Dienstag, 15. März 2016

Hermann und der verwirrte Hase

Heute ist wieder Reizwortgeschichtentag, der ja nur noch einmal im Monat stattfindet.
Die Wörter: Straße, Kajak, glasklar, knirschen und bewegen, waren diesmal unterzubringen.
Ich muss sagen das Wort 'glasklar' bereitete mir einige Schwierigkeiten und ich habe es eben noch nachträglich eingefügt.
Nun aber wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen!




Hermann und der verwirrte Hase


Mit überhöhter Geschwindigkeit raste ein schnittiger Sportwagen die Straße entlang und das auf dem Dach befestigte Kajak schlenkerte gefährlich hin und her und die Halterung knirschte, als wollte sie protestieren.
Die vier Insassen in dem Auto kümmerte das nicht. Lautstark sangen sie den Text des Liedes, das aus dem Autoradio erklang, mit.
Pass auf, Jochen!“ rief die Beifahrerin, denn aus einem Seitenweg kam ein Traktor.
Der junge Mann trat erschrocken auf die Bremse und der Wagen kam schlingernd zum Stehen.
Durch die Wucht löste sich das Boot, donnerte auf die Straße und traf mit der Spitze einen Hasen, der sich überschlug und regungslos auf der Wiese liegen blieb.

Hermann saß in seiner Stube im Schuppen und genoss die heiße Schokolade und das Marmeladenbrot, das ihm die Frau, die von den Langhaaren Oma genannt wurde, eben gebracht hatte.
Der Troll schmunzelte, es gefiel ihm hier. Vor einiger Zeit hatte ihn der Mann ohne Haare gefragt, ob er lieber wieder im Wald in einem Baum leben wollte, oder hier bei ihm.
Obwohl es ihm große Überwindung gekostet hatte, das zuzugeben, hatte er geantwortet, dass er gerne hier bliebe.
Das war doch glasklar, besser als hier ging es ihm nirgendwo.
Natürlich hatte er dabei sein aller grimmigstes Trollgesicht gemacht.
Der Mann ohne Haare aber hatte nur vergnügt gelacht.
Er hatte dann zwischen seiner Werkstatt und Hermanns
Stube eine Mauer aus Brettern eingezogen, sodass der Troll eine eigene kleine Wohnung hatte. Selbst ein kleines Fenster wurde eingesetzt und die Frau mit dem Namen Oma hatte hübsche Gardinen aufgehängt.
Der Mann ohne Haare aber brachte eines Tages ein Bett, das er selbst gezimmert hatte, in die Stube und die Langhaare, die wieder mal zu Besuch waren kamen mit Kissen und Decken und einem kleinen Teppich.
Hermann war es wirklich sehr schwer gefallen, seine finstere Miene beizubehalten, denn so wunderschön und gemütlich war seine kleine Stube geworden.
Und der Mann ohne Haare hatte wirklich an alles gedacht. Er hatte sogar an die Tür einen tiefer gelegenen Griff angebracht, extra nur für ihn.
Und die Langhaare hatten für ihn Bilder gemalt und an die Wand gehängt.
Ein Klopfen an der Scheibe riss ihn aus seinen Gedanken. Seine Freundin Amalia Blaumeise flatterte vor dem Fenster und schwirrte in die Stube, als Hermann öffnete.
Sie landetet auf dem Tisch und machte sich sofort über die Brösel auf dem Teller her.
Hermann setzte sich und wartete.
Der Vogel plusterte sich auf und zupfte an seinen Federn.
Das war lecker, du hat es schön hier.“
Anerkennend sah sie sich um.
Ja, sie sind sehr nett zu mir,“ grinste Hermann.
Aber wie ich dich kenne zeigst du ihnen nur dein grimmiges Gesicht.“
Schließlich bin ich ein Troll und bin das meinem Namen schuldig.“
Die beiden kicherten.
Doch dann wurde die Blaumeise ernst.
Wir brauchen deine Hilfe!“
Was ist los?“
Auf der Wiese vor dem Wald liegt ein riesengroßer Hase, wie ich noch keinen gesehen habe. Er ist nicht tot, aber lebt auch nicht. Sein Herz klopft noch, aber er bewegt sich nicht.“
Ich will ihn mir mal ansehen,“ brummte der Troll, schlüpfte in seine Jacke und verließ mit Amalie den Schuppen.
Familie Mümmel mit ihren Kindern, das Eichkätzchen Ulrike, der Igel Rudi und die Maus Graufellchen standen bei dem wirklich sehr großen Hasen.
Hermann beugte sich über das Tier und fühlte seinen Puls.
Mit der Hand fuhr er über das Fell und über den Kopf.
Er hat eine große Beule am Kopf, deshalb wohl die lange Ohnmacht. Ich hole den Mann ohne Haare. Er muss uns helfen.“
So schnell ihn seine kurzen stämmigen Beine trugen eilte er zurück zum Haus und klingelte Sturm.
Gemach, gemach,“ rief Großvater Schinkel, als er öffnete und den kleinen Kerl herein ließ.
Hermann stemmte seine Hände auf die Knie und musste erst mal heftig atmen.
Dann erzählte er Opa Schinkel und seiner Frau, die auch in den Flur gekommen war von dem verletzten Hasen.
Natürlich ging Opa Schinkel gleich mit und seine Frau wollte den Tierarzt verständigen.
Bald standen die beiden vor dem Hasen und der alte Mann hüllte ihn in die mitgenommene Decke und trug ihn zum Schuppen, wo er ihn auf die Werkbank legte.
Der Hase war noch immer nicht aufgewacht und besorgt runzelte Herr Schinkel die Stirn.
Da wurde mit einem Schwung die Schuppentür aufgestoßen und Hermann konnte gerade noch hinter einem Holzstapel verschwinden, bevor der Tierarzt eintrat.
Polternd begrüßte er seinen Freund und untersuchte dann fachmännisch das verletzte Tier.
Innere Verletzungen hat er keine und die lange Ohnmacht kann von dem Schlag auf den Kopf kommen. Ich gebe ihm
eine Kreislauf stärkende Spritze, den Rest muss die Natur übernehmen.“
Danke dir Erich.“
Das wirst du nicht mehr denken, wenn du meine Rechnung bekommst,“ lachte dieser dröhnend und gab ihm einen kräftigen Schlag auf die Schulter unter der Opa Schinkel zusammen zuckte.
Mitten in der Nacht wurde Hermann wach durch ein Stöhnen und Poltern. Schnell lief er nach nebenan und drückte auf den Lichtschalter.
Der Hase lehnte an der Werkbank und sah sich verwirrt um.
Wo bin ich hier?“
Im Schuppen von dem Mann ohne Haare. Du lagst auf der Wiese vor dem Wald und er hat dich hierher getragen. Wie fühlst du dich?“
Ich habe Kopfschmerzen und ein flaues Gefühl im Magen.“
Hermann grinste: „ Die Kopfschmerzen kommen von deiner Beule und das flaue Gefühle, ich denke mal du hast Hunger.“
Wie zur Bestätigung fing der Magen des Hasen laut zu grummeln an.
Die beiden lachten.
Komm in meine Stube, die Frau mit dem Namen Oma hat schon gedacht, dass du vielleicht Hunger hast, wenn du aus deiner Ohnmacht erwachst und hat vorgesorgt.“
Wer sind denn alle diese Leute, die du erwähnst?“
Während der Hase von dem reich gefüllten Teller aß, erzählte ihm der Troll von Opa und Oma Schinkel, ihren Enkelinnen, den Langhaaren, und wie er hierher gekommen ist.
Zufrieden lehnte sich der Hase zurück. Er fühlte sich wohl, außer den pochenden Schmerzen im Kopf.
Aber nun erzähle mir, wie kommst du auf die Wiese, hat ein Auto dich angefahren?“
Der Hase überlegte, dann schüttelte er verwirrt den Kopf.
Ich weiß es nicht?“
Woher kommst du und wie heißt du?“
Ich weiß es nicht!“
Hm, das kommt wohl von dem Schlag auf den Kopf, aber dein Gedächtnis wird bestimmt bald wieder funktionieren. Komm wir wollen schlafen, du kannst dich dort auf dem Teppich legen.“
Die nächsten Tagen vergingen und der Hase wurde von Tag zu Tag kräftiger und dank Omas Arnika - Salbe wurde auch
die Beule kleiner, nur sein Gedächtnis kam nicht wieder.
Am Wochenende kamen Renate und Susi und natürlich waren sie begeistert von dem neuen Mitbewohner.
Als sie hörten, dass er sich an nichts mehr erinnern konnte, beschlossen sie ihm zu helfen.
Zu viert wanderten sie zu der Wiese, wo man ihn gefunden hatten, überquerten gemeinsam die Straße und wanderten durch den Wald.Vielleicht trafen ja jemand der ihn kannte.
Doch niemand wusste wer der fremde Hase war.
Am Sonntagabend mussten die Mädchen nach Hause. Doch sie versprachen nächstes Wochenende wieder zu kommen und dann würden sie auch länger bleiben, denn es begannen die Osterferien.
Bei diesem Wort blitzte ein Gedanke auf im Kopf des Hasens, der aber sofort wieder verschwand.
In der Nacht träumte er von bunten Eiern, einer Häsin und Hasenkindern, die alle besorgt schauten.
Am nächsten Morgen überraschte er Hermann mit den Worten.
Ich bin der Osterhase!“
Der Troll starrte ihn überrascht an, dann grinste er.
Du erinnerst dich?“
Ja, als die Mädchen von der Osterferien sprachen, da klingelte es in meinem Kopf. Jetzt weiß ich wieder alles, ich wollte zu den Hühnern am Berghof und Eier holen. Meine Familie wird sich schon sorgen machen. Ich muss sofort los. Danke dir mein Freund und sag auch den Langhaaren und ihren Großeltern noch einen schönen Gruß. Ich habe soviel Zeit verloren durch den Unfall, muss mich sputen, sonst fällt Ostern ins Wasser. Lebe wohl mein Freund!“
Und weg war er.
Susi und Renate waren enttäuscht, als sie am Wochenende wieder kamen, hatten sie sich doch gefreut auf den Hasen.
Doch als sie erfuhren, dass es der Osterhase war, waren sie stolz ihn persönlich kennengelernt zu haben.
Und an Ostern fanden sie ein besonders großes Nest mit Leckereien im Garten.
Hermann aber bekam am Abend vor Ostern Besuch von seinem Freund dem Osterhasen und seiner Familie.

© Lore Platz



Kommentare:

  1. Liebe Lore,
    da ist in meinem Kopf wieder ein Film abgelaufen, wunderbar erzählt, fantasiereich und einfach nur toll!
    Danke für die schöne Geschichte, liebe Grüße
    Regina

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  2. Liebe Lore,
    das ist eine tolle und fantasiereiche Osterhasengeschichte. Nur gut, dass der Osterhase gerettet werden konnte, sonst wären wahrscheinlich viele Kinder zu Ostern enttäuscht. Aber es ist ja noch einmal alles gut gegangen. Und auch die Osterhasenfamilie ist wieder zusammen.
    LG
    Astrid

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  3. Du hast uns eine tolle Geschichte geschrieben, die nicht besser in diese Zeit passen könnte. --- Stell dir bloß vor, der Osterhase wäre noch länger ohnmächtig geworden und hätte sein Gedächtnis nicht wieder erlangt - nicht auszudenken, wie traurig all die Kinder wären :-)!!! LG Martina

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  4. Liebe Lore,
    das war jetzt eine Überraschung, dass der Osterhase in Deiner Geschichte aufgetaucht ist. Och, der Arme. Gut, dass er so schön gepflegt wurde und wieder sein Gedächtnis zurück erlangt hat. So lieb, Deine Geschichte. Alles Liebe Eva

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  5. Ein Glück, dass er sein Gedächtnis wieder zurück bekommen hat, der Osterhase. Wer sollte denn sonst Ostern die Eier bringen?
    LG Elke

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  6. Eine richtig typische Lore-Geschichte! Man merkt, wie sehr Du Trolle und Zwerge liebst...
    Die Idee, dem Osterhasen darin eine Hauptrolle zu geben, ist genial. Und deshalb passt die Geschichte so schön in diese Zeit... Ich habe sie gerne gelesen und bin froh, dass der Osterhase gerade noch rechtzeitig sein Gedächtnis wiedergefunden hat!
    Liebe Grüße
    Christine

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Für die lieben Kommentare möchte ich mich bedanken, ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich nicht immer dazu komme, sie zu beantworten.