Montag, 17. Dezember 2018

Das alte Märchenbuch



Das alte Märchenbuch

Das kleine Städtchen war zur Ruhe gegangen. Dunkel lag es da und schlummerte. In einem Fenster aber war noch Licht zu sehen. Dort wohnte der alte Berti. Er saß in seinem Plüschsessel und blätterte in einem dicken Märchenbuch. Alt war das Buch schon in seiner Kindheit gewesen. Berti dachte zurück an die Zeit, als er es von seinem Großvater geschenkt bekommen hatte.
Wie schön war es, wenn der Opa daraus vorlas. Sie saßen in der gemütlichen heimeligen Küche und während die Oma Plätzchen backte, las der Opa mit verstellten Stimmen Märchen vor.
Berti schloss die Augen und es war, als hörte er das Knacken der Holzstücke im Ofen, spürte die Wärme und der Duft der Plätzchen umschmeichelte seine Nase.
„Berti, träumst du?" Verwirrt öffnete Berti die Augen. Wer hatte da gesprochen? Er war doch ganz allein in seiner Wohnung. ‚Vielleicht habe ich wirklich geträumt!', dachte Berti und schloss die Augen wieder. Sofort waren sie wieder da, die Gerüche aus der Kindheit. Waren das nicht Zimtsterne, die da einen so köstlichen Duft verströmten? 
Die waren immer besonders gut. Oma hatte nie ihr Rezept verraten. Ach ja die Oma und der Opa, dank ihnen hatte er eine schöne Kindheit, nachdem seine Mutter ihn einfach bei ihren Eltern abgegeben hatte, wie ein Paket. Er hatte sie nie wiedergesehen, aber auch nie vermisst.
„Berti?" wieder hörte er diese Stimme und sah sich suchend um.
„Hier bin ich!", sagte die Stimme leise. Berti setzte seine Brille auf und suchte jeden Winkel des Zimmers ab.
„Wer bist du denn und wo bist du?", fragte er vorsichtig
„Hier bin ich, in deinem Märchenbuch, direkt vor dir!", antwortete die Stimme. 
Berti schaute das Buch auf seinem Schoß an. Das Märchen von Hänsel und Gretel war aufgeschlagen und dann sah Berti es auf dem Bild, das zu jedem Märchen gezeichnet war. Der Hänsel winkte ihm zu. Er saß in seinem Ställchen und seine Augen waren angsterfüllt.
„Hänsel, hast du da eben mit mir gesprochen?" fragte Berti vorsichtig.
„Natürlich und ich bin so froh, dass du mich hören kannst. Ich brauche deine Hilfe. Die böse Hexe hat mich hier gefangen. Sie will mich mästen und dann aufessen. Ich habe große Angst."
Dicke Tränen kullerten aus seinen Augen.
„Nana, nun sei mal nicht so verzagt. Ich kenne deine Geschichte und weiß, dass dir nichts passieren wird. Deine Schwester Gretel ist nämlich ein sehr kluges Mädchen und wird euch retten."
„Bist du sicher?" Noch immer klang Hänsels Stimme sehr verzagt.
„Ganz sicher, mein Opa hat mir die Geschichte so oft vorgelesen, dass ich sie auch heute noch auswendig kann."
„Dann will ich dir glauben."
Beinahe konnte Berti nicht fassen, was da gerade passiert war. Aber er war doch nicht von allen Sinnen verlassen, auch wenn er mittlerweile ein alter Mann war. Sein Enkel würde ihm das nicht abnehmen, wenn er ihm davon erzählen würde. Er würde es ihm auch gar nicht sagen, denn aus dem kleinen Fabian war ja mittlerweile selbst ein Mann geworden. Eigentlich war niemand mehr da, dem er die Märchen vorlesen konnte. Berti wurde immer trauriger.
Um sich abzulenken, blätterte er weiter in dem alten Märchenbuch. 
Das Mädchen mit den Schwefelhölzern, wenn sein Opa das vorgelesen hatte, war Berti immer traurig gewesen. Zu gerne hätte er dem kleinen Kind geholfen. 
Berti fuhr sich über die Augen. Das Mädchen war erfroren, aber zuvor hatte es seine Großmutter im Himmel gesehen und war glücklich gewesen. Sein Leben hatte noch vor ihm gelegen, er selbst aber war am Ende seines Lebens angekommen und er würde einmal genauso einsam sterben wie das Kind. Ob es ihm vorher noch gelingen würde, wenigstens ein einziges Mal glücklich zu sein? Morgen war Heiligabend und er war allein. Da konnte man ein wenig traurig sein, wenn man sich einsam fühlte. Berti schlug das Märchenbuch zu, erhob sich mühsam und stellte es in das Bücherregal. Jetzt wollte er zu Bett gehen und versuchen zu schlafen. 
Unruhige Träume plagten ihn und als er am Morgen die Augen aufschlug wurde ihm so richtig bewusst, wie einsam er doch war.
Besonders an einem Tag wie Weihnachten wurde ihm das so richtig klar. Was Fabian sein Enkel wohl heute machte, lange hatte er nichts mehr von ihm gehört.
Berti schlurfte in die Küche, stellte den Wasserkessel auf den Ofen, säbelte sich eine Scheibe Brot ab und bestrich sie mit Butter und Marmelade. Der Teekessel pfiff und mit der Tasse in der Hand ließ er sich schwerfällig auf den Küchenstuhl fallen.
Seine Gedanken schweiften in die Vergangenheit.
„Opa, ich hab dich so lieb. Wenn ich mal groß bin, dann werde ich dich immer noch lieben und ich werde immer für dich da sein!", hatte Fabian mal gesagt und das hatte er sicher auch genauso gemeint. Nun war der Junge längst verheiratet und auch wenn er ihn, den alten Großvater nicht vergessen hatte, so hatte er doch keine Zeit für ihn. Berti verstand das, auch wenn es ihn traurig machte.
Seine Gedanken wurden durch das Klingeln des Telefons unterbrochen. Er nahm ab, hörte, was da am anderen Ende der Leitung gesprochen wurde und seine Augen füllten sich mit Tränen.
„Opa Berti, sag doch was! Dürfen wir dich morgen holen?" Das war Fabian und im Hintergrund rief seine Frau: „Du musst unbedingt bei uns sein morgen, wir haben eine Überraschung für dich!"
Berti versuchte, etwas zu sagen, aber seine Stimme versagte.
„Gern!", krächzte er. „So gern!"
„Also gut, dann bin ich um zehn Uhr bei dir! Ich freue mich so!", sagte Fabian noch und dann legte er auf. 
Berti liefen die Tränen über das Gesicht. Sein Enkel hatte ihn nicht vergessen und morgen würde er ihn holen. O weh, er hatte ja gar kein Geschenk. 
Oder doch? Klar, er hatte ja das Märchenbuch. Die Zeit war gekommen, es an Fabian weiterzugeben. Berti packte das Buch in einen Bogen Packpapier und in der Schublade fand er noch eine rote Schleife, die er, so gut es eben ging, um das Paket band. Zufrieden mit sich und der Welt setzte er sich in seinen Sessel und freute sich auf den nächsten Tag. 
Viel zu früh war er wach und stand aufgeregt am Fenster, das Päckchen mit dem Märchenbuch an sich gepresst.
Endlich fuhr das Auto in den Hof und Fabian kam herein und nahm ihn in die Arme. 
„Komm Opa, wir machen es uns heute schön gemütlich!", sagte er. Er half Berti die Treppenstufen vor dem Haus hinunter und dann fuhren beide vergnüglich plaudernd zu Fabians Zuhause, wo sie schon erwartet wurden von Christine, Fabians Frau.
Im ganzen Haus roch es verführerisch nach leckeren Sachen. Berti strahlte. Ach, wie schön war es doch, nicht allein zu sein am Weihnachtstag. 
Als alle am Nachmittag beim Tee zusammensaßen und das gemütliche Licht der Weihnachtskerzen genossen, reichte Berti seinem Enkel das verpackte Märchenbuch.
„Das ist für dich!", sagte er und beobachtete gespannt Fabians Miene, als er sein Geschenk auspackte.
Fabian freute sich zwar, gab seinem Großvater das Buch aber sogleich zurück.
„Das geht nicht, Opa, das kann ich nicht annehmen!", sagte er.
„Aber warum denn nicht?", fragte Berti überrascht.
„Du wirst es noch brauchen, denn Christine und ich, wir haben doch eine Überraschung für dich!"
Berti verstand nicht, was da vor sich ging. Christine nahm seine Hände und hielt sie sanft.
„Großvater Berti, wir bekommen ein Kind, dein Urenkelchen und dem musst du doch vorlesen, so wie du Fabian vorgelesen hast!" 
Jetzt verstand Berti, und wie er verstand. Er musste noch bleiben, er wurde noch gebraucht - ach, das war ein so schönes Gefühl, ein schöneres Geschenk hätte man ihm nicht machen können.

© Regina Meier zu Verl & Lore Platz