Dienstag, 1. November 2016

Schönheit liegt im Auge des Betrachters

Da wir ja nun alle zwei Wochen wieder eine Reizwortgeschichte schreiben, ist es heute wieder soweit.
Heute geht es um die Wörter:
Stöckelschuhe, Krähennest, trödeln, basteln, unverschämt.

Wegen dem Krähennest musste ich erst googeln und erfuhr, dass man so den Ausguck auf einem Schiff benennt. 
Da meine Geschichte aber auf dem Land spielt, habe ich eine Wohnung so bezeichnet,
Ich hoffe ihr verzeiht mir die dichterische Freiheit.
Viel Spaß beim Lesen!





Nun ein Wort in eigener Sache: 
Einige meiner Bekannten, die keinen eigenen Blog haben,
wissen nicht wie man kommentiert.
Auch ist es ja nicht immer einfach ein Märchen zu kommentieren.
Nun habe ich die Sache vereinfacht.
Wenn euch die Geschichte gefällt drückt einfach auf lesenswert.
Ihr wisst ja der Künstler lebt vom Beifall (Augen zwinkern)







Schönheit liegt im Auge des Betrachters


Die alte Frau sitzt in ihrem bequemen Ohrensessel und sieht gedankenverloren aus dem Fenster.
Tiefe Nebelschwaden hüllen den Garten in trübes Grau und nicht ein Sonnenstrahl findet seinen Weg durch die dichten Schleier.
Trübe Gedanken sind es auch, die ihr durch den Kopf gehen. Zwanzig Monate sind es nun schon, seit ihr geliebter Heinrich die Augen für immer geschlossen, nicht bevor er ihr noch mit einem Zwinkern zu geflüstert hatte:
Ich warte dort oben auf dich und werde schon mal ein schönes Plätzchen für uns beide suchen.“
Fünfzig Jahre waren sie verheiratet und nun hatte er sie allein gelassen.
Die Tür öffnet sich leise und Emilia, kurz Milli, genannt huscht ins Zimmer.
Oma, störe ich?“
Diese lächelt und schüttelt den Kopf.
Morgen haben wir eine Halloween Party im Kindergarten und Mama fährt nachher mit mir in die Stadt und dann bekomme ich ein Kostüm.“
Als was möchtest du dich denn verkleiden?“

Ganz ganz gruselig, vielleicht werde ich ein böser Drache!“
Milli schneidet eine fürchterliche Grimasse.
Die Oma lacht.
Warum feiern wir eigentlich Halloween?“
Die Kleine war jetzt im 'warum' Alter und wollte immer alles genau wissen.
Früher war es ein Erntedankfest und da auch die dunkle Jahreszeit beginnt dachte man an die Toten und in verschiedenen Ländern glaubte man sogar, dass sie am 31.Oktober auf die Erde zurückkehrten, um zu spuken.
Und deshalb verkleidet man sich an diesem Tag und feiert und die Kinder gehen von Haus zu Haus und sammeln Süßigkeiten.“
Millie nickt eifrig. „Anne geht morgen Abend mit mir auch Süßigkeiten sammeln. Ich freue mich schon darauf!“
Anne war ihre große Schwester.
Frau Pelzer lächelt und denkt glücklich wie reich gesegnet sie doch ist mit ihren fünf prächtigen Kindern und 14 Enkelkindern, von denen Milli das jüngste war.
Nach dem Tode ihres Mannes hatte ihre Tochter Astrid sie zu sich genommen, damit sie nicht so allein war.
Mille zupft sie am Ärmel.
Omilein erzählst du mir eine Geschichte?“
Sie klettert auf den Sessel und schmiegt sich in die Arme der alten Frau.
Diese überlegt kurz, dann beginnt sie zu erzählen.

Es war einmal eine junge Frau, die wollte gar nicht mehr unter die Menschen gehen, denn durch einen schweren Verkehrsunfall an dem sie nicht schuld war, hatte sie schlimme Narben auf ihrer rechten Wange.
Obwohl ihre Freunde sie immer wieder bedrängten doch mit ihnen zu kommen, so wollte Erika das Haus nicht verlassen.
Zu sehr fürchtete sie die teils mitleidigen, entsetzten, oder auch unverschämten Blicke, die ihrem verunstaltetem Gesicht galten.“

Milli rekelt sich in ihrem Arm und sieht die Oma ernst an, dann fährt sie liebevoll mit der Hand über die Wange der alten Frau.

Diese lächelt liebevoll und erzählt weiter.

Dann kam Halloween und Rena konnte ihre Freundin überreden auf eine Party mit zu kommen, denn unter all den Masken würde sie nicht auffallen und es wurde an der Zeit, dass sie endlich ihr Krähennest verließ und wieder unter Leute ging.
Unter viel Gekicher verkleideten sich die beiden.




Aus Erika wurde eine freche Hexe, den spitzen Hut hatte sie selbst gebastelt.

Rena verkleidete sich als Skelett, dazu trug sie Stöckelschuhe und eine Kette aus Knochen die bei jedem Schritt klapperten.

Mit dem Taxi fuhren sie zu dem Haus in dem die Party statt fand. Erika war anfangs noch ängstlich, doch unter all den grotesken und gruseligen Masken fiel sie gar nicht auf.
Niemand machte eine dumme Bemerkung über ihre Narben, dachten sie doch es gehörte zur Maskierung.
Rena war sofort mitten im Trubel verschwunden, während Erika etwas schüchtern in der Ecke stehen blieb und dem vergnügten Treiben zusah.

Ein Werwolf kam auf sie zu mit einem Glas Sekt in der Hand. Er hielt es hier hin und dankbar nahm sie einen Schluck, der kribbeltet in der Nase und sie musste niesen.
Er lachte und die blauen Augen aus der Wolfsmaske funkelten vergnügt.
Ich beobachte dich schon eine Weile, alle amüsieren sich und du stehst hier schüchtern herum.
Komm!“
Er fasste sie an der Hand und bald tanzte sie genauso ausgelassen wie die anderen. Der Werwolf blieb den ganzen Abend an ihrer Seite und Erika fühlte sich immer wohler in seiner Gegenwart, als würde sie ihn schon ein Leben lang kennen.
Und als er sie küsste, da fühlte sie sich wie im siebten Himmel, doch dann fielen ihr plötzlich ihre Narben wieder
ein und in einem unbeobachtetem Moment verschwand sie und lief durch die kalten dunklen Straßen nach Hause.

Heinrich der Werwolf aber stand da und murmelte:
Aschenputtel hat wenigstens einen Pantoffel da gelassen“
Der Abend machte ihm keinen Spaß mehr, denn er hatte sich verliebt.
Er erkundigte sich bei dem Gastgeber, der konnte ihm aber nur sagen, dass die kleine Hexe mit Rena, er deutete dabei
auf das Skelett, gekommen sei.
Heinrich ging zu Rena und fragte sie nach ihrer Freundin.
Diese erschrak. Sie hatte gar nicht gemerkt, dass Erika verschwunden war, hatte nur beobachtet wie sich diese mit dem Werwolf amüsierte und sich gefreut, als sie ihr Lachen hörte, das so klang wie früher.
Sie zog Heinrich in eine stille Ecke und erzählte ihm von dem Unfall und den Narben und dass ihre Freundin sich nicht mehr unter Menschen wagte. Nur mit Mühe sei es ihr heute gelungen Erika mitzunehmen und das nur unter dem Schutz der Verkleidung.
Eine Weile war es still, dann fragte Heinrich, ob sie ihm die Adresse von Erika geben könnte.
Rena überlegte lange, sie kannte ihn nur flüchtig, wusste aber von ihrem Freund Klaus, dass er ein feiner Mensch war, humorvoll, ehrlich und vielleicht wäre es gut für Erika.
Ernst sah sie den jungen Mann an.
Ich werde dich morgen Nachmittag mitnehmen, aber wehe du brichst ihr das Herz.“

Erika hatte die ganze Nacht geweint und war dann endlich eingeschlafen. Es war schon weit nach Mittag, als sie sich lustlos aus dem Bett schob, duschte fast kalt und trödelte beim Anziehen.
Gerade verließ sie das Bad, als es klingelte.
Das war bestimmt Rena. Erika öffnete die Tür und erschrak, als sie neben ihrer Freundin Heinrich erblickte.
Erschrocken senkte sie den Kopf, drehte sich um und lief ins Wohnzimmer.
Rena gab Heinrich einen Stoß, flüsterte 'Viel Glück' und schloss die Tür hinter ihm.
Erika stand mit hängenden Armen und tief gesenktem Kopf mitten im Zimmer, die Haare wie einen Schleier vor dem Gesicht.
Heinrich legte ihr die Hände auf die Schultern und sagte mit leiser zärtlicher Stimme.
Willst du mich nicht ansehen?“
Langsam hob das Mädchen den Kopf, wagte aber nicht in seine Augen zu schauen, denn sie fürchtete den entsetzten Blick.
Heinrich aber führte sie vor den großen Spiegel ihm Flur.
Liebling sieh in den Spiegel,“ flüsterte er zärtlich an ihrem Ohr.
Erika sah hinein und erblickte die große gutaussehende Gestalt des Mannes hinter sich und dann fiel ihr Gesicht auf ihre Narben und sie wollte sich aus seinem Griff befreien.
Doch er hielt sie fest.
Weißt du was ich sehe?
Ich sehe ein wunderschönes Mädchen aus deren Augen Liebe, Güte und Herzenswärme strahlen. Eine bezaubernde kleine Nase, die etwas keck nach oben zeigt und die beweist wie fröhlich und humorvoll dieses Mädchen sein kann. Und einen Mund der so schön lächeln und Lachen kann und den ich gerne küssen möchte."
Dann beugte er sich vor und küsste sie sanft und zärtlich.
Erika aber liefen die Tränen über das Gesicht.
Mit dem Daumen wischte der junge Mann diese weg und drückte ihren Kopf an seine Brust.
Hörst du wie mein Herz schlägt, es wird für dich schlagen so lange ich lebe.“
Und das Mädchen hörte das Klopfen des Herzen, das in ihrem Ohren vibrierte und fühlte sich geborgen.“

Eine Weile ist es still, dann dreht Mille sich in den Armen der alten Frau und kniet sich auf deren Schoß.
Mit beiden Händen umfasst sie ihr Gesicht.
Oma Erika, Opa Heinrich hat Recht, du bist die liebste Oma der Welt und wunderschön!“
Und die alte Frau blickt in die Augen des kleinen Mädchens, die ihrem Mann so ähnlich sind und lächelt unter Tränen.


© Lore Platz








Kommentare:

  1. Liebe Lore, ich freue mich so sehr, dass die Muse den Weg zu dir wieder gefunden hat. Du hast dir wieder einmal eine ganz besondere Geschichte erdacht. - Übrigens wusste ich nicht, dass der Ausguck auf einem Schiff als Krähennest bezeichnet wird. Ich hab mir dafür auch etwas anderes ausgedacht. :-) Jetzt muss ich noch bei den anderen lesen und schauen, wie sie die Wörter untergebracht haben! Ich wünsche dir einen schönen Tag! LG Martina

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  2. Schönheit liegt im Auge des Betrachters. Das kann ich nur bestätigen.Da ist dir wieder eine schöne Geschichte gelungen.
    Liebe Grüße
    Elke

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  3. Liebe Lore,
    vielen Dank für diese wunderschöne Geschichte! Mir sind bei dem guten Ende doch tatsächlich die Tränen runtergelaufen...
    Dass man den Ausguck auf einem Schiff als "Krähennest" bezeichnet, wusste ich auch nicht. Für mich war das einfach so was wie ein Schwalbennest, in dem eben nur die die Krähen ihre Junge großziehen... **lach**.
    Liebe Grüße, und noch einen schönen Feiertag!
    Christine

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  4. Oh, welch herrliche Geschichte. Sie hat mich richtig in den Bann gezogen.
    Total gefreut habe ich mich, als ich sogar meinen Namen in Deiner Geschichte gelesen habe.
    Schönheit liegt im Auge des Betrachters,- wie wahr. Und Schönheit ist nicht nur das Äußerliche. Zur Schönheit gehört viel mehr.
    LG
    Astrid

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  5. Liebe Lore,
    Deine Geschichte hat mich berührt. Sie ist so schön und erzählt das, was ich immer sage: Schönheit kommt von Innen.
    Liebe Grüße
    Marle

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  6. Liebe Lore, Du erinnerst mich an eine Bekannte in Frankfurt,d er ging es ganz genauso, nur war das nicht so märchenhaft. Ein Bekannter von jns war mit ihr eine zeitlang zusammen, weil er keine Wohnung hatte. Nur ausgenutzt hat er sie und immer vom "Monster" hinter ihrem Rucken gesprochen. Weiß nicht, was ihr geworden ist. Liebe Grüße Eva

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Für die lieben Kommentare möchte ich mich bedanken, ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich nicht immer dazu komme, sie zu beantworten.