Freitag, 30. Oktober 2026

November, die graue Eminenz (aus dem Archiv)



November, die graue Eminenz

 

 
 
 
Der November ist der Monat, den ich überhaupt nicht mag.
Sehe ich morgens aus dem Fenster, dann fühle ich mich als wäre ich im Inneren eines riesigen Spinnennetzes, gewebt von Tausenden von Spinnen, gefangen.
Ringsum ist die Landschaft von grauen Nebelschleiern umhüllt und dieses Grau setzt sich nahtlos fort in den Himmel.
Meine Gedanken werden bei diesem Anblick trübe und grau, selbst meine kleinen gefiederten Freunde haben keine Lust mehr zu zwitschern.
Wie vermisse ich das wunderschöne Lied der Amsel, die in einem Baum des Nachbargrundstückes ihr Nest hatte. Selbst das lärmende Tschilpen der Spatzen würde ich zu gerne wieder hören.
Ab und zu ist vielleicht das „Krakra“ eines Raben zu hören, aber sind diese Vögel in den Geschichten nicht die Begleiter von Hexen und Zauberern?
Nun gespenstisch ist er schon dieser November und deshalb ist es wohl auch kein Wunder, dass in Amerika die Nacht vor dem 1. November zur Gespensternacht erklärt wurde.
Bei uns ist der November der Monat unserer Verstorbenen.
An Allerheiligen treffen sich die Angehörigen an den Gräbern, um zu trauern und der Toten zu Gedenken.

Ich habe diesen Tag immer gehasst. Wir trafen uns bei unserer Mutter und während unsere Männer mit den Kindern in der schönen warmen Wohnung bleiben durften mussten meine Schwestern und ich mit unserer Mutter auf den Friedhof.
Während ich auf den marmornen schwarzen Stein starrte, auf dem der Name meines Vaters, sowie sein Geburts- und Todesdatum eingraviert war, empfand ich alles andere als Trauer.
Unmut machte sich in mir breit, ausgelöst von der Kälte die langsam von den Zehen bis zu meinen Knien nach oben kroch.
Warum musste ich hier vor einem leeren Grab stehen und warten bis der Pfarrer begleitet von zwei Ministranten zu uns kam, um das Grab zu segnen und ein Gebet zu sprechen.



Ich habe meinen Vater sehr geliebt, war so ein richtiges Papakind und es verging kein Tag, an dem ich nicht an ihn dachte. Ein Bild von ihm hatte ich vergrößern lassen.
Es hing rechts neben meinem Schreibtisch an der Wand und immer wenn ich dort saß, dann schenkte ich ihm ein Lächeln und schickte einen Gruß in die Welt, wo er jetzt lebt.
Doch zu diesem Grab hatte ich überhaupt keine Verbindung und spürte hier auch nicht seine Nähe.
Längst schon ist sein Körper verwest und eins mit der Erde geworden und seine Seele, die ist doch sowieso nie mitgegangen in das Grab.
Doch dann schämte ich mich meiner Gedanken. Für viele bedeutet so eine Grabstätte doch die einzige Verbindung noch zu ihren lieben Verstorbenen, die letzte Wohnstätte.
Und indem sie diese sauber machen und bepflanzen, können sie auch über den Tod hinaus für den geliebten Menschen sorgen.
Endlich kam der Priester zu uns, murmelte sein Gebet, sprach den Segen und sprengte Weihwasser über das Grab, dann ging er weiter.
Erleichtert wartete ich auf das Zeichen meiner Mutter zum Aufbruch.


Als mich dann die wohlige Wärme der Wohnung empfing, die Kinder uns fröhlich entgegenkamen, aus dem Wohnzimmer die Stimmen unserer Männer drangen, da spürte ich, wie mit der Kälte auch meine trübe Stimmung abfiel.
Und ich dachte daran, dass der November ja nur dreißig Tage dauerte und dann der frostige, polternde Dezember kam, der die Welt in eine schöne weiße Decke hüllte.
Und der Weihnachtsdüfte, Weihnachtfreude und Weihnachtsfrieden mitbrachte.
Auch werde ich dann meinen kleinen gefiederten Freunden wieder begegnen, wenn ich das Vogelhäuschen aufstellte.

© Lore Platz   4.11.14




 

Freitag, 22. Mai 2026

Die Legende der Pfingstrosen - neu gepostet

 

3.Juni 2025

 

In Bayern werden auch die Ochsen geschmückt, daher stammt auch der Ausdruck Pfingstochse.

 

(c) Werner Borgfeldt
 

Passt auf am Sonntag, dass ihr nicht zu spät aufsteht.
Im altbayrischen nennt man denjenigen, der an Pfingstsonntag zuletzt aufsteht scherzhaft einen Pfingstochsen.
In manchen Dörfern wird der Langschläfer zum Gaudium der Dorfbewohner auf einer Schubkarre durch den Ort gefahren.
Der Pfingstochse ist auch ein noch vereinzelt gepflegtes Brauchtum.
Das Vieh wird am Pfingstsonntag zum ersten Mal auf die Weide gebracht und in einer Prozession durch den Ort geführt.
Das kräftigste Tier wird mit Blumen, Stroh und Bändern geschmückt und führt die Herde als Pfingstochse an.
Daher auch die Redensart:
Geschmückt wie ein Pfingstochse.

Am Wochenende ist ja schon das Pfingstfest.
Pfingsten geht auf das jüdische Schawuot-Fest zurück, an dem die Jünger Jesu den Heiligen Geist empfangen haben und an diesem Tag viele Menschen überzeugen konnten, die sich dann taufen ließen. 

Deshalb feiern wir Pfingsten als Beginn des Christentums.

Der Pfingstmontag ist dem ersten Märtyrer Stephanus geweiht.
Ich kann mich noch erinnern, wie begehrt die Blüten der schnell verblühenden Pfingstrosen bei uns Kindern waren.
Hatten wir doch die wichtige Aufgabe bei der Fronleichnam Prozession Blumen zu streuen.

 

 


Die Legende erzählt, dass in Galiläa eine Frau namens Ruth lebte, die eine große Verehrerin von Jesus war.
Als sie hörte, dass dieser gekreuzigt worden ist, lief sie in ihren Rosengarten und weinte bitterlich.
Da erklang eine wunderschöne Musik und sie fühlte sich getröstet.
Einige Zeit später begegnete sie einem Jünger Jesus, der ihr freudestrahlend erzählte, dass Jesus auferstanden sei und er erzählte ihr auch von dem Pfingstfest.
Da lief Ruth voller Freude in ihren Rosengarten und siehe da, alle Rosen hatten ihre Dornen verloren.
Und Ruth dachte:
" Gott hat das Leid in Freude verwandelt!"


Donnerstag, 2. April 2026

Wie ich wegen dem Osterhasen einmal den Hintern versohlt bekam

(c) Irmgard Brüggemann


 


Noch unterwegs ist Papa Osterhase mit seinem Sohn,
um viele bunte Ostereier zu verteilen, denn die Kinder warten bestimmt schon.
Dem Sohn fiel es schwer, so lange zu laufen, er fragt seinen Papa: Können wir nicht mal verschnaufen!!!

Meine Pfoten tun mir schon so weh, jeder Schritt, den ich jetzt noch geh` !!!
Nein sprach Papa zu ihm schon ganz ärgerlich, das Ende ist noch nicht in Sicht.

Was sollen die Kinder denken, wenn alle Nester sind leer, darum eilen wir uns geschwind und jammern nicht mehr.
Der Sohn murrte trotzdem, aber lief brav weiter, aber er fand es nicht gerade heiter.

Warum haben wir jedes Jahr die Lauferei, sollen doch die Hühner losgehen, schließlich legen sie doch auch das Ei!
Die Tradition hat es nun mal so bestimmt, dass der Osterhase, die bunten Eier bringt.

Verstehen werden die meisten Menschen es nicht, hier endet auch das Ostergedicht…lach!
Die vielen Kinder bekommen weiter vom Osterhasen die bunten Eier,
wenn sie nicht gestorben sind, verteilen sie auch noch weiter!!!!


(c) Irmgard Brüggemann






Wie ich wegen dem Osterhasen einmal den Hintern versohlt bekam

Wir wohnten in einem Mietshaus, das einem Bauern gehörte und hinter dem sich ein riesiger Obstgarten befand.

Der Garten war so groß, dass sich Jahre später die Erben drei Bungalows auf das Grundstück bauten.

Für uns Kinder war dieser Garten ein richtiges Paradies und wir durften darin nach Herzenslust spielen.

Eines Tages, zwei Wochen vor Ostern, bauten mein kleiner Freund, der auch in dem Haus wohnte und ich im hintersten Winkel des Gartens unter einem Holzstoß ein Osternest.

Wir erzählten niemanden davon, das war unser großes Geheimnis,von dem nur wir und wohl auch der Osterhase wussten.

Jeden Nachmittag liefen wir hinauf zu unserem Geheimversteck und waren schrecklich enttäuscht, als wir das Nest leer fanden.

Doch unser Glaube an den Osterhasen ließ sich durch nichts erschüttern.

Es war ja auch noch ein wenig hin bis Ostern, sicher war der Osterhase zu beschäftigt.

Schließlich musste er doch alle die Eier bemalen.

Doch kurz vor den Osterferien wurden wir doch leicht ungeduldig.

Und statt am Nachmittag liefen wir zwei Erstklässler gleich nach der Schule hinauf in den Garten.

Enttäuscht stellten wir fest, dass unser kunstvoll angefertigtes Osternest noch immer leer war.

Ich weiß nicht wie viel Zeit inzwischen vergangen war, denn Kinder haben noch keinen richtigen Zeitbegriff, aber auf jeden Fall machten sich unsere Eltern inzwischen schon Sorgen.

Wir beide aber trotteten mit hängenden Köpfen den langen Weg durch den Garten und befürchteten, dass der Osterhase uns vergessen würde.

Als ich an unserer Wohnungstür klingelte, öffnete mein Vater mit finsterem Gesicht und kaum hatte ich den Tornister abgeschnallt, da wurde ich auch schon übers Knie gelegt.

Waren halt die Fünfziger!


Aber der Osterhase hat uns nicht vergessen.

Am Ostersonntag lag zwar nichts in unserem geheimen Nest, aber im Vorgarten hatte der Osterhase etwas für uns Kinder versteckt.



© Lore Platz


Freitag, 20. März 2026

Dienstag, 3. März 2026

Frühlingszauber - ein Gedicht von Lore

 

Frühling - KI generiertes Bild

Frühlingszauber


Ein schöner Jüngling schwebt über das Land
Als Frühling ist er überall bekannt
Wo vor kurzem noch wirbelten die Schneeflocken
Gelingt es ihm mit frohem Lied die Blütenkelche hervor zu locken
Welch eine Pracht, der Farben bunter Reigen
Dazu spielt der Wind mit seinen Geigen
Die Sonne sie strahlt vom wolkenlosen Firmament
Eine Elfe tanzt selbstvergessen nach einer Melodie, die nur sie kennt
Die Vögel zwitschern voll Übermut
Ja, die Sonne ist für alle gut
Kein Langschläfer will jetzt mehr länger im Bette bleiben.
Sich lieber in der Natur die Zeit vertreiben
Tief einatmen den herrliche Duft
Von Blüten und Frühling geschwängerter Luft
Unbarmherzig und garstig kann heute keiner sein
Da wäre man wohl gänzlich allein
Der Frühling bereitet mit kundiger Hand
Über die Herzen sein wundersames fröhliches Band
Nun atmet auch ihr meine Lieben tief ein
Und denkt daran dieses Jahr kann nur einmal Frühling sein

© Lore Platz
 

Mittwoch, 11. Februar 2026

Der alte Puppenspieler - neu belebt am 11.2.2026

In der letzten Woche war ich beruflich bei einer Puppenspielerin zu Gast und erinnerte mich daran, dass Lore einmal die unten stehende Geschichte geschrieben hat. Ich hole sie hier für mich und für euch alle einmal wieder hervor, damit wir uns daran erfreuen können. Lore hat diese Geschichte schon 2019 geschrieben und schon damals hat sie mir gefallen. Liebe Grüße Regina



Vor vielen Jahren las ich in einem Forum, dass ein junger Mann einem Obdachlosen die Hand gedrückt hat und dieser glücklich gelächelt hat. Damals dachte ich dieser junge Mann hat ihm seine Würde wieder gegeben. Wie achtlos und verächtlich gehen doch die Menschen an denen vorbei. Dabei steckt hinter jedem Obdachlosen eine eigene Geschichte. Mein Mann der dreißig Jahre zur See  gefahren und die Armut auf der ganzen Welt sah, hat immer versucht zu helfen. Und als wir beide zusammen kamen haben wir nie wegeschaut .
Die Würde des Menschen ist unantastbar.
 
 Jaja, das Alter ist so ein Ding. Meine  Freundin Irmi hat darübe r ein Gedicht gemacht und darin schildert sie ihren derzeitigen Alltag.
 
 
 
 (C) Irmgard Brüggemann

 
Bist du reif an Jahren, kann man sich über Arzt Termine nicht beklagen.
Ein Facharzt für alle Körperteile, nein, man hat keine Langeweile.
Erst werden die Organe gecheckt, Herz, Lunge, Leber, Bauch, Probleme im Kopf vielleicht auch.
Bei jedem positiven Befund, ist man noch ein wenig Gesund.
Jetzt sind die anderen Teile im Körper dran, ob man da etwas entdecken kann.
Vom Radiologen, zum Kardiologen, Neurologen, doch, es ist wirklich nicht gelogen.
Die Gelenke, Blut, Kreislauf und Puls, wer ist für das Missbehagen schuld?
Auch die Nervenschmerzen, was soll ich sagen, nein nicht noch zusätzlich klagen.
Auch die Augen offenbar, haben den Grauen Star.  
Gegen die Schmerzen einige Tabletten dreimal am Tag, auch wenn ich sie nicht mag.
Zum Schluss bleibt nur noch der Psychiater, kein Wunder, bei all dem Theater!
Ja, nur die Termine für all diese schlauen Ärzte sind vielleicht gleich und sofort, dengste.
Monate gehen ins Land, das bringt mich um den Verstand.
Vieleicht fange ich mit dem Termin beim Psychiater an, so dass ich vielleicht dann viele andere Termine vergessen kann ❗ 😁
Oh je, habe ich vielleicht ein Körperteil vergessen, die Vergesslichkeit, kann es vielleicht noch nicht ganz ermessen?
 
 (c)Irmgard Brüggemann
 
 
 Viel Spaß beim Lesen !
 
 
eigenes Foto

Der alte Puppenspieler



Langsam senkt sich die Dämmerung über den Marktplatz und es sind nur noch wenige Menschen unterwegs.
Eine leichte Brise wirbelt den Staub auf und der alte Mann senkt den Kopf und schlägt den Kragen seines abgetragenen Mantels hoch.
Traurig bückt er sich zu dem verbeulten Teller und schüttet die paar Kupferstücke in die hohle Hand.
Niemand hat mehr Interesse an seinem Puppenspiel, nicht mal die Kinder. Sie laufen vorbei und spotten noch über seine langweiligen Puppen.
Müde hebt er den schwarzen, abgeschabten Koffer, indem er liebevoll seine 'Kinder', wie er seine Puppen nennt,verstaut hat, auf und schlurft mit gesenktem Kopf die Straße hinab.
Er biegt in den kleinen Weg ein, der zum Häuschen seiner Schwester führt, die ihm ein kleines Kämmerchen zur Verfügung gestellt hat, als er sich nicht mehr als Puppenspieler selbst ernähren konnte.
Seinem Schwager war das gar nicht Recht und er missgönnte ihm jeden Bissen.
Der alte Mann öffnet die Holztür, die leise knarrt, als wollte sie protestieren und tritt in den gefliesten Flur.
Sein Schwager Paul tritt ihm entgegen.
„Na, hast du heute gut verdient mit deinem Firlefanz,“ spottet er.
Martin senkt den Kopf und will sich an ihm vorbei drängen, doch dieser hält ihn am Arm fest.
„ Ich habe es satt, dich unnützen Träumer noch weiter mit durch zu füttern, du wirst in Zukunft auf dem Hof mitarbeiten.“
Hilde tritt aus der Küche und stemmt die Arme in die Hüften.
„Lass meinen Bruder in Ruhe, das bisschen was er isst, können wir immer noch verkraften.“
„ Ins Narrenhaus gehört er, ein alter Mann, der noch mit Puppen spielt!“ brummt ihr Mann und verlässt das Haus.
Hilde aber legt liebevoll ihren Arm um Martins Schulter.
„Komm mit in die Küche ich habe eine gute warme Suppe.“
Obwohl Hilde einige Jahre jünger war als ihr Bruder hatte sie ihn schon als Kind bemuttert und in Schutz genommen, wenn der Vater mal wieder grob wurde, weil Martin lieber Puppen schnitzte und träumte, als auf dem Hof zu arbeiten.
Sie hatte für seine Puppen die Kleider genäht und auch ihm das Nähen beigebracht.
Natürlich durfte der Vater das nicht mitbekommen, dann hätte er sich noch mehr erzürnt, wenn er seinen Sohn bei so einer weibischen Tätigkeit erwischt hätte.
Als die Eltern dann gestorben sind, war Hilde in die Stadt in Dienst gegangen und Martin hatte seine Puppen in den Rucksack gepackt und war über Land gezogen.
In Dörfern und Städten hatte er alte Märchen und auch ausgedachte Geschichten vorgeführt.
Reich wurde er nicht, aber für eine warme Mahlzeit hatte es immer gereicht.
Aber sein schönster Lohn war doch das Lachen und die Freude der Kinder.
So ging das viele Jahre, doch auf einmal wollten die Menschen keine Puppenspiele mehr sehen und auch die Kinder fanden andere Spiele interessanter.
Martin war inzwischen alt geworden und auch das Leben auf der Straße wurde immer beschwerlicher und so war er eines Tages vor der Tür seiner Schwester gestanden.
Hilde hatte ihn ohne viel zu Fragen aufgenommen.
Martin löffelt schweigend seine Suppe und auch den
Milchkaffee und das dick mit Butter bestrichene Brot lässt er sich schmecken.

 
(c) meine Tochter

In seiner Kammer holt er seine Puppen aus dem Koffer und setzt sie nebeneinander auf das alte Sofa.
Er legt sich auf das Bett und verschränkt die Arme unter dem Kopf. Er kann nicht schlafen, denn zu viele Gedanken gehen ihm durch den Kopf.
Die Tür unten knarrt. Sein Schwager kommt wohl aus dem Wirtshaus zurück und wenn er getrunken hat, fühlt er sich besonders stark.
Schon hört man ihn brüllen, „ und dass du es genau weißt, der alte Nichtsnutz kommt aus dem Haus, ich dulde es nicht länger, dass du ihn durch fütterst.“
Martin hebt sich die Ohren zu, um die streitenden Stimmen nicht mehr zu hören.
Endlich werden sie leiser und dann verstummen sie ganz.
Der alte Mann setzt sich im Bett auf und sieht hinüber zu seinen Puppen und flüstert. „Kinder, Morgen werden wir diese Haus verlassen. Ich will nicht, dass meine Schwester ständig Ärger wegen mir bekommt.“
Es dauert lange, bis er eingeschlafen ist, doch dann fallen ihm die Augen zu und leise Schnarchtöne sind zu hören.
Auf dem Sofa wird es auf einmal lebendig. Die Puppen recken und strecken sich.
„Habt ihr gehört,“ murmelt Friederich, der meistens die Rolle des Kammerdieners spielen muss, „ Morgen will er ganz allein mit uns weiter reisen.“
Kasperles Oma sieht sehr besorgt aus.
„Ja, das wird er nicht überleben, bald kommt der Winter und außerdem will uns doch niemand mehr spielen sehen.
Er wird verhungern.“
Alle Puppen nicken betrübt, selbst der Räuber, die Hexe und das Krokodil, die immer die Rolle der Bösewichte übernehmen müssen, obwohl sie doch gar nicht so böse 
sind.
„Hm,“ der Zauberer streicht über seinen langen grauen Bart, „Vielleicht sollten wir die Puppenfee um Hilfe bitten?“
„Wer ist die Puppenfee, wo wohnt sie und warum kann sie Meister Martin helfen.“ so rufen die Puppen durcheinander.
„Die Puppenfee wohnt in einem wunderschönen Land und ihre Helfer eilen durch die ganze Welt um allen traurigen Puppen, die verlassen oder durch Menschenhand zerstört wurden, zu sich zu holen und ihnen eine neue Heimat zu geben,“ erklärt der Zauberer.
„ Weißt du denn wo sie wohnt?“


(c) meine Tochter
„Nicht so genau, aber vor der Stadt im Wald wohnt Eulalia, die Eule, sie ist sehr weise und kann uns weiter helfen.“
„Wir können aber nicht alle gemeinsam losgehen, was wird Meister Martin denken. Er wird einen großen Schreck bekommen. Wenn nur einer von uns die Fee aufsucht, wird es ihm nicht auffallen,“ meint der König, der sehr klug ist.
„Ich werde gehen,“ meldet sich das Kasperle und alle sind einverstanden.
Wenig später klettert der kleine Kerl durch das Fenster und lässt sich an der Regenrinne hinab.
Mit schnellen Schritten verlässt er den Hof und saust die Straße entlang, die aus der Stadt führt. Atemlos kommt er im Wald an.
Müde sinkt er ins Gras, lehnt sich an den Stamm eines Baumes und schließt erschöpft die Augen.
„Warum rennst du denn so?“
Kasperle öffnet die Augen und sieht einen Igel vor sich, der ihn aus seinen dunklen Knopfaugen neugierig mustert.
„Ich muss zu Eulalia.“
„Das geht jetzt nicht, die ist vor einiger Zeit zurück gekommen und schläft jetzt sicher und wenn man sie aufweckt wird sie furchtbar böse.“
„Darauf kann ich keine Rücksicht nehmen, ich brauche unbedingt ihre Hilfe.“
„Na ich weiß nicht,“ meint der Igel zweifelnd.
„Wenn er Eulalies Hilfe benötigt, dann wird sie ihm auch helfen.“
Ein Reh tritt zwischen den Büschen hervor.
„Komm, setz' dich auf meinen Rücken, ich werde dich zu Eulalie bringen.“ wendet sie sich an das Kasperle.
Der Igel zuckt nur mit der Nase und verschwindet im Gebüsch.
Kasperle aber klettert auf den Rücken des hilfsbereiten Rehs und nun geht es über Stock und Stein durch den Wald.
Vor einer großen mächtigen Eiche bleibt das Reh stehen und deutet mit dem Kopf nach oben.
„Siehst du die große runde Öffnung, dort wohnt Eulalie.“
Kasperle bedankt sich, richtet sich auf und greift nach dem nächsten Ast und schwingt sich flink den Baum hinauf.
Das Reh beobachtet ihn noch eine Weile bis er im Bau der Eule verschwunden ist, dann läuft es weiter.
Kasperle aber steht vor dem Bett der Eule, die mit leicht geöffnetem Mund leise schnarcht. Es tut ihm leid sie zu wecken, denn war sie doch als Nachttier die ganze Nacht unterwegs gewesen, aber dann denkt er an Meister Martin und auch an seine Freunde und rüttelt die Eule leicht an der Schulter.
Unwillig brummt diese und dreht sich auf die andere Seite.
Doch Kasperle lässt ihr keine Ruhe und ruft verzweifelt. „Bitte Frau Eulalie, bitte ich brauche eure Hilfe.“
Die Eule öffnet die Augen und blickt den Störenfried finster an.
„Bitte, ich muss wissen wie ich zur Puppenfee komme. Es geht um Meister Martin und seine Puppen. Wir brauchen Hilfe.“
Eulalie setzt zu einer unwirschen Antwort an, doch dann sieht sie den flehenden Blick des kleinen Kerls und ihr gutes Herz siegt.
„Wenn du nicht weißt, wo die Puppenfee wohnt, dann ist es dir noch nie schlecht gegangen.“
„Nein!“ Kasperle lächelt, „ unser Vater Meister Martin hat uns geschaffen und all die Jahre geliebt und für uns gesorgt. Doch nun ist er alt und niemand will unser Spiel
mehr sehen und der Mann seiner Schwester ist böse und deshalb möchte Meister Martin heute wieder auf Wanderschaft gehen. Aber er ist zu alt für das Leben auf der Straße, deshalb will ich die Puppenfee um Hilfe bitten und man hat mir gesagt, sie wüssten wie ich sie finden kann.“
Eulalie richtet sich seufzend auf.
„Das ist ganz einfach, du musst die Puppenfee rufen und wenn du wirklich in Not bist, wird sie dich finden. Aber nun lass mich schlafen.“
Die Holzpuppe bedankt sich und klettert flink den Baum hinab. Einen Moment bleibt sie stehen und überlegt, sollte es wirklich so einfach sein?
Nun er musste es versuchen.
Leise ruft er: „ Liebe Puppenfee, ich brauche deine Hilfe.“
Aufmerksam sieht er sich um, doch nirgends kann er jemanden entdecken. Mutlos mit gesenktem Kopf verlässt er den Wald.
Als er die große Lichtung erreicht, hört er plötzlich leises Lachen und neben ihm geht eine wunderschöne Frau mit rotbraunen wallenden Haaren. Das Kleid, das aus vielen Schleiern besteht ist fast so bunt wie sein Kasperlegewand.
„Du hast mich gerufen?“
Kasperle starrt sie mit offenem Mund an. „Du bist die Puppenfee?“
Wieder erklingt das melodische Lachen und schmeichelt sich in sein Herz.


„ Ja, ich bin die Puppenfee und ich kenne deinen Kummer, denn schon viele Jahre beobachte ich deinen Meister Martin und seine Liebe zu meinen Geschöpfen. Längst habe ich beschlossen ihm helfen, also sorge dich nicht.“
Sie lächelt und Kasperle fühlt, wie all sein Kummer von ihm abfällt und er ist sicher, dass alles gut wird.
„Aber nun lauf, bald wird Meister Martin aufstehen und dann solltest du wieder bei den anderen sein.“
Die Puppenfee verschwindet, als hätte sie sich in Luft aufgelöst.
Nun aber saust das Kasperle los, kommt über die Regenrinne ungesehen ins Zimmer und ist gerade mit seinem Bericht fertig, als Meister Martin sich in seinem Bett bewegt.
Etwas schwerfällig erhebt er sich und schlurft ins angrenzende Bad.
Als er zurück kommt nimmt er den Koffer und legt ganz liebevoll eine Puppe nach der anderen hinein. Seine wenigen Habseligkeiten packt er in den alten Rucksack, den er im Schrank verstaut hat, dann wirft er noch einen Abschied nehmenden Blick ins Zimmer und geht langsam die Treppe hinunter.
Er hört Hilde in der Küche hantieren und deponiert Koffer und Rucksack im Flur, dann tritt er zu seiner Schwester.
Diese schenkt ihm ein liebevolles Lächeln.
„Guten Morgen, Martin, setz' dich. Willst du wirklich wieder durch die Gegend streifen. Es ist Sturm und Regen angesagt, da wird wohl niemand stehen bleiben.“
„Ach vielleicht kann ich ja in einer Gaststube spielen.“
Hilde nickt nur, sie weiß dass niemand seine Puppen mehr sehen will, aber sie schweigt. Sie weiß wie wichtig ihrem Bruder das Gefühl ist noch etwas unternehmen zu können.
„Aber wenn nicht, dann komm bitte nach Hause, aber nun trink deinen Kaffee und iss deine Stulle.“
Nach dem Frühstück bleibt der alte Mann unschlüssig stehen, dann umarmt er seine Schwester.
„Nanu, was ist denn heute mit dir los?“
„Ach Hilde, ich will dir einfach nur mal danken, warst immer eine gute Schwester.“
Sie gibt ihm eine kleinen Klaps und brummt, um ihre Rührung zu verbergen.
„Dafür sind Geschwister doch da, aber nun nimm deine Brotzeit und bring Freude mit deinen Puppen unter die Menschen.“
Martin verlässt die Küche, dreht sich noch einmal um und wirft Hilde einen langen Blick zu, unter dem es dieser ganz eigentümlich zu Mute wird.
Langsam mit müden Schritten wandert er aus dem Dorf und das Herz ist ihm schwer.
Nach endlos scheinender Zeit hat er die nächste Ortschaft erreicht und stellt sich auf den Marktplatz und holt seine 'Kinder' heraus.
Doch die Menschen hasten vorbei und niemand hat Interesse für seine schön geschnitzten Puppen.
Große Tropfen fallen vom Himmel und schnell verstaut er die Marionetten im Koffer. Er schlägt den Kragen hoch und eilt, um einen schützenden Platz vor dem Regen zu finden.
In einer alte Scheune lässt er sich aufatmend ins Heu sinken. Mit einem großen karierten Taschentuch fährt er sich über das nasse Gesicht. Ihm ist kalt und seine Zähne klappern, er fühlt sich so elend und müde und dann fallen ihm die Augen zu.
Ein überirdisch schönes Licht erhellt den alten Schuppen und vor ihm steht eine junge Frau in einem kunterbunten Kleid und lächelt ihn an.
„Martin, komm mit!“
Und sie hält ihm ihre feingliedrige Hand entgegen und wie in einem Traum nimmt der Puppenspieler diese und folgt ihr. Sie erreichen einen herrlichen großen Garten voller Sonnenschein in dem viele Puppen fröhlich herum springen.
„Wo bin ich hier?“
„ In meinem Puppenreich, in dem vergessene und verletzte Puppen eine neue Heimat finden, möchtest
du mir helfen diese armen Geschöpfe wieder glücklich und gesund zu machen?“
„Ach bin doch so alt und müde.“
Die Puppenfee lächelt und schnippt mit den Fingern und Martin spürt wie seine Kraft zurück kehrt. Er dehnt und streckt sich.
Dann sind auf einmal alle seine 'Kinder' hier und umringen ihn.
„Vater, du bist ja auf einmal wieder jung!“ staunen sie.
Und Martin bewegt seine durch Arthritis geschwächten Finger.
Sie sind beweglich und ohne Schmerzen, da stößt er einen Jodler aus und ruft fröhlich.
„Ich will all den verletzten Geschöpfen helfen, hast du ein Schnitzmesser für mich?“
Die Puppenfee lächelt und führt ihn zu einem hübschen kleinen Häuschen.
„Hier kannst du mit deinen Kindern wohnen und nebenan ist eine Werkstatt. Also willst du bei mir bleiben?“
„Ja!“ ruft Martin mit strahlenden Augen.

Am nächsten Morgen fand man den alten Puppenspieler tot in der Scheune.


© Lore Platz 25.01.2019