Donnerstag, 28. Februar 2019

Hermann und Herminchen ziehen um


(c) Elli M.




Hermann und Herminchen ziehen um



Langsam kriecht die Dämmerung herauf.
Hermann beugt sich über Herminchen und schüttelt sie leicht an der Schulter.
Unwillig öffnet diese die Augen, „was willst du mitten in der Nacht.“
Hermann lacht. „Sieh doch hinaus, es wird Tag!“
Ja, aber die Menschen schlafen noch und bis zum Frühstück dauert es noch.“
Ach Frühstück ist unwichtig, ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, lass uns unsere neue Heimat besuchen.“
Wenig später verlassen sie den Schuppen, schleichen leise am Haus vorbei, das noch im Dunkel liegt und
dann laufen sie los.
Es dauert nicht lange bis sie den Wald, der dem Mann ohne Haare gehört, erreicht haben.
Andächtig schreiten sie über das taufrische Moos und wandern von einem Baum zum anderen.
Sieh doch !“ ruft Herminchen, „ dieser Baum wäre wunderbar für unsere Wohnung. Er ist sehr groß, dick und die Wurzeln reichen ziemlich tief.“
Nachdenklich umrundet Hermann den Baum und nickt.
Herminchen aber ist weiter gelaufen und ruft begeistert.
Sieh doch hier diese dichten Büsche. Das sind Himbeeren und Blaubeeren, und ... “ sie hebt schnuppernd die dicke Knollennase, „ es riecht nach Pilzen.“
Hermann tritt neben seine Freundin, legt seinen Arm um ihre Schultern und glücklich lassen sie ihre Blicke umherschweifen.
Wer sind sie, sie waren doch gestern mit den Menschen hier, sehen aber nicht aus wie Menschen.“
Wir sind Trolle!“ gibt Hermann Antwort und sieht sich suchend um.
Du kannst uns verstehen?“
Vorsichtig lugt ein zuckendes Näschen zwischen dem Gebüsch hervor.
Komm nur heraus, wir tun dir nichts.
Wir sind Trolle und verstehen die Sprache der Tiere.“
Ein Hase zwängt sich durch das dichte Gebüsch und zwei andere folgen ihm.
Hallo, ich bin Dami, das sind mein Bruder Ela und meine kleine Schwester Stupsi.“
Ich bin Hermann und das ist meine Freundin Herminchen.“
Wir haben euch gestern gesehen mit den Menschen hier in unserem Wald.“
Ja, das war mein Freund, der Mann ohne Haare und die beiden Langhaare sind seine Enkelinnen.“
Ja, ja, denn Mann haben wir schon mal gesehen, er kommt ab und zu vorbei,“ ruft Ela.
Er musste ab und zu nachsehen, ob alles hier in Ordnung ist, aber nun hat er den Wald geerbt.“
Was ist geerbt?“ fragt Stupsi schüchtern.
Hermann lächelt sie freundlich an.
Wenn jemand stirbt und ihm etwas gehört hat, dann verschenkt er es an einen anderen. Der Mann hat sich immer um den Wald gekümmert und nun darf er ihn behalten und da er unser Freund ist, dürfen wir hier wohnen. Weil in dem anderen Wald unser Baum gefällt wurde und wir unsere Wohnung verloren haben.“
Was ist denn hier los, Ruhe, ich muss schlafen.“
Oweh,“ flüstert Dami, nun habe wir Frau Eule geweckt und sie sie kann sehr ungehalten werden.“
Bedauernd sieht Hermann Herminchen an.
Dann können wir hier nicht wohnen.“
Traurig nickt diese.
Schade, der Baum hat mir so gut gefallen.“
Es gibt noch mehr schöne und größere Bäume, kommt mit. Ich zeige euch den richtigen Baum für euch und die Nachbarschaft ist wirklich nett und vor allem schläft sie nachts.“
Dami grinst und gefolgt von seinen Geschwistern läuft er durch Wald.

 
(c) RMzV
Die Trolle können kaum folgen mit ihren kurzen drallen Beine und schließlich bleiben sie schwer atmend stehen.
Stupsi bemerkt als erste, dass die Beiden weit hinten geblieben sind und die drei Hasen kehren um.
Wir sind wohl zu schnell für euch.“ grinst Dami.
Ihr habt ja auch vier Beine, „ brummt Hermann.
Lachend gehen sie nun in gemächlichem Tempo weiter.
Staunend stehen sie wenig später vor einer riesigen Eiche, deren Stamm sie nicht mal zu zweit umfangen können und deren dicke knorrigen Wurzel
tief in der Erde verankert sein.
Strahlend sehen sich die Trolle an, das war der richtige Baum.
Plötzlich ertönt ein lautes Geräusch und die Hase
verschwinden erschrocken im Gebüsch und auch Hermann sieht sich suchend um. Doch als er Herminchens flammend rotes Gesicht sieht, lacht er herzlich.
Ihr Angsthasen könnt wieder heraus kommen, das war nur Herminchens Bauch, sie hat Hunger.“
Nun lachen auch die Hasen.

(c) Elli M

Wir werden jetzt zurück gehen und erst mal frühstücken, später kommen wir wieder und wollen unser Haus bauen.“
Hermann nimmt Herminchen bei der Hand, verabschiedet sich von den Hasen und sie laufen los.
Sie kommen gerade rechtzeitig als Oma Schinkel gerade den Tee einschenkt und vergnügt erklärt Hermann, dass man sich doch auf Herminchens Bauch verlassen kann, er hätte rechtzeitig gegrummelt.
Das Gelächter ist groß und Herminchen wird etwas rot im Gesicht, aber auch sie lacht vergnügt.
Aufgeregt berichten nun die beiden Trolle von ihrem neuen Haus und wie dick und groß der Baum doch ist.
Nach dem Essen lädt der Mann ohne Haare sein Werkzeug in das Auto.
Die Mädchen und die Trolle laufen in die Stube und betrachten die Möbel.
Diese waren wohl zu groß.
Opa kommt herein und wieder weiß er einen Rat. „Nehmt das Bettzeug und alle Decken, auch die Vorhänge. Wenn wir die Höhle unter dem Baum, die wir graben wollen mit trockenem Moos polstern, dann könnt ihr auf dem Boden schlafen. Und passende kleinere Möbel kann ich euch zimmern. Bretter habe ich schon im Auto.
Susi lauf schnell ins Haus und hole aus der Küchenschublade mein Maßband und frage die Oma, ob sie mitfahren will.“
Die Kleine saust los und bringt das Band.
Oma will hier bleiben. Wir sollen sie abholen wenn alles fertig ist. Sie will inzwischen alles für das Richtfest vorbereiten, was immer das ist.“
Der Opa lacht.
Wenn der Bau so gut wie fertig ist, wird ein Richtfest gefeiert und alle Arbeiter schmausen und trinken.“
Ach ja,“ lacht Susi und reicht Herminchen eine Dose.
Hier sind Rettungskekse drin, wenn dein Magen zwischendurch mal wieder grummelt.“
Alle lachen!
Bald sitzen sie im Auto und die Mädchen singen vergnügt das Lied von den fleißigen Handwerkern
Der Opa pfeift mit und Hermann und Herminchen halten sich an den Händen und sehen sich verklärt an.
Opa und die Mädchen sind ebenfalls begeistert von dem Baum und nun schaufelt Opa erst mal ein tiefes Loch als Eingang, dann gibt er Hermann die Schaufel, der sich nun unter den Baum durcharbeitet.
Den Sand, den er heraus wirft tragen Herminchen und die Mädchen weg, während Opa runde Öffnungen um den Baum herum bohrt, die er dann mit wasserdichter Klarsichtfolie verklebt.
Das sind die Fenster, damit ihr nicht ganz im Dunkel hausen müsst,“ meint er vergnügt und die Mädchen staunen über ihren klugen Großvater.
Als Hermann fertig ist, laufen die Mädchen und Herminchen los, um trockenes weiches Moos zu suchen.
Opa aber reicht Hermann das Maßband und gibt ihm genaue Angaben wie und was er vermessen muss.
Aber keine ungenauen Maße bitte, sonst bekommen wir Schwierigkeiten beim Einrichten.“
Hermann schlüpft in die Höhle und Opa Schinkel schreibt die Zahlen, die der Troll ihm zuruft, gewissenhaft in sein schwarzes Notizbuch.
Während die Trolle nun den Boden im Inneren mit Moos auslegen, das ihnen von den Mädchen, die vor dem Eingang kauern, gereicht wird, zimmert der Opa einen kleinen Tisch und zwei Stühle, sowie ein Regal.
Susi und Renate kichern, als Hermann und Herminchen sich auf den Moosboden legen und vergnügt mit den Beinen strampeln.
Bald ist das Häuschen eingerichtet und auch an eine Tür hat der Mann ohne Haare gedacht.
Er hat ein Holz in passender Größe mit zwei Lederschlaufen an der großen Wurzel befestigt und innen an der Tür brachte er auch eine Schlaufe an.
Von außen könnt ihr die Tür anheben und von innen dann mit der Schlaufe zu ziehen.“
Alle waren sie glücklich, froh, begeistert und auch zufrieden mit ihrem Werk.
Susi und Renate lugen noch einmal in das hübsch eingerichtete Zimmer und selbst Opa kniet sich hin, doch die Mädchen mussten ihm lachend wieder aufhelfen.
Ich werde jetzt die Oma holen.“
Wenig später ist er wieder da und begeistert wird die Oma begrüßt, die einen großen zugedeckten Korb in den Händen trägt.
Opa bringt zwei Klappstühle für sich und seine Frau und die Mädchen breiten eine Decke aus. Und nun werden die herrlichen Sachen ausgepackt und es geht ans schmausen.
Zufrieden lehnen sich die Mädchen und Trolle zurück und erzählen nun der Oma begeistert von der tolle
Wohnung.
Diese ist ein wenig traurig, denn sie hätte gerne auch einen Blick in die schöne Stube geworfen, doch ihr Gelenke lassen das nicht mehr zu.
Doch Susi weiß Rat. Schnell springt sie auf, beugt sich hinunter und hält ihr Handy in die Baumhöhle.
Oma staunt wie hübsch die neue Wohnung der Trolle ist und Opa brummt.
Sind die Dinger doch wenigstens mal zu etwas nutze.“
Doch dann mahnt die alte Dame zum Aufbruch, da es kühler wird.
Schnell wird alles zusammengepackt und im Auto verstaut einschließlich Oma.
Diese reicht den Mädchen einen Korb mit Lebensmittel und meint augenzwinkernd.
Gebt das mal unseren kleinen Freunden, damit Herminchen nicht in der Nacht durch ihren grummelnden Bauch geweckt wir.“
Kichernd greift Renate sich den Korb und läuft zu den Trollen hinüber.
Susi  starrt geistesabwesend hinüber in das dichte Gebüsch, dann beugt sie sich zu Hermann und flüstert.
Seit wir hier sind werden wir von drei Hasen beobachtet.“
Hermann lacht.
Das sind unser neuen Freunde, Dami, Ela und Stupsi, sie sind ein bisschen scheu euch Menschen gegenüber.“
Glaubst du sie verstehen alles was wir reden und merken, dass wir ihnen nicht böses wollen, vielleicht werden sie ja unsere Freunde.
Renate aber grinst beugt sich nun auch zu den Trollen hinunter und flüstert verschwörerisch.
Vielleicht hilft es ja, wenn wir Morgen einige Möhren und Salat aus Omas Garten mitbringen.“
Alle vier lachen vergnügt. Es raschelt im Gebüsch und Susi meint bedauernd.
Nun haben wir sie verschreckt und sie sind weg.“
Opa, der die ganze Zeit im Kofferraum herum gewühlt hat, kommt nun mit einer altertümlichen viereckigen Lampe wieder.
Hier, die habe ich auf dem Speicher gefunden stammt noch von meinem Großvater, ihr könnt eine Kerze hineinstellen, dann habt ihr auch abends Licht.“
Und er reichte Hermann eine dicke Kerze und Zündhölzer.
Dieser schlüpfte nun schnell in die Baumhöhle, um Korb und Lampe zu verstauen, dann begleiten die beiden Trolle ihre Freunde zum Auto.
Nachdem sie versprochen haben am nächsten Morgen zum Frühstück zu kommen, winken sie so lange bis das Auto nicht mehr zu sehen war.
Glücklich lächelnd sehen sich an, fassen sich an den Händen, schlüpfen in ihre neue Wohnung und ziehen die Tür hinter sich zu.

© Lore Platz 28.02.2019




Mittwoch, 27. Februar 2019

Hermann und Herminchen finden eine neue Heimat







Hermann und Herminchen finden eine neue Heimat



Zwei Mädchen radeln fröhlich singend den breiten Feldweg entlang am Ufer des breiten Flusses, auf dem ein alter Krabbenkutter langsam tuckert.
Der Kapitän ruft ihnen einen Gruß hinüber und die Mädchen winken lachend.
Sie benutzten den letzten schönen Septembertag, um mit dem Rad von der Stadt zu ihren Großeltern zu fahren.
Vorbei an einer Wiese, auf der in verschwenderischer Pracht sich lila Herbstzeitlosen ausbreiten, biegen sie nun in die Dorfstraße ein.
Ein Stück führt sie der Weg noch durch den Wald und dann haben sie das freundliche kleine Haus von Oma und Opa erreicht.
Oma Schinkel tritt vor die Tür und begrüßt sie überrascht.
Oma wir durften mit dem Rad zu euch fahren und Papa holt uns nach den Herbstferien ab. Wir müssen nur Mama anrufen und ihr sagen, dass wir gut angekommen sind. Du weißt ja sie sorgt sich immer.“ ruft Susanne.
Na , dann bringt mal die Räder in den Schuppen, ihr könnt auch Hermann und Herminchen gleich
begrüßen. Ich will mal eurer Mutter Bescheid sagen.“
Die Mädchen schieben die Räder in den Schuppen, dann klopfen sie an die Tür der Trolle.





Hermann öffnet und strahlt, als er die beiden Langhaare erkennt.
Er bittet sie herein und die Mädchen erzählen, dass sie eine ganze Woche hier bleiben würden und dann viel mit den Trollen unternehmen wollen.
Renate fällt auf, dass Herminchen sich kaum am Gespräch beteiligt und nur traurig aus dem Fenster schaut.




Was ist denn mit Herminchen los,“ fragt sie leise Hermann. Dieser runzelt ärgerlich die Stirn.
Sie will ausziehen!“
Ja, seht euch doch um, seit mein Bett hier ist, hat man kaum noch Platz und ich will nicht, dass Hermann sich wegen mir so einschränken muss. Ich suche mir im Wald einen Baum.“
Die Mädchen sehen sich um, es ist tatsächlich ziemlich eng, beide Betten füllen fast das ganze Zimmer.
Wisst ihr was, wir werden mit Opa darüber sprechen.“
Hermann strahlt, der Mann ohne Haare würde bestimmt einen Ausweg finden.
Die Mädchen laufen ins Haus, wo Oma schon mit Kakao und Zwetschgenkuchen wartet.
Doch immer wieder sehen sie ungeduldig zur Tür.
Wann kommt denn Opa endlich.“ wollen sie wissen.
Das weiß ich nicht, er hat einen Brief vom Amtsgericht bekommen und musste in die Stadt.“

Endlich öffnet sich die Tür und der Opa betritt mit vergnügtem Gesicht die Küche.
Jubelnd hängen sich die Mädchen an seinen Hals.
Opa, Opa wir müssen etwas ganz wichtiges mit dir besprechen.“
Nur langsam Deerns, bringt mich nicht um, ich habe auch etwas tolles zu berichten, aber nun lasst mich erst mal einen Kaffee trinken und Omas leckeren Zwetschgenkuchen versuchen.“
Etwas ungeduldig warten die Mädchen, doch kaum hat Opa die Kuchengabel abgelegt, sprudeln sie schon mit ihrer Neuigkeit heraus.
Soso die Trolle haben es ein bisschen eng, habe ich mir schon gedacht und mir so meine Gedanken gemacht und bevor wir nun Probleme wälzen, lasst mich erst mal erzählen, warum ich im Amtsgericht war.“
Vergnügt sieht er in die erwartungsvollen Gesichter.
Ich habe geerbt!“
Was, du verkohlst uns!“ rufen die Mädchen.
Doch Opa macht nun ein ganz ernsthaftes Gesicht und sieht hinüber zu Oma, die etwas blass aussieht.
Lasst euch berichten. Ein Vetter von mir ist nach dem Krieg nach Amerika ausgewandert. Er hatte hier in der Nähe einen kleinen Bauernhof. Das Gebäude war zerstört, die Felder verwüstet und die Tiere gestohlen. Also verkaufte er das Land und buchte sich damit eine Reise nach Übersee, um dort sein Glück zu versuchen. Das einzige was er behielt waren ein paar Hektar Wald und er bat mich ab und zu danach zu sehen. Wir blieben noch eine Zeitlang in Verbindung, dann hörte ich nichts mehr von ihm.“
Juchhuu und jetzt ist er Millionär und hat dir alles vermacht!“ jubelt Susanne, mit der mal wieder die Fantasie durchgeht.
Nein, meine Kleine,“ lächelt der Großvater, „ Franz blieb sein Leben lang ein armer Mann. Er arbeitete auf einer Ranch bis zu seinem Tod.“
Susanne zieht eine enttäuschte Schnute.
Was hat er dir dann vermacht. Seinen Sattel und Cowboyhut?“
Renate und die Oma tauschen einen strahlenden Blick, sie wissen, was jetzt kommt.
Und schon sagt Opa Schinkel.
Er hat mir das Stück Wald vermacht, das wir jetzt gerade gut gebrauchen können.“
Susanne starrt ihn mit offenen Mund an.“Warum?“
Oma und Renate lachen und auch der Opa schmunzelt.
Mei Deern, errätst du es nicht. Weil Hermann und Herminchen eine neue Heimat haben, aus der sie niemand vertreiben kann.“
Au verflixt, das stimmt. Wollen wir gleich in den Wald gehen?“
Nein, dazu ist es zu spät, es wird bald dunkel und auch den Trollen werden wir nichts davon sagen. Morgen nach dem Frühstück werden wir alle gemeinsam gehen,“ bestimmt der Opa.
Am nächsten Morgen machen sich die Fünf auf den Weg, nur die Oma bleibt zu Hause, weil ihr der Weg zu beschwerlich ist. Aber Opa verspricht ihr, sie mit dem Auto einmal hinzufahren.
Die beiden Trolle sind vollkommen ahnungslos und Susanne presst fest die Lippen zusammen um sich
nicht zu verraten.
Staunend sehen sie sich im Wald um, schön ist es hier, die Büsche sind ein wenig dicht zusammen gewachsen, aber das ist doch gut.
Wie staunen Hermann und Herminchen, als ihnen der Mann ohne Haare erklärt, dass dies ihre neue Heimat ist und da der Wald ihm gehört, sie niemand daraus vertreiben kann und auch keine Bäume gefällt werden. Sie können sich nun jeden Baum aussuchen, der ihnen gefällt und unter dem sie wohnen wollen.
Bewegungslos stehen die Trolle da, doch dann lachen sie plötzlich los, fassen sich an den Händen und laufen durch den Wald.
Lächelnd sehen sich der Opa und die Mädchen an.
Bald kann der Umzug beginnen.

(Lore Platz)





Donnerstag, 21. Februar 2019

Keine Geschichte, nur etwas plaudern



(c) eigenes Foto




Keine Geschichte, nur etwas plaudern

Ich bin eine Leseratte!
Ich weiß ja nicht ob ich als Baby schon das Verlangen hatte zu lesen, aber mein Vater hat uns immer, besonders in der Winterzeit, Märchen vorgelesen.
Noch heute spüre ich die Wärme des Ofen und höre das knacken und knistern des Holzes.
Meine Schwester und ich kuschelten auf dem Sofa in der Küche, mein Vater saß auf seinem Stuhl und las uns mit verstellten Stimmen aus einem dicken Buch vor, dass er sich aus der Pfarrbücherei geliehen hatte.
Meine Mutter kochte oder backte und die herrlichen Düfte schmeichelten sich in unsere Nasen.
Keine Zentralheizung kann diese Gemütlichkeit erzeugen.
Ich entwickelte mich jedenfalls zu einer Leseratte, die alles las, was sie in die Finger bekam.
Viele Kinderbücher gab es ja noch nicht damals und geschenkt bekamen wir zum Geburtstag und Weihnachten meistens nützliche Dinge.
Aber zum Glück hatte ich ja eine Schwester, die mehrere Jahre älter war, und die ich sehr liebte.
Karin las zwar nicht so gerne, aber sie war eine Sportskanone.
Einmal erreichte sie bei dem jährlichen Sportfest den ersten Platz und bekam als Preis einen Tennisschläger und ein Buch, das sie sofort an mich weiter reichte.
Es war ' Gritlis Kinder' von Johanna Spyri.
Außerdem gab es da noch die Reclam Hefte, die sie im Unterricht lesen musste.
So lernte ich in sehr frühen Jahren 'Pole Poppenspäler' und den Dichter Theodor Storm (1817 – 1888)
kennen und lieben.
Eine Liebe, die bis heute gehalten hat.
Leider aber traf ich auch ' Die schwarze Spinne', eine Novelle von Jeremias Gotthelf (1797 – 1854).
Eine schauerliche Geschichte, die mir Albträume und eine lebenslange Angst vor Spinnen bescherte.
Nicht jede Lektüre ist für kleine naseweise Mädchen geeignet.
Als mir, da war ich ungefähr zehn Jahre, das Christkind dann mein erstes eigenes Buch brachte, war ich selig.
Es war wunderschön, hatte einen goldenen Einband und hieß : ' Das goldene Märchenbuch'.
Darin befanden sich Märchen, die ich noch nie gehört hatte, Märchen aus aller Welt, und es war mein größter Schatz.
Diese Buch besitze ich heute noch.
Der Einband ist inzwischen verschwunden und es sieht auch ziemlich ramponiert aus vom vielen Lesen.
Leider ist meine Kamera kaputt sonst hätte ich euch ein Bild gezeigt.
Aber schließlich ist dieses Buch 55 Jahre alt und wurde sehr sehr oft in die Hand genommen.
Ich weiß nicht, ob es am Mangel von Lesestoff lag, aber ich begann schon sehr früh mir Geschichten auszudenken, die ich meinen kleinen Freunden dann erzählt, die nie genug davon bekamen.
Als ich besser schreiben konnte, schrieb ich sie auf und las sie im Familienkreis vor.
Eine dieser Geschichten handelte von einem wilden schwarzen Hengst.
Ihr ahnt sicher wer mich dazu inspiriert hat, die Fernsehserie 'Fury'.
Dieses 'nonstop' Fernsehen wie heute gab es ja zu unserer
Zeit noch nicht und wir freuten uns regelrecht darauf, wenn etwas für uns Kinder kam.
Samstag Nachmittag gab es eine Sendung für die ganz Familie, die dann mit den Schlümpfen endete.
Was habe ich diese kleinen blauen Zwerge geliebt.
Und sonntags wurde abwechselnd 'Fury' und 'Rin Tin Tin' gesendet.
Bei einem Abenteuer dieses deutschen Schäferhundes im wilden Westen, wäre mir einmal beinahe das Trommelfell geplatzt.
Meine Firmpatin kam an einem Sonntag mit ihrer Familie zu Besuch und während die Großen sich unterhielten, saßen wir Kinder auf dem Boden vor dem Fernseher und sahen uns 'Rin Tin Tin' an.
Als der Hund in eine besonders gefährliche Situation kam, sprang der Sohn meiner Patin auf, riss seine Trillerpfeife aus der Hosentasche und ließ einen ohrenbetäubenden Pfiff ertönen.
Das nennt man wohl mitten im Geschehen sein.


© Lore Platz  21.02.2019





Dienstag, 19. Februar 2019

Hermann und Herminchen

Obwohl sonnig ist es doch noch sehr kalt. 
Zu kalt um meine Elfen schon fliegen zu lassen, aber Trolle sind robuster.
Also erzähle ich euch wie es mit Hermann weiter geht.
Viel Spaß beim Lesen!







Hermann und Herminchen


Keuchend läuft die kleine dralle Gestalt den Feldweg entlang, verfolgt von einer Schar johlender Kinder. Wieder trifft sie ein Stein an der Schulter und sie zuckt zusammen.
Wenn sie nur endlich den schützenden Wald erreichen würde.
Plötzlich ein Rauschen in der Luft, die kleine Gestalt wird von zwei Krallen gepackt.
Ein mehrstimmiger Wutschrei ertönt und enttäuscht sehen die aufgebrachten Kinder der entschwindenden Gestalt nach.
Dem kleinen Geschöpf aber wird vor Schreck schwindelig, als sie jetzt durch den Wald rauscht und schließlich auf einen Ast plumpst.
Mit geschlossen Augen liegt es mitten in den Blättern und seine Brust hebt und senkt sich.
He, du bist in Sicherheit,“ knarrt eine
Stimme , „ du kannst also die Augen ruhig wieder aufmachen, Herminchen.“
Diese richtet sich auf. „Du kennst mich!“
Ja, sicher, du bist Herminchen, die einzige Trollfrau, die der Vernichtung der Trolle durch den Feenkönig entgangen ist.“
Das Trollmädchen nickt traurig,
Besser wäre es gewesen, ich wäre damals auch umgekommen.“
Dicke Tränen laufen über ihr Gesicht.
Was für ein Unsinn, sei froh, dass du lebst!“
Herminchen wischt mit beiden Händen die salzigen Tränen ab und hinterlässt eine Schmutzspur auf den Wangen.
Warum, wohin ich komme erschrecken die Menschen oder jagen mich. Sicher meine Eltern und Brüder waren auch nicht nett zu mir aber wenigstens hatte ich eine Familie und war nicht so allein.“
Traurig sieht sie vor sich hin und lächelt auf einmal.
Der Einzige der nett zu mir war, ist Hermann gewesen, aber der lebt ja auch nicht mehr.“
Wer sagt denn das, Hermann nicht mehr lebt.“ schmunzelt die Eule.
Mit großen Augen sieht das Mädchen den Vogel an.
„Weißt du wo er ist?“
Ja, aber nicht jetzt. Ich muss schlafen, denn das Geschrei hat mich aufgeweckt, zu deinem Glück. Und wenn ich dir raten darf, sollst du dich auch ausruhen. Du kannst zu mir in meine Höhle kommen. 
Wir werden uns heute Nacht auf den Weg machen.“
Die Eule schlüpft in ihre Baumhöhle. Herminchen aber bleibt noch eine Weile sinnend auf dem Ast sitzen, dann klettert auch sie durch das runde Loch, sucht sich ein gemütliches Plätzchen und ist bald eingeschlafen.



Himmeldonnerwetter, da hat der Amtsschimmel ja mal wieder laut gewiehert!“,
poltert Opa Schinkel und fährt sich über seine Glatze. 
Renate und Susanne, die gerade bei ihren Großeltern zu Besuch sind, kichern.
Die Oma aber, die den Braten aus dem Ofen holt, verdreht nur genervt die Augen.
Hört euch das bloß an, eine EU-Verordnung bestimmt wie stark eine verkaufsfähige Gurke gekrümmt sein darf. Jetzt wollen die dem Gemüse schon vorschreiben wie es wachsen soll.“
Ja,ja nur reg dich ab, ich habe schon längst aufgehört mich zu wundern was in den Köpfen der da Oben vorgeht. 
Leg die Zeitung weg, die Kinder wollen den Tisch decken.“
Opa grummelt noch ein wenig, doch dann
lenkt ihn das lecker Essen ab.
Während sie ihren Schokoladenpudding löffelt will Susanne wissen, was ein Amtsschimmel
ist.
Der Opa erklärt nun den aufmerksam lauschenden Kindern, dass früher die Bekanntmachungen durch berittene Amtsboten
überbracht wurden. 
Natürlich waren das nicht nur Schimmel. 
Dieses Wort stammt vielmehr von der „Simile“ einem Standard-Vordruck aus der österreichischen Monarchie, mit der sich ähnlich lautende Anliegen schneller erledigen ließen. 
So hat sich wohl das spöttische Wort Amtsschimmel entwickelt.
Die Oma steht auf und der Opa verzieht sich in sein Arbeitszimmer um gemütlich seine Pfeife zu rauchen.
Die Kinder aber laufen hinaus in den Garten, um zu spielen. Schnell sehen sie noch bei Hermann vorbei, doch der ist nicht da.




Dieser spaziert vergnügt in den nahegelegenen Wald um ein Schwätzchen mit seiner Freundin der Blaumeise zu halten.
Leider ist sie nicht zu Hause und so lehnt sich der Troll an den Stamm eines Baumes und genießt die Stille des Waldes. Er liebte den Wald, den Duft nach Tannen, das Rascheln der kleinen Tiere und das Zwitschern der Vögel.
So schön es bei dem Mann ohne Haare ist, so einsam fühlte er sich auch und während er so
überlegt fällt ihm seine Jugendgespielin Herminchen, die Einzige die im Trollland nett zu ihm war, ein.
Aber sie war ja tot wie alle Trolle, die es ja verdient hatten, nur Herminchen, die war gut und hatte ihm auch geholfen, die Feenprinzessin zu retten.
Er seufzt und wünscht sich, sie würde noch leben.
Als hätte sein Wunsch sie herbeigezaubert, teilt sich das Gebüsch zu seiner Linken und ein Trollmädchen tritt heraus.
Hermann fährt sich über die Augen, es kann sich doch nur um ein Trugbild handeln.
Doch die kleine dralle Person kommt immer näher und flüstert schüchtern. „Hermann?“
Herminchen, jubelt dieser und sie fassen sich an den Händen und betrachten sich fassungslos. Beide hatten sich nicht vergessen.
Wenig später sitzen sie unter dem Baum und erzählen sich was sie erlebt haben.
Als Herminchen von den bösen Menschen berichtet, tröstet Hermann das Mädchen und erzählt, dass er bei ganz lieben Menschen wohnt und nicht alle dieser Gattung böse seien.
Er nimmt sie mit in den Schuppen und zeigt ihr stolz seine gemütliche Wohnung.
Du kannst bei mir bleiben und in meinem Bett schlafen, ich schlafe dann auf dem Boden, aber nun komm mit, ich stelle dich dem Mann ohne Haare, der Frau mit dem Namen Oma und den beiden Langhaaren vor.“
Wie staunen diese, als die beiden Trolle in die Küche kamen, in der die Familie gerade beim Nachmittagstee sitzt.
Oma holt gleich zwei Tassen und besonders Herminchen lässt sich den Kuchen schmecken, hat sie doch außer Beeren unterwegs nichts gegessen.
Staunend hören sie Herminchens Geschichte und als Hermann sagte, dass sie jetzt bei ihm bleiben wird und in seinem Bett schlafen kann, während er auf dem Boden nächtigt, da meint Opa.
Kommt gar nicht infrage, ich gehe gleich in die Werkstatt und zimmere ein neues Bett, Bretter genug habe ich ja.“ 
Und schon eilt er hinaus.
Die Oma aber verspricht, sich sofort an die Nähmaschine zu setzten und Bettwäschen zu nähen.
Die Mädchen aber bleiben in der Küche und immer wieder wollen sie von Herminchen wissen, wie es ihr ergangen ist.
Und Herminchen hat sich seit ihrer Flucht noch nie so wohl gefühlt.
Sie spürt, dass ihre Irrfahrt zu Ende ist.

Sie ist angekommen.

© Lore Platz 19.02.2019

Mittwoch, 13. Februar 2019

Unsere Miezie Eine Erinnerungsgeschichte

 

 

 

 

Unsere Miezie 

Eine Erinnerungsgeschichte


Sicher hatten viele von euch auch ein Haustier in eurer Kindheit.
Ich finde es schön, wenn man mit einem Tier zusammen aufwächst.
Wir hatten eine Katze, die hieß Miezie.
Ich habe die Endung absichtlich mit „ie“ geschrieben, weil wir die Katze immer Mieziiiiiiiiiii gerufen haben, wenn wir sie suchten.
Eigentlich war sie die Katze meiner Mutter und hat den Rest der Familie nur geduldet.
Da wir auf dem Land lebten, durfte die graue Tigerkatze natürlich über Flur und Feld streifen.
An unserer Wohnungstür war unten eine schmale Luke aus Metall für den Briefträger.
Wenn Miezie von ihren Streifzügen nach Hause kam, klapperte sie mit dem Deckel, bis jemand öffnete.
Dann stolzierte sie mit hoch erhobenen Schwanz wie eine Königin an dem „Türöffner“ vorbei, warf ihm ein kurzes gnädiges „Miau“ zu und schritt dann weiter zur Küche.
Wehe, die Futterschüssel war leer, dann wurde sie solange mit der Pfote bearbeitet bis ein diensteifriger Lakai angelaufen kam und sie füllte.
Miezie war aber auch eine gute Mäusefängerin.
Ich weiß aber nicht, ob sie je eine Maus gefressen hat, denn meisten spielte sie nur mit ihnen, denn an den seltsamsten Orten fanden wir tote Mäuse.
Einmal kam ich nicht in meine im Keller stehenden Gummistiefel, etwas weiches hinderte mich daran.
Als ich den Stiefel ausschüttete, fiel eine tote Maus heraus.
Ein anderes Mal hatten wir Besuch von einem mit meinen Eltern befreundeten Ehepaar.
Die Frau wollte am Sonntag in die Kirche gehen.
Als sie die Wohnungstür öffnete, fing sie entsetzlich zu kreischen an.
Fein säuberlich hatte unsere Miezie drei tote Feldmäuse nebeneinander auf dem Fußabtreter aufgereiht.
Sie wollte uns nur zeigen wie fleißig sie die Nacht gearbeitet hatte.

Meine Schwester bekam wegen unser Katze einmal eine ordentlich mit der Rute gewischt.
Der Bischof Nikolaus und sein scheußlich aussehender Knecht Ruprecht waren gerade bei uns.
Ich durfte den Stab halten, zitterte aber vor Angst und bemühte mich den rauen Gesellen neben dem heiligen Mann nicht zu beachten.
Miezie hatte da kein Bedenken.
Sie sprang auf den Sack, den der Krampus auf dem
Rücken hatte.
Mein Schwester Karin fing an zu kichern und schon hatte sie die Rute im Gesicht.
Zimperlich waren die rauen Gesellen, die den Nikolaus begleiteten, damals nicht.
Überhaupt waren die Sechziger eine rauere Zeit wie heute.
Es war noch nicht üblich die Katzen sterilisieren zu lassen und damit die Vermehrung nicht überhand nahm, wurden die Kleinen gleich nach der Geburt entsorgt.

Unserer Miezie passierte das nur einmal, denn sie war schlau.
Als sie wieder einmal dem betörendem Gesang eines Katers nicht widerstehen konnte und trächtig wurde, verschwand sie eines Tages.
Mutti machte sich große Sorgen um die Katze, aber sie blieb unauffindbar.
Wir dachten schon es wäre ihr was passiert.
Doch als meine Mutter eines Tages aus dem Küchenfenster sah, wer kam da nicht mit hocherhobenem Schwanz mit drei kleinen Katzen die Straße herunter? Miezie!

Als mein kleine Schwester Renate geboren wurde, kam Mutti für einige Tage ins Krankenhaus.
Von diesem Tag an hörte Miezie auf zu fressen.
Wir bettelten, wir schmeichelten und hielten ihr die schönsten Leckereien unter die Nase.
Miezie hob nur kurz den Kopf und ließ ihn dann apathisch wieder sinken.
Wir fürchteten schon, sie würde eingehen.
Kaum aber war Mutti wieder zuhause, kam Leben in die Katze.
Sie schnurrte wieder, sie fraß wieder und lief unserer Mutter auf Schritt und Tritt nach.
Ich denke kein Mensch kann so treu sein, wie ein Tier!

© Lore Platz 13.02.2019

Dienstag, 12. Februar 2019

Hermann verliert sein Zuhause

Ich habe einmal mit Regina zusammen eine Geschichte geschrieben und darin kam ein Troll vor. 
Dieser Troll ist mir so ans Herz gewachsen, dass ich ihn adoptiert habe und eine eigene Serie über ihn geschrieben habe.
Viel Spaß beim Lesen!

 
(c) meine Tochter


Hermann verliert sein Zuhause


Hermann stapft auf seinen kleinen stämmigen Beinen durch den Wald und hinterlässt im frisch gefallenen Schnee
Fußspuren so klein wie Babyschuhe.
Als er Stimmen hört versteckt er sich schnell hinter einem Busch.
Zornig runzelt der kleine Troll die Stirn. Da war er schon wieder der Grünberockte und diesmal hatte er noch einen Mann dabei. Was wollten die nur hier, sie sollten gefälligst verschwinden.
Hermann presst unwillig die Lippen zusammen.
Die Tanne gehört schließlich ihm, denn darunter liegt seine kleine gemütliche Wohnung.
Es raschelt und der braun gefleckte Jagdhund steht vor Hermann.
Verschwinde!“ zischt dieser und wedelt heftig mit beiden Händen.
Der Hund sieht ihn nur mit seinen braunen Augen aufmerksam an.
Da haut ihm Hermann eins auf die Nase und macht sein schrecklichstes wütendes Trollgesicht. Der Hund jault leise und schiebt sich rückwärts aus dem Gebüsch.
Der Troll aber stapft mit den Füßen auf und schlingt die Arme um sich, denn langsam beginnt er zu frieren.
Endlich, sich leise unterhaltend gehen die beiden Männer
weiter, gefolgt von dem Jagdhund, der noch einmal zurück blickt.
Hermann wartet noch ein wenig, dann läuft er so schnell ihn seine stämmigen Beine tragen können zu der Tanne und schlüpft in seine Wohnung.
Gemütlich hat er es sich eingerichtet. Die Hälfte des Raumes nimmt ein weiches Bett aus Moos ein. Ein Schaukelstuhl, von ihm selbst gezimmert, steht davor und gegenüber auf einem Tisch stehen einige Gläser mit Marmelade, Kirschen, und Mirabellen, daneben liegt ein großer Löffel. Unter dem Tisch sind Nüsse, die er im Herbst gesammelt hat, aufgehäuft
Die Gläser mit der Marmelade und eingemachtem Obst hat ihm der Mann ohne Haare gebracht.
Einmal, es war im Sommer gewesen, hatte Hermann sich in einem Dornbusch verfangen und der alte Mann hatte ihn gerettet. Seit dem sind sie Freunde und ab und zu kommt der Mann ohne Haare vorbei und bringt ihm etwas zu essen, besonders jetzt im Winter, wo im Wald nichts mehr zu finden war.
Hermann nimmt den Löffel und taucht ihn tief in das Marmeladenglas. Genussvoll lässt er dann die süße Köstlichkeit im Mund vergehen. Hmmm! Hermann hat eine große Schwäche für Süßigkeiten.
Zufrieden setzt er sich auf seinen Schaukelstuhl und seine Gedanken schweifen in die Vergangenheit.
Er war der letzte Troll, der nach der großen Katastrophe übrig geblieben war. Der mächtige Feenkönig hatte das Trollreich vernichtet und nur er blieb verschont, wegen seines guten Herzens.
Hermann war der jüngste und schwächste seiner Familie und schon immer etwas anders. Seine Geschwister hänselten und knufften ihn, sein Vater verachtete ihn und seine Mutter schämte sich seiner.
Und auch den anderen Trollen war er ein Dorn im Auge,
besonders nachdem er einen Wichteljungen aus dem See gerettet hatte.
Trolle taten so etwas nicht, sie waren böse, raubten, zerstörten und freuten sich an dem Elend, das sie hinterließen.
Gutsein bedeutete Schwäche und Schwäche war verachtenswert. So hatte Hermann früh gelernt sein gutes Herz hinter einer finsteren Miene zu verbergen.
Das Trollreich lag in einer Schlucht umgeben von riesigen Bergen. Auf einer großen Wiese weideten die Tiere, die sie von ihren Raubzügen bei den Bauern im Tal, mitgebracht hatten.
Schiefe hässliche Häuser reihten sich aneinander in denen die Trolle aber nur schliefen wenn es regnete, ansonsten lagerten sie im Freien.
Wenn sie wieder einmal von einem Raubzug zurück kamen, dann feierten sie ein Fest das tagelang dauerte.
Hermann aber hielt sich abseits. Er fühlte sich nicht wohl unter den grölenden, schmatzenden, rülpsenden Artgenossen.
Eines Tages aber trieben sie es zu weit. Sie brachten von ihren Raubzügen die schöne Tochter des Feenkönig mit. Der Sohn des Anführers wollte sie heiraten, da diese sich aber weigerte, sperrten sie das Mädchen in eine Hütte. Dort wollten sie sie hungern lassen bis sie ja sagte.
Hermann aber hatte Mitleid mit der Feenprinzessin. Als nach einem ausgiebigen Gelage alle wieder schliefen, nahm der den Schlüssel aus der Tasche des schnarchenden Anführers und befreite das Mädchen.
Dies sollte ihm das Leben retten.
Denn bereits am nächsten Morgen kam der Feenkönig und rächte sich fürchterlich. Er ließ die großen Felsen ringsum einstürzen und vernichtet das Trollreich und alle seine Bewohner. Nur Hermann blieb verschont, weil er die Prinzessin befreit hatte.


Ein lautes Klopfen an der Tür holt Hermann aus seinen Gedanken zurück.
Er öffnet die knarrende Tür und steckt seinen dicken zotteligen Kopf heraus.
Draußen steht der Mann ohne Haare und bei ihm die beiden Langhaare, mit denen er in letzter Zeit immer durch den Wald streift.
Was willst du?“ fragt er grimmig.
Du hast ja heute wieder eine Laune!“
Wer sind die Langhaare?“ der Kleine deutet mit dem Finger auf die Mädchen.
Das sind meine Enkelinnen Renate und Susi, sie wollen dich kennen lernen.“
Also nun kennen sie mich ja!“
Der Troll will zurück in seine Wohnung, doch blitzschnell packt ihn der alte Mann am Rockzipfel und hebt ihn hoch.





Hermann zappelt mit den Beinen und schlägt mit den Armen um sich.
Lass mich sofort los, du dummer alter Mann!“ kreischt er wütend.
Du kannst nicht hierbleiben, bald kommen die Waldarbeiter und werden den Baum fällen.“
Niemand wird meine Wohnung fällen, ich werde sie verzaubern.“
Du vergisst, dass dir deine Zauberkräfte genommen wurden,“ meint Opa Schindel leise und setzt Hermann vorsichtig auf den Boden.
Der Troll sieht traurig auf seinen Baum, der solange sein Zuhause war.
Du kannst bei mir im Schuppen wohnen, dort hast du Platz und es ist schön warm.“
Ja und wir werden es dir ganz gemütlich machen,“ versprechen die Mädchen.
Ich will aber nicht bei dir wohnen, ich will hier bleiben, hier unter meinem Baum!“
Wütend stapft der kleine Gnom mit dem Fuß auf, dann setzt er sich in den Schnee und beginnt lauthals zu weinen.
Mitleidig beugen sich die Mädchen zu ihm hinab und Renate nimmt die Plätzchendose aus dem Rucksack und als sie den Deckel öffnet versiegen die Tränen so schnell wie sie gekommen sind.
Die Hand des Trolls fährt blitzschnell in die Dose, packt ein paar Plätzchen und stopft sie in den Mund.
Opa und die Mädchen lachen.
Hermann aber verschwindet in seinem Haus und kommt gleich darauf mit den Einmachgläsern wieder, die er im Schnee abstellt.
Renate und Susi verstauen die Gläser in ihren Rucksäcken.
Hermann läuft zurück und als er wieder kommt zieht er seinen Schaukelstuhl hinter sich her.
Opa Schindel nimmt den Stuhl unter den Arm und dann gehen sie gemeinsam nach Hause.
Sehr viel später, als Hermann in seiner neuen gemütlichen Stube in der Ecke des Schuppens in seinem Schaukelstuhl sitzt, einen Teller voller Plätzchen auf dem Schoß, eine lecker duftende Tasse Kakao auf dem Tisch neben sich, da ist er doch recht zufrieden mit seiner neuen Behausung.
Am nächsten Morgen kommt eine der Langhaare, Susi heißt sie wohl, zu ihm in den Schuppen und fragt, ob er mit ihnen kommen möchte, sie wollen seine Tanne im Dorf bewundern.
Erst will er nicht, doch dann siegt die Neugier, vielleicht waren es ja auch die Plätzchen, die das andere Langhaar bringt und sich der Bitte anschließt.
Hermann wird in Susis Rucksack gesteckt und nun gehen die vier mit dem Troll auf dem Rücken ins Dorf.
Hermann staunt, wie wunderschön seine Tanne aussieht. Sie ist geschmückt mit Kugeln, Strohsternen, Engeln und Lametta und hunderte von Lichtern leuchten.
Als dann die Menschen noch anfangen zu singen, da wird es dem Troll ganz eigenartig ums Herz.

Und er ist stolz auf seinen Baum, er nun in einem wunderbaren Licht erstrahlt.


© Lore Platz 12.02.2019