneedorf

Nun will ich euch eine Geschichte vorstellen, von einem Mann geschrieben, der, in einem Winter in dem es noch so richtig viel Schnee gab, ein ganzes Dorf in Berlin gebaut hat.
Es handelt sich um einen Kollegen meiner Tochter und die Geschichte wurde für ein kleines Mädchen geschrieben.
Wenn diese Geschichte auch vor einigen Jahren entstanden ist, so finde ich sie doch sie passt gerade jetzt in unsere Zeit.

Viel Spaß beim Lesen! 


 Das Schneedorf


Winter in Deutschland 2010.Ein Winter mit viel Schnee und Kälte.
Was auf den Straßen und Wegen für Behinderung sorgte, führte in Berlin in der Stallupöner Allee dazu, dass ein kleines Dorf aus Schnee gebaut wurde.
In diesem Dorf aus Schnee ist neben der Kirche nun noch eine Moschee errichtet worden. Es sollte ein Versuch sein, beide Religionen etwas näher zusammenrücken zu lassen.
Es waren frostige Zeiten, als die Moschee über Nacht entstand.
Als das Tageslicht erwachte, standen Kirche und Moschee einträchtig nebeneinander. In der Umgebung sorgte das für Irritationen, im Dorf war es aber ruhig geblieben.
Die Sonne ging auf über dem Dorf: Was für ein herrlicher Tag!
Es setzte Tauwetter ein.
Unruhe machte sich breit in der Kirche und in der Moschee.
Es kam zu gefährlichen Veränderungen an den Gebäuden.
Das Minarett der Moschee neigte sich gefährlich und drohte
einzustürzen.
Der Turm der Kirche hingegen stand wie ein Fels in der Brandung.
Die Leute aus der Kirche dankten ihrem Gott, dass der Kirchturm dem Tauwetter standhielt und einige beteten dafür, dass das Minarett nicht einstürzen möge.
Die Menschen aus der Moschee freute es sehr, als sie hörten, dass für den Erhalt des Minaretts gebetet wurde.
Doch spurlos ging das Tauwetter auch an der Kirche nicht vorüber. Es zeigten sich deutliche Veränderungen am Dach und am Gemäuer, die zu großer Sorge Anlass gaben. Sollte Gott die Gebete nicht gehört haben?
Als der Erbauer des Dorfes sah, was in seinem Dorf geschah, schritt er zur Tat.
Er wollte Gott ein wenig unter die Arme greifen und reparierte die Schäden an der Kirche.
Die Leute aus der Moschee überredete er, das Minarett doch lieber abzutragen, denn wenn es auf die Kuppel der Moschee stürzen würde, sei der Schaden irreparabel.
Das sahen die Menschen ein. Das Minarett wurde abgetragen.
Sobald wieder frostige Zeiten kommen, bauen wir ein neues, schöneres
Minarett, das soll dann, wie der Turm der Kirche, dem Tauwetter
standhalten." So sprachen die Leidgeprüften untereinander.
Als der Abend kam, wurde es merklich kälter, die Menschen aus der
Kirche freuten sich an ihrer ausgebesserten Kirche und gingen ruhig
schlafen.
In der Moschee brannte noch lange Licht, denn auch hier spürte man,
dass es nach der Wärme des Tages jetzt am Abend spürbar kälter
wurde.
"Wir müssen Steine für unser neues Minarett anfertigen, lasst‘ uns das machen, solange es frostig ist“. So trieb der Verantwortliche für den Bau der Moschee die Leute an.
Es kam ein neuer Tag und damit auch wieder Wärme. Alle Menschen in der Kirche und in der Moschee waren voller Sorge.
"Was wird bloß aus unserem Dorf werden?" hieß es immer wieder.
Die Steine für das neue Minarett lagen etwas verloren in der Gegend, aber sie nährten die Hoffnung auf einen Wiederaufbau.
Eine Unruhe, die es so, zu glücklichen Zeiten, nicht gab, machte sich breit.
Es kamen seltsame Typen ins Dorf, die laut verkündeten:
"Was ihr auch tut, ihr Menschen des Schneedorfs, die Sonne mit ihrer Wärme wird all‘ eure schönen Bauten zum Schmelzen bringen, bis nichts übrig bleibt."
"Schweigt", schrie der Dorfbaumeister.
Lähmung machte sich breit. Der Dorfbaumeister wurde sehr traurig, als er erkennen musste, dass die" komischen Typen" wohl recht hatten.
"Nein nein, meine Bauten dürfen nicht vergehen."
In seiner Not betete der Baumeister zu Gott. Er setzte sich in das Iglu,
das er als erstes Gebäude im Dorf errichtet hatte und das nun zu einem Ort
der Stille wurde.
In dieser Stille wurde ihm bewusst, ich muss loslassen und werde neu
beginnen, wenn hier nichts mehr von dem übrig bleibt, was ich
errichtet habe.
Dann will ich mit einem Material bauen, das Kälte und Wärme gleichermaßen standhält. Mit einem Lächeln verließ er das Iglu, das nun auch schon deutliche Spuren des Verfalls zeigte.
Er versammelte die Leute des Dorfes und teilte ihnen mit, zu welcher Erkenntnis er in der Stille des Iglus gekommen war. Ein Murren ging durch die Reihen der Versammelten.
"Freuen wir uns an den Gebäuden unseres Dorfes, solange sie noch stehen. Und freuen wir uns auf das Neue, das vor uns liegt. Wir alle, wir haben hier viel gelernt, wir waren hier für eine schöne Zeit sehr glücklich. Lasst‘ uns gemeinsam mit den Erfahrungen, die wir hier machen konnten, das Neue beginnen."
Mit diesen Worten verabschiedete sich der Dorfbaumeister von den Dorfbewohnern. Er schnürte sein Bündel und machte sich auf zu neuen Ufern.
Er war noch nicht lange gegangen, da schoss es ihm durch den Kopf:
Sophia!
Sophia ist das Mädchen, 5 Jahre alt, für das der Dorfbaumeister ein kleines Haus aus Schnee bauen wollte, das des Nachts dann durch ein kleines Licht beleuchtet, Sophias Schlaf begleiten sollte.
So hat alles angefangen.
Aus dem geplanten, kleinen Schneehaus war das Iglu geworden, dieser romantischen Ort der Stille und Begegnung.
Oft hatten sie, Sophia, Sophias Mutter und der Dorfbaumeister hier vor dem Zubettgehen zusammen gesessen.Wenn die Zeit es Sophias Vater erlaubte saß die ganze Familie zum Abschluss des Tages für eine Weile im Iglu.
Besucher aus der Umgebung versammelten sich hier zu fröhlichen Teerunden.
Dann entstanden das Kirchengebäude und schließlich die Moschee.
Die Moschee hatte Sophia noch nicht gesehen, denn die wurde errichtet, als sie zu Besuch bei ihrer Oma in Travemünde war.
Heute, an dem Tag, an dem sich der Baumeister entschloss, das Dorf zu verlassen und weiter zu ziehen, sollte Sophia in das Dorf zurück kommen.
Die Vorstellung, Sophia würde eine unvollendete Moschee zu Gesicht bekommen, ließ den Dorfbaumeister nicht in Ruhe weiterziehen.
Er kehrte um, ging zurück in das Dorf und machte sich an den Wiederaufbau des Minaretts. Da das Material bereit lag, ging die Arbeit schnell voran.
Als der letzte Stein gesetzt werden sollte hörte der Dorfbaumeister aus der Ferne ein freudiges, lautes „Haaalo“. Sophias so oft gehörte Begrüßung.
Dem Baumeister wurde es warm ums Herz. Es war geschafft: Sophia sah eine vollendete Moschee.
Glücklich sagte er sich; „Nun kann die Sonne durch ihre Wärme sich nehmen, was mir der Frost durch seine Kälte gegeben hat.“
Ein Blick auf das Material, das nach dem Aufbau des Minaretts übrig geblieben war, ließ ihn aber noch einmal zögern.
Vielleicht, sagte er sich, repariere ich damit ja noch die Kirche.“
Denn die hatte nun doch sehr gelitten. Die Glocke war herabgestürzt und der Glockenturm drohte es ihr nachzutun.
Loslassen ist so schwer“, seufzte der Dorfbaumeister und ging zu
Bett.
Am nächsten Morgen machte ihm ein Blick aus dem Fenster klar: Eine Reparatur der Kirche hält das Vergehen nicht auf.
Jetzt blieb ihm nur noch den Verfall anzunehmen und zu begleiten.
Was bleiben wird, ist die Erinnerung an eine schöne, glückliche Zeit,
und das ist nicht wenig.

Kommentare:

  1. Ich finde die Geschichte sehr schön und sehr lehrreich.
    Danke, dass Du sie uns erzählt hast, Lore.
    LG
    Marle

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  2. Eine ganz besondere Geschichte, liebe Lore! Danke, dass du sie mit uns geteilt hast! LG Martina

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  3. Liebe Lore, Deine Geschichte beinhaltet Aufbau und Niedergang, aber auch Hoffnung. Das Nebeneinander funktioniert, jeder wird vor der Zerstörung bewahrt. Aber so spielt das Leben. Liebe Grüße Eva

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  4. Liebe Lore,
    eine wunderbare Geschichte. Sie regt sehr zum Nachdenken an. Das Loslassen fällt mir auch sehr, sehr schwer.
    Liebe Grüße und ein schönes Wochenende,
    Christine

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  5. Eine schöne, nachdenkliche Geschichte, liebe Lore. Vielen Dank dafür! Sie lehrt, dass auch das Loslassen glücklich machen kann ..
    Liebe Grüße
    Christine

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Für die lieben Kommentare möchte ich mich bedanken, ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich nicht immer dazu komme, sie zu beantworten.