Dienstag, 18. Juni 2019

Nur ein Päckchen Kaffee Teil 2


 
(c) Irmgard Brüggemann



Sie verschwindet im Schlafzimmer und kommt bald darauf altmodisch, aber adrett und sauber gekleidet wieder zum Vorschein.
Sie schließt das Fenster, wo die Spatzen inzwischen verschwunden sind, zieht vor dem Spiegel im Flur ihr altmodisches kleines Hütchen auf, legt Geldbeutel und Einkaufszettel in die Tasche und verlässt die Wohnung.
Vorsichtig hält sie sich am Geländer fest, als sie die abgetretenen Holzstufen hinunter geht.
Einen Moment blinzelt sie geblendet, als sie von dem halbdunklem Flur in das helle Sonnenlicht tritt.
Dann geht sie mit forschen Schritten zum Kaufhaus, holt sich einen Wagen und beginnt ihren kleinen Einkauf.
Sorgfältig prüft sie, ob sich die Preise auch nicht geändert haben, damit sie an der Kasse nicht in Verlegenheit geriet.




Durch die langen Gänge schiebt sie ihren Wagen in Richtung Kasse.
Da erfasst ihre Nase den feinen Duft von Kaffee.
Rechts und links sind die Regale gefüllt mit Kaffeepäckchen, in bunten Farben und in allen möglichen Sorten.
Nur mal so aus Neugier schiebt Lieschen ihren Wagen näher heran. Sie wollte doch einmal die Preise studieren.
Da erblickt sie die Sorte, die ihre Mutter immer gekauft hatte und langsam, als wäre es eine große Kostbarkeit nimmt sie das Päckchen Kaffee in die Hand.
Sie schielt auf den Preis und seufzt.
Unbezahlbar für sie!
Die schöne Zeit mit ihrer Mutter, die bescheiden doch ohne Not waren und die wunderbaren Geburtstage, die diese ihr immer bereitet hatte, all dies ging ihr durch den Kopf.
Und auf einmal, sie weiß es eigentlich selbst nicht, wie es geschah, war das Kaffeepäckchen in ihrer Tasche verschwunden.
Auf dem Weg zur Kasse lief es ihr plötzlich heiß über den Rücken.
Was hatte sie getan?
Das war ja Diebstahl!
Was war nur über sie gekommen?
Noch nie in ihrem Leben hatte sie etwas Unrechtes getan und nun war sie plötzlich zur Diebin geworden.
Sie öffnet ihre Tasche und holt das grüne Päckchen Kaffee heraus.
In dem Moment legt sich eine schwere Hand auf ihre Schulter.
Lieschen blickt in das Gesicht eines bulligen Mannes.
Kommen sie mit ins Büro, ich habe sie beobachtet, sie wollten diesen Kaffee stehlen!“
Ich, ich, ich ...“, stammelt Lieschen und ihre Augen füllen sich mit Tränen.



Eine junge Frau, die im gegenüberliegenden Regal die Waren studiert, dreht sich zu den Beiden um.
Was ist hier los?“ fragt sie die Stirn runzelnd.
Mischen sie sich nicht ein! Ich bin der Kaufhausdetektiv!“
Ach, und was hat die alte Dame verbrochen?“
Ich habe sie beobachtet, wie sie ein Paket Kaffee in ihrer Tasche verschwinden ließ.“
Die junge Frau überfliegt den kärglichen Einkauf in dem Wagen und den Kaffee in der Hand des vor Angst zitternden Lieschens und meint spöttisch.
Ich sehe nur eine leere Tasche und ein Päckchen in der Hand der Dame. Sieht mir nicht nach einem Diebstahl aus!“
Der Detektiv wird unsicher, trotzdem beharrt er weiterhin:
Ich habe genau gesehen, wie sie den Kaffee in die Tasche steckte!“
Na und? Haben sie noch nie in Gedanken etwas in ihre Tasche gesteckt? Ich suche ständig meine Autoschlüssel, weil ich sie irgendwo hin gesteckt habe.“
Na gut,“ murmelt der Mann, nimmt Lieschen das Paket aus der Hand und legt es in ihren Einkaufswagen.
Dann gehen sie mal zur Kasse!“ brummt er und verschwindet zwischen den Regalen.
Die junge Frau tritt neben das alte Fräulein.
Jutta Zimmermann,“ stellt sie sich vor.
Noch ganz benommen ergreift Lieschen die dargebotene Hand und murmelt leise:
Lieschen Krämer.“
Wunderbar, freut mich, sind sie fertig mit ihren Einkäufen?“ hört sie die frische Stimme von Jutta und nickt.
Ich auch, dann können wir ja gemeinsam zur Kasse gehen.“
Wie im Traum geht Lieschen in Richtung Kasse.
Jutta bleibt direkt hinter ihr, als wollte sie sie beschützen, denn aus den Augenwinkeln hat sie den Kaufhausdetektiv bemerkt, der mit verschränkten Armen in der Nähe der Kasse lungert und die alte Frau nicht aus den Augen lässt
Lieschen aber läuft es heiß und kalt über den Rücken. Was sollte sie nur tun. Sie hatte doch gar nicht soviel Geld dabei, um den Kaffee zu bezahlen.

 
(c) Irmgard Brüggemann
Sie wirft einen verzweifelten Blick nach hinten in Juttas vergnügt blitzende Augen.
Den Wagen hinter sich herziehend, tritt diese neben sie und murmelt: „ Was ist los?“
Ich habe nicht genügend Geld dabei,“ flüstert Lieschen.
Keine Bange, ich mache das schon!“
Doch das alte Fräulein hört es nicht mehr, denn nun ist sie dran.
Langsam und bedächtig legt sie ihre Waren auf das Laufband.
Jutta beginnt sofort auch ihre Einkäufe auszupacken und mit einer unauffälligen Bewegung schiebt sie das dubiose Kaffeepäckchen zu ihren Waren.
Lieschen merkt es nicht, so benommen ist sie und die Kassiererin muss sie zweimal auffordern.
2€ 76“ „ Wie bitte?“ „2€ 76!“ wiederholt diese nun leicht ungeduldig.
Lieschen sieht zu Jutta, die ihr vergnügt zu zwinkert und entdeckt den Kaffee unter deren Einkäufen.
Erleichtert atmet sie auf, zählt umständlich das Geld auf die Theke, verstaut ihre Einkäufe in ihrer alten Tasche und schiebt den leeren Wagen hinaus.
Als sie den Einkaufswagen abgestellt hat, verlassen sie ihr Kräfte und sie lässt sich auf die Bank in der Nähe fallen. Ihr zittern die Knie!


Schluchzend legt sie den Kopf in beide Hände. Wie peinlich war das doch gewesen und sie schämt sich so sehr, denn beinahe wäre sie zur Diebin geworden.
Welcher Teufel hatte sie da nur geritten?

Morgen geht es weiter

Montag, 17. Juni 2019

Nur ein Päckchen Kaffee

Einen schönen Wochenanfang wünsche ich euch und wie versprochen erzähle ich euch die Geschichte einer netten alten Dame, die kurz in Versuchung gerät und durch einen ganz besonderen Schutzengel
gerettet wird.
Viel Spaß beim Lesen!
 






Nur ein Päckchen Kaffee


Schlendert man durch das Städtchen R über die schöne geschwungene Brücke, gelangt man in die Altstadt.
Hier sind die Häuser nicht mehr so gepflegt und man sieht ihnen an, dass der Zahn der Zeit kräftig an ihnen genagt hat.
Ganz am Ende der Straße steht ein großer Block mit sechs Wohnungen.
Er gehört der Stadt und die Mieter, die bereits mehr als 40 Jahre hier wohnen, gehören zu den Einkommen schwachen.
Dementsprechend niedrig ist auch die Miete.
Doch in den letzten Jahren sind die Mietpreise explodiert und auch die Stadtverwaltung überlegt, sich der Zeit anzupassen.
Daher grenzt es fast an ein Wunder, als eine Bau-Genossenschaft an die Stadt herantrat , um das alte Gemäuer zu kaufen.
Bei einer Mieterversammlung wurden die Bewohner in Kenntnis gesetzt, dass das Haus renoviert würde und sie vorübergehend ausziehen mussten. Der Umzug würde natürlich bezahlt werden. 
Wer nach der Sanierung zurück kommen möchte, müsste allerdings mit einer größeren Miete rechnen.




Ganz oben in einer kleinen Dachwohnung lebt Fräulein Lieschen Krämer.
Ein altes Fräulein, bescheiden, schüchtern und arm.
Jahrelang hatte sie ihre schwerkranke Mutter gepflegt und ging nebenbei noch putzen.
Nun stand sie da mit 585€ Rente.
Als ihre Mutter noch lebte, die ihre Kriegsrente hatte, ging es beiden relativ gut.
Doch nun musste sie doch sehr sparsam mit dem Geld wirtschaften und war froh, dass sie nach dem Tod er Mutter die so billige kleine Wohnung behalten konnte.
250€ Miete musste sie bezahlen, das war sehr wenig, denn in den vergangenen Jahren sind die Preise für Wohnungen, auch wenn sie so klein wie ihre waren, sehr gestiegen.
Und wenn sie sich nun eine neue Wohnung suchen sollte, wie die Bau-Genossenschaft verlangte, dann würde das wohl ihre ganze Rente verschlingen.
Als sie schüchtern ihre Sorge vorgetragen hatte, meinte der Herr von der BG:
Sie können ja Wohngeld beantragen!“
Daraufhin setzte das alte Fräulein sich still auf ihren Platz und war sehr besorgt. Wusste sie doch gar nicht wie man das machte und sie kannte doch auch niemanden, den sie fragen konnte.
Also war sie nach der Mieterversammlung traurig in ihre kleine Wohnung unter dem Dach gegangen, verwirrt und voller Sorgen.

(c) Irmgard Brüggemann


Müde erhebt sich Fräulein Lieschen und schlüpft in ihre ausgelatschten Pantoffeln.
Kurz fährt sie sich mit der Hand über den schmerzenden Rücken.
Die Matratze war eben schon alt, aber wenn sie einige Zeit lief, dann vergingen die Schmerzen.
Sie schlurft ins Bad .
Wenig später kommt sie wieder heraus, noch immer im Morgenmantel, aber frisch und sauber,
und die langen grauen Haare, die ihr bis zur Hüfte reichten, zu einem ordentlichen Knoten aufgesteckt.
Sie sieht auf die Uhr. 8.30! Zeit fürs Frühstück.
Die Sonne blinkt schon durch die blank geputzten Scheiben.
Nachdem sie den Wasserkessel auf den Gasherd gestellt hat, öffnet sie das kleine Fenster mit den hübschen zierlichen Gardinen und sieht über die Dächer von R.
Sie liebt diesen Blick über die Stadt und sie freut sich, dass heute die Luft so klar ist, dass man in der Ferne die Berge schimmern sieht.
Ein paar Spatzen sitzen in der Dachrinne und tschilpen laut.
Lieschen lächelt und eilt zum Brotkasten, nimmt das Brot heraus und sucht in der Schublade nach dem Messer.
Da verkündet ein schrilles Pfeifen, dass das Wasser kocht.
Schnell legt sie das Messer beiseite, dreht den Gashahn ab und füllt in die frische Tasse, in der sie den gebrauchten Teebeutel von gestern gehängt hat,
das kochende Wasser.
Einen Teebeutel konnte man ruhig zweimal benutzen hatte ihre sparsame Mutter ihr beigebracht.
Fräulein Lieschen stellt die dampfende Tasse auf den Tisch, und holt Margarine und Honig aus dem Kühlschrank.
Dann schneidet sie drei dünne Scheiben Brot ab.
Zwei davon legt sie auf einen Teller.
Von der dritten Scheibe löst die Rinde und legt sie in den Brotkasten zu den anderen.
Die würde sie heute Mittag rösten und zu ihrer Suppe geben.
Sie zerbröselt das Weiche des Brotes und streut es auf die Fensterbank.
Als hätten sie nur darauf gewartet stürzen sich die Spatzen lautstark schimpfend über die Krümmel.
Lieschen beobachtet ihre gefiederten Freunde vergnügt, während sie ebenfalls ihr Frühstück verzehrt.
Ein Blick auf den Kalender zeigt ihr, dass heute der 29. April ist.
Am Montag war Feiertag, der 1. Mai, dann kam die Rente erst am Dienstag. Also musste das Geld für drei Tage reichen.
Sie holt den alten braunen, an den Ecken abgestoßenen Geldbeutel aus der Schublade und schüttet seinen Inhalt auf den Tisch.
Sorgsam zählt sie die Münzen.
Es sind 3 € und 87 Cent.
Kurz überlegt sie:
Honig und Margarine würden noch reichen, brauchte sie also nur noch Brot. Heute würde sie eine Kartoffelsuppe machen, Kartoffeln hatte sie noch, und die gerösteten Brotrinden darüber streuen. Wenn sie gleich mehr machte, dann reichte es auch für Morgen.
Vergnügt lacht sie.
Aber was sollte sie am Montag kochen? Es sollte schon etwas Besonderes sein, denn da war ihr Geburtstag.
Sie hatte doch noch zwei Eier im Kühlschrank, die 
würden reichen für ein feines Omelett und zur Feier Tages könnte sie sich ein Glas Pilze gönnen und einen schönen Kopfsalat. Was für ein Festmahl.
Und abends eine feine Quarkspeise.
Ihre Gedanken schweiften in die Vergangenheit.
Wie schön waren ihre Geburtstage immer solange ihre Mutter noch lebte.
Mama hatte für sie immer ihren Lieblingskuchen „Schwarzwälderkirsch „ gebacken und dazu gab es echten Bohnenkaffee.
Sie glaubte den Duft dieses herrlichen Getränks in der Nase zu spüren.



Seit ihre Mutter vor zwei Jahren gestorben war, konnte sie sich keinen Bohnenkaffee mehr leisten.
Schnell schüttelt sie die drüben Gedanken ab und schreibt ihren Einkaufszettel.
Lieschen muss lachen als sie die Endsumme sieht.
Dreimal die Eins!
Die Zahl sollte ihr eigentlich Glück bringen. 

Morgen geht es weiter 

Freitag, 14. Juni 2019

Tante Lieschen - Erinnerungsgeschichte

Nächste Woche will ich euch eine Geschichte erzählen in der es um Armut im Alter geht und wie man damit umgeht, wenn man zufrieden und bescheiden ist.
Vorbild für mein Lieschen in der Geschichte ist meine Taufpatin, deshalb will ich diese von mir als Kind so  geliebte Frau vorstellen. 
Sie hat ihr nicht leichtes Schicksal ertragen, ohne zu klagen. 
Viel Spaß beim Lesen!
Ich wünsche euch ein schönes Wochenende.
                      

Tante Lieschen





Eigentlich hieß sie Elisabeth Krämer und war meine Taufpatin und ich habe sie geliebt.
Sie war keine Schönheit und auch nicht reich, aber sie hatte ein Herz aus Gold und war der bescheidenste Mensch, dem ich je begegnet bin.
In der Geschichte „Nur eine Tasse Kaffee“ habe ich ihr ein Denkmal gesetzt.
Sie war schon ein besonderer Mensch, denn obwohl das Schicksal es nicht gut mit ihr meinte, war sie doch von einer ruhigen, gelassenen Art.
Ich habe sie nicht ein Mal böse erlebt.
Die großen Ferien durfte ich immer bei ihr verbringen und das war eine schöne unvergesslich Zeit.
Ich sehe heute noch die kleine Küche mit dem weißen Becken aus Email vor dem kleinen Fenster, links der Gasherd und rechts eine gemütliche Ecke mit zwei Sesseln und einem runden Tisch.
Ein altes rotes Sofa lehnte an der Wand, davor ein Tisch mit drei Stühlen.
Hinter einem der Stühle thronte ein Küchenschrank, so einer mit Glasscheiben, an denen Gardinen hingen.
Es gab nur noch ein Schlafzimmer, aber kein Badezimmer.
Auf dem Flur war noch ein kleines Zimmer, das nicht benutzt wurde.
Hatte man ein menschliches Bedürfnis, dann musste man die Treppe hinunter in den Hof auf das berühmte Holzhäuschen mit einem Herzchen.
Diesen Ort hasste ich, erstens stank es dort fürchterlich, und außerdem waren die Wände voller Spinnweben und grauslichen schwarzen Spinnen.
Im Schlafzimmer stand ein Eimer mit Deckel, wenn man nachts Pippi machen musste.
Trotzdem denke ich gerne zurück an die Zeit mit Tante Lieschen.





Sie hatte ein heimliches Laster.
In ihrem Schlafzimmerschrank befanden sich Unmengen von Groschen Romanen, die sie mit ihren Freundinnen tauschte.
Für mich eine wahre Fundgrube, da derlei Literatur ja bei uns zu Hause verboten war.
Bei Tante Lieschen durfte ich!
Während sie ihrer Hausarbeit nachging, kauerte ich auf dem Sessel und teilte den Liebesschmerz der Heldinnen in den Romanen.
Aber ich kann mich erinnern, dass ich mich schon als zehnjährige darüber aufregte, weil sich die Liebenden in den Romanen so doof benommen haben.
Verschlungen habe ich die Heftchen trotzdem.
Am Nachmittag dann spielte sie mit mir „Krieg“, das war ein Kartenspiel, das man zu zweit spielen kann.
Es war sicher langweilig für sie, aber auch hier zeigte sie eine Engelsgeduld.
Einmal in der Woche machte sie sich „Stadt fein“ und wir fuhren zu ihrer Freundin Anna nach Neunkirchen.
Während die Damen plauschten, durfte ich mit der großen Porzellanpuppe, die auf dem Sofa saß, spielen.
Es gefiel mir bei den beiden alten Damen.
Einmal hatte Tante Lieschen zwei italienische Gastarbeiter als Untermieter in dem kleinen Zimmer im Flur.
Jeden Abend nach der Arbeit kamen sie in die Küche und kochten einen riesigen Topf Spagetti mit Tomatensoße und anschließend brachten sie einen Teller voll für die Bambina vorbei.
Ich habe noch nie so gute Spagetti gegessen.
Es war eine schöne Zeit bei Tante Lieschen und heute noch denke ich gerne daran zurück und hoffe, dass sie im Himmel einen Ehrenplatz erhalten hat.



(c) Lore Platz

Donnerstag, 13. Juni 2019

Dialekte - Erinnerung

 

 

 

Dialekte - Erinnerung




Als ich kürzlich mit meiner Kusine Christa in Winterbach telefonierte, kamen wir auch auf einige saarländische Wörter zu sprechen über die ich mich früher immer köstlich amüsieren konnte.
Oder wisst ihr, dass es sich bei "Gehannsdrouwe" um Johannisbeeren handelt?
Oder gar das "Drooschele" Stachelbeeren sind?
Klingt ein wenig wie das bayrische "Trutscherl", so nennt man bei uns eine einfältige Person.
Ich kann mich noch erinnern, wie meine Mutter immer wenn sie mit ihrer Schwester im Saarland telefonierte unweigerlich in den saarländischen Dialekt verfiel.


Oder gar mein Mann. Er stammt aus dem Elsaß und bisher hatte ich diesen Dialekt noch nie gehört.
Bei unserm ersten Besuch bei seiner Mutter wurden wir von seinem Bruder und dessen Frau am Bahnhof abgeholt und plötzlich verstand ich meinen Kurt nicht mehr.
Nein, er redete nicht französisch sondern einen Dialekt von dem ich kein Wort verstand.
Erst später, als ich mich daran gewöhnt hatte, begann ich die Gespräche zu verstehen und stellte sogar bei manchen Wörtern eine Ähnlichkeit mit dem saarländischen Dialekt fest.
Im Internet wollte ich mich mal schlau machen und wissen wie viele Dialekte es eigentlich gab.
Doch selbst das Internet war damit überfordert.
Es gibt so viele Mundarten und da jede einzelne auch wieder viele Abweichungen hat, kann die genaue Zahl nicht ermittelt werden. 



Allein in meiner Familie gibt es sechs Dialekte.
Mein Vater kam aus Pirmasens in der Pfalz.
Meine Mutter aus Landsweiler Reden im Saarland.
Wir drei Mädels sprachen ein gemäßigtes bayrisch.
Meine älteste Schwester heiratete einen Schwaben.
Meine jüngste Schwester einen Franken.
Und ich einen Elsässer.
Ziemlich verwirrend was? Nun stellt euch mal unsere Famileintreffen vor.
Das Dialekte auch peinlich werden können, das passierte meiner Schwester Karin.
In der Verlobungszeit trafen sich meine Schwester und mein Schwager mit dessen besten Freund, der auch Trauzeuge werden sollte.
Nach einem angenehmen fröhlichen Abend wollten sie gehen und Karin meinte seufzend: "O weh, morgen muss ich zum Fotzenspangler!" Der junge Mann wurde rot wie eine Tomate.
Später klärte mein Schwager meine Schwester auf.
"Fotze" bedeutet im Bayrischen " Mund" und "Fotzenspangeler" Zahnarzt.
Im Schwäbischen aber bezeichnet das Wort "Fotze" einen anderen Teil des weiblichen Körpers, der den jungen Mann zum Erröten brachte.
Ein Glück, dass wir alle Deutsche sind und uns so gut verstehen.

©Lore Platz

Mittwoch, 12. Juni 2019

Botschaft aus dem Jenseits


Es gibt mehr Ding’ im Himmel und auf Erden, als Eure Schulweisheit sich träumt, Horatio.

Hamlet, 1. Akt, 5. Szene, Hamlet, William Shakespeare

Das lasse ich mal so stehen und wünsche euch viel Spaß beim Lesen!



 
(c) Peter S.


Botschaft aus dem Jenseits



Der junge Lehrer Richard Klausner verließ die Dorfschule und sah den Kindern nach, die lärmend den Schulhof verließen.
Endlich Sommerferien!
Die letzten Tage war die Rasselbande kaum noch zu bändigen gewesen.
Vergnügt pfeifend lenkte er seine Schritte zu dem schmucken kleinen Häuschen, in dem er mit seinen Eltern wohnte.
Sein Vater saß im Garten und las die Zeitung.
Richard setzte sich neben ihn und streckte die Füße weit von sich.
Michael Klausner grinste.
Bist froh, dass Ferien sind.“
Er war selbst Lehrer gewesen und wusste wie anstrengend die Kinder die letzten Tage vor den Ferien waren.
Richard nickte nur und sah nachdenklich hinauf in den Himmel und seine Gedanken schweiften in die Vergangenheit.
Er war hier aufgewachsen und wollte auch nirgendwo anders sein. Eine schöne unbeschwerte Kindheit hatte er gehabt und mit seinem besten Freund Dominik so manchen Streich ausgeheckt.
Dominik, der Sohn des reichsten Bauern, dem Wiesenhofer,
war ein fröhlicher, etwas wilder und leichtsinniger Bursche, aber grundehrlich und treu.
 
(c) meine Tochter

Außerdem ein leidenschaftlicher Kletterer, gar viele Bergtouren hatten sie zusammen gemacht und manche
steile Wand sind sie hinauf gekraxelt. Und auf dem Gipfel angekommen hatte Dominik dann immer einen Jodler ins Tal geschickt.
Er war so übermütig und voller Lebensfreude.
Und dann vor vier Jahren war er in den französischen Alpen abgestürzt.


Hallo Junge träumst du?“ riss ihn die Stimme des Vaters aus seinen Gedanken.
Richard lächelte.
Ich habe gerade gedacht, wie schön wir es hier doch haben.“
Ja, hoffentlich noch lange, in B. haben sie schon wieder ein neues großes Einkaufszentrum hingestellt, verschandelt doch die ganze Landschaft!“ polterte sein Vater.
Eine Fahrradklingel ertönte und Gustl der Postbote betrat den Garten.
Ihr habt es vielleicht schön, sitzt faul im Garten, während unsereins sich abstrampeln muss. Ja, ja, Lehrer müsste man sein, immer nur Ferien.“
Michael lachte.
Geh, Gustl, du hast doch einen schönen Beruf, den ganzen Tag an der frischen Luft und nicht zu vergessen, die vielen selbst-gebrannten die du unterwegs angeboten bekommst.“
Gustls Augen leuchteten auf.
Hast a Stammperl da?“
Nix gibt’s, das wäre ja noch schöner, am Vormittag schon schnapseln, das schlag dir besser aus dem Kopf, nachher fällst noch in den Graben!“ tönte die Stimme von Waltraud Klausner durch das offene Küchenfenster.
Die drei Männer grinsten.
Bei der Waltraud hast wohl keine Chance,“ lachte Michael.
Gustl grinste, „ja meinen Schnaps kann ich wohl vergessen.
Er holte einige Briefe und Zeitschriften aus seiner Tasche und legte sie auf den Tisch.
Dann tippte er an seine Mütze und verließ pfeifend den Garten.
Während sein Vater sich in eine Fachzeitschrift über das Angeln vertiefte, sah Richard die Briefe durch.
Ein großes Kuvert mit einem französischen Absender erregte seine Aufmerksamkeit.


 
(c) C.P.

Er öffnete es und las die wenigen in französisch geschriebenen Zeilen.
Ein Monsieur Armand teilte ihm mit, dass er beim Renovieren seines Hotels hinter einer Kommode einen an ihn adressierten Brief gefunden hätte.
Richard griff noch einmal in den Umschlag und holte einen Brief hervor.
Er wurde blass als er die steile Handschrift seines Freundes Dominik erkannte und begann zu lesen.





Lieber Richard
 
Gleich kommen die Kameraden und es geht in die Wand.
Ich weiß nicht warum ich dir schreibe, aber ich habe so eine Unruhe in mir.
Es ist herrlich hier, fast wie daheim und die Berge eine echte Herausforderung, ich freue mich schon auf die Tour.
Aber es wird die letzte sein, denn wenn ich zurückkomme werde ich heiraten.
Und ich hab's dem Hannerl versprochen nicht mehr zu klettern. Ja das Hannerl und ich sind ein Liebespaar, hab sie ja schon gern ghabt wie mir noch in der Schule waren, wie du weißt.
Wird noch ein wenig Ärger geben mit dem Vater, weil sie arm ist, aber am Ende wird er nachgeben.
Richard, du warst und bist mein bester Freund und deshalb will ich dir jetzt etwas anvertrauen.


Das Hannerl ist schwanger! Ja ich werde Vater! Auch deshalb will ich keine gefährlichen Bergtouren mehr machen, denn ich habe ja nun Verantwortung.
Ich freue mich schon ganz narrisch!
Richard, nun bitte ich dich, sollte mir etwas passieren so kümmere dich um das Hannerl und das Kind und auch dass der Vater und die Mutter sie aufnehmen.
Ach was sind denn das für Grillen heute!
Mir passiert bestimmt nichts, bin doch einer der besten Kletterer.
Ich hör schon die Kameraden die Treppe runter poltern, ich muss jetzt los.
Pfüat di alter Freund, bis bald.

Dominik


Richard ließ den Brief sinken.
Michael hob den Kopf von seiner Zeitschrift.
Bub, was ist denn los, du bist ja ganz blass?“
Stumm reichte ihm Richard den Brief.
Deshalb hat das Hannerl den Dienst aufgekündigt und ist verschwunden. Armes Dirndl, wo sie wohl hin ist, hat doch niemand auf der Welt.“
Auf jeden Fall muss ich sie suchen, das bin ich dem Dominik schuldig.“
Während des Mittagessens überlegten sie wo er am besten mit seinen Nachforschungen beginnen sollte.
Es war die Mutter, die auf die Idee kam, beim Pfarrer nachzufragen, vielleicht hatte Hannerl sich ihm ja anvertraut.
 
 
(c) meine Tochter

Richard ging nach dem Essen hinüber zum Pfarrhof.
Er klopfte an die Tür der Schreibstube.
Grüß Gott Herr Pfarrer, ich hoffe ich störe nicht.“
Komm nur rein Richard, ich versuche grad' meine Predigt für den Sonntag zu schreiben, aber mir will einfach nix einfallen. Setz' dich doch!“

Er deutete auf den Stuhl vor dem Schreibtisch.
Fragend sah ihn Pfarrer Gietl an, dann hellte sich sein Gesicht auf.
Du willst das Aufgebot für die Bärbel und dich bestellen!“
Lächelnd schüttelte Richard den Kopf.
Das hat noch Zeit, wir wollen erst den oberen Stock bei meinen Eltern ausbauen, im Herbst fangen wir an.
Es geht um die Holler Hannerl, vielleicht wisst ihr wo sie heute lebt.“
Warum willst das wissen?“
Richard reichte ihm den Brief vom Dominik und erklärte, warum er ihn erst heute bekommen hatte.
Still ist es in der Stube und nur das gleichmäßige Ticken der alten Standuhr war zu hören.
Pfarrer Gietl hob den Kopf, seine Augen strahlten.
Und da gibt's doch tatsächlich Leut', die behaupten, es gibt keinen Herrgott. Der Brief ist direkt aus dem Himmel gekommen.
Du hast Recht, das Hannerl hat sich mir anvertraut. 
Ich hab ihr geraten, zum Wiesenhofer zu gehen, aber sie hat sich net getraut. 
Deshalb hab ich sie zu einem Heim für ledige Mütter geschickt. 
Die haben ihr dann weiter geholfen. 
A Bub is und heißt Dominik wie sein Vater. 
Hannerl hat dann eine kleine Wohnung und Arbeit in der Fabrik gefunden, die aber leider vor kurzem Konkurs gemacht hat und das Arbeitslosengeld reicht kaum zum Leben. 
Ich hab dem Hannerl vorgeschlagen zu mir zu kommen. 
Sie kann der Theres zur Hand gehen, die auch nimmer die Jüngste ist. 
Aber sie hat net gwollt, fürchtet halt das G'red der Leut, besonders da der Bub dem Dominik wie aus dem Gesicht g'schnitten is.“
Er strich den Briefbogen glatt.
Sixt der Brief kommt gerade zur rechten Zeit. Hier bekennt sich der Dominik zum Hannerl und seinem Kind und außerdem enthält er noch ein schriftliches Heiratsversprechen.
I geb dir jetzt die Adress vom Hannerl, fahr morgen in die Stadt und hol die beiden heim.
Und i red' nachher no mit dem Wiesenhofer und seiner Frau.“
Er reichte Richard den Zettel und dieser verabschiedete sich dankend.
Versonnen sah der Pfarrer ihm nach, dann kam ihm blitzartig eine Idee.
Er kramte in der Schreibtischschublade und holte ein Foto heraus.
Es zeigte einen dreijährigen Jungen, der verschmitzt in die Kamera blickte. 
Es war Dominik, der seinem Vater sehr ähnlich sah. Hannerl hatte das Bild vor einigen Wochen an ihn geschickt. Das Foto wollte er zu seiner Unterredung mit den Wiesenhofers mitnehmen.
Richard aber wurde von seinen Eltern schon erwartet und berichtete ihnen, was er erfahren hatte.
Sie saßen gerade beim Abendessen, als es klopfte und der Wiesenhofer eintrat.
Grüß dich, Sepp,“ sagte Michael ,“ setz dich, magst mit essen?“
Der alte Bauer schüttelte nur den Kopf und ließ sich schwerfällig auf den angebotenen Stuhl sinken.
Ernst sah er Richard an.
Du hast einen Brief vom Dominik bekommen?“
Richard holte das Schreiben aus seiner Brieftasche und reichte es über den Tisch dem Vater seines Freundes.
Nachdem dieser den Brief gelesen hatte, fragte er mit Tränen in den Augen.
Darf ich ihn behalten?“
Als Richard nickte, faltete der alte Mann das Papier sorgfältig zusammen und steckte es in seine Joppentasche.
Der Herr Pfarrer hat gesagt, dass du morgen in die Stadt fährst um das Hannerl und den Buben zu holen. 
Sag dem Madl, dass sie herzlich willkommen sind und bei uns eine Heimat haben, so wie es der Dominik gewollt hätte.“
Er stand auf und wandte sich zum gehen, dann drehte er sich noch einmal um und meinte schmunzelnd.
Die Erna ist ganz narrisch vor Freud und stellt das ganze Haus auf den Kopf um Zimmer für die beiden herzurichten.“
 
Gleich nach dem Frühstück am nächsten Tag fuhr Richard in die Stadt.
Als er später die beiden dann bei Josef und Erna Wiesenhofer ablieferte, da war die Freude groß.
Erna schloss das Hannerl liebevoll in die Arme und der kleine Dominik eroberte die Herzen seiner Großeltern im Nu.
 
Richard aber stahl sich leise davon und ging zum Friedhof.
Vor dem Grab seines Freundes blieb er stehen.
Bist du zufrieden mit mir, Dominik? Das Hannerl und dein Sohn sind jetzt da, wo sie hingehören.“


© Lore Platz








Dienstag, 11. Juni 2019

Zwurrli und die verletzte Katze

Ich hoffe ihr hattet schöne Pfingsten, das Wetter war ja ganz passabel, bis auf gestern, da hat es in Bayern gehagelt bis zu Tennis großen Körnern. Zum Glück hat unser kleiner Marktflecken nix abbekommen.
Als eine liebe Freundin mir erzählte, dass ihre Nachbarskatze Junge bekommen hat und eins davon tot war, ist mir eingefallen, dass ich so eine ähnliche Geschichte auch einmal geschrieben habe.
Viel Spaß beim Lesen!


 
(c) Werner Borgfeldt



Zwurrli und die verletzte Katze



Langsam öffnet die grau getigerte Katze die Augen und schließt sie sofort wieder. Ein stechender Schmerz lässt sie aufstöhnen. Ein Auto hatte sie an der Hinterhand erwischt und sie gegen die Mauer geschleudert.
Ihre Babys! Sie musste zu ihren Babys, die hilflos und noch halb blind in der alten Scheune lagen.
Mühsam rappelt sie sich auf und hinkt los. Immer wieder muss sie sich hinlegen und verschnaufen, bis sie endlich an ihrem Ziel angelangt ist.
Sie schlüpft durch das zersplitterte Loch an der Seite des Schuppens und hört schon ihre Kinder kläglich maunzen.
Eifrig fährt sie mit der rauen Zunge über das Fell der Kleinen, um ihnen zu zeigen, dass sie wieder da ist.
Tapsig rücken Annabell und Gustav näher an ihre Mutter heran, nur Clothilde liegt merkwürdig still da und Susi erschrickt.
Sie hat eines ihrer Kinder verloren. Seit Tagen findet sie wenig zu fressen und hat wohl zu wenig Milch für ihre drei Babys und nun auch noch der Unfall.
Wenn sie starb, was wurde dann aus ihren Kindern?
Muriel! Die Spaniel-Dame wohnt nicht weit von hier und hat auch vor kurzem drei wunderschöne Welpen geboren.
Ja Muriel würde ihr helfen. 
Am Anfang mochten sie sich gar nicht und der Hund bellte und tobte, wenn Susi durch ihren Garten flitzte oder gar spöttisch vom Baum herunter miaute, aber dann war Susi einmal vollkommen entkräftet im Gras unter dem Baum gelegen und der Hund kam kläffend auf sie zu.
Und sie glaubte ihr letztes Stündchen wäre gekommen, doch der Hund hatte sie nur beschnüffelt und sich umgedreht.
Wenig später war er mit einem Stück Fleisch im Maul gekommen und hatte es neben ihr ins Gras fallen lassen.
Gierig war sie darüber hergefallen und der Hund saß mit zufriedenem Gesicht neben ihr.
Seitdem waren sie Freunde und Muriel hatte sie oft aus seinem reich gefüllten Napf fressen lassen.
Und wenn es nicht die letzten Tage soviel geregnet hätte und der Hund mit den Welpen im Haus geblieben wäre, dann wäre sie bestimmt nicht so völlig entkräftet.
Kurzentschlossen nimmt Susi die kleine Annabell ins Maul und läuft los.
 
(c) Werner Borgfeldt

Muriel, liegt im Garten und lässt sich die Sonne auf das Fell scheinen, ihre drei Kinder sausen um sie herum, spielen und balgen sich.
Die Hündin öffnet die Augen, als neben ihr etwas ins Gras plumpst.
Erschrocken springt sie auf und sieht ihre Freundin entsetzt an.
Was ist denn mit dir passiert?“
Später!“ ruft Susi und humpelt aus dem Garten, um kurz darauf mit Gustav im Maul wieder zu kommen.
Sie lässt ihn neben seiner Schwester ins Gras fallen.
Dann legt auch sie sich einen Moment hin.
Muriel, ein Auto hat mich gestreift, auch bin ich halb verhungert, ich weiß nicht, wie lange ich noch zu leben habe, kümmere du dich bitte um meine Kinder.“
Mühsam steht sie auf.
Aber, aber ich bringe dir was zu fressen und, und ...“
stammelt die Hündin hilflos.

(c) Werner Borgfeldt

Susi schenkt ihm ein trauriges Lächeln.
Lass gut sein, kümmere dich um meine Kinder und danke für deine Freundschaft. Ich muss zurück und mein totes Kind begraben. Leb wohl!“
Sie fährt Abschied nehmend mit der Zunge über das Fell ihrer Kinder und humpelt mit schmerzverzerrtem Gesicht davon.
Die beiden Kätzchen miauen, als spüren sie, dass ihre Mutter gegangen ist.
Muriel aber legt sich hin und der Geruch der Milch lässt die Kleinen die Zitzen finden und glücklich saugen sie sich ihre Bäuchlein prall.
Susi aber fällt jeder Schritt schwerer und kurz vor dem Schuppen bricht sie zusammen.

 
(c) irmgard Brüggemann

Vergnügt läuft Knusperle, das Eichhörnchen über die Wiese. Sie hat ihre Verwandten im Wald besucht und ist nun auf dem Weg zurück in ihren Kobel im Park.
Sie stutzt als sie die Katze liegen sieht und geht vorsichtig näher.
Das ist ja Susi!
Sie kennt sie sehr gut, denn immer wenn sie auf dem Weg in den Wald hier vorbeikommt, halten sie ein Schwätzchen und sie hat unlängst auch ihre drei Kinderchen bewundert.
Knusperle beugt sich über die Katze und erschrickt über das schlechte Aussehen derselben.
Ob sie wohl tot ist??
Doch nein, der Brustkorb hebt und senkt sich.
Das Eichhörnchen läuft in großen Sprüngen davon, um Hilfe zu holen.
Zwurrli liegt unter einem Baum und genießt den warmen Sonnenschein.
Ein Apfel fällt dicht neben ihm herunter und rollt direkt vor die spitze Nase von Orlando, dem Igel.

(c) meine Tochter

Der schlägt sofort seine kleinen Zähnen in die Frucht und verzieht das Gesicht.
Sauer!“, dann grinst er: “Aber saftig!“, und frisst weiter.
Zwurrli aber guckt nach oben, wo Kasper gemütlich auf dem Ast liegt und ihn grinsend betrachtet.
Ich kann zielen und hätte dich bestimmt nicht getroffen!“
Geschmeidig springt er vom Baum und setzt sich neben den Wichtel.
Sie beobachten Orlando der sich schmatzend in den Apfel vergräbt.
Ein rotbrauner Blitz saust durch den Garten und bleibt schwer atmend vor ihnen stehen.
Knusperle, wer ist denn hinter dir her!“ lacht Zwurrli.
Das Eichhörnchen atmet erst mehrmals durch, dann erzählt sie ihren Freunden von der kranken Katze.
Der Wichtel klettert auf den Rücken seiner Freundin und begleitet von Kasper verlassen sie den Garten.
Erschüttert stehen sie vor der verletzten Katze.
Während Zwurrli die Wunde untersucht, schlüpfen Kasper und Knusperle in die Scheune um nach den Jungen zu sehen.
Mit traurigem Gesicht kommen sie wieder und Kasper trägt im Maul das tote Katzenkind.
Vorsichtig legt er es ins Gras.
Ich werde die arme Kleine begraben und dann suche ich nach den anderen beiden Kätzchen.“
Zwurrli nickt bekümmert.
Ich werde Biggi um Hilfe bitten.“
Knusperle setzt ihn auf der Terrasse ab und verabschiedet sich dann.
Zwurrli aber stapft in die Küche, wo Biggi gerade das Geschirr in die Spülmaschine stellt.
Lächelnd begrüßt sie den Wichtel.
Doch dann wird ihr Gesicht ernst, als er ihr von der armen Katze erzählt.
Sie schaltet die Maschine ein, holt eine alte Decke und läuft in den Fahrradschuppen.
Den großen Korb vorne polstert sie mit der Decke aus und schwingt sich auf das Rad.
He, nimm mich mit!“
Lachend beugt sich die junge Frau hinunter und hebt den kleinen Wicht in den Korb.
Kasper sitzt wachend neben Susi, als sie ankommen
Biggi beugt sich über ihn und streichelt lobend sein Fell, was Kasper mit einem Schnurren beantwortet.
Besorgt untersucht sie das verletzte Tier.
Vorsichtig hebt sie es hoch und bettete es in den ausgepolsterten Korb.
Ich bringe sie zum Tierarzt, vielleicht ist sie noch zu retten,“ erklärt sie Zwurrli, „ aber wie kommst du nach Hause?“
Kasper wird mich zurück bringen, keine Sorge, sieh du nur zu, dass Susi schnell geholfen wird.“
Der Wichtel und der Kater sehen ihr nach.
Hast du die Kleinen gefunden?“
Kasper grinst.
Ja nicht weit von hier, sie werden von einer Hündin gesäugt und tollen mit deren Welpen im Garten herum. Hoffentlich fangen sie nicht auch noch zu bellen an.“
Zwurrli kichert.
Ich habe der Hündin, sie heißt Muriel und ist mit Susi befreundet, erzählt, dass wir der Katze helfen wollen und sollte sie wieder gesund werden, hole ich die Kinder ab. Solange will sie sich um die kleiner Maunzer kümmern.“



Der Wichtel klettert auf den Rücken des Katers und bald sind sie wieder im heimatlichen Garten.
Nun beginnt eine lange Wartezeit.
Endlich schiebt Biggi ihr Fahrrad durch die Gartentür.
Zwurrli will gerade zu ihr laufen, da kommt der „lange Kerl“ wie der Wichtel Biggis Mann nennt, fröhlich pfeifend angeradelt.
Die beiden begrüßen sich mit einem Kuss und gehen zusammen ins Haus.
Enttäuscht wendet sich Zwurrli um und und trifft beim Birnbaum seine Familie, die gerade vom Park zurückgekommen ist und nun alles von der Katze wissen wollen.
Sie gehen hinunter in ihre Wohnung und nun erzählt ihnen Zwurrli, all das was Knusperle noch nicht gewusst hat.
Es ist schon spät und fast dunkel, als der Wichtel seinen Namen rufen hört.
Biggi kniet vor dem Birnbaum und fordert ihn auf mit ihr zu kommen.
Sie führt ihn in den Geräteschuppen.
Eine große Kiste mit Decken und Laken ausgepolstert steht dort in einer Ecke und zwei saubere Fressnäpfe davor auf dem Boden.
Deine Freundin Susi wird überleben. Sie hat einige Rippenbrüche und das linke hintere Bein ist gebrochen, aber glücklicherweise keine inneren Blutungen. 
Nur ist sie total unterernährt. Deshalb bekommt sie eine Infusion und bleibt über Nacht in der Tierarztpraxis zur Beobachtung.
Morgen kann ich sie holen und mein Mann hat extra diese Kiste für sie hergerichtet.“
Zwurrli denkt, 'er ist ja gar nicht so übel der lange Kerl.'
Susi hat vor einiger Zeit geworfen, weißt du wo ihre Kleinen sind?“
Der Wichtel errötet leicht. Er will seine Freundin nicht belügen weiß aber auch nicht, ob er verraten soll, wo die Kätzchen sich befinden.
Offen sieht er seiner Freundin in die Augen.
Ich kümmere mich darum.“
Biggi nickt genauso ernst.
Gut, im Moment solange sie so schwach ist und auch noch Medikamente bekommt kann sie die Kleinen sowieso nicht stillen. Später dann wird sie sie sicher bei sich haben wollen.“
Darf sie denn dann hier bleiben?“
Ja, gern, nur Kinder darf sie nicht mehr bekommen.“
Zwurrli grinst: „Wird sie kastriert wie Kasper.“
Lächelnd schüttelt Biggi den Kopf.
Bei Katzen heißt dies sterilisiert und wir machen dies nicht, um die Katzen zu quälen, sondern weil es schon genug Katzenelend in unserer Gegend gibt. Sieh nur deine Freundin Susi, sie ist halb verhungert und ob ihre Kleinen noch leben?“
Denen geht es gut!“ platzt Zwurrli heraus.
Biggi lächelt, fragt aber nicht weiter.
Weißt du, ich hätte deine Freundin auch im Haus pflegen können, aber ich dachte du und Kasper könnt ihr Gesellschaft leisten und auf sie aufpassen, besonders nachts.“

Am nächsten Tag kommt Susi in ihr neues Zuhause. Schwach und fast leblos liegt sie da.
Doch durch die gute Pflege von Biggi und die Gesellschaft ihrer neuen Freunde geht es ihr von Tag zu Tag besser.
Selbst Ricky schaut sofort wenn er von der Arbeit nach Hause kommt in den Schuppen, geht vor der Kiste in die Hocke, streichelt die Katze und redet aufmunternd auf sie ein.
Zwurrli, der sich sofort hinter einer Latte in der Ecke versteckt, wenn er ihn kommen hört, beobachtet dies alles.
Er ist doch eigentlich ganz nett, der lange Kerl.
Biggi bringt Susi dann eines Tages wieder zum Tierarzt und die Schiene wird abgenommen und die Katze versucht dann im Garten schon die ersten steifbeinigen Schritte, doch dann verlangt sie wieder nach ihrer Kiste.
Als dann in der Nacht ihre Freunde, die gesamte Wichtelfamilie, Kasper, der nie von ihrer Seite weicht und Orlando, der sich im Schuppen eine hübsches Plätzchen eingerichtet hat, um sie versammelt sind, meint die Katze
traurig.


(c) Werner Borgfeldt
Jetzt könnte ich mich doch wieder um meine Kinder kümmern, glaubt ihr, dass die Menschen mich trotzdem behalten werden?“
Ja, das weiß ich, Biggi hat gesagt sobald du keine Medikamente mehr nehmen musst, kannst du deine Kinder wieder selber stillen und du darfst hierbleiben für immer.“
erklärt Zwurrli.
Wie schön,“ flüstert Susi mit Tränen in den Augen und auch Kasper freut sich und er verspricht morgen die Kinder
bei Muriel abzuholen.
Als dann Biggi am nächsten Morgen mit dem gefüllten Futternapf in den Schuppen tritt, liegen die beiden niedlichen, inzwischen nicht mehr blinden, Kätzchen in der Kiste an ihre Mutter geschmiegt.
Die junge Frau ruft ihren Mann.
Ja, wo kommen die denn plötzlich her?“ staunt Ricky und streichelt über das weiche Fell der Kleinen.
Feixend richtet er sich dann auf und fragt.
Hat die dein geheimnisvoller Wichtel vielleicht gebracht!“
Vielleicht,“ meint Biggi schnippisch, „ und wenn du nicht immer so spotten würdest, hätte er sich dir bestimmt schon gezeigt.“
Ricky lacht schallend, legt den Arm um sie und zieht sie zur Tür.
Biggi aber dreht sich um zwinkert Zwurrli zu, der ihr aus der Ecke zuwinkt.

Man muss nicht reich sein, wichtig ist, man hat Freunde, die einem in der Not beistehen.

© Lore Platz