Donnerstag, 26. Januar 2023

Herr Oskar und Fräulein Katrin

Einen  schönen Donnerstag wünsche ich euch und  viel Spaß beim Lesen!

 
(c)  Werner B.


Herr Oskar und Fräulein Katrin


Tuckernd quält sich der alte Pritschenwagen den steilen Berg hinauf.
Er gehört dem Schrotthändler Karl und ist voll beladen mit altem Gerümpel, sogar ein kleines blaues Auto ist dabei.
Ein Reh springt auf die Straße und Karl muss scharf bremsen.
Die Ladeklappe springt auf und das kleine blaue Auto fällt auf die Straße und rollt den steilen Abhang hinunter.
Karl springt aus dem Führerhaus, kratzt sich am Kopf, schließt die Ladeklappe und fährt weiter.
Er hat keine Lust dem ollen Ding nach zu fahren.
Das kleine blaue Auto aber wird immer schneller und schneller und bei einer scharfen Kurve gerät es zu weit nach links und stürzt die Böschung hinunter.
Mit rasender Geschwindigkeit saust es über den felsigen Grasboden und mitten durch einen tiefen Wald, bis ein Gebüsch es bremst.
Erschrocken schnappt es nach Luft, der Aufprall war doch etwas heftig.
Ein zeternde Stimme ist zu hören und eine Häsin hoppelt aus dem Gebüsch.
Kannst du nicht aufpassen, beinahe hättest du mich überfahren!“
Entschuldigen sie bitte, aber die Sache entglitt meiner Kontrolle.“
Schon gut, ich war nur sehr erschrocken, ich heiße übrigens Stupsi und wer sind sie?“
Oh, ich bin ein Auto und manche Menschen nennen mich „Ente“!“
Stupsi lacht, „wie eine Ente sehen sie aber nicht gerade aus.“
Das kleine blaue Auto grinst, dann fällt ihm etwas ein.
Meine erste Besitzerin nannte mich Oskar.“
Nun dann werde ich sie auch Oskar nennen, ein schöner Name.“
Ein Hase und drei Hasenkinder kommt aus dem Gebüsch.
Liebste wo bleibst du denn, die Kinder werden ungeduldig.“
Kommt mal her, das ist Herr Oskar und das sind meine Kinder Herbert, Cornelia und Friedrich und der alte Brummbär da, ist mein Mann Mummelschwanz.“
Guten Tag Herr Oskar!“ rufen die Kleinen im Chor und sausen dann kichernd um das Auto herum.
Stupsi lächelt liebevoll stolz.
Eine Rasselbande! Aber nun müssen wir weiter, heute wollen wir unseren Kindern zeigen, wo die besten Kräuter wachsen. Schließlich muss man sie auf das Leben vorbereiten.“
Familie Hase hoppelt davon.
Oskar aber ist glücklich. Wie freundlich sie doch waren.
In dem Schuppen, in dem er viele Jahr stand war er nur von mürrischen und griesgrämigen alten Gerümpel umgeben.
Und wenn er mal ein Gespräch anfangen wollte, dann reagierten sie gleich gereizt.
Hier aber gefiel es ihm.
Ein stattlicher Hirsch kommt auf ihn zu.
Guten Tag, mein Name ist Armin von Hohenwalde, ich hörte von deiner Ankunft. Möchtest du hier bleiben?“
Oskar muss sich erst räuspern, so ehrfürchtig ist ihm zumute.
Ich bin Oskar und durch Zufall hier gelandet, wenn mich die Menschen hier nicht weg holen, würde ich gerne bleiben.“
Nun es verirren sich selten Menschen hierher, seien sie also herzlich willkommen bei uns Herr Oskar.“
Der Hirsch schreitet davon.


(c)  meine Tochter

 Ein Eichhörnchen springt vom Baum direkt auf die Kühlerhaube.
Ziemlich beeindruckend unser König, nicht wahr?“ kichert es.
Kann man wohl sagen.“
Oskar ist glücklich, denn es gefällt ihm hier immer besser.
Nachdem das Eichhörnchen ihn verlassen hat, döst er ein wenig vor sich hin.
Er lauscht dem Zwitschern der Vögel, aus der Ferne ist der Ruf eines Kuckucks zu hören und die Sonne brennt warm auf seine Karosserie.
Schön ist es hier.
Immer wieder mal kommt ein Tier vorbei und begrüßt ihn und hält ein kleines Schwätzchen.
Die Dämmerung legt ihren Schleier über das Land und der Mond klettert immer höher und wirft sein silbernes Licht über den Wald.
Oskar döst vor sich hin.
Plötzlich weckt ihn ein ängstliches Quieken, etwas klettert durch das Fenster und verschwindet unter dem Sitz.
Eine Eule rauscht vorbei.
Lange Zeit bleibt es still im Auto, dann kommt ein kleines Mäuschen unter dem Sitz hervor und setzt sich auf den Beifahrersitz.
Danke, das war knapp, beinahe hätte Frau Eule mich erwischt.“
Keine Ursache, aber sie sind noch sehr jung, sollten sie um diese Zeit nicht schon zuhause sein?“



Ich habe kein Zuhause,“ seufzt die kleine Maus und ihre Stimme klingt traurig und auch ein wenig verbittert.
Das tut mir leid, auch ich bin heimatlos, übrigens mein Name ist Oskar.“
Guten Tag Herr Oskar, entschuldigen sie meine
Unhöflichkeit. Ich heiße Katrin und komme aus der Stadt.
Nachdem meine Familie einem Giftanschlag zum Opfer fiel bin ich ausgewandert und erst heute hier angekommen und habe noch keine Wohnung gefunden.“
Das tut mir leid, auch ich bin erst heute hier gelandet.“
Eine Weile schweigen sie beide, dann hat Oskar eine Idee.
Wie wäre es, wenn sie bei mir wohnen würden, Platz genug ist hier doch.“
Herr Oskar, das wäre schön!“
Die kleine schwarzen Knopfaugen von Fräulein Katrin leuchten vor Freude und schnell saust sie durch den Wagen, um nach einem passenden Platz zu suchen.
Auf der Rückbank ist ein Riss im Leder und die graue Füllwolle spitzt hervor.
Fräulein Katrin erweitert das Loch bis sie hindurch passt und rollt sich mit einem wohligen Seufzer in dem weichen Bett zusammen.
Hier ist es gemütlich, gute Nacht Herr Oskar.“
Gute Nacht Fräulein Katrin!“
Am nächsten Morgen setzt sich Fräulein Katrin auf den Beifahrersitz und während sie sich putzt, unterhalten sie sich.
Ich werde jetzt etwas zu Essen suchen, kann ich ihnen etwas mitbringen Herr Oskar?“
Dieser lacht. „Nein danke, ich brauche nichts zu essen.“
Die Tage vergehen, tagsüber ist Fräulein Katrin unterwegs und sobald es dunkel wird kommt sie in den Schutz des alten Autos zurück.
Und bis tief in die Nacht erzählen sich die beiden Geschichten aus ihrem Leben.
Eines Tages kommt die Maus von ihrem Spaziergang zurück mit strahlenden Augen und auf den Wangen liegt eine zarte Röte.
Herr Oskar ich habe mich verliebt! Er heißt Maximilian und kommt auch aus der Stadt.“
Hat er auch seine Familie durch einen Giftanschlag verloren?“
Nein seine Familie lebt noch. Er wollte nur die Welt kennen lernen.“
Oh ein Vagabund?,“ meint Oskar etwas besorgt.
Nein, nein keine Sorge, er will sesshaft werden und, und, er hat mir einen Heiratsantrag gemacht! Wir suchen nur noch eine Wohnung.“
Oskar wird traurig, nun würde er seine kleine Freundin verlieren, dann aber hat er eine Idee.
Er könnte doch bei ihnen einziehen, es ist doch genügend Platz vorhanden.“
Das wäre schön, ich habe nicht gewagt zu fragen, danke, ich werde Maximilian holen, damit sie in kennen lernen.“
Der Mäuserich gefällt Oskar sehr gut.
Er hat gute Manieren und man merkt, dass er seine Katrin von Herzen liebt.
Die Wohnung gefällt ihm und er bedankt sich höflich bei Oskar.
Einige Tage später findet die Hochzeit statt.
Viele Waldtiere sind gekommen.
Zum Glück schläft Frau Eule um diese Zeit, denn Maximilians Verwandte sind aus der Stadt zur Hochzeit angereist.
Das glückliche Brautpaar steht auf der Kühlerhaube und Maximilians Onkel Sebastian, der in einer Kirche wohnt, traut sie.
Als Maximilian und Katrin sich nach der Zeremonie küssen ist Oskar ganz gerührt und wenn er gekonnt hätte , dann hätte er geweint.
Bald darauf bekommt Katrin Drillinge und Oskar ist genauso aufgeregt wie der werdende Vater.
Doch besonders glücklich und stolz ist er, als die jungen Eltern ihren Erstgeborenen Oskar nennen.

© Lore Platz




Der magische Stein

So einen Stein bräuchte ich zur Zeit auch.




Der magische Stein

Mucksmäuschenstill ist es im Klassenzimmer, man hört nur das Quietschen der Kreide mit der Herr Hartleitner eine Gleichung an die Tafel schreibt.
Rainer versucht schnell im Kopf die Aufgabe zu lösen, denn wenn der Mathelehrer ihn nach vorn an die Tafel ruft, dann würde wieder voller Aufregung sein Hirn wie leer gefegt sein.
Mit hochrotem Kopf würde er zu stottern anfangen und die anderen würden lachen.
Wie er das hasste.
Dabei war er gut in Mathe, nur wenn er aufgerufen wurde, dann war er so aufgeregt, dass er zu stottern anfing.
Und im Sport war er erst recht eine Niete, ängstlich und feige.
Seine Mitschüler hatten schon einen Spottvers auf ihn gedichtet, den sie nach der Melodie der Vogelhochzeit sangen.

Der Rainer, der Rainer
der hat so Angst wie keiner

Nun schweift der Blick des Lehrers durch die Klasse und Rainer versucht sich ganz klein zu machen.
Zum Glück ruft er Paul auf, den coolsten und beliebtesten
Jungen der Schule, in Sport eine Ass aber in Mathe?
Rainer freut sich ein ganz klein wenig, als Paul plötzlich auch zu stottern beginnt, weil er die Gleichung nicht lösen kann.


Nach der Mathe - Stunde haben sie Sport.
Buben und Mädchen getrennt.
In der Umkleidekabine wird Rainer von Paul verspottet, weil er bestimmt wieder beim Klettern in die Hose machen würde und er schlägt ihm vor, doch bei den Mädchen zu turnen.
Und dann beginnt er noch die Melodie der Vogelhochzeit zu summen und die Jungs singen lautstark.

Der Rainer, der Rainer
der hat so Angst wie keiner


Rainer legt still seine Sachen in den Spind und geht in die Sporthalle, verfolgt von dem lauten Gelächter seiner Mitschüler.
Heute sollen sie am Klettergerüst turnen und Rainer hält sich so lang wie möglich im Hintergrund.
Doch dann kommt auch er dran.
Die ersten Sprossen sind noch leicht, doch je höher er kommt, desto mehr fängt er an zu schwitzen.
Die Jungs feuern ihn an und Rainer macht den Fehler hinunter zu schauen.
Als er sieht wie weit der Boden weg ist, wird ihm schwindelig und in seinen Ohren beginnt es zu rauschen.
Verzweifelt klammert er sich fest.
Er wagt sich nicht mehr vorwärts noch rückwärts zu klettern.
Wie durch einen Nebel hört er die Stimme des Sportlehrers, der plötzlich neben ihm auftaucht.
Keine Angst, ich helfe dir, wir werden zusammen hinunter klettern, du musst loslassen.“
Der Lehrer muss seine Worte einige Male wiederholen bis sie zu Rainer durchdringen.
Auf dem Boden angekommen, befiehlt ihm Herr Berger, sich zu setzen und den Kopf zwischen die Knie zu stecken und tief durchzuatmen.

Die anderen Jungs sind auffallend ruhig und erschrocken beobachten sie ihren Mitschüler, der kreideweiß ist und am ganzen Körper zittert.
Herr Berger schickt sie nach draußen, dann setzt er sich neben Rainer und wartet bis wieder Farbe in dessen Gesicht kommt.
Rainer, du hast Höhenangst, besorge dir ein Attest beim Arzt, dann bist du vom Klettern befreit.“
Der Junge nickt nur.
Geht`s wieder?“
Ja,“ murmelt Rainer und steht auf, er schämt sich so.
Herr Berger legt ihm die Hand auf die Schulter.
Hör mal mein Junge, Höhenangst haben auch Erwachsene und du bist noch ein Kind, deshalb musst du dich nicht schämen.“

Nach der Schule trottet er mit hängenden Kopf nach Hause, er beachtet nicht einmal den Dackel Poldi, der ihm schwanzwedelnd entgegen läuft und zur Begrüßung bellt.
Und obwohl die Oma, die seit dem Tod des Opas bei ihnen wohnt, seine Lieblingsspeise gekocht hat, stochert er nur lustlos in seinem Essen herum.
Die Schule hat angerufen,“ meint die Oma leise.
Rainer hebt den Kopf und Tränen funkeln in seinen Augen.
Dann weißt du ja, was für ein Versager ich bin!“
Du bist doch kein Versager!“ ruft die Oma erschrocken.
Sicher, ich bin doch kein richtiger Junge, mag nicht Fußball spielen, klettere nicht auf Bäume und stecke nur den ganzen Tag meine Nase in Bücher, wie ein Mädchen!“
Die Oma muss schmunzeln, doch dann sagt sie ernst.
Wer sagt denn, dass Jungen dies alles können müssen, denk doch nur an Marietta von nebenan, die klettert auf Bäume, spielt besser Fußball als ihre Brüder und mit einem Buch in der Hand habe ich sie noch nie gesehen.“
Aber ich habe doch immer vor allem Angst, ich bin ein richtiger Angsthase und die Jungs in meiner Klasse haben

sogar einen Spottvers auf mich gedichtet!“ ruft Rainer verzweifelt und nun laufen die Tränen über sein Gesicht.
Die Oma reicht ihm ein Taschentuch.
Jeder Mensch hat Angst in seinem Leben, es sind nur verschiedene Ängste.“
Du auch?“
Aber sicher, ich habe oft in meinem Leben Angst gehabt.
Warte einen Moment!“
Die alte Frau geht in ihr Zimmer und als sie zurück kommt legt sie einen roten kleinen Stein auf den Tisch.
Rainer nimmt ihn in die Hand und betrachtet ihn staunend
von allen Seiten.
Da ist ein Kristall! Als ich deinen Opa kennenlernte und wir zum ersten Mal in den Berge wanderten, kamen wir auch in eine Kristallhöhle.
Dieser Stein saß ganz locker in der Felswand und dein Opa hat ihn heraus gebrochen und ihn mir als Pfand unserer Liebe gegeben.
In den fünfzig Jahren unserer Ehe hat dieser Stein mir oft geholfen. Immer wenn ich Sorgen und Angst hatte, dann habe ich den Stein in die Hand genommen und er gab mir Kraft.
Ich brauche ihn nun nicht mehr, aber vielleicht hilft er jetzt dir.“
Rainer nickt und legt den Stein vorsichtig auf sein flache Hand und umschließt ihn mit den Finger.
Er spürt wie ihm auf einmal leichter ums Herz wird und lächelnd sagt er:
Danke, Oma!“
Unser Essen ist nun kalt geworden. Ich habe heute morgen gebacken, wie wäre es mit einer Tasse Kakao und Keksen!“


Seit diesem Tag trägt Rainer den Stein immer bei sich und er wird tatsächlich von Tag zu Tag mutiger.
Wenn er an die Tafel muss, wird er nicht mehr rot und
fängt zu stottern an, sondern löst die Aufgaben.
Beim Sport wagt er Übungen vor denen er sonst gezittert hat.
Nur auf die Kletterwand musst er wegen dem Attest vom Arzt nicht mehr.
Rainer wird von Tag zu Tag selbstbewusster.
Und eines Tages grübelt er darüber nach, ob denn der Stein ihm nicht auch helfen könnte, seine Höhenangst zu besiegen.
Und nun beginnt er an dem großen Birnbaum im Garten zu üben.
Es ist schwer, denn jedes Mal beginnt er wieder zu zittern, doch täglich schafft er es ein Stückchen höher und dann sitzt er eines Tages auf dem höchsten Ast.
Und als er hinunter sieht, vorsichtshalber den Stein in der Hand fest umschlossen, wird ihm kein bisschen schwindelig.
Er hat es geschafft.
In der nächsten Sportstunde geht er zu Herrn Berger und bittet ihn, diesmal auch beim Turnen am Klettergerüst mit machen zu dürfen.
Bist du sicher?“ fragt dieser und als Rainer nickt, meint er
gut, aber ich werde neben dir klettern.“
Rainer klettert flink wie ein Affe die Sprossen hoch.
Oben angekommen dreht er sich um und winkt, dann klettert er genau so schnell wieder hinunter.
Auf dem Boden angekommen, verneigt er sich wie ein Künstler auf der Bühne.
Begeistert klatschend umringen ihn seine Mitschüler.

Was so ein kleiner Stein doch für Wunder bewirken kann.
Vielleicht aber liegt seine Magie an dem
Glauben an sich selbst.“



© Lore Platz



Montag, 23. Januar 2023

Der alte Kapitän

Es geht mir etwas besser, aber nicht gut. Aber wenn man so in die Jahre kommt, muss man damit leben. (zwinkern)
Doch die Freude am schreiben wird mir niemals vergehen.
Viel Spaß beim Lesen!

(c) Nadine F.

Der alte Kapitän



Am Rande der Stadt stand eine alte Villa mitten in einem verwilderten Garten.
Lange war sie leer gestanden, doch vor kurzem war sie verkauft worden an einen pensionierten Kapitän.
Und vor einigen Tagen war dieser zusammen mit seiner Schwester Lena, die ihm den Haushalt führte, eingezogen.



Kapitän Fridjoofen saß in seinem gemütlichen Arbeitszimmer und sah sich vergnügt um.
Die Wände waren voll von all den Mitbringsel, die er im Laufe der Jahre während seiner Reisen gesammelt und sie bei seiner Schwester in ihrem kleinen Häuschen gelagert hatte.
Worüber diese oft geschimpft hatte, besonders über das lebensgroße ausgestopfte Krokodil, das drohend sein Maul aufriss und eine Reihe beachtlicher Zähne zeigte.
Auch die große Schlange, die einem mit glitzernden Augen anstarrte war ihr nicht geheuer.
Schmunzelnd ließ der alte Mann seinen Blick über die verschiedenen Waffen an der Wand gleiten und auch den Piranhas die den Sims des Kamins bevölkerten gönnte er einen Blick.
Zufrieden seufzte er, was den schwarzweißen Spaniel zu seinen Füßen aufstehen und seinen Kopf an das Knie seines Herrn schmiegen ließ.
Dieser kraulte ihn hinter dem Ohr und Hund und Mensch genossen ihr Zusammensein.
Ein gewaltiges Klirren schreckte beide auf und das große Fenster zerbarst in tausend Stücke.
Ein brauner Fußball rollte auf den Kapitän zu.
Die Tür wurde aufgerissen und Lena stürzte herein.
Sie stemmte die Arme in die Hüften und wetterte:
Das waren bestimmt die Lausbuben von drüben! Ich hab`s ja immer gesagt, wie konntest du nur ein Haus genau neben einem Waisenhaus kaufen.“
Ihr Bruder lachte gutmütig.
Es war günstig und mich stören die Kinder nicht, außerdem so laut sind sie doch gar nicht und nachts schlafen sie tief und friedlich und wir auch.“
Er bückte sich, hob den Fußball auf und wandte sich zur Tür.
Dann werde ich das Geschoss mal zurückbringen!“
Er erhielt nur ein Gemurmel als Antwort, denn Lena die sich inzwischen mit Besen und Schaufel bewaffnet hatte, war dabei die Scherben zu beseitigen.

 
(c) meine Tochter

Im großen Vorhof des Waisenhauses tummelten sich vergnügt die Kinder. 
Als der Kapitän durch das Tor trat sah er aus den Augenwinkel, wie sich drei Jungen schnell seitwärts in die Büsche verdrückten.
Der Spaniel aber war zu der alten Kastanie gelaufen, um die rundum eine Bank angebracht war.
Darauf saß ein kleines Mädchen, die den Hund liebevoll streichelte.
Als Fridjoofen näher trat, bemerkte er, dass die Kleine blind war.
Er setzte sich neben sie.
Das Mädchen wandte ihm den Kopf zu.
“Ist das dein Hund?“
Ja, darf ich vorstellen. das ist Klabautermann und wer bist du?“
Ich bin Else, aber dein Hund hat einen komischen Namen.“
Weißt du denn, was ein Klabautermann ist?“
Die Kleine schüttelte den Kopf.
Nun dann will es dir erzählen, aber erst einmal muss ich ein paar Übeltäter kielholen!“
Eine nicht mehr ganz junge Frau kam mit misstrauischem Blick auf sie zu, doch als sie den Fußball sah, wurde sie verlegen.
Guten Tag sie sind wohl unser neuer Nachbar Kapitän Fridjoofen und wie ich sehe haben die Jungen den Ball wohl in ihren Garten geschossen.“
Der alte Mann schmunzelte:
Nicht nur in den Garten, sondern durch die Scheibe meines Arbeitszimmers.“
Das tut mir leid, wir werden die Scheibe selbstverständlich ersetzen. Entschuldigen sie, ich habe mich noch gar nicht vorgestellt. Ich bin Frauke Sörensen und leite dieses Waisenhaus.“
Der Kapitän erhob sich und beugte sich ganz Kavalier der alten Schule über ihre Hand.
Die Scheibe brauchen sie nicht zu ersetzen, aber ich werde mal einigen jungen Herrn ein wenig einen Schrecken einjagen.“
Er zwinkerte und deutete mit den Augen auf das Gebüsch in das Klabautermann gerade schnüffelnd seine Nase steckte.
Die Direktorin lächelte und nickte zustimmend.
Ein kleine Hand schob ich sich in die große Pranke des Kapitäns und Else sagte bittend.
Onkel Kapitän, du darfst sie aber nicht verhauen, sie haben es doch nicht absichtlich getan. Der Tom hat nur so einen schweren Fuß und deshalb ist der Ball so weit geflogen.“
Die beiden Erwachsenen lächelten, dann ging der Kapitän mit seiner kleinen Freundin an der Hand, gefolgt von der Leiterin des Waisenhauses, hinüber zum Gebüsch.
Mit seiner dröhnenden Stimme meinte er:
Ich glaube gar dahinter haben sich ein paar Feiglinge
versteckt, die nicht wissen, dass man zu seinen Taten stehen muss !“
Das Gebüsch teilte sich, drei Jungen standen mit gesenkten Köpfen vor ihm und ließen das Donnerwetter, das nun über sie prasselte erschrocken über sich ergehen.
Die kleine Hand zuckte in der großen Pranke und Else flüsterte, „nun ist es aber gut, Onkel Kapitän.“
Der Hüne beugte sich zu seiner kleinen Freundin hinunter.
Denkst du, dass sie als Strafe bei mir in meinem Garten arbeiten sollen, der sieht nämlich ziemlich verwildert aus.“
Else nickte eifrig.
Nun!“ wandte Fridjoofen sich an die Jungen.
Ihr könnt nicht erwarten, dass das Waisenhaus die kaputte Scheibe bezahlt, also werdet ihr euch Morgen um 15Uhr bei mir drüben einfinden und mir helfen meinen Garten zu roden.“
Er warf einen fragenden Blick auf die Leiterin, die zustimmend nickte und auch die Jungen nickten erleichtert.
So nun will ich meiner kleinen Freundin vom Klabautermann erzählen, wollt ihr die Geschichte auch hören?“
Wir auch, wir auch !“ riefen die Kinder, die sich inzwischen alle bei den Büschen eingefunden hatten, angelockt durch das laute Brüllen des Kapitäns.
Gefolgt von allen großen und kleinen Waisenkindern geht der Kapitän zur Kastanie, setzt sich auf die Bank und nimmt Else auf seinen Schoß.
Die Kinder aber lassen sich zu ihren Füßen nieder.
Frau Sörensen geht lächelnd zurück in ihr Büro.
Der Kapitän blickte vergnügt schmunzelnd in die erwartungsvoll erhobenen Gesichter und fragte.
Weiß jemand von euch, wer der Klabautermann ist?“
Kopfschütteln!



(c) meine Tochter


Nun der Klabautermann ist ein Kobold, der unsichtbar auf den Schiffen lebt und dort allerhand Unfug anstellt.
Auch erschreckt er gerne die Matrosen durch poltern und lässt einfach mal Dinge vor ihren Augen in die Luft gehen oder einfach umfallen. Er ist aber auch sehr hilfsbereit und hilft ihnen bei ihren Arbeiten.
Mancher der Matrosen kann es sich dann gar nicht erklären, wieso er so schnell fertig wurde und guckt sich dann immer furchtsam um.
Aber er kann natürlich niemanden sehen, denn der Klabautermann ist unsichtbar und wenn man ihn einmal zu Gesicht bekommt, dann ist das ein schlechtes Zeichen.
Er zeigt sich und verlässt ein Schiff nur wenn diesen untergeht.
Ich habe ihn aber einmal gesehen und kann euch deshalb genau sagen wie er aussieht.
Er ist gekleidet wie ein Matrose, hat rote Haare und grüne Zähne und ist nicht größer als ein Zwerg.
Wer von euch kennt den Pumuckl von Ellis Kaut?“
Fast alle Finger schossen in die Höhe.
Fridjoofen schmunzelte.
Dann wisst ihr sicher auch, dass der Pumuckl ein Nachfahre von den Klabautermännern ist.“
Eifrig nickten die Kinder.
Also wir fuhren über den Atlantik, als auf einmal ein heftiger Sturm die Wellen peitschte, dass sie meterhoch das Deck überschwemmten.
Der Wassermann hatte wohl wieder seine Frau verärgert und die tobte nun unter Wasser, dass das ganze Meer in Aufruhr war.
Unser Schiff schaukelte im tosenden Wind und der Steuermann hatte alle Hände voll zu tun, das Schiff auf Kurs zu halten.
Ein Matrose wurde schwer verletzt als einer der Masten brach und wir hatten Mühe in darunter hervor zu ziehen.
Während man ihn in die Kajüte brachte und der Sanitäter ihn verarztete, sah ich plötzlich einen kleinen Gnom an Deck und vorne zum Bug laufen.
Ich wusste sofort das war der Klabautermann, denn keiner meiner Männer war so klein. 
Erschrocken wurde mir bewusst, das konnte nur bedeuten, dass das Schiff untergehen wird, denn offensichtlich wollte der kleine Kerl das Schiff verlassen.
Daran musste ich ihn unbedingt hindern.
Ich kämpfte mich durch Wind und Nässe nach vorn und fasste ihn gerade noch an seinem blauen Rock, als er über Bord springen wollte.
Nein mein Freund,“ brüllte ich gegen den Sturm an, „ du bleibst schön hier. Mein Schiff wird nicht untergehen.“
Er wand sich und zappelte und warf mir finstere Blicke zu, doch ich hielt ihn mit eiserner Faust fest.
Da verlegte er sich aufs Bitten und versprach mir, dass das Schiff bestimmt nicht untergehen würde, ich sollte ihn doch nur loslassen.
Aber ich glaubte ihm nicht und hielt ihn so lange mit meiner Faust fest, bis der Sturm sich gelegt und wir in ruhigen sicheren Fahrwasser segelten.
Da wurde er unsichtbar in meiner Hand und während der ganzen Fahrt hatte ich nichts zu Lachen.
Fässer fielen vor mir um, Seile lösten sich und mehr als einmal stolperte ich darüber, nachts polterte und rumorte es in meiner Kabine, dass ich kein Auge zu tun konnte.
Doch das machte mir nichts aus, mein Schiff war gerettet.
Und bei der nächsten Fahrt nahm ich ein Huhn mit an Bord, denn es heißt, Klabautermänner können Hühner nicht leiden.
So Kinder nun muss ich aber gehen, denn meine Schwester schimpft mit mir, wenn ich nicht pünktlich zum Tee zuhause bin!“
Er wandte sich an die drei Fußballer.
Abgemacht, morgen Nachmittag!“
Eifriges Nicken.
Dürfen wir auch mitkommen, wir können doch auch helfen!“ riefen die Kinder.
Frau Sörensen, die durch das geöffnete Fenster lächelnd der Geschichte gelauscht hatte, kam nun heraus und wollte protestieren.
Der Kapitän sah sie verschmitzt an.
Sicher wenn eure Direktorin nichts dagegen hat.“
Diese nickte, denn sie konnte den fünfzehn bettelnden Augenpaare nicht widerstehen.

Am nächsten Nachmittag erschien die ganze kleine
Gesellschaft frisch gewaschen und gestriegelt aber in vernünftiger Arbeitskleidung bei Fridhoofens.
Lena, die erst protestiert hatte, als ihr Bruder ihr die Nachbarn ankündigte, war sehr angetan von den höflichen gut erzogenen Kindern.
Besonders die kleine Else schlich sich in ihr Herz und sie ließ sie nicht mehr von ihrer Seite.
Die größeren Kinder durften mit dem Kapitän nun die Bäume und Sträucher beschneiden.
Während die Mädchen und die kleineren Jungen die Äste sammelten und sie an den dafür vorgesehenen Platz brachten, wo sie morgen abgeholt werden sollten.
Später brachte Lena eine riesige Platte mit frischen Waffeln, dazu gab es Sahne und Kakao.
Als die kleinen Helfer abenda in ihren Betten lagen, da waren sie sich einig, dass dies der schönste Tag gewesen war.
Nun herrschte ein reger Verkehr zwischen den Nachbarn.
Und der Kapitän schaffte es nach hartem Kampf mit den Behörden, dass die kleine Else zu ihm und seiner Schwester als Ziehkind kam.
So ein Sturm erprobter Kapitän, der wird auch mit dem stursten Bürokraten fertig.
Er schickte Else auf eine Blindenschule, wo sie zur Lehrerin ausgebildete wurde.
Und als Else dann längst schon eine erwachsene Frau war,
saß sie am Bett ihres Pflegevaters und hielt tröstend seine Hand, als er ins andere Reich wechselte.
Sie nahm sich liebevoll der alten Lena an, die froh war nicht ganz allein zu sein.
Und da Else die Erbin von Villa und Vermögen der beiden war, richtete sie eine Blindenschule in dem alten Haus ein und Lena konnte nun wieder für viele Kinder kochen, natürlich mit Hilfe einiger Hausmädchen.
Und als sie einige Jahre später ihrem Bruder folgte, saß auch an ihrem Bett die junge Frau, die sie als kleines Kind so liebevoll aufgenommen hatten.


© Lore Platz

Als meine Schwester einmal einen Hund retten wollte ( Erinnerungsgeschichte )





Hinter dem Haus, in dem wir damals wohnten war ein langgezogener Garten in dem wir Kinder spielen durften.
Eines Tages wurde am oberen Ende ein Zwinger gebaut und eine schöne Schäferhündin mit dem
Namen Bella zog dort ein.
Meine Schwester Karin war eine absolute Hundefreundin und vollkommen begeistert.
So oft es ihre Zeit zuließ besuchte sie den Hund und ich, die ja immer an ihren Fersen klebte, war dabei.
Doch während meine mutige Schwester in den Zwinger ging, blieb ich lieber draußen.
Wir waren damals zehn und fünf Jahre alt und der ängstlichen kleine Norle kam so ein Schäferhund riesig vor.
Leider wussten wir nicht, dass die alte Magd, die den Hund versorgen sollte, öfter mal vergaß den armen Kerl zu füttern.
Wir hätten bestimmt etwas unternommen.
In den Sommerferien fuhren wir mit unseren Eltern ins Saarland, der Heimat meiner Mutter.
Als wir zurück kamen, erfuhren wir, dass sich Bella durch den Zwinger gegraben hatte und ausgebüxt
war.
Natürlich besuchten wir sie sofort und sie freute sich sichtlich.
Jeden Tag liefen wir nun hinauf zu Bella und nahmen auch unsere Spielkameraden mit, die alle ohne Angst in den Zwinger gingen und oft ihr Butterbrot mit dem Hund teilten.
Nie hat die schöne Bella uns ein Leid getan.
Die Ferien gingen zu Ende und ich wurde eingeschult.
Statt draußen zu spielen saß ich nun in der Küche mit sorgenvoller Miene vor meiner Schiefertafel, den Griffel krampfhaft haltend und versuchte den
störrischen Buchstaben Ordnung bei zu bringen.
Aber immer wieder verspotteten sie mich.
Einmal neigten sie sich nach links oder sie begannen vor Lachen zu zittern und wurden ganz krumm.
Und immer wieder kam der unerbittliche nasse Schwamm in der Hand meines Vaters und wischte die Unholde wieder weg und meine Qual begann von vorne.


Auch Karin musste viel lernen, denn in puncto Schule war mein Vater sehr streng.
So hatten wir wenig Zeit für Bella und eines Tages grub sie sich wieder unter dem Zwinger durch.
Und auf ihrem Streifzug durch die Gegend biss sie eine Frau.
Das war das Todesurteil für Bella.
Und mein Vater wurde zum Henker bestimmt.
Da er Polizist war und der Hund unserem Vermieter gehörte, wurde auf der Gemeinde
beschlossen, dass er ihn erschießen soll.
Als wir davon hörten, fingen wir an zu weinen und flehten unseren Vater an, den Hund doch zu verschonen.
Aber er schüttelte nur den Kopf und meinte, es täte ihm selber leid.
Bella wäre so ein schönes Tier, aber sie sei eine Streunerin und hätte eine Frau angefallen und wäre deshalb eine Gefahr.
Karin aber handelte.
Zusammen mit ihrem Freund Josef entführte sie den Hund und versteckte ihn.
Mir erzählte sie nichts davon, denn sie wusste, dass ich nicht lügen konnte und wenn unsere Eltern zu bohren anfingen, dann bekamen sie alles aus mir heraus.
Vati ahnte, dass Karin den Hund versteckt hatte, aber diese hielt dicht.
Die Polizisten und einige Knechte durchkämmten die Gegend und natürlich fanden sie Bella und ein kurzer Schuss beendete ihr Leben.
Wir schmollten und redeten längere Zeit nicht mehr mit meinem Vater.
Meine Schwester aus Wut und Trotz und ich aus
Solidarität zu Karin.

Dieses Bild von seinem Hund Laky wurde  mir freundlicherweise von Werner Ganter zur Verfügung gestellt.

(C) Lore Platz


Montag, 16. Januar 2023

Prinzessin Wildfang

Mein Mann und ich haben spät geheiratet, ich war 30 und mein Mann 38. 
Zwei eigenständige Menschen, die auch schon ihre Macken hatten.
Trotzdem waren wir mehr als dreißig Jahren glücklich, denn keiner wollte den anderen ändern und akzeptierten uns so wie wir waren.
Sind es nicht die kleinen Fehler, die einen Menschen erst liebenswert machen? 


In meiner Geschichte geht es auch um dieses Thema und damit wünsche ich euch ;
Viel Spaß beim Lesen!







Prinzessin Wildfang


Eine schwarz gekleidete ältere Dame lief in raschen Schritten durch den Garten. Sie blieb vor einem Rosenbusch stehen unter dem der Teil eines weißen bauschigen Rockes und kleine feine Schuhe hervorlugten.
Nun bewegte sich das Ganze und schob sich rückwärts.
Zwei stark durch die Dornen beschädigte Ärmel wurden sichtbar, rote wallende Locken und schließlich eine Hand, die ein kleines verängstigtes Kätzchen hielt.
Die Hofdame stemmte beide Hände in die Hüften und runzelte die Stirn.
Prinzessin Beatrix, wie seht ihr wieder aus!“
Oh!“ Erschrocken sah das Mädchen an sich herunter und wurde rot.
Der Hund von Prinz Adalbert hat Ginger unter den Rosenbusch gejagt und sie wagte sich nicht mehr heraus.“
Hättet ihr denn nicht einen Diener beauftragen können?“
Die haben doch alle keine Zeit, wegen dem Festbankett heute Abend!“
Eine Schar junger Leute kam in den Park.
Die jungen Damen fingen an zu kichern und die jungen Herren feixten.
Einer dieser Herren hielt sein Monokel an das Auge und näselte: „Ach Prinzessin Leonore ist dieses Lumpenkind etwa eure Schwester, die man Prinzessin Wildfang nennt.“
Alle fingen schallend zu lachen an.
Beatrix aber drehte sich um und lief mit Tränen in den Augen davon.




Sie verließ den Schlossgarten und lief hinaus auf die freie Ebene zu einem großen Weidenbaum.
Hierher flüchtete sie immer wenn sie Kummer hatte.
Wütend ließ sie sich sich ins Gras fallen.
Warum weinst du?“
Beatrix sah auf und erblickte eine ältere Dame.
Sie war bekleidet mit einem bunten Rock, einer ebenso bunten Bluse, derben braunen Schuhen und drückte eine riesengroße Tasche an sich. Eine runde kleine Brille saß auf ihrer Nase.
Beatrix sah sie finster an und meinte trotzig:
Ich weine ja gar nicht!“
Die alte Dame setzte sich neben sie und sah hinauf in den wolkenlosen Himmel.
Dann haben dich wohl ein paar Regentropfen gestreift.“
Nun musste das Mädchen kichern.
Ich habe geweint, weil ich wütend und traurig bin,“ gestand sie.
Nun es schadet nicht ab zu mal zu weinen. Tränen reinigen die Augen und spülen Zorn und Kummer von der Seele. Du solltest dich also nicht schämen, wenn du mal weinst.“
Beatrix lächelte.
Ich habe mich noch gar nicht vorgestellt, ich bin Prinzessin Beatrix, auch Prinzessin Tolpatsch oder Prinzessin Wildfang genannt.“
Wütend begann sie das Gras neben sich auszureißen.
Nun was haben dir die armen Pflanzen denn getan, dass du sie so behandelst?“
Verlegen ließ das Mädchen ihre Hand sinken.
Die alte Frau aber hob einen Finger und die Wiese sah aus wie vorher.
Oh“
Ja ich bin eine Fee, wusstest du das nicht.
Die Prinzessin schüttelte den Kopf.
Ich dachte immer...“ Verlegen verstummte sie.
Du dachtest Feen seien schön und ewig jung. Meist stimmt das auch, die Blumenfeen und Sternenfeen sind es jedenfalls. Aber ich bin eine, naja Fee für alle Fälle.
Du musst nicht denken, dass ich in meiner Jugend nicht auch schön war, aber immerhin bin ich jetzt 878...“, sie runzelte die Stirn, „ … oder sind es 879 Jahre, ach egal, nun erzähle mir aber deinen Kummer.“
Beatrix hob hilflos die Schultern.
Ich bin eine einzige Enttäuschung für meine Eltern und auch für meine Schwester. Immer wieder gerate ich in irgendeine Klemme, zerreiße oder beschmutze meine Kleider, falle hin, weil ich ich zu schnell laufe und außerdem bin ich entsetzlich hässlich!“
Paperlapap, du bist doch nicht hässlich, mein liebes Kind.“
Doch, seht doch meine Nase ist voller Sommersprossen und...“
Aber die sehen doch hübsch aus und passen zu deinem roten Haar“, unterbrach sie die Fee.
Ja meine Haare, Juliane, meine Zofe, gibt sich die größte Mühe, aber ich verliere immer wieder die Nadeln und dann sehe ich aus wie eben ein Wildfang.“
Die Fee betrachtete sie prüfend und ließ eine Strähne des wirklich schönen Haares durch ihre Finger gleiten.
Deine Haare sind wunderschön, aber viel zu dick, um sie mit Nadeln zu bändigen. Hast du es schon mal mit einem Haarnetz versucht? Ich müsste doch...“
Sie wühlte in ihrer riesigen Tasche.
Hier ist es ja!“
Sie reichte Beatrix ein goldenes mit Perlen besticktes Haarnetz.
Das ist ja wunderschön.“
Ganz leicht zu machen!“
Nicht für mich, das ist auch etwas was ich nicht kann, feine Handarbeiten.
Meine Stickereien sehen aus wie ein Schlachtfeld und wenn ich häkle, entsteht immer eine andere Form als es sollte. Ich bin eben keine Prinzessin.“
Papperlapap, wer sagt denn, dass eine Prinzessin unbedingt Handarbeiten muss. Du bist sehr wohl eine Prinzessin, du hast das mutige Herz einer Kriegerin, du achtest nicht auf deine Kleidung, wenn es gilt ein verletztes oder in Not geratenes Tier zu retten, auch scheust du dich nicht in die ärmsten Hütten zu gehen, um den Leuten Essen aus der Schlossküche zu bringen. Du wirst mal eine gute Königin werden. Darf ich dein Haar richten?“
Beatrix nickte und presste die Augen zusammen, um auf die Schmerzen vorbereitet zu sein.
Die Fee aber holte aus den unendlichen Tiefen ihrer Tasche einen großen Kamm hervor und fuhr nun durch das lange dichte Haar.
Das ziept ja gar nicht!“ rief die Prinzessin erstaunt.
Nein, das liegt wohl an dem Kamm. Ich nenne ihn, der Kamm, der nicht ziept. Du kannst ihn gerne behalten.“
Danke!“
Gerne geschehen, verrätst du mir, warum so viele Prinzen aus alle Welt zu euch kommen. Seit einer Woche ist ein ständiges Kommen und Gehen im Schloss.“
Mein Vater hat sie eingeladen, um mich und meine Schwester Leonora zu verheiraten. Dabei hat mich bisher keiner der Prinzen auch nur eines Blickes gewürdigt, höchstens um sich über mich lustig zu machen.“
Gefällt dir denn einer der Prinzen.“
Nein! Einige sind ja ganz nett, aber die haben nur Augen für meine Schwester. Aber manche Prinzen sind schon sehr seltsam. Zum Beispiel Prinz Wohlgemut!“
Ein eigenartiger Name!“
Beatrix kicherte.
Eigentlich heißt er Prinz Leopold, aber er fläzt den ganzen Tag nur auf dem Sofa herum und formt Verse auf die
Schönheit meiner Schwester. Und jeder Vers endet mit dem Wort wohlgemut.“
Da klingt, äää, etwas seltsam.“ kicherte die Fee.
Beatrix grinste.
Dann gibt es noch Prinz Pfau!“
Ich vermute, das ist auch nicht sein richtiger Name?“
Nein, er heißt Prinz Alfonso, aber wenn er durch das Schloss oder über den Hof stolziert dann begleitet ihn immer ein Diener, der einen Spiegel trägt, damit der Prinz sich jederzeit bewundern kann.“
Was für ein Prinz würde dir denn gefallen?“
Es wäre mir egal wie er aussehe, er müsst nur mutig sein, ein gutes mitleidiges Herz für Tiere und Menschen haben und vor allem mich so akzeptieren wie ich bin.“
Das sind ja bescheidene Wünsche, muss er reich sein?“
Das ist unwichtig!“
Gut, ich bin fertig, willst du es sehen?“
Sie kramte einen Spiegel aus ihrer Tasche.
Das ist ja wunderschön!“ jubelte die Prinzessin.
Und vor allem hält es, selbst wenn du mal wieder auf einen Baum steigst, um einen verletzten Vogel zu retten.
Oh, da kommt ein Reiter, ich werde wohl besser gehen!“
Der Reiter kam näher und sprang vom Pferd, einen Moment betrachtete er das junge Mädchen, dann grinste er.
Habt ihr mit einem Drachen gekämpft!“
Einen Moment stutzte Beatrix, dann fiel ihr der zerrissene Ärmel ein und sie musste lachen.
Nein mit einem Dornenbusch, eine kleine Katze hat sich darin verirrt und wagte sich nicht mehr heraus.“
Der junge Mann lächelte.
Ich habe mich auch verirrt und wollte zum Schloss. Darf ich mich vorstellen: Prinz Niklas von Armenia!“
Ihr wollt sicher auch Prinzessin Leonora heiraten.“
Beatrix war etwas enttäuscht, denn der Prinz gefiel ihr.
Nein, ich komme wegen Prinzessin Beatrix!“
Den Wildfang, niemand will sie heiraten, sie steckt ständig in irgend welchen Klemmen und immer sind ihre Kleider schmutzig oder zerrissen.“
Gerade deshalb finde ich sie so interessant und denke, dass sie genau die richtige Frau für mich ist.“
Er wirft einen schmunzelnden Blick auf die zerrissenen Ärmel.
Ihr habt mich erkannt?“
Ja an den Ärmeln und dem wunderschönen roten Haar.“
Aber weshalb wollt ihr denn gerade mich, niemand will mich,“ stammelt Beatrix verlegen.
Weil ihr beherzt und tapfer seid, weil ihr ein großes mitfühlendes Herz habt und euch für Menschen und Tiere einsetzt, obwohl ihr euch damit ständig Ärger einhandelt.
Außerdem seid ihr von einer ganz besonderen Schönheit, denn sie ist nicht nur äußerlich.“
Als Beatrix ihn nur fassungslos anschaute, lächelte er wieder und dieses Lächeln schlich sich in das Herz der Prinzessin.
Der Prinz aber ließ seinen Blick versonnen in die Ferne schweifen.
Armenia ist ein sehr armes Land. Wir haben keine Bodenschätze und leben von der Landwirtschaft und sind sehr vom Wetter abhängig. Es hat schon Winter gegeben, da wäre mein Volk fast verhungert.
Ich bin einige Jahre durch die Welt gereist, um eine Lösung zu finden, habe bei einem Schafbauer gearbeitet und von der Schafschur bis zum Weben der Wolle alles gelernt.
Auch hat mir ein Freund von einer Raupe erzählt, aus der man Seide gewinnen kann.
All diese Neuerungen möchte ich in meinem Land einführen aber der Weg wird hart und steinig sein und dazu brauche ich eine Frau an meiner Seite mit dem Herzen einer Löwin, so wie ihr Prinzessin Beatrix, wollt ihr diese Frau sein?“
Diese hatte dem Prinzen staunend zugehört, das wäre eine wundervolle Aufgabe und außerdem der Prinz gefiel ihr sehr gut und seine Worte berührten ihr Herz.
So nickte sie nur und ihre Augen trafen sich und für einen Moment schien die Erde still zu stehen.
Hoheit, Hoheit!“
Man hat mich gefunden,“ bedauerte der Prinz.
Gewährt ihr mir heute Abend die Ehre des ersten Tanzes , Prinzessin Beatrix?“
Diese nickte mit einem strahlendem Lächeln und Prinz Niklas schwang sich übermütig lachend auf das Pferd, hob grüßend die Hand und galoppierte davon.
Er gefällt dir?“
Wie aus dem Nichts war die Fee wieder aufgetaucht.
Das junge Mädchen nickte noch immer etwas benommen.
Das ist gut, denn Prinz Niklas ist ein besonderer junger Mann und er passt zu dir, aber nun beeile dich, die Sonne geht bald unter. Du willst dich doch sicher noch schön machen für den Ball. Nanu, ich sehe noch einen Schatten in deinen Augen, was bedrückt dich?“
Ich habe ihm den ersten Tanz versprochen, aber ich kann doch gar nicht tanzen, immer stolpere ich oder trete meinen Tanzpartnern auf die Füße.“
Papperlapap , sicher kannst du tanzen, du hattest bisher nur die falschen Schuhe, warte mal.“
Wieder wühlte sie in ihrer Tasche und zog mit einem triumphierenden Lächeln ein paar goldene Slipper hervor.
Sie drückte die Schuhe dem Mädchen in die Hand.
Nun aber lauf!“
Beatrix lief los, drehte sich aber dann wieder um und kam zurück.
Stürmisch umarmte sie die Fee und drückte ihr einen Kuss auf die Wange.
Kopfschüttelnd sah diese ihr nach.
Albernes Ding!“
Aber dann lächelte sie und murmelte:
Sie wird sehr glücklich werden.“
(c) meine Tochter

Beatrix aber erreicht atemlos ihr Zimmer.
Während sie im Badezuber saß und Ihre Zofe Juliane ihr mit dem Kamm, der nicht ziept, die Haare kämmte, erzählte sie ihre Erlebnisse.
Unter viel Gelächter suchten die beiden Mädchen dann das schönste Kleid aus.
Und als die Prinzessin dann wenig später den Ballsaal betrat, da waren alle Augen auf sie gerichtet, denn so schön hatte man Prinzessin Wildfang noch nie gesehen.
Prinz Niklas aber eilte ihr mit leuchtenden Augen entgegen und da gerade die Musik einsetzte führte er sie zum Tanz auf das Parkett.
Der König aber sah staunend den Tanzenden zu.
Ist das unsere Tochter, der Wildfang? Ein Wunder, sie sieht ja wunderschön aus und stolpert nicht und ist bisher kein einziges Mal ihrem Partner auf die Füße getreten?“
Kein Wunder! Das ist die Liebe,“ meinte die Königin mit einem feinem Lächeln.
Prinz Niklas? Aber er ist der ärmste der Freier.“
Du willst ihnen doch keinen Ärger bereiten?“
Nein, nein,nicht nachdem er dieses Wunder vollbracht hat und unseren Wildfang glücklich macht. Im Gegenteil, ich werde ihre Mitgift verdoppeln, das wird ihnen den Start etwas erleichtern.“
Sein Blick fiel hinüber zu Leonora, die inmitten ihrer Bewunderer stand und sich nicht entscheiden konnte, welchen von ihnen sie die Gunst eines Tanzes gewähren sollte.
Es würde mich nicht wundern, wenn unser Wildfang noch vor ihrer Schwester verheiratet wäre.“
Und so war es auch.
Es wurde eine wunderschöne Hochzeit und alle freuten sich und dem Brautpaar strahlte die Liebe und das Glück aus den Augen.
Was besonders die beiden Mütter des jungen Paares immer wieder zum Taschentuch greifen ließ.
Nach dem Fest aber gingen alle in den Schlosshof, wo bereits die hoch beladene Kutsche wartete, die Beatrix und und ihren Gemahl in ihre Heimat bringen sollte.
Die Zofe Juliane und der Kammerdiener des Prinzen saßen bereits wartend in dem Gefährt.
Prinz Niklas aber kam auf den Hof und führte zwei Pferde am Zügel.
In dem Moment rannte Beatrix aus dem Schloss in einem einfachen Reitdress und einem loses Band in den Haaren.
Stürmisch umarmte sie ihren Vater, ihre Mutter und ihre Schwester und lief dann zu ihrem Mann, der ihr auf das Pferd half.
Er war noch nicht auf seinem Pferd, da galoppierte Beatrix mit einem Jubelruf schon los.
Das Band flatterte zu Boden und die reiche Fülle ihres Haares breitete sich wild über ihrem Rücken aus.
Die Kutsche setzte sich in Bewegung und folgte in gemächlichen Tempo.
Der König aber sah kopfschüttelnd den wilden Reitern nach.
Sie wird wohl immer ein Wildfang bleiben.“
Lächelnd hakte sich die Königin bei ihm unter, als sie ins Schloss gingen.
Sicher, aber sie hat einen Mann gefunden, der dies akzeptiert.“

© Lore Platz