Freitag, 28. Juni 2019

Die roten Lackschuhe








Als Nachkriegskinder waren wir alle arm und wenn wir dann neue Schuhe oder ein Kleid bekamen haben wir es sehr sorgsam behandelt.
Mit meiner kleinen Geschichte wünsche ich euch ein schönes Wochenende und viel Spaß beim Lesen!


Die roten Lackschuhe


Auf dem Weg zur Schule kam die achtjährige Anneliese an einem Schuhgeschäft vorbei.
Über dem Eingang hing ein goldenes Messingschild von dem der gestiefelte Kater frech herunter grinste und wenn der Wind ging, dann machte das Schild „bling,bling“
Dieses Schild hatte das Mädchen zuerst angelockt, doch seit einigen Tagen standen rote Lackschuhe im Schaufenster und Anneliese konnte sich nicht sattsehen.
Ganz platt drückte sie sich ihre Nase und bewunderte die schönen roten glänzenden Schuhe, die auf einem Podest standen.
Wie sehr wünschte sie sich, diese Schuhe zu besitzen, aber sie wusste, es ging nicht, denn ihr Vater war arbeitslos und suchte schon so lange nach Arbeit.
Ganz traurig war er geworden und auch die Mama die doch früher immer so gerne lachte und sang, war jetzt immer blass und still.
Anneliese würde nichts von den Schuhen erzählen, das sollte ihr Geheimnis bleiben.
Auch heute hielt sie vor dem Geschäft und drückte ihre Nase ganz fest an die Scheibe des Schaufensters, um „ihre“ Schuhe zu betrachten.
Doch was war das?
Ein Gesicht erschien und eine Hand griff nach den Schuhen und dann war das Podest leer.
Anneliese erschrak.
Traurig starrte sie vor sich hin und in ihren Augen sammelten sich Tränen.
Die Tür des Schuhgeschäfts öffnete sich und eine elegant gekleidete Dame, die ein Mädchen an der Hand führte, trat heraus.
Als sie die kleine Vortreppe herunter kamen, sah Anneliese :
Das Mädchen trug die roten Lackschuhe.
Anneliese wandte sich um und lief blind vor Tränen los.
Der Schulranzen auf ihrem Rücken hüpfte auf und ab und
die Tränen rannen nur so über ihr Gesicht.
Als sie das Miethaus betrat, setzte sie sich erst einmal auf die Holztreppe, um zu verschnaufen und die Tränen zu trocknen.
Die Mutter hatte scharfe Augen und würde nur fragen, warum sie geweint hatte.
Anneliese legte den Kopf in beide Hände und versuchte an etwas Schönes zu denken, das hatte die Oma immer zu ihr gesagt.
Ach die Oma, die war vor einem Jahr gestorben, wenn die doch hier wäre.
Mit ihr könnte sie über die schönen roten Lackschuhe sprechen.
Oben ging eine Tür und Anneliese sprang schnell auf und ging mit gesenktem Kopf die Treppe hinauf.




Als sie am Abend im Bett lag, dachte sie wieder an das Mädchen, das nun „ihre“ Lackschuhe trug.
Ach wie froh und glücklich würde diese sein.
Auf einmal war ihr, als würde die Oma ihr tröstend über das Haar streichen, wie sie es so oft getan hatte.
Und ihr fiel ein, was die alte Frau immer zu ihr gesagt hatte.
Wenn du einmal ganz traurig bist und mit niemanden über deinen Kummer sprechen kannst, dann erzähle es dem lieben Gott, der hört immer zu und vielleicht hilft er dir ja auch.“
Anneliese faltete die Hände und sprach sich ihren ganzen Kummer von der Seele.
Dann nahm sie ihren Teddy in den Arm und schlief getröstet ein.

Am nächsten Tag musste sie ihre Mutter in den Kleiderladen begleiten.
Dort gab es Kleider und viele Sachen zum Anziehen umsonst, gespendet von Leuten, die sie nicht mehr haben wollten.
Lustlos betrat Anneliese das Geschäft. Viele Menschen wühlten an den Sammeltischen und auch ihre Mutter ging zu ihnen.
Das Mädchen aber stromerte durch die Halle und sah sich gelangweilt um.
Da blitzte es rot vor ihren Augen auf.
Das waren doch die roten Lackschuhe, die das reiche  Mädchen gestern getragen hatte.
Anneliese lief an den Stand und fuhr behutsam über das rote Leder.
Gefallen sie dir?“
Die Kleine sah auf und nickte.
Die freundliche Dame lächelte und nahm die Schuhe und stellte sie auf den Boden.
Probier mal, du hast Glück, die sind noch ganz neu. 
Das Mädchen, dem sie gehörten wollte sie nicht mehr, weil sie angeblich drücken und das Dienstmädchen von Frau Bergmeister hat sie heute morgen vorbeigebracht.“
Anneliese schlüpfte in die Schuhe.
Sie passten wie angegossen!
Du kannst sie behalten!“


© Lore Platz

Donnerstag, 27. Juni 2019

Manuela will nicht verreisen



(c) Nadine F.



Manuela will nicht verreisen


Manu warte doch!“ 
Atemlos erreicht Ilse ihre Freundin.
Dann stutzt sie. „Du weinst ja?“
Manu schnieft und fährt sich mit dem pinkfarbenen Ärmel ihrer Jacke über die Augen.
Meine Eltern wollen nach Dubai. Nächste Woche schon fliegen wir los.“
Aber das ist doch toll. Stell dir bloß vor Luxushotels, Meer, Sand und vielleicht darfst du sogar auf einem Kamel reiten. Wir fahren nur an die Ostsee.“
Aber ich will nicht mitfahren. Dort werde ich mich zu Tode langweilen und außerdem darf Kalimero nicht mit. Er muss in eine Hundepension!“
Ilse ist entsetzt. Wenn sie daran denkt, dass sie sich drei Wochen von ihrem Hund Fussel trennen müsste. 
 
(c) Elli M.

Zum Glück haben ihre Eltern ein Ferienhaus gemietet, in dem Haustiere erlaubt sind.
Mitfühlend legt sie den Arm um ihre Freundin.
Und wenn du bei deiner Oma bleibst?“
Die ist gerade zur Kur und kommt erst in vier Wochen wieder,“ seufzt Manu.

 
(c) Werner Borgfeldt

Als das Mädchen den Garten betritt kommt ihr der schwarze- weiße Mischling schon entgegen und Manu umarmt ihn stürmisch und vergräbt schluchzend das Gesicht in dem dicken Fell.
Bedrückt betrachtet die Mutter die beiden durch das Küchenfenster.
Missmutig betritt Manu die Küche, während Kalimero vergnügt neben ihr herspringt.
Tag,“ murmelt sie, sieht aber ihre Mutter nicht an.
Manuela, ich weiß, dass es für euch beide nicht leicht wird, aber sieh doch drei Wochen gehen schnell vorbei und Kalimero wird es sicher in der Hundepension gefallen.“
Das glaubst du doch selbst nicht! Ich habe übrigens keinen Hunger. Komm Kalimero!“
Einige Tage später fahren sie alle zusammen zur Hundepension Sonnenschein.
Es ist ein hübsches Anwesen und verschiedene Tiere tummeln sich in eingezäunten Wiesen.
Eine nette junge Frau kommt ihnen entgegen. 
Sie streichelt den Hund und meint: 
„Wir zwei werden uns schon verstehen.“ 
Und zu den Bergmanns gewandt,  
"machen sie sich keine Sorgen. Es wird ihm bei uns gut gehen.“
Der Abschied zwischen Manuela und Kalimero ist herzzerreißend.
Zu Hause angekommen verschwindet sie sofort in ihrem Zimmer.
Die Eltern sehen ihr besorgt nach. 
Es gefällt ihnen ja auch nicht Kalimero weg zu geben, aber es geht nun mal nicht anders.
Sie können ihre zwölfjährige Tochter und den Hund nicht alleine zu Hause lassen.
Sie wird sich schon wieder beruhigen und Kalimero hat es gut in der Pension und drei Wochen sind doch schnell vorbei.“ meint Herr Bergmann, aber er glaubt selbst nicht daran und irgendwie freut auch er sich nicht mehr auf den Urlaub.
Kalimero aber liegt teilnahmslos in dem Zimmer, in das man ihn gebracht da.
Den gefüllten Futternapf neben sich beachtet er gar nicht. 
Er ist traurig und kann die Welt nicht mehr verstehen. 
Warum nur hatte man hierher gebracht?
Gegen Abend kommt der Praktikant, wechselt das Futter aus und bringt auch frisches Wasser.
Liebevoll streichelt der den Hund und meint:
Wirst dich schon bei uns eingewöhnen, morgen darfst du auch zu den anderen Hunden auf die Wiese, das wird dir gefallen und bald kommt auch dein Frauchen wieder zurück.“
Kalimero hebt nicht einmal den Kopf und der junge Mann verlässt das Zimmer.
Als die Tür mit einem Klick ins Schloss fällt springt der Hund auf. 
Plötzlich ist ihm eingefallen, was Manuela ihm beigebracht hat.
Er stemmt sich an das weißlackierte Holz und drückt mit der Pfote den Griff nach unten. Nach einigen vergeblichen Versuchen gelingt es.
Der Weg zur Freiheit ist offen.
Unbemerkt saust Kalimero durch das Haus und findet glücklicherweise das Haupttor nicht verschlossen.

(c) Werner Borgfeldt

Und nun ist er nicht mehr zu halten.
Zwei Stunden später, es ist bereits dunkel, hat er die Heimat erreicht.
Er rennt mit hängender Zunge durch den Garten, zwängt sich durch die Hundeklappe, saust die Treppe nach oben und kratzt an der Tür von Manuelas Zimmer.
Das Mädchen, das noch nicht geschlafen hat, lässt ihn herein und kniet sich auf den Boden und umarmt ihren geliebten Freund.




Und als wenig später der Mond durch das Fenster guckt sieht er einen schwarzen-weißen Hund und ein kleines Mädchen eng umschlungen im Bett liegen und tief und friedlich schlafen.
Am nächsten Morgen ist die Mutter sehr erstaunt, als Manuela und Kalimero gemeinsam in die Küche kommen.
Etwas trotzig sieht das Mädchen ihre Mutter an.
Ich habe es doch gleich gewusst, dass es ihm dort nicht gefällt. Er ist ausgerückt!“
Kalimero aber setzt sich vor Frau Bergmann und sieht sie erwartungsvoll an.
Diese lacht und füllt den Futternapf über den sich der Hund begeistert drüber stürzt.
Stellt euch vor, die Hundepension hat gerade angerufen, Kalimero ist ausgerückt. Aber da ist er ja?“
Herr Bergmann sieht erstaunt auf den Hund, der gerade mit der Zunge die letzten Reste aus dem Napf leckt.
Er grinst. „Außerdem haben sie gesagt, dass er sein Futter gestern nicht angerührt hat.“
Doch dann wird sein Gesicht ernst.
Ich denke es wird wohl nichts aus dem Flug nach Dubai.“
Vielleicht doch!“ ruft Manuela,“ich habe eine Idee!“
Sie saust aus dem Zimmer, gefolgt von dem Hund.
Einige Minuten später kommt sie wieder.
Mama, Ilses Mutter möchte mit dir sprechen.“
Den Arm um Kalimero geschlungen wartet sie nun auf ihre Mutter, die kurze Zeit später vergnügt lächelnd wieder die Küche betritt.
Manuela und Kalimero können mit Ilse und ihren Eltern an die Ostsee fahren. 
Die haben dort ein Ferienhaus gemietet, in dem Haustiere erlaubt sind.
Und wir beide können nach Dubai fliegen.“
Manuela stößt einen Jubelschrei aus und umarmt abwechselnd ihr Eltern, während Kalimero laut bellend um alle herum springt.


(c) Irmgard Brüggemann

Nun muss ich aber schnell meine Koffer packen!“
Das Mädchen verlässt die Küche, gefolgt von ihrem treuen Begleiter.
Auf dem Weg nach oben hört man sie laut singen.
Frau Bergmann betrachtet ihren Mann, der ein ganz komisches Gesicht macht.
Freust du dich denn nicht, dass wir das Problem lösen konnten?“
Naja schon, aber es ist doch ein komisches Gefühl, wenn man bei seiner Tochter erst an zweiter Stelle kommt. Die Trennung von uns scheint ihr gar nichts auszumachen.“
Seine Frau lacht vergnügt.
Bist du etwa eifersüchtig auf den Hund.“
Liebevoll legt sie die Arme um seinen Hals und schmiegt ihren Kopf an sein Gesicht, dann flüstert sie in sein Ohr.
Denk doch daran, wie schön es auch für uns sein wird mal ohne Manuela zu vereisen. 
Fast wie zweite Flitterwochen.
Herr Bergmann grinst zieht seine Frau auf seinen Schoß und besiegelt ihre Wort mit einem langen zärtlichem Kuss.

© Lore Platz

Mittwoch, 26. Juni 2019

Mein Nachbar - Eine kleine Bildergeschichte

Heute an so einem heißen Tag, sollt man nicht so viel lesen, deshalb macht mit mir eine kleine Fotoschau.

Viel Spaß!

 

 
(c) Irmgard Brüggemann

 

 

Mein Nachbar - Eine kleine Bildergeschichte



Wir alle kennen eigentlich unsere direkten Nachbarn.
Doch diesen Nachbarn hatten wir bisher noch nicht persönlich kennen gelernt 
Seine Stimme war uns allerdings bekannt.
Denn jeden Morgen, zu einer Zeit, da wir uns noch die Decke über den Kopf zogen, begann er mit lautem fröhlichem "Kikerikieeee" die Sonne zu begrüßen.




Letzten Sommer nun stattete er uns einen Besuch ab. (2010)
Ich weiß nicht, vielleicht hatte er Fernweh oder er wollte einfach mal Ruhe haben.
Denn ich kann mir vorstellen so als einziger Hahn unter vielen gackernden Hühnern ist die Sehnsucht nach friedlicher Stille bestimmt sehr groß.



Er flog also über die Mauer, eine beträchtliche Leistung für einen Hahn und marschierte über unsere Terrasse in unser Wohnzimmer, wo wir ihn
mit einem herzlichen Lachen begrüßten.




Ohne uns zu beachten stolzierte er an uns vorbei, schließlich wollte er doch wissen in welchem Nest diese komischen Zweibeiner wohl schliefen.




Naja bei ihm war es doch gemütlicher, also Zeit dieses komische Nest zu verlassen.
Wo war denn nur gleich der Weg zum Ausgang?


 Erinnere mich, da bin ich doch herein gekommen.




Aber warum. soll ich zurück zu meinen Hennen, die gackern bloß und fragen mir ein Loch in den Bauch.
Hier ist es doch viel ruhiger, uaaah, ich bin müde.


Unser Gast blieb bis zum Abend, so gut hat es ihm gefallen.
Dann holte der Bauer den Ausreißer zurück.
Was Herr Hahn wohl am Abend seinen Damen zu erzählen hatte?



(c) Lore Platz

Dienstag, 25. Juni 2019

Die Mäuse Max und Moritz

Heute erzähle ich euch eine Geschichte von einem lieben alten Mann, der als Archivar die Gerichtsakten im Amtsgericht verwaltet und dabei zwei Freunde findet.

Der einzige Lagerist, dem ich begegnet bin, war ein richtiges Ekelpaket.
Nach der Schule fing ich in einer großen Versicherung an zu arbeiten. Damals gab es noch keine Computer und digitalisierten Akten.
Unten im Keller (sechs Stockwerke) war ein großer Lagerraum mit Akten und der Herr des Ganzen war ein Mann in mittleren Jahren.
Er trug einen grauen Kittel, hatte fettige gewellte Haare und stank permanent nach Schweiß.
Als Jüngste in der Abteilung wurde ich von meinen Kollegen öfter als Laufbursche eingesetzt.
Und ich habe es gehasst!
Denn während ich am Tisch die Akten sortierte, rückte mir der unangenehme Mann auf die Pelle. Geschickt versuchte ich seinen widerlichen Annäherung zu entkommen, indem ich zur Seite rückte, raffte schließlich die Papiere und verließ fluchtartig den Raum.
Damals wusste man noch nicht wie man sich gegen sexuelle Belästigung am Arbeitsplatz wehren kann.


Doch Herr Franz in meiner Geschichte ist ganz anderes, ein lieber freundlicher älterer Herr mit einem großem Herzen für Tiere.


Viel Spaß beim Lesen!


(c) Irmgard Brüggemann




Die Mäuse Max und Moritz



Im Keller des Amtsgerichts war das Archiv untergebracht.
In hohen Regalen, die fast bis zur Decke reichten waren hunderte von Akten verstaut.
Vorne neben dem niedrigen Fenster stand ein alter Schreibtisch, an dem der Archivar Herr Franz immer arbeitete.
Zwei dicke Mäuse saßen zusammen gekauert in einer Ecke und blickten etwas ratlos zur Tür.
Wenn die Uhr der nahestehenden Kirche achtmal läutete, dann kam Herr Franz herein. Die Augen hinter der Brille funkelten vergnügt und er pfiff eine fröhliche Melodie.
Nachdem er die alte verschrammte Aktentasche neben den Schreibtisch gestellt hatte, schlüpfte er in seinen grauen Kittel und setzte sich.




Das war der Zeitpunkt an dem die beiden Mäuse losliefen, flink an dem Schreibtisch emporkletterten und Männchen machten.
Herr Franz lachte dann vergnügt, holte einen Apfel hervor und legte ihnen ganz klein geschnittene Stückchen vor die Nase.
Er selbst aß die andere Hälfte und dabei erzählte er ihnen, was er gestern Abend so erlebt und was seine Frau Trudchen ihm leckeres gekocht hatte.
Dann aber setzte er die beiden Mäuse auf den Boden und das war das Zeichen, dass sie ihn jetzt nicht stören durften.
Zusammengekauert saßen sie dann da und beobachten ihren Ziehvater.
Das ging nun schon so seit zwei Jahren.
Seit ihre Mutter plötzlich ganz still da lag und ihr verzweifeltes Fiepen nicht hörte.
Doch Herr Franz hatte sie gehört und sofort gesehen, was passiert war.
Mitleidig hatte er die beiden Waisen aufgehoben, auf den Schreibtisch gesetzt, ihnen einige kleine Stückchen Äpfel und Käse hin gelegt.
Dann hatte er ihre Mutter auf eine kleine Schaufel geladen und war hinaus gegangen.
Als er zurück kam, saßen sie immer noch etwas verängstigt da, die kleinen Bröckchen aber hatten sie verschluckt.
Herr Franz erzählte ihnen nun, dass ihre Mutter im Mäusehimmel sei und von dort über sie wachen würde und er nun in Zukunft für sie sorgen würde.
Dann erklärte er ihnen, dass sie nun Max und Moritz hießen. Max sei der mit dem schwarzen Punkt unter dem Auge und Moritz der mit dem geringelten Schwanz.
Sie hörten ihm aufmerksam zu und nun freuten sie sich jeden Tag auf das Kommen von Herrn Franz.
Sie beobachteten ihn gerne bei der Arbeit.
Oft klingelte der schwarze Apparat auf dem Schreibtisch und der alte Mann lauschte der Stimme, die daraus erklang.
Dann nahm er das große Buch und schrieb etwas in seiner sauberen akkuraten Schrift hinein.
Anschließend ging er zu den Regalen, zog einige Akten, legte sie auf seinen Wagen und verließ den Raum.
Wenn er dann wieder kam mit dem Wagen voller Akten, die nicht mehr gebraucht wurden, lachte er oft vergnügt und setzte sich an den Schreibtisch.
Das war das Zeichen und Max und Moritz flitzen heran, denn von so einem Rundgang brachte er meist etwas mit.
Obst, Kekse oder selbstgebackenen Kuchen, den ihm die Sekretärinnen zusteckten.
Und während er seine Schätze mit ihnen teilte, erzählte er ihnen von Fräulein Ilona, die wieder mal unglücklich verliebt war, oder von Frau Ulrike, deren Mutter schwerkrank war, oder von dem schüchternen Assessor, der in seine Sekretärin Fräulein Klara verliebt war.
Manchmal aber schimpfte er aber auch über die Schlechtigkeit und Dummheit der Menschen.
Denn davon bekam man hier im Gericht viel zu viele zu sehen.
Dann philosophierte er, wenn Menschen sich wegen einem Stück Zaun oder einem Ast, der in ihr Grundstück ragte schon stritten, wie könnte man dann erwarten, dass ganze Völker sich vertrugen.
Und Max und Moritz hörten aufmerksam zu und lernten viel.
Heute aber war alles anders, schon lange hatte die Uhr achtmal geschlagen und Herr Franz war immer noch nicht da.
Angstvoll kauerten sie sich zusammen und ließen die Tür nicht mehr aus den Augen.
Endlich öffnete sie sich.
Doch wie sah Herr Franz aus?
Statt dem Schlamm braunen Anzug trug er heute einen schwarzen und unter dem Kinn ein seltsames Stück Stoff.
Es sah aus wie ein Schmetterling.
Einmal hatte sich ein solcher hierher verirrt und Herr Franz hatte ihnen erklärt, was für ein Tier das sei.
Aber der alte Mann war nicht nur anders gekleidet, auch seine Augen sahen traurig aus.
Müde schleppte er sich an seinen Schreibtisch.
Max und Moritz sausten los und saßen wenig später vor ihm.
Herr Franz lächelte traurig und berichtete ihnen, dass das
Archiv geschlossen worden sei und man ihn in Frührente geschickt hätte.
Der Herr Obergerichtsrat hatte eine schöne Rede gehalten und ihm eine tolle Uhr überreicht. Alle hatten ihm die Hand gedrückt, doch wenn er heute dieses Haus verließ, würde er morgen schon vergessen sein.
Nachdenklich betrachtet er die beiden Mäuse und meinte erschrocken:
Morgen schon kommt eine Speditionsfirma und holt alle Akten ab, sie werden digitalisiert und dann wird der Keller geschlossen. Aber was wird dann aus euch?“
Herr Franz öffnete die Schubladen und räumte seine persönlichen Sachen in die Aktentasche, dann nahm er Max und Moritz und steckte auch sie dazu.
Am besten, ich bringe euch in den Park,“ murmelte er.
Nachdem er in seinen Mantel geschlüpft, seinen Hut aufgesetzt hatte, warf er noch einen traurigen Blick durch den Raum.
Herr Albrecht, der Pförtner eilte herbei und hielt ihm die Tür auf.
Er tippte sich an seine Mütze und meinte :
Auf Wiedersehen Herr Franz und alles Gute für die Zukunft.“
Der alte Mann drückte ihm stumm die Hand und ging mit müden Schritten die Stufen hinab.
Es war ein verregneter Tag, als würde das Wetter sich seiner Stimmung anpassen.



Im Park setzte Herr Franz sich auf eine Bank und öffnete die Tasche.
Max und Moritz kletterten sofort heraus und flüchteten sich auf seinen Schoß.
Eine lange Zeit saßen sie im Nieselregen, dann aber nahm der alte Mann die beiden Mäuse und setzte sie ins Gras.
Nun müsst ihr allein zurecht kommen,“ erklärte er und ging mit langsamen müden Schritten davon.
Max und Moritz aber flüchteten unter die Bank, denn die Nässe war ihnen unheimlich.

 
(c) Irmgard Brüggemann


Als Herr Franz den Flur seines kleinen Häuschens betrat, kam ihm seine Frau, die bereits besorgt aus dem Fenster nach ihm Ausschau gehalten hatte, entgegen.
Sie half ihm aus dem nassen Mantel, reichte ihm die Puschen und lotste ihn in die warme heimelige Küche.
Ich habe einen Gugelhupf gebacken mit extra viel Rosinen, so wie du ihn magst.“
Lächelnd betrachtete Franz sein Trudchen, das in der Küche herum wuselte und dachte liebevoll:
' Ohne sie wäre alles noch viel schlimmer '.
Als sie dann gemeinsam am Tisch saßen, berichtete er seiner Frau, dass er Max und Moritz im Park ausgesetzt hätte.
Du hättest die beiden doch mitbringen können,“ sagte Trudchen leise.
Aber du ekelst dich doch vor Mäusen.“
Sie hätten ja nicht unbedingt hier im Haus wohnen müssen, aber im Schuppen wäre bestimmt ein Plätzchen für sie gewesen. Ich weiß doch wie sehr du an ihnen hängst.“
Franz drückte stumm die Hand seiner Frau.
Er wusste welches Opfer sie ihm damit gebracht hätte und dachte traurig:
' Ach hätte ich das nur früher gewusst. Ob die Zwei wohl im Park zurecht kommen?'
Max und Moritz saßen zitternd unter der Bank. Sie hatten Angst. Alles um sie herum war so fremd und die Nässe war ihnen unangenehm.
Endlich hörte es zu regnen auf und sie wagten einige Schritte hinaus in das Unbekannte.
Dicht beieinander liefen sie durch das nasse Gras.

 
(c) Werner Borgfeldt


Plötzlich stellte sich ihnen ein großes pelziges Ungeheuer in den Weg.
Wen haben wir den da? Ihr seid ja zwei nette fette Kerlchen, gerade was ich brauche.“
Seine Augen verengten sich und er setzte zum Sprung an.
Doch er verschätzte sich.
Jetzt erwachten Max und Moritz aus ihrer Erstarrung und rannten los, bis sie gegen einen großen Erdklumpen prallten.
Wer klopft denn da und stört mich in meiner Mittagsruhe!“
Der Hügel bewegte sich und oben guckte eine schwarze Maus mit einer spitzen Nase heraus.
Sie blinzelte, wie Kurzsichtige das tun, und sah dann die beiden Mäuse streng an.
Warum habt ihr geklopft?“
Ent... Entschuldigung, wir sind nur aus Versehen an ihr Haus gerannt, weil ein riesengroßes Monster uns verfolgte.“
Was geht mich das an, das nächste Mal passt besser auf.“
Der unfreundliche Gesell verschwand.




Ein leises Kichern erklang und Max und Moritz erblickten einen Wichtel der zwischen den Wurzeln eines Baumes stand.
Herr Maulwurf mag es gar nicht wenn man ihn stört.
Hallo ihr zwei, ihr seid wohl neu hier. Habe gesehen, dass ein alter Mann euch gebracht hat. Außerdem scheint ihr ja richtige Grünschnäbel zu sein. Das Monster das euch verfolgt hat war ein Kater.“
Er sah sich vorsichtig um.
Sicher schleicht er noch hier herum. Am besten ist, ihr kommt erst mal zu mir herein, bisschen ungemütlich bei dem Wetter und auch gefährlich.“
Die Mäuse folgten dem Wichtel, der sich als Pietro, aus der Familie der Wurzelwichtel vorstellte, durch das Gewirr von Wurzeln.
Wie staunten sie, als er sie in ein gemütliches mollig warmes Stübchen führte.
Pietro holte aus einem Schrank zwei Handtücher und warf sie ihnen zu.
Trocknet euch lieber ab, damit ihr euch nicht erkältet. Und dann berichtet, ich höre gerne Geschichten.“
Max und Moritz erzählten ihm nun von ihrem Ziehvater und wie sie hier her gekommen sind.
Pietro bot ihnen an, bei ihm zu wohnen, das Nebenstübchen wäre noch frei.
Außerdem könne er zwei so Grünschnäbel nicht allein lassen, denn sonst würden sie die Nacht hier im Park nicht überleben.
Nun waren sie schon einige Wochen hier und hatten viele nette Freunde gefunden, aber auch ihre Feinde hatte der Wichtel ihnen gezeigt.
Doch obwohl es hier schön war und es ihnen gut ging, sehnten sie sich doch nach ihrem Ziehvater.
Herrn Franz ging es nicht anders.
Immer wieder dachte er an Max und Moritz und ob sie überhaupt noch lebten. Manchmal plagte ihn das schlechte Gewissen, dass er sie so einfach ins Unbekannte ausgesetzt hatte.
Und eines Tages machte er sich auf den Weg in den Park.
Er setzte sich auf die Bank und ließ seinen Blick herum schweifen. Viel Hoffnung hatte er natürlich nicht.
Aber wenn er hier auch nur saß so fühlte er sich seinen Lieblingen doch ganz nahe.
Es war Frühling als Max und Moritz in den Park gekommen sind und inzwischen war es Herbst geworden.
Die Blätter hatten sich bunt verfärbt und dann mit Hilfe des Windes die Bäume verlassen.
Auch unter dem Baum, in dem die Mäuse zusammen mit Pietro wohnte lagen eine Menge Blätter.
Max und Moritz liebten es in dem raschelnden Haufen zu spielen.
Auch heute versteckten sie sich darin.

(c) Roswitha Borgfeldt

Pietro, der auf dem Rückweg von seinem Freund, dem Igel war, sah Herrn Franz auf der Bank sitzen und begann zu laufen.
Jungs kommt schnell!“ rief er schon von Weitem und die beiden Mäuse rannten ihm erschrocken entgegen.
Was ist los?“
Vorne auf der Bank, sitzt euer Ziehvater!“
Nun waren die Beiden nicht mehr zu halten.
Sie sausten durch das Gras, sprangen Herrn Franz auf den Schoß, machten Männchen, drehte sich im Kreis, liefen an seinen Armen rauf und runter, setzten sich auf seine Schulter und wussten vor Freud nicht ein noch aus.
Dem alten Mann liefen die Tränen über das Gesicht.
Pietro aber, der alles beobachtete hatte, drehte sich langsam um und ging traurig nach Hause.
Er wusste, dass er seine beiden Freunde nicht mehr wiedersehen würde.
Herr Franz aber nahm Max und Moritz mit und richtete ihnen im Schuppen ein lauschiges Plätzchen her.
In die Wand des Schuppens sägte er ein kleines kreisrundes Loch, sodass sie in den Garten konnten.
Und jeden Tag wenn er ihnen etwas zum Fressen brachte, dann setzte er sich zu ihnen und erzählte und philosophierte.
Und wenn er in ihre kleinen klugen schwarzen Äuglein sah, wusste er, dass sie jedes Wort verstanden.


© Lore Platz





Montag, 24. Juni 2019

Die Prinzessin mit den goldenen Haaren


Einen schönen Wochenanfang wünsche ich euch und viel Spaß beim Lesen!





Die Prinzessin mit den goldenen Haaren


In einem fernen Land lebte einst ein Königspaar, das sich unbedingt ein Kind wünschte. Doch die Jahren vergingen und ihr Wunsch wurde nicht erfüllt.
Doch dann, als sie bereits alle Hoffnung aufgegeben hatten bekam die Königin ein Mädchen.
Sie nannten es Sonja und baten die Fee Sternenstaub, zur Patin des Kindes.
Sternenstaub legte dem Kind drei Gaben in die Wiege,
Schönheit, Verstand, sowie ein mitfühlendes Herz.
Jeden Tag, als das Kind heranwuchs wurde es schöner und die Leute staunten und jubelten und freuten sich an ihrer schönen Prinzessin.
Ihre blonden Locken leuchteten im Sonnenschein wie Gold und die Menschen ringsum riefen „Aaah“ wenn sie es sahen.
Jeden Tag bekam die Kleine zu hören, wie wunderschön sie doch sei und ihre vernarrten Eltern konnten ihr keinen Wunsch abschlagen.
So wurde aus dem liebenswert veranlagten Mädchen mit der Zeit ein kleiner Tyrann, der oft selbstverliebt vor dem Spiegel stand.
Kein Wunder, dass die beiden anderen Gaben der Fee verkümmerten.
Wieso sollte sie auch ihren Verstand benutzen, wenn sie doch mit einem Strahlen ihrer schönen Augen oder ihrem liebreizendem Lächeln alle Wünsche erfüllt bekam.
Und wie konnte sie ihr mitfühlendes Herz erkennen, wenn doch um sie herum alles Licht und Schön war und dass es
auch ein Elendsviertel in dem reichen Königreich gab, das bekam sie nie zu sehen.

Sonja war inzwischen zehn Jahre alt.
Eben saß sie im Schulzimmer und sah gelangweilt ihrem Hauslehrer Herrn Kantor zu, wie er einige Sätze auf die Tafel schrieb.
Da wurde die Tür geöffnet und das Königspaar trat ein, einen zärtlichen Blick auf ihr Töchterchen gerichtet, die sofort freudig aufsprang.
Nun Herr Kantor, quälen sie die liebe Sonja nicht länger, wir wollen sie zu einem Spaziergang in die Stadt mitnehmen.“
Der Lehrer verneigte sich stumm.
Seine Schülerin besaß einen schnellen klugen Verstand, aber sie war ausgesprochen faul und dies wurde von den Eltern auch noch unterstützt.
So meinte er denn auch.
Verzeiht Majestät, die Prinzessin beherrscht das Lesen noch sehr schlecht, kaum dass sie das Alphabet kann. Es wäre doch gut, die Unterrichtsstunde einzuhalten.“
Der König winkte ab. „ Was muss mein Kind denn Lesen können, sie kann sich doch eine Vorleserin engagieren.“
Und schon hüpfte Sonja vergnügt zwischen ihren Eltern hinaus.
An der Tür aber drehte sie sich um und streckte dem Lehrer unartig die Zunge heraus.

 
(c) Helge T

Der König und sein Gefolge wanderte über den Markt, ehrfurchtsvoll von den Leuten begrüßt und als die Sonne gerade hinter einer Wolke hervor blinzelte und die Haare der Prinzessin in goldenes Licht tauchte, da ging ein lautes
Aaaah“ durch die Menge.
Eine dicke Bauersfrau mit einem Korb im Arm drängte sich nach vorn, machte einen Knicks und reichte der Prinzessin einen Schmalzkringel.
Diese nahm ihn dankend mit spitzen Fingern entgegen.
Sie verzog leicht das Gesicht und biss vorsichtig hinein.
Er schmeckte ihr gar nicht und unauffällig warf sie ihn weg.
Aus den Augenwinkel bemerkte sie ein kleines Mädchen, das sich blitzschnell bückte und den Kringel aufhob, bevor ihn ein streunender Hund erwischen konnte, der nun mit eingezogenen Schwanz zur Seite trat.

 
(c) Werner Borgfeldt
Sonja runzelte die Stirn und trat zu dem ärmlich gekleideten Mädchen.
Was willst du mit meinem Kringel?“
Ihr habt ihn doch weg geworfen und ich will ihn mit nach Hause nehmen und mit meiner Mutter und Oma teilen.“
Kauf dir selbst einen Kringel,“ meinte die Prinzessin patzig, nahm ihr das Gebäckstück aus der Hand und warf es dem Hund zu, der es schnappte und damit davon lief.
Die Augen des Mädchens füllten sich mit Tränen, dann wandte es sich um und ging langsam davon.
Sonja aber ging zurück zu ihren Eltern.
Ein wenig komisch war ihr doch zumute, doch als sie wieder mit bewundernden Reden umschmeichelt wurde, vergaß sie das kleine Mädchen.





Die Fee Sternenstaub aber hatte oben in ihrem Wolkenschloss alles beobachtet.
Was Unvernunft und blinde Liebe aus einem so reizendem Menschenkind doch gemacht hatten, Zeit, dass sie eingriff.
Mitten in der Nacht stand sie vor dem Bett der Prinzessin und betrachtete die friedlich Schlafende, die mit leicht geröteten Backen wie ein kleiner Engel aussah.
Die Fee streckte die Hand aus und ließ Sternenstaub über das Kind rieseln.

Als Sonja erwachte sah sie direkt in die schwarzen runden Augen einer Ratte, deren spitze Nase direkt vor ihrem Gesicht war.
Entsetzt schrie sie auf und das Tier ergriff die Flucht.
Aber wo war sie nur, sie lag direkt unter einem Holztisch.
Als sie darunter hervor kroch, merkte sie, dass sie auf dem Markt war.
Obwohl die Sonne erst den Rand des Horizonts erreicht hatte, herrschte hier schon emsiges Treiben.
Die Bauern waren in die Stadt gekommen um ihre Waren anzubieten und breiteten sie auf den Tischen aus.
Sonja ging auf einen der Männer zu und fragte:
Guten Tag, können sie mich bitte zum Schloss bringen?“
Diese sah sie verdutzt an, dann lachte er dröhnend:
Seht euch diesen Dreckspatzen an, redet wie eine Prinzessin, verschwinde Mädchen, vergraulst mir nur die Kundschaft.“
Sonja ging weiter und dann stieg ihr ein köstlicher Duft in die Nase und sie verspürte ein komische Grummeln im Magen.
Sie entdeckte die Bäuerin und die Schmalzkringel, die sie gestern so verächtlich in den Schmutz geworfen hatte.
Wie gern hätte sie nun einen davon.
Beherzt trat sie zu der Frau und bat:
„Kann ich bitte einen Schmalzkringel haben?“
Hast du Geld?“
Das Mädchen schüttelte den Kopf.
Dann verschwinde!“ 
Und sie wandte sich an die Frau die ihren Stand neben ihr hatte und meinte: „Jetzt kommen die aus dem Elendsviertel auch schon zum Betteln. Eine Schande ist das!“
Sonja aber schlich sich traurig davon und dann stand sie vor dem Schloss.
Die Wachen versperrten ihr den Weg!
Aber ich bin doch Prinzessin Sonja!“ rief sie verzweifelt.
Die Wachen wollten sich ausschütten vor Lachen.
Wann hast du zuletzt in den Spiegel geguckt!“
Da drehte sich das Mädchen um und lief wie gehetzt davon.
Sie erreichte einen Wald und ließ sich atemlos ins Moos
sinken.
Dann begann sie bitterlich zu weinen.
Eine Hand legte sich auf ihre Schulter und eine freundliche Stimme fragte: 
„Warum weinst du denn?“
Und als sie aufblickte stand das Mädchen vor ihr, dem sie so übel mitgespielt hatte.
Traurig erzählte sie, dass sie hungrig sei, aber jeder sie weg geschickt hat.
Das kenne ich, allen hier geht es so gut, dass sie gar nicht wissen was Hunger ist.“
Sie drückte ihr ein Stück altes Brot in die Hand und gierig aß die Prinzessin und es schmeckte ihr besser als das köstlichste Gericht aus der Schlossküche.
Das Mädchen hielt ihr dann noch den Korb mit Beeren, die sie gerade gepflückt hatte ,hin.
Dann nahm sie Sonja mit zu sich nach Hause.

 
(c) Nadine F.

Und die Prinzessin sah erschrocken um sich, als sie durch die ungepflegten Straßen gingen und an den halb verfallenen Häusern vorbei kamen.
Wer wohnt denn hier?“
Die Invaliden und Hinterbliebenen!“ sagte das Mädchen Erika bitter.
Sie haben für das Vaterland alles gegeben und das ist der Dank des Königs.“
Aber der König ist doch ein guter Mensch!“
Ja, er hat uns auch eine Rente versprochen, aber es inzwischen vergessen. 
Er ist viel zu vernarrt in seine verzogene Tochter, dass er alles Andere ringsum vergisst.
Aber nun komm, wir sind da.“
Sonja betrachtete die saubere ärmliche Stube.
Eine alte Frau saß auf einem Stuhl am Fenster und hielt das Gesicht der Sonne entgegen.
Als sie den Kopf wendete, bemerkte die Prinzessin, dass sie blind war und verspürte ein komisches Gefühl auf einmal im Herzen.
Zum ersten Mal empfand sie Mitleid.
Warum ist deine Großmutter blind?“
Vom vielen Weinen, denn sie hat zwei Söhne im Krieg verloren, der eine war mein Vater.“
Da trat Sonja zu der alten Frau und strich ihr zart über die Wange.
Guten Tag, ich bin Sonja.“
Die alte Frau lächelte.
Du heißt ja wie unsere Prinzessin, aber ich spüre du hast ein gutes Herz und bist nicht so verzogen wie diese.“
Sonja senkte den Kopf und war froh, dass die Blinde nicht sehen konnte wie sie rot vor Scham wurde.
Sie begrüßte nun Erikas Mutter und obwohl diese Leute bitterarm waren, teilten sie ihr karges Essen mit ihr.
Und die Prinzessin staunte auch wie zufrieden und fröhlich sie waren und wie liebevoll sie miteinander umgingen, obwohl sie doch so arm waren.
Sie ging auch mit Erika und ihrer Mutter mit zu einem Bauern, um dort bei der Ernte zu helfen.
Obwohl ihr am Abend jeder einzelne Muskel schmerzte, war sie doch froh und zufrieden, denn noch nie hatte sie sich so nützlich gefühlt.
Und als die Bauersfrau ihnen zu dem Lohn, einen Sack voll Kartoffeln, auch noch eine Kanne Milch, einige Eier und sogar ein Stück Speck, schenkte, weil sie so fleißig waren, da fühlte sie dieselbe Freude, wie ihre beiden Begleiterinnen.
Nach dem Abendessen, das aus Kartoffeln mit Salz bestand, holte Erika ein altes Stück Papier und eine zersprungene Feder, sowie ein altes Tintenfass, in der die Tinte fast eingetrocknet war.
Was machst du da?“
Meine Mutter bringt mir das Schreiben und Lesen bei und ich möchte noch üben.“
Aber du hast doch den ganzen Tag gearbeitet, du musst doch müde sein?“
Bin ich auch, aber ich muss üben, denn ich möchte der
Großmutter im Winter aus dem alten Geschichtenbuch, das sie noch von ihrer Mutter hat, vorlesen.“
Da schämte sich Sonja wieder, denn sie hatte die Gelegenheit und die feinsten Federn und Tinte und schöne weiße Blätter zur Verfügung und war doch zu faul zum Lernen.
Leise sagte sie gute Nacht und ging auf die Strohmatte die man ihr als Bett angewiesen hatte.

 
(c) meine Tochter

Als sie am nächsten Morgen erwachte, lag sie in ihrem weichen kuscheligen Bett im Schloss und sah ihre Patin, die in einem Sessel neben dem Bett saß.
Nun mein Kind, hast du begriffen, warum ich dir diesen Traum sandte?“
Sonja nickte errötend.
Da beugte sich die Fee über sie, küsste sie und verschwand.
Gleich nach dem Frühstück lief sie ins Schulzimmer und Lehrer Kantor war beeindruckt vom Fleiß und Eifer seiner Schülerin.
Und als die Eltern sie zu einem Spaziergang holen wollten, winkte sie nur ab und erklärte, dass dazu auch nach dem Unterricht Zeit wäre, sie müsse jetzt lernen.
Später führte sie die Eltern zum Markt, erbat sich von ihrem Vater Geld und legte auf jeden Stand ein Goldstück und bat die Händler ihr mit den Waren zu folgen.
Alle erschraken, als die Prinzessin sie direkt ins Armenviertel führte.
Die schäbig gekleideten und müde aussehenden Leute kamen aus ihren Häusern und staunten.
Die Prinzessin aber stellte sich in die Mitte des Platzes und verkündete, dass die Lebensmittel ein Geschenk des Königs wären und sich jeder holen dürfe was er brauche.
Dann sah sie ihren Vater mit ernsten Augen an und dieser schämte sich und verkündete.
Ich habe meine Pflicht als König vernachlässigt, doch ich verspreche, ab sofort mein Versäumnis nachzuholen. Noch heute werden die Handwerker kommen und jedes Haus renovieren und das ganze Viertel wird verschönert.
Auch bekommt jede Familie eine Rente, wie ich es schon vor Jahren versprochen habe und zwar ab dem Zeitpunkt meines Versprechens.“
Sonja aber winkte den zwei Lakaien, die eine Truhe trugen und der Bauersfrau mit dem Korb voller Schmalzkringel und betrat das Haus in dem Erika mit den Ihren lebte.
Nach einem freundlichen Gruß, nahm die Prinzessin eines der Kringel und hielt sie Erika hin.
Ich war sehr garstig zu dir und das tut mir leid, willst du mir verzeihen?“
Erika nickte stumm, nahm den Kringel und biss herzhaft hinein.
Sonja lachte und umarmte das Mädchen. „Lass uns Freundinnen sein.“
Dann nahm sie einen Kringel aus dem Korb und ging zur Großmutter, drückte ihn ihr in die Hand und strich ihr zart über die Wange.
Lasst es euch schmecken, liebe Großmutter.“
Wie ein Wirbelwind lief sie dann zu der Truhe und bat Erika, diese zu öffnen.
In der Truhe waren Blätter, Tintenfässchen, gespitzte neue Federn und ein Menge Bücher mit wundervollen Bildern und Geschichten.
Nun kannst du lernen, damit du im Winter deiner Großmutter vorlesen kannst.“
Die Freude in dem kleinen Häuschen, aber auch im ganzen Elendsviertel brauche ich wohl nicht zu beschreiben.

Und wenn die Leute von ihrer Prinzessin sprachen, dann hieß es, sie wäre wunderschön, aber auch sehr klug und vor allem hatte sie ein gutes mitfühlendes Herz.



© Lore Platz