Donnerstag, 28. Februar 2019

Hermann und Herminchen ziehen um


(c) Elli M.




Hermann und Herminchen ziehen um



Langsam kriecht die Dämmerung herauf.
Hermann beugt sich über Herminchen und schüttelt sie leicht an der Schulter.
Unwillig öffnet diese die Augen, „was willst du mitten in der Nacht.“
Hermann lacht. „Sieh doch hinaus, es wird Tag!“
Ja, aber die Menschen schlafen noch und bis zum Frühstück dauert es noch.“
Ach Frühstück ist unwichtig, ich konnte die ganze Nacht nicht schlafen, lass uns unsere neue Heimat besuchen.“
Wenig später verlassen sie den Schuppen, schleichen leise am Haus vorbei, das noch im Dunkel liegt und
dann laufen sie los.
Es dauert nicht lange bis sie den Wald, der dem Mann ohne Haare gehört, erreicht haben.
Andächtig schreiten sie über das taufrische Moos und wandern von einem Baum zum anderen.
Sieh doch !“ ruft Herminchen, „ dieser Baum wäre wunderbar für unsere Wohnung. Er ist sehr groß, dick und die Wurzeln reichen ziemlich tief.“
Nachdenklich umrundet Hermann den Baum und nickt.
Herminchen aber ist weiter gelaufen und ruft begeistert.
Sieh doch hier diese dichten Büsche. Das sind Himbeeren und Blaubeeren, und ... “ sie hebt schnuppernd die dicke Knollennase, „ es riecht nach Pilzen.“
Hermann tritt neben seine Freundin, legt seinen Arm um ihre Schultern und glücklich lassen sie ihre Blicke umherschweifen.
Wer sind sie, sie waren doch gestern mit den Menschen hier, sehen aber nicht aus wie Menschen.“
Wir sind Trolle!“ gibt Hermann Antwort und sieht sich suchend um.
Du kannst uns verstehen?“
Vorsichtig lugt ein zuckendes Näschen zwischen dem Gebüsch hervor.
Komm nur heraus, wir tun dir nichts.
Wir sind Trolle und verstehen die Sprache der Tiere.“
Ein Hase zwängt sich durch das dichte Gebüsch und zwei andere folgen ihm.
Hallo, ich bin Dami, das sind mein Bruder Ela und meine kleine Schwester Stupsi.“
Ich bin Hermann und das ist meine Freundin Herminchen.“
Wir haben euch gestern gesehen mit den Menschen hier in unserem Wald.“
Ja, das war mein Freund, der Mann ohne Haare und die beiden Langhaare sind seine Enkelinnen.“
Ja, ja, denn Mann haben wir schon mal gesehen, er kommt ab und zu vorbei,“ ruft Ela.
Er musste ab und zu nachsehen, ob alles hier in Ordnung ist, aber nun hat er den Wald geerbt.“
Was ist geerbt?“ fragt Stupsi schüchtern.
Hermann lächelt sie freundlich an.
Wenn jemand stirbt und ihm etwas gehört hat, dann verschenkt er es an einen anderen. Der Mann hat sich immer um den Wald gekümmert und nun darf er ihn behalten und da er unser Freund ist, dürfen wir hier wohnen. Weil in dem anderen Wald unser Baum gefällt wurde und wir unsere Wohnung verloren haben.“
Was ist denn hier los, Ruhe, ich muss schlafen.“
Oweh,“ flüstert Dami, nun habe wir Frau Eule geweckt und sie sie kann sehr ungehalten werden.“
Bedauernd sieht Hermann Herminchen an.
Dann können wir hier nicht wohnen.“
Traurig nickt diese.
Schade, der Baum hat mir so gut gefallen.“
Es gibt noch mehr schöne und größere Bäume, kommt mit. Ich zeige euch den richtigen Baum für euch und die Nachbarschaft ist wirklich nett und vor allem schläft sie nachts.“
Dami grinst und gefolgt von seinen Geschwistern läuft er durch Wald.

 
(c) RMzV
Die Trolle können kaum folgen mit ihren kurzen drallen Beine und schließlich bleiben sie schwer atmend stehen.
Stupsi bemerkt als erste, dass die Beiden weit hinten geblieben sind und die drei Hasen kehren um.
Wir sind wohl zu schnell für euch.“ grinst Dami.
Ihr habt ja auch vier Beine, „ brummt Hermann.
Lachend gehen sie nun in gemächlichem Tempo weiter.
Staunend stehen sie wenig später vor einer riesigen Eiche, deren Stamm sie nicht mal zu zweit umfangen können und deren dicke knorrigen Wurzel
tief in der Erde verankert sein.
Strahlend sehen sich die Trolle an, das war der richtige Baum.
Plötzlich ertönt ein lautes Geräusch und die Hase
verschwinden erschrocken im Gebüsch und auch Hermann sieht sich suchend um. Doch als er Herminchens flammend rotes Gesicht sieht, lacht er herzlich.
Ihr Angsthasen könnt wieder heraus kommen, das war nur Herminchens Bauch, sie hat Hunger.“
Nun lachen auch die Hasen.

(c) Elli M

Wir werden jetzt zurück gehen und erst mal frühstücken, später kommen wir wieder und wollen unser Haus bauen.“
Hermann nimmt Herminchen bei der Hand, verabschiedet sich von den Hasen und sie laufen los.
Sie kommen gerade rechtzeitig als Oma Schinkel gerade den Tee einschenkt und vergnügt erklärt Hermann, dass man sich doch auf Herminchens Bauch verlassen kann, er hätte rechtzeitig gegrummelt.
Das Gelächter ist groß und Herminchen wird etwas rot im Gesicht, aber auch sie lacht vergnügt.
Aufgeregt berichten nun die beiden Trolle von ihrem neuen Haus und wie dick und groß der Baum doch ist.
Nach dem Essen lädt der Mann ohne Haare sein Werkzeug in das Auto.
Die Mädchen und die Trolle laufen in die Stube und betrachten die Möbel.
Diese waren wohl zu groß.
Opa kommt herein und wieder weiß er einen Rat. „Nehmt das Bettzeug und alle Decken, auch die Vorhänge. Wenn wir die Höhle unter dem Baum, die wir graben wollen mit trockenem Moos polstern, dann könnt ihr auf dem Boden schlafen. Und passende kleinere Möbel kann ich euch zimmern. Bretter habe ich schon im Auto.
Susi lauf schnell ins Haus und hole aus der Küchenschublade mein Maßband und frage die Oma, ob sie mitfahren will.“
Die Kleine saust los und bringt das Band.
Oma will hier bleiben. Wir sollen sie abholen wenn alles fertig ist. Sie will inzwischen alles für das Richtfest vorbereiten, was immer das ist.“
Der Opa lacht.
Wenn der Bau so gut wie fertig ist, wird ein Richtfest gefeiert und alle Arbeiter schmausen und trinken.“
Ach ja,“ lacht Susi und reicht Herminchen eine Dose.
Hier sind Rettungskekse drin, wenn dein Magen zwischendurch mal wieder grummelt.“
Alle lachen!
Bald sitzen sie im Auto und die Mädchen singen vergnügt das Lied von den fleißigen Handwerkern
Der Opa pfeift mit und Hermann und Herminchen halten sich an den Händen und sehen sich verklärt an.
Opa und die Mädchen sind ebenfalls begeistert von dem Baum und nun schaufelt Opa erst mal ein tiefes Loch als Eingang, dann gibt er Hermann die Schaufel, der sich nun unter den Baum durcharbeitet.
Den Sand, den er heraus wirft tragen Herminchen und die Mädchen weg, während Opa runde Öffnungen um den Baum herum bohrt, die er dann mit wasserdichter Klarsichtfolie verklebt.
Das sind die Fenster, damit ihr nicht ganz im Dunkel hausen müsst,“ meint er vergnügt und die Mädchen staunen über ihren klugen Großvater.
Als Hermann fertig ist, laufen die Mädchen und Herminchen los, um trockenes weiches Moos zu suchen.
Opa aber reicht Hermann das Maßband und gibt ihm genaue Angaben wie und was er vermessen muss.
Aber keine ungenauen Maße bitte, sonst bekommen wir Schwierigkeiten beim Einrichten.“
Hermann schlüpft in die Höhle und Opa Schinkel schreibt die Zahlen, die der Troll ihm zuruft, gewissenhaft in sein schwarzes Notizbuch.
Während die Trolle nun den Boden im Inneren mit Moos auslegen, das ihnen von den Mädchen, die vor dem Eingang kauern, gereicht wird, zimmert der Opa einen kleinen Tisch und zwei Stühle, sowie ein Regal.
Susi und Renate kichern, als Hermann und Herminchen sich auf den Moosboden legen und vergnügt mit den Beinen strampeln.
Bald ist das Häuschen eingerichtet und auch an eine Tür hat der Mann ohne Haare gedacht.
Er hat ein Holz in passender Größe mit zwei Lederschlaufen an der großen Wurzel befestigt und innen an der Tür brachte er auch eine Schlaufe an.
Von außen könnt ihr die Tür anheben und von innen dann mit der Schlaufe zu ziehen.“
Alle waren sie glücklich, froh, begeistert und auch zufrieden mit ihrem Werk.
Susi und Renate lugen noch einmal in das hübsch eingerichtete Zimmer und selbst Opa kniet sich hin, doch die Mädchen mussten ihm lachend wieder aufhelfen.
Ich werde jetzt die Oma holen.“
Wenig später ist er wieder da und begeistert wird die Oma begrüßt, die einen großen zugedeckten Korb in den Händen trägt.
Opa bringt zwei Klappstühle für sich und seine Frau und die Mädchen breiten eine Decke aus. Und nun werden die herrlichen Sachen ausgepackt und es geht ans schmausen.
Zufrieden lehnen sich die Mädchen und Trolle zurück und erzählen nun der Oma begeistert von der tolle
Wohnung.
Diese ist ein wenig traurig, denn sie hätte gerne auch einen Blick in die schöne Stube geworfen, doch ihr Gelenke lassen das nicht mehr zu.
Doch Susi weiß Rat. Schnell springt sie auf, beugt sich hinunter und hält ihr Handy in die Baumhöhle.
Oma staunt wie hübsch die neue Wohnung der Trolle ist und Opa brummt.
Sind die Dinger doch wenigstens mal zu etwas nutze.“
Doch dann mahnt die alte Dame zum Aufbruch, da es kühler wird.
Schnell wird alles zusammengepackt und im Auto verstaut einschließlich Oma.
Diese reicht den Mädchen einen Korb mit Lebensmittel und meint augenzwinkernd.
Gebt das mal unseren kleinen Freunden, damit Herminchen nicht in der Nacht durch ihren grummelnden Bauch geweckt wir.“
Kichernd greift Renate sich den Korb und läuft zu den Trollen hinüber.
Susi  starrt geistesabwesend hinüber in das dichte Gebüsch, dann beugt sie sich zu Hermann und flüstert.
Seit wir hier sind werden wir von drei Hasen beobachtet.“
Hermann lacht.
Das sind unser neuen Freunde, Dami, Ela und Stupsi, sie sind ein bisschen scheu euch Menschen gegenüber.“
Glaubst du sie verstehen alles was wir reden und merken, dass wir ihnen nicht böses wollen, vielleicht werden sie ja unsere Freunde.
Renate aber grinst beugt sich nun auch zu den Trollen hinunter und flüstert verschwörerisch.
Vielleicht hilft es ja, wenn wir Morgen einige Möhren und Salat aus Omas Garten mitbringen.“
Alle vier lachen vergnügt. Es raschelt im Gebüsch und Susi meint bedauernd.
Nun haben wir sie verschreckt und sie sind weg.“
Opa, der die ganze Zeit im Kofferraum herum gewühlt hat, kommt nun mit einer altertümlichen viereckigen Lampe wieder.
Hier, die habe ich auf dem Speicher gefunden stammt noch von meinem Großvater, ihr könnt eine Kerze hineinstellen, dann habt ihr auch abends Licht.“
Und er reichte Hermann eine dicke Kerze und Zündhölzer.
Dieser schlüpfte nun schnell in die Baumhöhle, um Korb und Lampe zu verstauen, dann begleiten die beiden Trolle ihre Freunde zum Auto.
Nachdem sie versprochen haben am nächsten Morgen zum Frühstück zu kommen, winken sie so lange bis das Auto nicht mehr zu sehen war.
Glücklich lächelnd sehen sich an, fassen sich an den Händen, schlüpfen in ihre neue Wohnung und ziehen die Tür hinter sich zu.

© Lore Platz




Mittwoch, 27. Februar 2019

Hermann und Herminchen finden eine neue Heimat







Hermann und Herminchen finden eine neue Heimat



Zwei Mädchen radeln fröhlich singend den breiten Feldweg entlang am Ufer des breiten Flusses, auf dem ein alter Krabbenkutter langsam tuckert.
Der Kapitän ruft ihnen einen Gruß hinüber und die Mädchen winken lachend.
Sie benutzten den letzten schönen Septembertag, um mit dem Rad von der Stadt zu ihren Großeltern zu fahren.
Vorbei an einer Wiese, auf der in verschwenderischer Pracht sich lila Herbstzeitlosen ausbreiten, biegen sie nun in die Dorfstraße ein.
Ein Stück führt sie der Weg noch durch den Wald und dann haben sie das freundliche kleine Haus von Oma und Opa erreicht.
Oma Schinkel tritt vor die Tür und begrüßt sie überrascht.
Oma wir durften mit dem Rad zu euch fahren und Papa holt uns nach den Herbstferien ab. Wir müssen nur Mama anrufen und ihr sagen, dass wir gut angekommen sind. Du weißt ja sie sorgt sich immer.“ ruft Susanne.
Na , dann bringt mal die Räder in den Schuppen, ihr könnt auch Hermann und Herminchen gleich
begrüßen. Ich will mal eurer Mutter Bescheid sagen.“
Die Mädchen schieben die Räder in den Schuppen, dann klopfen sie an die Tür der Trolle.





Hermann öffnet und strahlt, als er die beiden Langhaare erkennt.
Er bittet sie herein und die Mädchen erzählen, dass sie eine ganze Woche hier bleiben würden und dann viel mit den Trollen unternehmen wollen.
Renate fällt auf, dass Herminchen sich kaum am Gespräch beteiligt und nur traurig aus dem Fenster schaut.




Was ist denn mit Herminchen los,“ fragt sie leise Hermann. Dieser runzelt ärgerlich die Stirn.
Sie will ausziehen!“
Ja, seht euch doch um, seit mein Bett hier ist, hat man kaum noch Platz und ich will nicht, dass Hermann sich wegen mir so einschränken muss. Ich suche mir im Wald einen Baum.“
Die Mädchen sehen sich um, es ist tatsächlich ziemlich eng, beide Betten füllen fast das ganze Zimmer.
Wisst ihr was, wir werden mit Opa darüber sprechen.“
Hermann strahlt, der Mann ohne Haare würde bestimmt einen Ausweg finden.
Die Mädchen laufen ins Haus, wo Oma schon mit Kakao und Zwetschgenkuchen wartet.
Doch immer wieder sehen sie ungeduldig zur Tür.
Wann kommt denn Opa endlich.“ wollen sie wissen.
Das weiß ich nicht, er hat einen Brief vom Amtsgericht bekommen und musste in die Stadt.“

Endlich öffnet sich die Tür und der Opa betritt mit vergnügtem Gesicht die Küche.
Jubelnd hängen sich die Mädchen an seinen Hals.
Opa, Opa wir müssen etwas ganz wichtiges mit dir besprechen.“
Nur langsam Deerns, bringt mich nicht um, ich habe auch etwas tolles zu berichten, aber nun lasst mich erst mal einen Kaffee trinken und Omas leckeren Zwetschgenkuchen versuchen.“
Etwas ungeduldig warten die Mädchen, doch kaum hat Opa die Kuchengabel abgelegt, sprudeln sie schon mit ihrer Neuigkeit heraus.
Soso die Trolle haben es ein bisschen eng, habe ich mir schon gedacht und mir so meine Gedanken gemacht und bevor wir nun Probleme wälzen, lasst mich erst mal erzählen, warum ich im Amtsgericht war.“
Vergnügt sieht er in die erwartungsvollen Gesichter.
Ich habe geerbt!“
Was, du verkohlst uns!“ rufen die Mädchen.
Doch Opa macht nun ein ganz ernsthaftes Gesicht und sieht hinüber zu Oma, die etwas blass aussieht.
Lasst euch berichten. Ein Vetter von mir ist nach dem Krieg nach Amerika ausgewandert. Er hatte hier in der Nähe einen kleinen Bauernhof. Das Gebäude war zerstört, die Felder verwüstet und die Tiere gestohlen. Also verkaufte er das Land und buchte sich damit eine Reise nach Übersee, um dort sein Glück zu versuchen. Das einzige was er behielt waren ein paar Hektar Wald und er bat mich ab und zu danach zu sehen. Wir blieben noch eine Zeitlang in Verbindung, dann hörte ich nichts mehr von ihm.“
Juchhuu und jetzt ist er Millionär und hat dir alles vermacht!“ jubelt Susanne, mit der mal wieder die Fantasie durchgeht.
Nein, meine Kleine,“ lächelt der Großvater, „ Franz blieb sein Leben lang ein armer Mann. Er arbeitete auf einer Ranch bis zu seinem Tod.“
Susanne zieht eine enttäuschte Schnute.
Was hat er dir dann vermacht. Seinen Sattel und Cowboyhut?“
Renate und die Oma tauschen einen strahlenden Blick, sie wissen, was jetzt kommt.
Und schon sagt Opa Schinkel.
Er hat mir das Stück Wald vermacht, das wir jetzt gerade gut gebrauchen können.“
Susanne starrt ihn mit offenen Mund an.“Warum?“
Oma und Renate lachen und auch der Opa schmunzelt.
Mei Deern, errätst du es nicht. Weil Hermann und Herminchen eine neue Heimat haben, aus der sie niemand vertreiben kann.“
Au verflixt, das stimmt. Wollen wir gleich in den Wald gehen?“
Nein, dazu ist es zu spät, es wird bald dunkel und auch den Trollen werden wir nichts davon sagen. Morgen nach dem Frühstück werden wir alle gemeinsam gehen,“ bestimmt der Opa.
Am nächsten Morgen machen sich die Fünf auf den Weg, nur die Oma bleibt zu Hause, weil ihr der Weg zu beschwerlich ist. Aber Opa verspricht ihr, sie mit dem Auto einmal hinzufahren.
Die beiden Trolle sind vollkommen ahnungslos und Susanne presst fest die Lippen zusammen um sich
nicht zu verraten.
Staunend sehen sie sich im Wald um, schön ist es hier, die Büsche sind ein wenig dicht zusammen gewachsen, aber das ist doch gut.
Wie staunen Hermann und Herminchen, als ihnen der Mann ohne Haare erklärt, dass dies ihre neue Heimat ist und da der Wald ihm gehört, sie niemand daraus vertreiben kann und auch keine Bäume gefällt werden. Sie können sich nun jeden Baum aussuchen, der ihnen gefällt und unter dem sie wohnen wollen.
Bewegungslos stehen die Trolle da, doch dann lachen sie plötzlich los, fassen sich an den Händen und laufen durch den Wald.
Lächelnd sehen sich der Opa und die Mädchen an.
Bald kann der Umzug beginnen.

(Lore Platz)





Dienstag, 26. Februar 2019

Erinnerungsgeschichte Die Wunderpflanze





Erinnerungsgeschichte


Die Wunderpflanze


Mein damals 15jähriger Neffe Rainer war ein rechtes Schlitzohr und Lausbub.

Eines Tages bekam er von seinem Freund eine kleine Pflanze geschenkt, die dieser angeblich aus Vogelfutter gezüchtet hatte.
Die beiden Schlingel wussten garantiert, um was für eine Pflanze es sich handelte.
Rainer aber stellte das kleine Blumentöpfchen auf die Fensterbank in seinem Zimmer und vergaß es.
Als wenige Tage später seine Tante Anneliese in sein Zimmer kam und das halb verdorrte Gewächs erblickt, quoll ihr Herz über vor Mitleid.
Sie war Gärtnerin aus Leidenschaft mit zwei grünen Daumen und liebevoll pflanzte sie das vernachlässigte Gewächs in eine Ecke des Gartens und begann es nun zu hegen und zu pflegen.
Und die Pflanze dankte es ihr und wurde groß und immer größer.
Vielleicht kennt ihr ja das Märchen von Jack und der Bohnenstange?
Diese unbekannte Pflanze wuchs zwar nicht in den Himmel, aber sie wurde doch recht stattlich.
Eines Morgens aber stand im Garten nur noch ein Skelett!
Die arme Pflanze reckte ihre Äste gen Himmel, all ihrer Blätter beraubt.
Wenig später klingelte die Polizei an der Tür.
Was war geschehen?
Ein polizeilich bekannter Jugendlicher war auf einen seiner Streifzüge an dem Garten vorbeigekommen und hatte die Pflanze sofort als das erkannt was sie war.
In der Nacht kam er dann wieder und hielt reiche Ernte, wurde aber kurze Zeit später mit dem „Gras“ in der Tasche von der Polizei aufgegriffen.
Und nun begannen die Mühlen des Gesetzes zu mahlen.
Fazit: Mein minderjähriger Neffe wurde vor den Kadi zitiert, begleitet von seinem Vater und der Tante.
Und nun begann eine Verhandlung, die sehr an das königlich bayrische Amtsgericht erinnert, nur ins schwäbische verlegt.
Der Richter und er Staatsanwalt konnten sich kaum das Lachen verkneifen, als die Anklageschrift verlesen wurde.
Die kämpferische Tante Anneliese rief immer wieder von der Zuschauerbank dazwischen.
Der Buabe is unschuldig, des Plänzle han ich gosse!“
Und mein Schwager amüsierte sich königlich.
Der Einzige, der geknickt und ziemlich weiß um die Nase auf dem Armesündbänkchen saß, war mein sonst so übermütiger Neffe.
Die Verhandlung endete mit Freispruch und einer Ermahnung.
Vor einigen Tagen rief ich die inzwischen über achtzig Jahre alte Anneliese an, um mir die Geschichte noch einmal schildern zu lassen.
Selbst nach zwanzig Jahren klang ihr Stimme noch kämpferisch, als sie meinte:
Aneui , i muast do mit go, um dem Bieble zu helfe!

© Lore Platz

Montag, 25. Februar 2019

Reise in die Vergangenheit

Mein liebstes Unterrichtsfach war Geschichte. 
Es hat mich fasziniert, wie die Menschen früher lebten und auch wie Erfinder obwohl sie oft verlacht wurden, trotzdem weitermachten.
Ich weiß noch wie ich mich freute, als wir in der Schule lernten, dass Robert Koch den Tuberkulosebazillus entdeckte.
Obwohl ich heute weiß, sobald eine Krankheit besiegt ist, eine neue auftaucht.
Das Leben ist ein ewiger Kreislauf.

Helmut Kohl der studierter Historiker war, sagt einmal:

Wer die Vergangenheit nicht kennt, kann die Gegenwart nicht verstehen und die Zukunft nicht gestalten.

Heute will ich euch  mitnehmen ins Mittelalter. Als ich für diese Geschichte im Internet recherchierte wurde erwähnt, dass auf einem Markt auch ein Kamel mal zu bestaunen war.
Das habe ich in diese Geschichte mit eingebaut.
Viel Spaß beim lesen!

 
(c)  meine Tochter

Reise in die Vergangenheit


Sebastian sitzt neben seinem Freund Rudi in der Schulbank und sieht angestrengt nach vorne.
Frau Kebinger erzählt über das Mittelalter und wie die Menschen damals lebten. Recht anschaulich schildert sie gerade einen mittelalterlichen Markt.
Und Sebastian denkt, was für ein tolles Erlebnis das doch wäre so einen Markt zu besuchen. Oh ja, das würde ihn schon reizen!
Doch ihm fällt es schwer sich zu konzentrieren.
Sein Hals schmerzt, seine Ohren sausen und sein Kopf fühlt sich an wie Gummi.
Hatschi!
Gesundheit!“ ruft die ganze Klasse und auch die Lehrerin schmunzelt.
Doch dann wird ihr Blick ernst und mit drei langen Schritten ist sie bei dem Jungen und legt ihm die Hand auf die Stirn.
Du glühst ja vor Fieber! Rudi begleite Sebastian in das Sekretariat. Frau Hagemann soll seine Mutter anrufen!“
Kurze Zeit später liegt Sebastian zu Hause im Bett, Doktor Waller beugt sich über ihn und der Junge muss bittere Medizin schlucken.
Viel trinken und schlafen,“ hört er noch, dann fallen ihm schon die Augen zu.


Laut gähnend reckte Sebastian beide Arme, öffnete die Augen und staunte.
Er lag auf einem Strohsack in einem kleinen Raum.
In der Mitte war eine Feuerstelle und der Rauch kroch wie eine Schlange nach oben und verschwand durch das Dach.
Ein Tisch und grob gezimmerte Stühle nahmen die Hälfte des Zimmers ein und in der Ecke stand eine große Truhe.
Seine Mutter kam aus einem Nebenraum, aus dem das Muhen einer Kuh und das Grunzen von Schweinen drang.
Guten Morgen, du Faulpelz, nun aber geschwind, treib die Kuh auf die Weide, bring die Schweine in den Pferch, Futter habe ich dir schon vorbereitet. Dann gehst du mit den Gänsen auf die obere Wiese.
Vater ist schon längst auf dem Feld und du weißt, er sieht es gar nicht gern, wenn du so lange schläfst.“
Seufzend kroch Sebastian unter der Felldecke hervor, ging in den Hof und steckte den Kopf unter die Pumpe.
Das kalte Wasser vertrieb den letzten Rest Schlaf und er lief in den Stall.
Er gab der Kuh einen Klaps auf das Hinterteil und sie trottete los. Nachdem er das Gatter der Weide geschlossen hatte, rannte er zurück und trieb die Schweine in den Pferch.
Grunzend und schmatzend stürzten sich diese auf den Trog in den er den Eimer mit Essensresten kippte.
Seine Mutter kam aus dem Haus und reichte ihm einen Lederbeutel mit seinem Frühstück.
Vergnügt pfeifend hängte er sich die Tasche um, riss von einem Busch eine Gerte und öffnete die Tür des Schuppens.
Schnatternd und mit hoch erhobenen Köpfen watschelten die zehn Gänse auf den Hof und Sebastian trieb sie mit der Rute wedelnd vor sich her, den Hang hinauf.
Da er Hunger hat setzte er sich unter einen Baum und biss mit kräftigen Zähnen in den harten Kanten Brot und das Stück Käse, während die Gänse schnatternd und nach
Futter suchend sich auf der Wiese tummelten.
Bäuchlings vor dem kleinen Bach liegend schlürfte er das klare Wasser.
Dann legte er sich ins Gras und guckte in die Wolken.
Er liebte die Stunden am Vormittag, wenn er nur auf die Gänse aufpasste, denn am Nachmittag musste er dann mit dem Vater aufs Feld.
Lautes Bellen war zu hören und die Gänse schnatterten aufgeregt.
Grinsend setzte der Junge sich auf und blickte seinem Freund Rudi und dessen Hund Wolf entgegen.
Der Hund erreichte ihn als erster und begrüßte ihn stürmisch.
Rudi ließ sich neben ihm ins Gras fallen. Rudi war der Sohn des reichen Bürgermeisters und konnte den ganzen Tag durch die Gegend stromern. Er musste nicht mitarbeiten, denn seine Eltern konnten sich Knechte und Mägde leisten. Auch hatte er einen Hauslehrer, der ihm Lesen und Schreiben beibrachte.
Hast du heute keinen Unterricht?“
Rudi grinste.
Mein Lehrer muss heute in der Amtstube helfen.
Stell dir vor ein Ritter ist im Dorf. Er kommt aus dem Morgenland und hat ein gar seltsames Tier dabei, das ein Mann führt, der komisch gekleidet und im Gesicht ganz schwarz ist.
Das kommt von der heißen Sonne im Morgenland.“
Ach das würde ich gerne sehen,“ rief Sebastian voller Sehnsucht.
Rudi sprang auf. „Das kannst du doch, sie wollen das Tier auf dem Markt zeigen. Wenn wir den Weg über den Hang nehmen sind wir in einer Viertelstunde im Dorf!“
Aber die Gänse?“
Rudi winkte ab. „Wolf passt auf sie auf!“
Der Hund, der seinen Namen hörte, sprang
schwanzwedelnd hoch.
Rudi sah ihn ernst an und hob den Finger.
Wolf du passt auf die Gänse auf!“
Der Hund bellte kurz und legte sich wieder nieder.
Als hätte er verstanden was sein Herrchen wollte, ließ er das Federvieh nicht mehr aus den Augen.
Beruhigt lief Sebastian neben seinem Freund den Hang hinunter, denn er weiß, dass Wolf ein guter Wachhund ist.
Etwas atemlos kamen sie auf dem Markt an.
Das Gackern der Hühner und Schnattern der Gänse, die in Käfigen auf dem Boden neben einem Eselskarren standen vermischten sich mit dem Lärmen der Marktschreier, die mit derben Sprüchen ihre Ware anpriesen.
Der Gesang des Bänkelsängers ging dabei fast unter und man musste ihm schon ziemlich nahe sein, um seine in Reim gefassten schaurigen Lieder zu verstehen.
Beim Refrain sangen die Umstehenden lautstark mit.
Auch Sebastian und Rudi blieben eine Weile stehen und betrachteten schaudernd die grausigen Bilder, die der bunt gekleidete Sänger bei jeder Strophe zeigte.
Doch dann zogen sie weiter an Ständen mit Gemüse, Brot, Eiern, Fisch, Geschirr und Kleidern vorbei.
Sogar vergoldete Marienstatuen gab es zu sehen.
An einem Stand kaufte Rudi für sie beide einen der leckeren kleine Honigkuchen und während sie genussvoll das klebrige Gebäck verspeisten, sahen sie den Gauklern und Jongleuren zu.
Das Plärren eines Quacksalbers zog sie in ihren Bann, der während er mit einem Stößel in einer Schale Kräuter zermalmte, seine Wundersalbe anpries.
Doch dann zog Rudi seinen Freund weiter, denn er hatte das seltsame Tier entdeckt.
Und wenig später standen sie staunend vor dem goldbraunen Tier, das ein Mann mit einem breiten Grinsen und rabenschwarzen Gesicht an einer Leine hielt.
Mit offenem Mund starrte Sebastian das komische Tier an.
Auf einem Hals, der wie eine Schlange geformt war befand sich ein kleiner Kopf der spitz nach vorne lief.
Auf seinem Rücken saßen zwei Berge, durch ein tiefes Tal getrennt, die bei jeder Bewegung etwas wackelten.
Das Tier stand mit hoch erhobenem Kopf da und blickte arrogant auf die ihn umgebende Menge.
Der dunkle Mann, der ein seltsam geformtes Tuch auf dem Kopf trug, fragte nun mit einem breiten Grinsen und in gebrochenem Deutsch, ob jemand Lust hätte auf dem Kamel zu reiten, doch niemand traute sich.
Da schwang er sich selber hinauf und verließ den Markt von den johlenden Kindern begleitet.
Sebastian hielt Rudi zurück, denn eben hatte die Turmuhr elf Uhr geschlagen.
Die beiden wollten gerade den Markt verlassen, da sahen sie Lisa, die auch das Tier sehen wollte und Sebastian stellte ihr ein Bein.
Das Mädchen stürzte und heulte los und die Jungen lachten aus vollem Hals.
Da wurden sie plötzlich an den Ohren gepackt und ein Ritter in einem Kettenhemd und einem großen Schwert an der Seite, musterte sie finster.
Junge Herren, das war nicht sehr ritterlich von euch, wisst ihr nicht, die größte Tugend eines Ritters ist es, die Damen zu schützen, zu ehren und vor Gefahren zu bewahren.“
Er reichte Lisa seine Hand und zog sie hoch, dann hielt er ihr ein sauberes weißes Taschentuch, in das ein Monogramm gestickt war, hin.
Trocknet euch die Tränen, holde Maid, das Tuch dürft ihr behalten und ihr...“ wandte er sich an die Buben, die mit betretenem Gesicht zu Boden starrten.
Werdet euch jetzt bei dieser jungen Dame entschuldigen und wehe, ihr tut ihr noch einmal etwas zuleide, dann komme ich über euch.“
Sebastian und Rudi murmelten eine Entschuldigung.
Lisa streifte sie nur mit einem verächtlichen Blick, dem Ritter aber schenkte sie ein strahlendes Lächeln und lief davon.
Der Ritter schmunzelte und gab den beiden einen Klaps auf den Kopf, dann schritt er Sporenklirrend zu seinem Pferd.
Die Jungen aber verließen still und beschämt den Marktplatz.
Bevor sie sich trennten, schworen sie, das Abenteuer zu verschweigen.

Das Fieber ist gesunken, er ist über den Berg,“ hört Sebastian eine Stimme und öffnet die Augen. Seine Mutter beugt sich über ihn und Tränen rinnen aus ihren Augen.
Das blasse sorgenvolle Gesicht seines Vaters erscheint hinter ihr und auch das vergnügte Gesicht von Doktor Waller.
Ich hab Hunger!“
Dröhnend lacht der Arzt: „Na geben sie ihm mal eine kräftige Hühnerbrühe und später etwas Grießbrei!“
Eine Woche später darf Sebastian wieder zur Schule gehen und wird begeistert von seinen Mitschülerin umringt.
Etwas abseits steht Lisa, die von Sebastian immer nur geärgerte wurde.
Der Junge bahnt sich einen Weg zu ihr und streckt dem Mädchen die Hand hin.
Guten Tag, Lisa, es tut mir leid, dass ich dich immer an den Zöpfen ziehe, oder ein Bein stelle.
In Zukunft werde ich mich wie ein echter Ritter benehmen.“
Lisa starrt ihn an, dann prustet sie los.
Du spinnst! Das Fieber ist dir wohl nicht bekommen!“
Alle lachen!

© Lore Platz




Freitag, 22. Februar 2019

Prinzessin Wildfang

Mein Mann und ich haben spät geheiratet, ich war 30 und mein Mann 38. 
Zwei eigenständige Menschen, die auch schon ihre Macken hatten.
Trotzdem waren wir mehr als dreißig Jahren glücklich, denn keiner wollte den anderen ändern und akzeptierten uns so wie wir waren.
Sind es nicht die kleinen Fehler, die einen Menschen erst liebenswert machen? 


In meiner Geschichte geht es auch um dieses Thema und damit wünsche ich euch ein schönes Wochenende.
Viel Spaß beim Lesen!


(c) meine Tochter




Prinzessin Wildfang


Eine schwarz gekleidete ältere Dame lief in raschen Schritten durch den Garten. Sie blieb vor einem Rosenbusch stehen unter dem der Teil eines weißen bauschigen Rockes und kleine feine Schuhe hervorlugten.
Nun bewegte sich das Ganze und schob sich rückwärts.
Zwei stark durch die Dornen beschädigte Ärmel wurden sichtbar, rote wallende Locken und schließlich eine Hand, die ein kleines verängstigtes Kätzchen hielt.
Die Hofdame stemmte beide Hände in die Hüften und runzelte die Stirn.
Prinzessin Beatrix, wie seht ihr wieder aus!“
Oh!“ Erschrocken sah das Mädchen an sich herunter und wurde rot.
Der Hund von Prinz Adalbert hat Ginger unter den Rosenbusch gejagt und sie wagte sich nicht mehr heraus.“
Hättet ihr denn nicht einen Diener beauftragen können?“
Die haben doch alle keine Zeit, wegen dem Festbankett heute Abend!“
Eine Schar junger Leute kam in den Park.
Die jungen Damen fingen an zu kichern und die jungen Herren feixten.
Einer dieser Herren hielt sein Monokel an das Auge und näselte: „Ach Prinzessin Leonore ist dieses Lumpenkind etwa eure Schwester, die man Prinzessin Wildfang nennt.“
Alle fingen schallend zu lachen an.
Beatrix aber drehte sich um und lief mit Tränen in den Augen davon.


Sie verließ den Schlossgarten und lief hinaus auf die freie Ebene zu einem großen Weidenbaum.
Hierher flüchtete sie immer wenn sie Kummer hatte.
Wütend ließ sie sich sich ins Gras fallen.
Warum weinst du?“
Beatrix sah auf und erblickte eine ältere Dame.
Sie war bekleidet mit einem bunten Rock, einer ebenso bunten Bluse, derben braunen Schuhen und drückte eine riesengroße Tasche an sich. Eine runde kleine Brille saß auf ihrer Nase.
Beatrix sah sie finster an und meinte trotzig:
Ich weine ja gar nicht!“
Die alte Dame setzte sich neben sie und sah hinauf in den wolkenlosen Himmel.
Dann haben dich wohl ein paar Regentropfen gestreift.“
Nun musste das Mädchen kichern.
Ich habe geweint, weil ich wütend und traurig bin,“ gestand sie.
Nun es schadet nicht ab zu mal zu weinen. Tränen reinigen die Augen und spülen Zorn und Kummer von der Seele. Du solltest dich also nicht schämen, wenn du mal weinst.“
Beatrix lächelte.
Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, ich bin Prinzessin Beatrix, auch Prinzessin Tolpatsch oder Prinzessin Wildfang genannt.“
Wütend begann sie das Gras neben sich auszureißen.
Nun was haben dir die armen Pflanzen denn getan, dass du sie so behandelst?“
Verlegen ließ das Mädchen ihre Hand sinken.
Die alte Frau aber hob einen Finger und die Wiese sah aus wie vorher.
Oh“
Ja ich bin eine Fee, wusstest du das nicht.
Die Prinzessin schüttelte den Kopf.
Ich dachte immer...“ Verlegen verstummte sie.
Du dachtest Feen seien schön und ewig jung. Meist stimmt das auch, die Blumenfeen und Sternenfeen sind es jedenfalls. Aber ich bin eine, naja Fee für alle Fälle.
Du musst nicht denken, dass ich in meiner Jugend nicht auch schön war, aber immerhin bin ich jetzt 878...“, sie runzelte die Stirn, „ … oder sind es 879 Jahre, ach egal, nun erzähle mir aber deinen Kummer.“
Beatrix hob hilflos die Schultern.
Ich bin eine einzige Enttäuschung für meine Eltern und auch für meine Schwester. Immer wieder gerate ich in irgendeine Klemme, zerreiße oder beschmutze meine Kleider, falle hin, weil ich ich zu schnell laufe und außerdem bin ich entsetzlich hässlich!“
Paperlapap, du bist doch nicht hässlich, mein liebes Kind.“
Doch, seht doch meine Nase ist voller Sommersprossen und...“
Aber die sehen doch hübsch aus und passen zu deinem roten Haar“, unterbrach sie die Fee.
Ja meine Haare, Juliane, meine Zofe, gibt sich die größte Mühe, aber ich verliere immer wieder die Nadeln und dann sehe ich aus wie eben ein Wildfang.“
Die Fee betrachtete sie prüfend und ließ eine Strähne des wirklich schönen Haares durch ihre Finger gleiten.
Deine Haare sind wunderschön, aber viel zu dick, um sie mit Nadeln zu bändigen. Hast du es schon mal mit einem Haarnetz versucht? Ich müsste doch...“
Sie wühlte in ihrer riesigen Tasche.
Hier ist es ja!“
Sie reichte Beatrix ein goldenes mit Perlen besticktes Haarnetz.
Das ist ja wunderschön.“
Ganz leicht zu machen!“
Nicht für mich, das ist auch etwas was ich nicht kann, feine Handarbeiten.
Meine Stickereien sehen aus wie ein Schlachtfeld und wenn ich häkle, entsteht immer eine andere Form als es sollte. Ich bin eben keine Prinzessin.“
Papperlapap, wer sagt denn, dass eine Prinzessin unbedingt Handarbeiten muss. Du bist sehr wohl eine Prinzessin, du hast das mutige Herz einer Kriegerin, du achtest nicht auf deine Kleidung, wenn es gilt ein verletztes oder in Not geratenes Tier zu retten, auch scheust du dich nicht in die ärmsten Hütten zu gehen, um den Leuten Essen aus der Schlossküche zu bringen. Du wirst mal eine gute Königin werden. Darf ich dein Haar richten?“
Beatrix nickte und presste die Augen zusammen, um auf die Schmerzen vorbereitet zu sein.
Die Fee aber holte aus den unendlichen Tiefen ihrer Tasche einen großen Kamm hervor und fuhr nun durch das lange dichte Haar.
Das ziept ja gar nicht!“ rief die Prinzessin erstaunt.
Nein, das liegt wohl an dem Kamm. Ich nenne ihn, der Kamm, der nicht ziept. Du kannst ihn gerne behalten.“
Danke!“
Gerne geschehen, verrätst du mir, warum so viele Prinzen aus alle Welt zu euch kommen. Seit einer Woche ist ein ständiges Kommen und Gehen im Schloss.“
Mein Vater hat sie eingeladen, um mich und meine Schwester Leonora zu verheiraten. Dabei hat mich bisher keiner der Prinzen auch nur eines Blickes gewürdigt, höchstens um sich über mich lustig zu machen.“
Gefällt dir denn einer der Prinzen.“
Nein! Einige sind ja ganz nett, aber die haben nur Augen für meine Schwester. Aber manche Prinzen sind schon sehr seltsam. Zum Beispiel Prinz Wohlgemut!“
Ein eigenartiger Name!“
Beatrix kicherte.
Eigentlich heißt er Prinz Leopold, aber er fläzt den ganzen Tag nur auf dem Sofa herum und formt Verse auf die
Schönheit meiner Schwester. Und jeder Vers endet mit dem Wort wohlgemut.“
Da klingt, äää, etwas seltsam.“ kicherte die Fee.
Beatrix grinste.
Dann gibt es noch Prinz Pfau!“
Ich vermute, das ist auch nicht sein richtiger Name?“
Nein, er heißt Prinz Alfonso, aber wenn er durch das Schloss oder über den Hof stolziert dann begleitet ihn immer ein Diener, der einen Spiegel trägt, damit der Prinz sich jederzeit bewundern kann.“
Was für ein Prinz würde dir denn gefallen?“
Es wäre mir egal wie er aussehe, er müsst nur mutig sein, ein gutes mitleidiges Herz für Tiere und Menschen haben und vor allem mich so akzeptieren wie ich bin.“
Das sind ja bescheidene Wünsche, muss er reich sein?“
Das ist unwichtig!“
Gut, ich bin fertig, willst du es sehen?“
Sie kramte einen Spiegel aus ihrer Tasche.
Das ist ja wunderschön!“ jubelte die Prinzessin.
Und vor allem hält es, selbst wenn du mal wieder auf einen Baum steigst, um einen verletzten Vogel zu retten.
Oh, da kommt ein Reiter, ich werde wohl besser gehen!“
Der Reiter kam näher und sprang vom Pferd, einen Moment betrachtete er das junge Mädchen, dann grinste er.
Habt ihr mit einem Drachen gekämpft!“
Einen Moment stutzte Beatrix, dann fiel ihr der zerrissene Ärmel ein und sie musste lachen.
Nein mit einem Dornenbusch, eine kleine Katze hat sich darin verirrt und wagte sich nicht mehr heraus.“
Der junge Mann lächelte.
Ich habe mich auch verirrt und wollte zum Schloss. Darf ich mich vorstellen: Prinz Niklas von Armenia!“
Ihr wollt sicher auch Prinzessin Leonora heiraten.“
Beatrix war etwas enttäuscht, denn der Prinz gefiel ihr.
Nein, ich komme wegen Prinzessin Beatrix!“
Den Wildfang, niemand will sie heiraten, sie steckt ständig in irgend welchen Klemmen und immer sind ihre Kleider schmutzig oder zerrissen.“
Gerade deshalb finde ich sie so interessant und denke, dass sie genau die richtige Frau für mich ist.“
Er wirft einen schmunzelnden Blick auf die zerrissenen Ärmel.
Ihr habt mich erkannt?“
Ja an den Ärmeln und dem wunderschönen roten Haar.“
Aber weshalb wollt ihr denn gerade mich, niemand will mich,“ stammelt Beatrix verlegen.
Weil ihr beherzt und tapfer seid, weil ihr ein großes mitfühlendes Herz habt und euch für Menschen und Tiere einsetzt, obwohl ihr euch damit ständig Ärger einhandelt.
Außerdem seid ihr von einer ganz besonderen Schönheit, denn sie ist nicht nur äußerlich.“
Als Beatrix ihn nur fassungslos anschaute, lächelte er wieder und dieses Lächeln schlich sich in das Herz der Prinzessin.
Der Prinz aber ließ seinen Blick versonnen in die Ferne schweifen.
Armenia ist ein sehr armes Land. Wir haben keine Bodenschätze und leben von der Landwirtschaft und sind sehr vom Wetter abhängig. Es hat schon Winter gegeben, da wäre mein Volk fast verhungert.
Ich bin einige Jahre durch die Welt gereist, um eine Lösung zu finden, habe bei einem Schafbauer gearbeitet und von der Schafschur bis zum Weben der Wolle alles gelernt.
Auch hat mir ein Freund von einer Raupe erzählt, aus der man Seide gewinnen kann.
All diese Neuerungen möchte ich in meinem Land einführen aber der Weg wird hart und steinig sein und dazu brauche ich eine Frau an meiner Seite mit dem Herzen einer Löwin, so wie ihr Prinzessin Beatrix, wollt ihr diese Frau sein?“
Diese hatte dem Prinzen staunend zugehört, das wäre eine wundervolle Aufgabe und außerdem der Prinz gefiel ihr sehr gut und seine Worte berührten ihr Herz.
So nickte sie nur und ihre Augen trafen sich und für einen Moment schien die Erde still zu stehen.
Hoheit, Hoheit!“
Man hat mich gefunden,“ bedauerte der Prinz.
Gewährt ihr mir heute Abend die Ehre des ersten Tanzes , Prinzessin Beatrix?“
Diese nickte mit einem strahlendem Lächeln und Prinz Niklas schwang sich übermütig lachend auf das Pferd, hob grüßend die Hand und galoppierte davon.
Er gefällt dir?“
Wie aus dem Nichts war die Fee wieder aufgetaucht.
Das junge Mädchen nickte noch immer etwas benommen.
Das ist gut, denn Prinz Niklas ist ein besonderer junger Mann und er passt zu dir, aber nun beeile dich, die Sonne geht bald unter. Du willst dich doch sicher noch schön machen für den Ball. Nanu, ich sehe noch einen Schatten in deinen Augen, was bedrückt dich?“
Ich habe ihm den ersten Tanz versprochen, aber ich kann doch gar nicht tanzen, immer stolpere ich oder trete meinen Tanzpartnern auf die Füße.“
Papperlapap , sicher kannst du tanzen, du hattest bisher nur die falschen Schuhe, warte mal.“
Wieder wühlte sie in ihrer Tasche und zog mit einem triumphierenden Lächeln ein paar goldene Slipper hervor.
Sie drückte die Schuhe dem Mädchen in die Hand.
Nun aber lauf!“
Beatrix lief los, drehte sich aber dann wieder um und kam zurück.
Stürmisch umarmte sie die Fee und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.
Kopfschüttelnd sah diese ihr nach.
Albernes Ding!“
Aber dann lächelte sie und murmelte:
Sie wird sehr glücklich werden.“
(c) meine Tochter

Beatrix aber erreicht atemlos ihr Zimmer.
Während sie im Badezuber saß und Ihre Zofe Juliane ihr mit dem Kamm, der nicht ziept, die Haare kämmte, erzählte sie ihre Erlebnisse.
Unter viel Gelächter suchten die beiden Mädchen dann das schönste Kleid aus.
Und als die Prinzessin dann wenig später den Ballsaal betrat, da waren alle Augen auf sie gerichtet, denn so schön hatte man Prinzessin Wildfang noch nie gesehen.
Prinz Niklas aber eilte ihr mit leuchtenden Augen entgegen und da gerade die Musik einsetzte führte er sie zum Tanz auf das Parkett.
Der König aber sah staunend den Tanzenden zu.
Ist das unsere Tochter, der Wildfang? Ein Wunder, sie sieht ja wunderschön aus und stolpert nicht und ist bisher kein einziges Mal ihrem Partner auf die Füße getreten?“
Kein Wunder! Das ist die Liebe,“ meinte die Königin mit einem feinem Lächeln.
Prinz Niklas? Aber er ist der ärmste der Freier.“
Du willst ihnen doch keinen Ärger bereiten?“
Nein, nein,nicht nachdem er dieses Wunder vollbracht hat und unseren Wildfang glücklich macht. Im Gegenteil, ich werde ihre Mitgift verdoppeln, das wird ihnen den Start etwas erleichtern.“
Sein Blick fiel hinüber zu Leonora, die inmitten ihrer Bewunderer stand und sich nicht entscheiden konnte, welchen von ihnen sie die Gunst eines Tanzes gewähren sollte.
Es würde mich nicht wundern, wenn unser Wildfang noch vor ihrer Schwester verheiratet wäre.“
Und so war es auch.
Es wurde eine wunderschöne Hochzeit und alle freuten sich und dem Brautpaar strahlte die Liebe und das Glück aus den Augen.
Was besonders die beiden Mütter des jungen Paares immer wieder zum Taschentuch greifen ließ.
Nach dem Fest aber gingen alle in den Schlosshof, wo bereits die hoch beladene Kutsche wartete, die Beatrix und und ihren Gemahl in ihre Heimat bringen sollte.
Die Zofe Juliane und der Kammerdiener des Prinzen saßen bereits wartend in dem Gefährt.
Prinz Niklas aber kam auf den Hof und führte zwei Pferde am Zügel.
In dem Moment rannte Beatrix aus dem Schloss in einem einfachen Reitdress und einem loses Band in den Haaren.
Stürmisch umarmte sie ihren Vater, ihre Mutter und ihre Schwester und lief dann zu ihrem Mann, der ihr auf das Pferd half.
Er war noch nicht auf seinem Pferd, da galoppierte Beatrix mit einem Jubelruf schon los.
Das Band flatterte zu Boden und die reiche Fülle ihres Haares breitete sich wild über ihrem Rücken aus.
Die Kutsche setzte sich in Bewegung und folgte in gemächlichen Tempo.
Der König aber sah kopfschüttelnd den wilden Reitern nach.
Sie wird wohl immer ein Wildfang bleiben.“
Lächelnd hakte sich die Königin bei ihm unter, als sie ins Schloss gingen.
Sicher, aber sie hat einen Mann gefunden, der dies akzeptiert.“

© Lore Platz