Donnerstag, 21. März 2019

Mit Freunden ist man niemals einsam








Mit Freunden ist man niemals einsam


Die Nachtfee hatte ihre schwarzen Schleier über das Land gebreitet und der Mond, der wieder einmal eine seiner zahllosen Diäten hinter sich hatte, war nur als schmale Sichel zu sehen.
Trotzdem konnte man den großen Container mit der Aufschrift „Altkleider“ erkennen, da eine Straßenlampe den Mond unterstützte.
Es raschelte und eine Ratte lief schnüffelnd über den Platz, blieb an dem Container stehen, stellte sich auf die Hinterbeine und sah hinauf zu dem großen kreisrunden Loch.
Enttäuscht wandte sich ab und lief davon.
Eine Weile war es ruhig, doch dann hörte man ein Rascheln und Rumoren, das aber aus dem Inneren des Behälters kam.
All die bunten Kleidungsstücke schienen sich plötzlich zu bewegen, wie die See bei stürmischem Wind.
Auf einmal lugte der Kopf eines Teddybären hervor und wenig später der ganze kleine Kerl.
Er setze sich auf den Kleiderberg und verschnaufte erst einmal.
Schön war er ja nicht.
Sein linkes Ohr hing herab, ein Auge fehlte und sein Fell war ziemlich ruppig.


Trotzdem blitzte aus dem einen verbliebenen Auge der Schalk und es sah vergnügt in die Welt.
Neugierig sah er sich um.
Es gefiel ihm gar nicht und hier bleiben wollte er auch nicht, also krabbelte er zur Luke, die er gerade mit den Pfoten erreichen konnte.
Er hob sich auf die Zehenspitzen und sah hinaus.
Ziemlich hoch!
Aber hierbleiben wollte er nicht. Es würde schon nicht so schlimm werden.
Also drehte er sich um und klettert mit dem Hintern voraus durch das Loch. Dann ließ er sich fallen und wartete auf den harten Aufprall.

 
(c) Roswitha B.

Doch überraschenderweise landet er auf etwas Weichem und eine Stimme brüllte, „Au! Was soll das!“
Er war auf einem Hund gelandet, der gerade sein Bein hob und nun in dieser Beschäftigung unsanft gestört wurde.
Entschuldige,“ brummte der Teddy, „aber ich habe dich nicht gesehen, doch vielen Dank auch, ohne dich wäre ich ziemlich hart gelandet.“
Der Hund hob nun doch sein Bein, dann wandte er sich um. „Willst du mitkommen?“
Teddy strahlte.
Gern!“
Und zusammen liefen sie nun durch die menschenleeren Straßen.
Der Hund blieb immer mal wieder schnüffelnd stehen, dann lief er in einen Hof und wühlte mit seiner Nase im Abfall, bis er schließlich einen Knochen hervor zog.
Dann ging es weiter.
Plötzlich fing es zu regnen an, Donner grollte und ein Blitz erhellte die Straße.
Teddys neuer Freund lief in eine Gasse zu einem halb verfallenen Haus und schlüpfte unter der beschädigten Tür ins Innere und er folgte ihm.
Während der Hund sich schüttelte, dass das Wasser nur so nach allen Seiten flog, sah Teddy sich neugierig um
Besonders schön sah es hier nicht aus.
Ein wackliger alter Tisch, ein paar Stühle, ein
zerschlissenes altes Sofa, mehr gab es nicht.
Und alles war von einer dicken Staubschicht übergezogen. Dichte Spinnennetze bedeckten die Wände und große schwarze Spinnen krabbelten eilig in den Schatten.
Teddy wollte gerade seinen neuen Freund fragen wo sie hier sind, da sah er zwei große runde Lichter aufragen.
Ein Gespenst!
Ängstlich drückte der kleine Bär sich in die dunkel Ecke und linste zu dem Hund hinüber, der ungerührt an seinem Knochen knabberte.
Sah er denn das Gespenst nicht?
Berno, alter Junge, wen hast du uns denn da mitgebracht?“ ertönte eine Stimme.
Das ist ein Teddybär, traf ihn, als er gerade aus der Klamottenkiste floh.“
(c) Werner B.


Ein großer schwarzer Kater schlenderte auf Teddy zu, dessen Herz ängstlich klopfte.
Hallo, ich bin Rambo, Bernos Freund. Hast du auch einen Namen, Kleiner.“
Teddy!“ stammelte dieser.
Der Kater wandte sich wieder ab und ging zu dem Hund hinüber.
Kurz schnüffelte er an dem Knochen.
Ziemlich spärlich, deine Mahlzeit, da habe ich doch etwas Besseres.“
Der Kater verschwand in der Dunkelheit und kam gleich darauf mit einer großen Wurst im Maul wieder und legte sie vor den Hund.
Dieser schnüffelte genießerisch und meinte zu Teddy gewandt.
Seit ich mit Rambo zusammen bin, muss ich nie mehr hungern!“
Der Kater kam nun mit einer anderen Wurst im Maul zurück und legte sie vor Teddy ab.
Dieser lächelte freundlich.
Vielen Dank, aber Teddybären müssen nicht essen und trinken.“
Rambo lachte.
Was für ein höflicher Junge du doch bist, du bist bestimmt kein Straßenkind?“
Nein, ich hatte sehr liebe Eltern und wurde gut erzogen. Meine Eltern waren adelig und hießen „von Steif“ und trugen ihr Wappen im linken Ohr.“
Dir haben sie kein Wappen gegeben?“
Doch, ich hatte auch eins, aber der Enkel des Mädchens,dem ich einst gehörte, hat es abgerissen und dabei mein Ohr beschädigt.“
Teddy dachte traurig an die dunkelste Stunde seines Lebens.
Danach wollte niemand mehr mit mir spielen, weil ich so hässlich war und sie verbannten mich auf den Speicher.
Vor kurzem ist die alte Frau gestorben und ich landete in dem Container.“
Ja wir haben alle mal schlechte Erfahrung mit den Zweibeinern gemacht,“ meinte Rambo und schlug mit der Pfote nach dem Hund.
Dieser hatte die ganze Zeit die Wurst nicht aus den Augen gelassen und wollte sie gerade schnappen.
Lass das, du gefräßiges Monster, die heben wir für später auf, denn so schnell darf ich mich bei der Metzgerei nicht mehr sehen lassen.“
Er kicherte, nahm die Wurst und verschwand.
Bedauernd sah ihm Rambo nach.
Ja Kleiner, auch ich habe mit den Menschen schlechte Erfahrungen gemacht. Und es wurde mir nicht an der
Wiege gesungen, dass ich einmal als Straßenköter ende.
Ich kam in einem schönen Hof auf die Welt und tollte dort glücklich mit meinen Geschwistern herum.
Eines Tages kam ein Mann und nahm mich mit.
Was habe ich bitterlich geweint, ich war doch noch so klein und musste meine Eltern und Geschwister verlassen.
Der Mann brachte mich in eine Wohnung in einem Hochhaus. Sie banden mir eine rote Schleife um und setzten mich in ein Körbchen unter dem Christbaum. Ich freute mich als der kleine Junge mich in die Arme nahm und nun hopste und spielte ich mit ihm herum und hatte meinen Kummer bald vergessen.
Doch als ich größer wurde, hatte der Junge keine Zeit mehr für mich. Auch stritten sie immer lautstark, wer mich nach unten bringen sollte, damit ich mein Geschäft verrichten konnte.
Das brachte mich oft in Bedrängnis und wenn mir dann ein Malheur passiert, dann brüllten sie mich an und schlugen mich.
Dabei konnte ich doch gar nichts dafür.
Eines Tages nahm mich der Mann und band mich in der Nähe eines Müllplatzes an einen Baum.“
Und da wäre er elendig verhungert und verdurstet, wenn ich ihn nicht befreit hätte. Außerdem musste ich ihm beibringen wie man auf der Straße überlebt.“
Rambo war zurück gekommen und setzte sich nun neben seine Freunde und begann sein Fell zu putzen.
Hast du auch mit den Menschen schlechte Erfahrungen gemacht?“ wollte Teddy wissen.
Eher sie mit ihm,“ kicherte Berno, „Rambo ist der König der Straßen und ein Meisterdieb!“
Der Kater grinste.
Nein, Kleiner, zum Glück war ich nie von diesen Kreaturen abhängig. Ich bin auf dem Müllplatz geboren, meinen Vater kannte ich nicht. Als dann meine Mutter auch nicht mehr
zurück kam, musste ich schon sehr früh lernen allein zurecht zu kommen. Aber nun lasst uns schlafen.“
Für Teddy begann nun eine aufregende und schöne Zeit.
Er streifte mit seinen beiden Freunden durch die Straßen und machte viele interessante Bekanntschaften.
Er lernte den Waschbären Emil kennen, den Dachs Merlin,
der oft vom nahe gelegenen Wald in die Stadt kam und den halb blinden Mops Hannchen, der in einem schönen großen Garten wohnte und gerne seine reich gefüllte Futterschüssel mit ihnen teilte.
(c) Bonmomo

In dem Garten wohnte auch der Igel Leopold, der sich oft zu einem Schwätzchen dazu gesellte.
Abends zog es die drei Kameraden dann in ihr Haus zurück und bevor sie einschliefen erzählten sie dem atemlos lauschenden Teddy dann noch spannende Geschichten aus ihrem bewegten Leben.
Eines Morgens hörten sie vor dem alten Haus Stimmen und das Brummen eines schweren Motors.
Rambo sprang auf die Fensterbank und drückte seine Nase an die Scheibe.
Entsetzt rief er seinen Freunden zu.
Wir müssen verschwinden, sie reißen das Haus ab!“
Aus sicher Entfernung sahen sie nun wie die riesige Abrissbirne mehrmals voller Wucht gegen das Haus prallte und es zusammenbrach.
Traurig verließen sie den Ort, wo sie so viele Jahre Zuflucht gefunden hatten.
Obwohl Teddy erst kurz darin gewohnt hatte überfiel auch ihn eine große Traurigkeit.
Merlin kam vergnügt die Straße entlang und grüßte sie fröhlich.
Warum seht ihr so betrübt aus.“
Nachdem er erfahren hatte, dass ihr Haus eben abgerissen wurde, schlug er ihnen vor mit ihm in den Wald zu gehen. Dort gab es eine alte leere Bärenhöhle.

(c) meine Tochter

Nun lebten sie schon einige Zeit in der Höhle.
Rambo ging auf Diebestour in den umliegenden Bauernhöfen und Berno jagte Kaninchen.
Manchmal aber mussten sie auch mit knurrendem Magen schlafen gehen und sie beneideten den Teddybären, der weder essen noch trinken musste.
Eines Tages waren sie wieder unterwegs auf Hasenjagd.
Rambo saß oben auf dem Baum um Ausschau zu halten, Teddy verkroch sich im Gebüsch und Berno kauerte sprungbereit im Gras.
Es raschelte und ein kleiner Hase kam auf die Lichtung, Berno sprang auf, da knallte ein Schuss.
Ein langer brennender Schmerz fuhr dem Hund über den Rücken.
Der Hase aber lief im Zickzack davon und verschwand in seinem Bau.
Ein Mann in grüner Uniform trat zu dem Hund und hob die Büchse.
Da sprang Rambo mit ausgefahrenen Krallen dem Mann auf den Kopf.
Während dieser mit dem Kater kämpfte und der Jagdhund bellend um die Beiden herum sprang, rappelte Berno sich auf und lief davon.
Als Rambo sah, dass sein Freund in Sicherheit war, ließ er von seinem Opfer ab und raste durch den Wald.
Der Jäger aber betastete fluchend sein zerkratztes Gesicht, hob die Waffe auf und verschwand.
Teddy hatte sich voller Angst tief ins Gebüsch verkrochen, nun aber kam er heraus und eilte zur Höhle.
Besorgt beobachten sie den aus einer tiefen Wunde blutenden Freund, der immer wieder kläglich jaulte und sich ziemlich elend fühlte.
Bleib du bei ihm, ich hole Hilfe!“ rief Rambo und sauste davon.
Bei seinen Streifzügen war er auch an einer alten Hütte am
Waldrand vorbei gekommen.
Dort lebte eine alte Frau, Kräuterweiblein, genannt.
Als sie ihn einmal entdeckte, hatte sie ihm eine Schale Milch und Essensreste hingestellt.
Rambo sprang über den Zaun.



Die Hühner, die im Boden scharrten, liefen flügelschlagend auseinander und die Ziege, die an einen Pflock gebunden
war, meckerte empört.
Die alte Frau trat aus dem Haus und Rambo lief auf sie zu und streifte schnurrend um ihre Beine.
Als sie sich bückte, um ihn zu streicheln, brachte er sich in Sicherheit und fixierte sie beschwörend.
Du willst mir wohl etwas sagen?“ murmelte die Alte und als Antwort drehte sich Rambo um, lief ein paar Schritte, drehte den Kopf und maunzte auffordernd.
Wenig später kniete die alte Frau vor dem verwundeten Hund.
Ein Streifschuss, der muss behandelt werden.“
Sie erhob sich und verließ die Höhle.
Enttäuscht sahen Rambo und Teddy ihr nach.
Doch wenig später kam sie wieder, hinter sich einen mit Decken ausgepolsterten Leiterwagen, herziehend.
Sie hob den Hund hinein, setzte Teddy dazu und begleitet von Rambo, der mit hoch erhobenen Schwanz neben ihr ging, fuhren sie zum Häuschen.
Unter ihrer guten Pflege ging es dem Hund bald besser. Teddy bekam einen Knopf als zweites Auge, sein Ohr wurde geflickt und wenn es auch ein wenig kleiner war, so war er doch glücklich.
Auch strickte ihm die alte Frau eine Latzhose und einen Pullover.
Die Tiere und auch der Teddybär beschlossen bei der alten Frau zu bleiben, denn hier ging es ihnen gut.
Teddy gefiel es auf dem Sofa und wenn nachts Rambo die Gegend durchstreifte durfte er ihn begleiten.


Berno aber wollte lieber zuhause bleiben, denn einer musste ja auf die alte Frau aufpassen.
Diese bekam natürlich nicht mit, dass der Teddy abends lebendig wurde.
Sie wunderte sich nur, warum seine Kleidung immer so schmutzig war.

© Lore Platz







Mittwoch, 20. März 2019

Das kleine rote Auto und die Elfenprinzessin

Habt ihr mich gestern vermisst.
Ich habe euch tatsächlich vergessen, denn wenn ich nicht gleich nach dem Frühstück in meinen Blog geh, kommt immer was dazwischen.
Entschuldigt bitte.
Viel Spaß beim Lesen!
 

(c) Irmgard Brüggemann




Das kleine rote Auto und die Elfenprinzessin




Onkel Oskar, Onkel Oskar, sieh nur wie hübsch ich bin!“ 
Bellinda, das einzige Mädchen der Drillinge klettert über die Rücklehne und stellt sich auf dem Beifahrersitz auf die Hinterbeine. 
Die Pfötchen über dem Kopf dreht sie sich wie eine kleine Ballerina, dass der weite Rock des hübschen roten Kleidchen um ihre Beine schwingt. Eine rote Schleife schmückt das rechte Ohr.
Oskar lächelt liebevoll, das kleine Mäusemädchen war sein ganz besonderer Liebling. 
Und so meint er freundlich: „ Du siehst wirklich bezaubernd aus, wie ein kleines Fräulein.“ 
Bellinda hält in ihrem Tanz inne und strahlt.
 „Nicht wahr, mein Kleid ist ja soooo schön! Mama hat es extra von Madame Spinne anfertigen lassen. Weißt du meine Kusine Mira heiratet doch heute und ich darf Blumen streuen.“


(c) Irmgard Brüggemann

Halt die Klappe, Bel, das erzählst du Onkel Oskar schon seit einer Woche,“ brummt ihr Bruder Oskar und kommt auch nach vorn. 
Schick schaut er aus in dem hübschen kleinen Frack. Frau Kathrin klettert über die Lehne, eine große Tasche in der einen Hand und einen Koffer in der anderen Hand. 
Sie sieht etwas genervt aus und setzt sich prustend nieder.
Herr Max kommt durch das Fenster.
 „Die Schneckenpost wartet.“ 
Frau Kathrin drückt ihm das Gepäck in die Hand und Herr Max schlüpft hinaus, um es auf der Kutsche zu verstauen. 
Bellinda trippelt aufgeregt von einem Bein auf das andere.
 „Stell dir vor wir dürfen mit der Kutsche fahren, ist das aufregend.“
Frau Kathrin sieht sich um. „Wo ist Bruno?“ 
„Der Herr Professor wird wieder seine Nase in ein Buch gesteckt haben,“ grinst Oskar. 
Frau Kathrin wirft ihm einen strafenden Blick zu. 
„Du sollst dich nicht immer über deinen Bruder lustig machen, ich wäre froh, wenn deine Zensuren besser wären. Nun geh und hole ihn.“ 
„Bruuunnnooo!“ brüllte Oskar und seine Mutter zuckt zusammen. 
Gleich darauf erscheint der Mäusejunge.
Auch er trägt einen kleinen Frack und sieht seinem Bruder sehr ähnlich, nur da dass auf seiner Nase eine kleine Brille sitzt. 
„Nun können wir ja gehen, auf Wiedersehen Herr Oskar, wir werden einige Tage bei unseren Verwandten bleiben.“ 
"Auf Wiedersehen Onkel Oskar!“ rufen die Kinder.“
Still ist es jetzt im Auto und Herr Oskar ist ein wenig traurig, aber dann tröstet er sich, dass seine Untermieter ja bald wieder zurückkommen.

Außerdem ist er ja nicht allein, immer wieder kommt eines der Waldtiere vorbei und bleibt auf einen kleinen Plausch stehen.
Dann geht der Tag zu Ende und die Sonne geht schlafen und der Mond nimmt ihren Platz ein. 
Die Vögel kuscheln sich in ihre Nester und die Tiere verschwinden in ihrem Bau. Stille liegt über dem Wald. Auch Herr Oskar schließt die Augen und ist bald eingeschlafen.
 

Etwas weckt ihn auf. Es ist dunkel draußen und nur das fahle Licht des Mondes beleuchtet ein wenig den Wald. Alles ist ruhig und Herr Oskar dachte schon, er hätte sich getäuscht und schließt wieder die Augen. Doch dann hört er ein leises Weinen.
„Hallo, wer weint denn da?“ 
Sofort verstummt das Weinen, man hört nur noch ein leisen Schniefen. 
„ Habt keine Angst, ich tue euch nichts, zeigt euch doch.“ 
Er spürt eine leichte Bewegung und durch den Mond der durch die Scheibe scheint, sieht er nun ein kleines zartes Wesen, das auf der Ablage sitzt. So etwas zartes und süßes hatte Herr Oskar noch nie gesehen.
 



„Wer bist denn du?“ 
„Ich bin Sonilinde, die Tochter der Elfenkönigin Sonnenblume und ich wurde von dem bösen Kobold Alberich gejagt. Beinahe hat er mich erwischt, aber ich konnte mich losreißen, dabei sind meine Flügel verletzt worden und ich kann nicht mehr fliegen. 
Zum Glück kam mir der Wind zu Hilfe, er schickte mir ein Blatt, an das ich mich hängen konnte und blies mich hier in den Wald. Und ich bin zu ihnen herein gekrochen, weil ich hoffe der Kobold findet mich hier nicht.“

Wieder fängt sie zu weinen an. 
„Aber, aber,“ tröstet Herr Oskar, „der Wind wird sicher eurer Mutter Bescheid sagen und sie holt euch ab.“ 
Doch Sonilinde schüttelt den Kopf. „Er musste gleich weiter!“
„ Nun schlaft kleine Elfe, morgen sieht alles viel besser aus.“ 
Das zarte Wesen klettert wieder auf den Sitz, doch dann meint es schüchtern. 
„Können sie die Fenster nicht schließen? Nicht, dass der Kobold mich hier findet.“ 
„Leider geht das nicht, ich sitze hier fest und kann mich nicht rühren.“
 „Vielleicht könnte ich?“ 
Herr Oskar lacht: „Sehen sie die Kurbel da an der Tür, das ist viel zu schwer für sie.“ 
Die Elfe lacht und es klingt wie das Läuten eines silbernen Glöckchen. „ Ich hab doch meinen Zauberstab!“
Sie hält den Sternenstab gegen die Kurbel, die sich wie von selber dreht und das Fenster ist geschlossen. Dasselbe macht sie auf der anderen Seite. 
„ Nun bin ich sicher.“ 
Mit einem zufriedenem Seufzer kuschelt sie sich zusammen und bald zeigen zarte kleine Töne, dass sie eingeschlafen ist.
Herr Oskar aber kann noch nicht schlafen. Schmunzelnd denkt er über dieses neue Abenteuer nach. Seit er hier im Wald gestrandet ist, war sein Leben nie mehr langweilig. 
Bald aber schläft auch er.
Es ist spät, als er am nächsten Morgen erwacht und auch sein kleiner Gast schläft noch. Im Wald ist es auffallend still und es ist auch niemand zu sehen. Sonst um diese Zeit herrschte hier um ihn herum schon reger Betrieb. 
Da sieht er Fritz, den Igel, der mit schnüffelnder Nase auf den Boden ihm entgegen läuft. 
 „Fritz!“ Der Igel reagiert nicht. Richtig er konnte ihn ja nicht hören, die Fenster waren zu.
Herr Oskar räuspert sich. „Fräulein Sonilinde!“ Die kleine Elfe regt sich, hebt gähnend beide Arme und streckt sich. 
„Guten Morgen, Herr Oskar!“
„ Guten Morgen mein Fräulein, würdet ihr bitte die Fenster wieder öffnen, ich möchte gerne meinen Freund etwas fragen.“
Wie ein Blitz gehen die Fenster runter und als nun Herr Oskar ruft, hebt der Igel den Kopf und trippelt näher ans Auto heran.
„Guten Morgen Oskar.“ „Guten Morgen Fritz. Weißt du, warum der Wald heute wie ausgestorben ist.“
„Sie machen sich alle fein, denn heute hat die Elfenkönigin Sonnenblume
Geburtstag und alle sind zum Fest eingeladen.“ 
Sonilinde seufzt leise. „ Weißt du ob sich der Kobold Alberich im Wald herum treibt?“
Fritz zieht seine Schnauze ein und ist nur eine stachelige Kugel.
„So ein Hasenfuß, da werden wir wohl keine Antwort die nächste Zeit erhalten. Aber bald wir bestimmt jemand vorbei kommen und uns helfen.“
Verzagt klettert die kleine Elfe auf den Beifahrersitz und da Herr Oskar befürchtet, dass sie gleich wieder los weinen wird, erzählt er ihr lustige Streiche von den Drillingen und bringt Sonilinde zum Lachen. 
Doch die Zeit vergeht und immer noch lässt sich jemand blicken und auch Fritz liegt immer noch zur Kugel gerollt vor dem Auto. Herr Oskar ist etwas besorgt, doch er will die kleine Elfe nicht beunruhigen.
Dann hat er eine Idee. 
„Fräulein Sonilinde können sie mit ihrem Zauberstab auch die Hupe zum Tönen bringen?“ „Was ist eine Hupe?“
„Damit kann ich mich bemerkbar machen, es ist ein lang anhaltender Ton. Sehen sie vorne das runde Rad, das ist das Steuerrad und dieser kleine Hebel daran ist die Hupe.“ Die Elfe zückt den Zauberstab und der Hebel bewegt sich und ein lautes „Tuuuuuuut“ ertönt.
Vor Schreck fällt Sonilind auf den Rücken, doch dann beginnt sie zu kichern und lässt die Hupe nochmal ertönen.
Fritz streckt erschrocken seine Nase heraus, um dann sofort wieder in der Kugel zu verschwinden.
Doch ringsum wird es lebendig. Die Tiere kommen von allen Seiten angelaufen und scharren sich um das Auto. Der König des Waldes schreitet aus einem Gebüsch und die Tiere bilden eine Gasse, um ihn zu Herrn Oskar zu lassen.
„Haben sie diesen seltsamen Laut ausgestoßen, Herr Oskar.“ „ Ja, mein kleiner Gast hier, braucht eure Hilfe!“
Die Elfenprinzessin klettert durch das Fenster auf das Dach und erzählt nun ihr Abenteuer. 
Als sie berichtet, dass ihre Flügel beschädigt sind und sie nicht mehr fliegen kann, geht ein mitleidiges Aufseufzen durch die Versammlung. Der Hirsch aber beugt sein Geweih und bittet. 
„Prinzessin wir werden sie zu ihrer Mutter bringen, klettert bitte auf mein Geweih.“ 
Dann setzt sich der lange Zug der Tiere in Bewegung, um zur Sonnenblumenwiese zu marschieren. „Auf Wiedersehen, Herr Oskar und danke!“ ruft die kleine Elfe und winkt ihm zu.
Dieser ist ein wenig traurig, doch dann schmunzelt er. Eigentlich hatte er doch gar keine Lust an diesem Fest teilzunehmen, dazu war er doch schon zu alt und behäbig.
Er ließ seine Gedanken schweifen, da spürt er auf einmal eine Bewegung und eine Elfe mit schwirrenden Flügeln lässt sich auf dem Beifahrersitz nieder.
„Guten Tag Herr Oskar, ich bin Sonnenblume und möchte mich bei ihnen herzlich bedanken, dass sie meiner Tochter geholfen haben.“
 


„ Guten Tag, das ist doch nicht der Rede, aber haben sie nicht heute Geburtstag, herzlichen Glückwunsch.“
„Danke schön, aber ich würde ihnen gern eine Freude machen.“ 
Herr Oskar lacht: „ Aber ich habe doch nicht Geburtstag!“ 
Auch die Elfenkönigin lacht. „ Meine Tochter hat mir erzählt, dass sie sich nicht bewegen können. Meine Zauberkraft reicht zwar nicht, dass sie wieder fahren können, aber alles anders könnten sie bewegen, wenn sie den Wunsch dazu haben. Möchten sie?“
Herr Oskar strahlt. 
"Das wäre prima. Wissen sie, ich habe mir schon etwas Sorgen gemacht, wenn es kalt wird, ob meine Mäusefamilie dann nicht erfriert, aber wenn ich die Fenster schließen kann.“
„ Und die Heizung betätigen!“
Die Elfe hebt den Zauberstab und murmelt einige Worte. Dann meint sie lächelnd. „Nun Herr Oskar wollen sie es ausprobieren, sie brauchen nur zu wünschen.“
Und Oskar lässt die Fenster auf und zu gleiten, die Kühlerhaube und Motorhaube hinaufschnellen und wieder runter, die Scheinwerfer auf strahlen und die Hupe lang ertönen. 
Frau Sonnenblume lacht und als Oskar sich wieder beruhigt hat, meint sie bedauernd. „Nun muss ich wieder zu meinen Gästen. Ach, meine Tochter lässt fragen, ob sie sie besuchen darf?“ 
„Gerne, ich habe die Kleine ins Herz geschlossen, sie ist ja wirklich entzückend. Aber ist es nicht zu gefährlich, der Kobold Alberich?“ 
„Den habe ich in die Unterwelt verbannt, der kann keinen Schaden mehr anrichten. Nun aber auf Wiedersehen!“ 
Sie fliegt davon und Oskar lässt nun sein Auto tanzen, hebt Kühlerhaube auf und zu, lässt die Hupe erschallen und Fenster sich bewegen, bis Frau Eule aus ihrem Bau fährt und laut „Ruhe“ brüllt.
Oskar kichert und überlässt sich seinen vergnügten Gedanken.



© Lore Platz

Montag, 18. März 2019

Lila- Luna die kleine Elfe

Ich hoffe ihr hattet ein schönes Wochenende. 
Obwohl ja bis zu 20° angesagt, war das Wetter bei  uns eher durchwachsen.
Aber heute ist es sonnig und ich kann es wohl wagen meine kleine Elfe Lila-Luna zu euch ins Wohnzimmer zu schicken.
Viel Spaß beim Lesen!

 
(c) eigenes Foto



Lila- Luna die kleine Elfe


Anneliese kaut gedankenverloren an ihrem Bleistift.
Traurig sieht sie durch das Fenster hinaus in den Garten. Es ist so schönes Wetter und sie muss Hausaufgaben machen, die wie immer viel zu viel sind.
Eine Hummel kommt brummend angeflogen, stößt gegen die Scheibe und landet dann auf der Fensterbank.
Anneliese grinst, was für ein Tolpatsch, dann stutzt sie, denn der lila Punkt auf ihrem Rücken, der ihr jetzt erst auffällt, bewegt sich.
Das Mädchen springt auf und geht zum Fenster.
Doch wie staunt sie über das kleine zarte Wesen in einem lila Kleid, das sie freundlich ansieht.
Wer bist denn du?“
Das kleine Wesen strahlt.
Ich bin Lila–Luna eine Elfe, leider noch ohne Flügel,“ 
nun wird ihr Gesicht traurig, 
„ und so wie es aussieht werde ich auch dieses Jahr ohne Flügel bleiben, dabei habe ich alle zehn Aufgaben gelöst und die Prüfung bestanden.“
Auf den fragenden Blick von Anneliese erklärt sie ihr, dass ihr Freund Brummer sie auf die große Festwiese hinter dem Wald bringen wollte, wo heute alle Absolventen der Elfenschule ihre Flügel bekommen.
Leider hatte sich Brummer gestern erkältet und Fieber bekommen und ist nun zu schwach, um weiter zu fliegen.
Kann ich dir helfen?“ fragt Anneliese spontan.
Die kleine Elfe betrachtet sie einen Moment nachdenklich, dann strahlt sie.
Du könntest mich auf die Festwiese tragen, mit deinen
Riesenfüßen sind wir bestimmt bald da.
Aber vorher müssen wir Brummer noch zu Doktor Wichtel bringen.“
Anneliese legt die Hummel vorsichtig in ein Taschentuch, setzt die zierliche kleine Elfe auf ihr Schulter und verlässt mit den Beiden das Haus.
Den Wald haben sie bald erreicht und Lila-Luna bittet das Mädchen sie bei einer großen knorrigen Eiche herunterzulassen.



                           (c) Elli M.

Während Anneliese die Hummel vorsichtig ins Gras legt, klopft die Elfe an die kleine Tür.
Ein Wichtel steckt seinen Kopf heraus und erschrickt ein wenig als der Anneliese sieht, doch dann bemerkt er die Elfe und kommt heraus.
Guten Tag Doktor Wichtel, Brummer ist sehr krank, kannst du ihm helfen.“
Der Wichtel hat sich schon über die Hummel gebeugt und murmelt. „Er hat hohes Fieber, aber das wird schon wieder, am besten wir bringen ihn ins Haus.“
Auf seinen Ruf kommen zwei weitere Wichtel heraus mit einer Tragbahre, auf die sie die Hummel legen und ins Haus bringen.
Doktor Wichtel wendet sich nun an die Elfe.
Du brauchst dir keine Sorgen um deinen Freund zu machen, ich kümmere mich um ihn, aber nun spute dich, die Glockenblume hat schon zum zweiten geläutet und du weißt beim dritten Mal beginnt die Zeremonie.“
Lila-Luna nickt ernst und bittet.
Das Menschenmädchen hat mir sehr geholfen und ich möchte sie gerne mitnehmen, aber mit ihren Riesenfüßen kann sie viel Unheil anrichten auf der Festwiese. Kannst du sie bitte klein machen, du weißt, solange ich keine Flügel habe darf ich nicht zaubern.“
Doktor Wurzel nickt und murmelt ein paar Wörter und Anneliese spürt plötzlich ein Kribbeln am ganzen Körper
und ist auf einmal so klein wie ihr neu gewonnene
Freundin.
Kichernd fassen sie sich an den Händen und laufen los.
Doktor Wichtel aber verschwindet kopfschüttelnd in seinem Häuschen.
Die beiden Mädchen haben die Festwiese fast erreicht, da zieht Lila-Luna Anneliese ganz schnell unter einen Himbeerstrauch.
Siehst du dort drüber im Gras,“ wispert sie, „ da schleichen sich einige Kobolde an, die wollen sicher das Fest stören.“
Schweigend beobachten die Freundinnen, wie die frechen Gesellen sich lautlos durch das hohe Gras schieben.
Komm, wir gehen zur Bienenkönigin.“
Kurze Zeit später klopft Lila-Luna an den Stamm, in dem das Bienenvolk lebt.
Eine Biene steckt der Kopf heraus.
Was willst du?“
Ich bin Lila-Luna und muss ganz schnell die Frau Königin sprechen.“
Wenig später kommt die Königin zu ihnen herunter geflogen und als die kleine Elfe ihr aufgeregt von den Kobolden erzählt, handelt diese schnell.
Bald darauf schwirrt ein Schwarm Soldatinnen aus.
Die beiden Mädchen halten sich angstvoll umschlungen und lauschen.
Stachel ausfahren!“ ruft die Anführerin der Bienen und auf einmal wird es lebendig im Gras.
Die Kobolde fliehen nach allen Seiten, verfolgt von den Bienen.
Lila-Luna und Anneliese jubeln und hüpfen im Kreis herum , doch die Bienenkönigin mahnt: „Beeilt euch, die Glockenblume läutet gerade zum dritten Mal .“
Atemlos kommen die Mädchen auf der Festwiese an.
Eben verlässt die letzte Elfe mit ihren neuen Flügeln das Podium.
Frau Professor Elektra wirft einen grimmigen Blick auf
Lila-Luna und kommt ihnen entgegen.
Du bist zu spät, deine Flügel bekommst du dieses Jahr nicht.“
Aber ich habe die Prüfung doch bestanden,“ ruft die kleine Elfe verzweifelt, „ und dass ich zu spät komme hatte seinen Grund“
Keine Ausreden, Pünktlichkeit ist eine Tugend und dir fehlt es entschieden an Disziplin!“
Frau Elektra wendet sich ab und die kleine Elfe lässt traurig den Kopf hängen.
Tröstend legt Anneliese ihren Arm um die Freundin.
Unruhe entsteht auf der Festwiese und Doktor Wichtel und die Bienenkönigin bahnen sich einen Weg durch die Menge.
Auf ein Wort Frau Elektra,“ ruft der Wichtel und diese bleibt stehen.
Und nun erzählen die Beiden, wie Lila-Luna ihren kranken Freund zu Doktor Wichtel gebracht und die Elfen vor einem Überfall der Kobolde bewahrt hat.
Mit jedem Wort wird das strenge Gesicht der Professorin milder.
Sie nimmt die kleine Elfe bei der Hand und führt sie auf das Podium.
Ich muss mich bei dir entschuldigen, denn ich habe dir Unrecht getan.
 Du hast uns allen einen großen Dienst erwiesen und statt dich zu tadeln, hätte ich dich anhören müssen. 
Natürlich bekommst du deine Flügel.“
Sie holt ein wunderschönes Flügelpaar und befestigt es auf dem Rücken der kleinen glücklichen Elfe.
Ganz vorsichtig bewegt Lila-Luna die Flügel, dann immer schneller und schließlich fliegt sie laut singend in die Luft, überquert die Festwiese unter dem begeisterten Jubel der kleinen Gesellschaft und landet direkt neben Anneliese.
Liebevoll umarmt sie das Mädchen und raunt. „Ohne dich hätte ich es nie geschafft!“
Anneliese aber feiert nun fröhlich mit, tanzt ausgelassen
nach den Klängen der Grillen, probiert von der
Blütengrütze und dem Honigmet und wird auf einmal furchtbar müde.
Als sie erwacht, liegt sie in ihrem Bett und ihre Mutter beugt sich über sie.
Du musst aber müde gewesen sein, wenn du am helllichten Tag schläfst, „ lacht diese.
Aber nun komm nach unten und mach deine Hausaufgaben fertig. Es liegt alles noch auf dem Tisch.“
Als die Mutter das Zimmer verlassen hat, grübelt Anneliese darüber nach, ob sie tatsächlich mitten unter dem Hausaufgaben machen eingeschlafen ist und alles nur geträumt hat.
Aber es war ein sehr realer Traum.
Als sie hinüber zum Fenster sieht, stutzt sie.
Auf der Fensterbank liegt eine lila Blüte.
War alles wirklich nur ein Traum?

© Lore Platz


Freitag, 15. März 2019

Und plötzlich ist man Oma

Mit der heutigen Geschichte wünsche ich euch ein schönes Wochenende.
Viel Spaß beim Lesen!


(c) Elli M.



Und plötzlich ist man Oma


Luise Brunner band sich die Schürze um das Dirndl und schaute in den Spiegel.
Müde Augen sahen ihr entgegen, wie so oft in den vergangenen zehn Jahren war sie lange wach gelegen und hatte sich dann immer wieder schlaflos herum gewälzt.
Und wenn sie dann schlief, dann kam es ihr vor als wären es nur Sekunden gewesen.
Vor zwölf Jahren hatte ihr einziger Sohn nach einem bitterbösen Streit mit ihrem Mann den Hof verlassen.
Bertl war dahinter gekommen, dass Andreas statt Landwirtschaft Medizin studierte, weil er unbedingt Arzt werden wollte.
Sein Vater hatte ihn vor die Wahl gestellt, Landwirt oder Medizin.
Die beiden Hitzköpfe hatten sich angeschrien und ein Wort gab das andere und dann hatte Andreas seinen Rucksack gepackt und war gegangen.
Zwei Jahre hatte sie ihm Geld fürs Studium geschickt, denn Bertl hatte die Unterstützung für seinen Sohn eingestellt.
Doch dann war ihr Mann dahinter gekommen und es hatte einen fürchterlichen Krach gegeben und er hatte ihr die Vollmacht für das Konto entzogen.
Seitdem hatte sie auch nichts mehr von ihrem Jungen gehört.
Seufzend wendete sie sich um und ging die knarrenden Holzstufen hinunter.
(c) Helge T.


Aus der Küche klang das Klappern von Geschirr und das Lachen der Mägde.
Luise setzte ein Lächeln auf und trat mit einem Gruß ein.
Guten Morgen,“ klang es fröhlich zurück und Kathi, die
Jungmagd brachte ihr eine Tasse dampfend heißen Kaffee.
Die alte Theres brockte Brot in ihr Haferl Kaffee und warf
unter ihren buschigen Augenbrauen einen prüfenden Blick zur Bäuerin.
Sie bemerkte als einzige die müden traurigen Augen.
Theres war schon über achtzig und war schon auf dem Hof, als der Bauer noch in den Windeln lag, und durfte sich mehr erlauben als manch andere und sie hatte dem Bertl damals ordentlich die Meinung gesagt, als er den Buben vom Hof jagte, aber genutzt hatte es auch nichts.
Sture Dickschädel sind sie eben alle Beide.
Der Bauer kam in die Küche, brummte einen kurzen Gruß und ließ sich auf seinem Platz nieder.
Kathi brachte auch ihm ein Haferl Kaffee.
Während Bertl sich reichlich von der Erdbeermarmelade auf sein Butterbrot schmierte warf er einen besorgten Blick zu seiner Frau.
Er hatte mitbekommen, dass sie sich wieder ruhelos im Bett gewälzt hatte und wie so oft hatte er ein schlechtes Gewissen.
Es tat ihm doch auch schon leid, die Sache mit dem Buben und er hätte es gerne ungeschehen gemacht, denn der Andi fehlte ihm, aber er wusste nicht wie.
Er war halt so ungeschickt, wenn es um Gefühle ging.
Deshalb sagte er barscher, als er wollte.
Luise, die Selma wird bald kalben, behalte sie ein wenig im Auge und ruf den Tierarzt, wenn etwas sein sollt. Das letzte Mal hat sie sich auch so schwer getan.
Ich bin mit dem Loisl und dem Xaver auf der oberen Wiese, da kann man net mit'm Mähdrescher hin, müssen also mit der Sense mähen.
Und du Kathi, nachher wenn' st im Stall fertig bist, kimst aufi und hilfst beim zsamm recha. Und Alma du bringst die Kühe auf die Weide.“

 
(c) Werner B.
Er verließ die Küche.
Luise folgte den Mägden in den Stall.
Während Kathi die Melkmaschine säuberte, ließ Alma die Tiere aus der Box und trieb sie den Gang entlang ins Freie.
Luise aber ging zu Selma, die mit müden Augen in ihrem Pferch stand.
Nicht wahr es ist schon ein Kreuz mit den Kindern. Schmerzen hat man bis sie auf der Welt sind und dann machen sie einem immer wieder mal Sorgen und Kummer.“
Später ging Luise in den großen Gemüsegarten.
Sie kniete nieder, um das Unkraut zu rupfen.
Grüß Gott!“
Die Frau sah auf und sah ein kleines etwa vierjähriges Mädel am Zaun.
Grüß Gott,“ antwortete sie freundlich.
Was machst du da?“
Ich rupfe Unkraut.“
Warum?“
Damit das Gemüse mehr Platz zum Wachsen hat.“
Darf ich dir helfen?“
Gerne, komm nur rein, dort vorne ist die Tür.“
Bald knieten die beiden einträchtig nebeneinander und rupften das Unkraut aus der Erde.
Dabei stand das Mündchen der Kleinen keinen Moment still.
Und so erfuhr Luise, dass sie Fiona hieß, aber jeder sie nur Pünktchen rief, wegen ihrer Sommersprossen.
Dass sie bei Doktor Bauer wohnten und ihr Papa aber noch in Berlin sei, weil er seinen Vertrag noch einhalten müsse.
Aber in einigen Wochen würde er dann nachkommen und dann blieben sie immer hier.
Ein weißer Spitz kam bellend an den Zaun, ihm folgte ein etwa achtjähriger Junge.
Pünktchen sprang auf
(c) Roswitha, B.

Das ist Flocke und mein Bruder Tobias.“
Pünktchen,“ schimpfte der Junge, „ du sollst doch nicht allein losgehen, wenn du dich nun verirrst?“
Quatsch!“
Das Mädchen deutete mit dem Finger auf den Kirchturm.
Ich gehe immer in Richtung Kirche und nicht weit davon ist dann das Haus von Onkel Pankratz.“
Willst du herein kommen? Wir wollten gerade eine Pause machen. Es gibt Kirchweihnudeln.“
Wat it dat?“
Du sollst doch nicht berlinern,“ schimpfte Pünktchen ihren Bruder.
Luise aber lachte und meinte: „Kirchweihnudeln sind so ähnlich wie Berliner.“
Bald saßen sie alle in der Küche bei Kakao und dem Schmalzgebäck.
Luise hörte amüsiert dem Geplänkel der Kinder zu und stellte erstaunt fest, dass sie so viel wie heute die vergangenen zehn Jahre nicht mehr gelacht hatte.
Später brachte sie die Kinder hinaus und winkte ihnen noch lange nach.
Als sie ins Haus zurück kehrte wurde sie von der alten Theres, die auf der Bank in der Sonne saß, aufgehalten.
Die Kinder gefallen dir wohl?“
Ja,“ Luise lächelte versonnen,“ weißt, es ist seltsam, aber mir ist, als würde ich sie schon immer kennen.“
Das ist die Stimme des Blutes,“brummte die alte Magd.
Sie klopfte auf den Platz neben sich.
Setz dich zu mir, ich muss mit dir reden.“
Und nun erfuhr Luise, dass Andreas seinen Doktor gemacht und als Internist in der Charité in Berlin arbeitete.
Dort hat er auch sein Frau Friedel kennen gelernt, die als Krankenschwester ebenfalls dort tätig war.
Aber warum hat er nie mehr geschrieben?“ klagte Luise.
Weil er dir keinen neuen Ärger mit dem Vater bereiten wollte, deshalb hat er sich an mich gewandt und wollte i
immer wissen wie es euch geht.“
Und warum hast du mir nicht gesagt, dass ich zwei Enkelkinder habe?“
Das hätte dich doch nur noch trauriger gemacht und gegen den Bertl hast du dich doch noch nie durchsetzen können.“
Luise sah still vor sich hin. Dann straffte sie die Schultern und eilte los.
Wohin willst' denn?“
Zum Doktorhaus!“
Theres schmunzelte.
Wird Zeit Bäuerin, dass du mal Rückgrat zeigst.“
Eine hübsche junge Frau öffnete auf ihr Klingeln.
Der Herr Doktor ist nicht da, er macht gerade einen Hausbesuch.“
Ich will auch nicht zum Pankratz, sondern zu dir. Ich bin die Alpenhofbäuerin.“
Die junge Frau errötete leicht und meinte verlegen.
Ich weiß, wollen sie herein kommen?“
Gern, aber wir sagen uns gleich du, nicht wahr.“
Friedel lächelte, „ willst du einen Kaffee?“
Luise folgt der jungen Frau in die große geräumige Küche und während sie sich den Kaffee schmecken ließen, stellte sie viele Fragen, die Friedel bereitwillig beantwortete.
Bald war es als würden sie sich schon ewig kennen.
Die Tür ging auf und die Kinder und hinter ihnen Pankratz kamen in die Küche.
Hm hier duftete es nach Kaffee.“
 Zufrieden ließ er sich von Friedel eine Tasse einschenken.
Weißt Luise, seit die Friedel hier ist geht es mir gut, die verwöhnt mich und kochen kann die.“
Er küsste seine Fingerspitzen und alle lachten.
Und wenn erst der Andreas da ist, dann hab ich auch Hilfe in der Praxis und später wird der Bub sie dann ganz übernehmen. Aber vorher gibt es wohl noch einiges zu machen, hier wie auch anderswo.“
Er zwinkerte Luise zu.
Pünktchen die sich an ihr Knie geschmiegt hatte fragt nun:
Tante Luise bleibst du zum Abendessen?“
Prima, es jibt Buletten, di magst sicher und Mama macht so nee große, da wirste kieken.“
Tobias, du sollst doch nicht berlinern!“ riefen Friedel und Pünktchen.
Pankratz aber lachte.
Luise hast du alles verstanden? Er meint Fleischpflanzerl riesig große und du wirst staunen.“
Ich habe ihn schon verstanden.“ 
Liebevoll strich sie dem Jungen über das Haar.
Nach dem Abendessen brachte Luise zusammen mit Friedel die Kinder ins Bett, dann setzten sich die drei Erwachsenen mit einem Glas Rotwein zusammen und überlegten wie sie den Bertl auf Andreas Rückkehr vorbereiten sollten.
Schließlich kamen sie überein, dass es wohl am besten wäre es über die Kinder zu versuchen.
Da sowieso der Maler kam, um die Zimmer zu renovieren, wäre das eine gute Ausrede, wenn Luise sich in der Zeit um die Kinder kümmerte.
Es war schon zehn Uhr, als Luise sich auf den Heimweg machte.
Sie fühlte sich so glücklich und beschwingt, wie schon lange nicht mehr.
Bertl war noch wach, als sie in die Schlafstube trat.
Wo warst du denn so lange?“
Beim Pankratz!“
Fehlt dir was?“
Nein jetzt nimmer!“
Luise legte ihre Kleider ordentlich auf den Stuhl, schlüpfte ins Bett und war gleich darauf eingeschlafen.
Bertl aber lag noch lange wach und grübelte über seine Frau, die ihm heute so verändert vorkam, nach.
Wie staunte er aber als er wach wurde und Luise leise summend aus dem Bad kam.

Diese hatte wunderbar geschlafen wie schon lange nicht
mehr und während sie ihre lange Haare flocht und zu einem Knoten am Hinterknopf zusammen rollte, meinte sie.
Heute geh ich zum Frisör und lass mir die Haare schneiden, die machen viel zu viel Arbeit.“
Nein, du weißt doch wie sehr ich deine langen Haare liebe, das erlaube ich nicht!“
Luise schenkte ihrem Mann ein strahlendes Lächeln.
Mich stören sie aber schon lange und deshalb müssen sie ab!“
Vergnügt summend verließ sie die Schlafstube und betrat die Küche mit einem Scherzwort.
Die Mägde starrten sie erstaunt an und Theres kicherte vor sich hin.
Noch mehr aber staunten sie, als Luise erklärte sie würde nachher zum Frisör gehen.
Der Bauer war heute noch schweigsamer als sonst und warf immer wieder verstohlene Blicke auf seine Frau die heute so verändert wirkte.
Und als er die Arbeit verteilte für den heutigen Tag, da fiel sie ihm ins Wort.
Mit mir brauchst du heute nicht rechnen, ich gehe zum Frisör und anschließend fahre ich mit dem Besuch vom Pankratz in die Kreisstadt. Ich brauche ein paar hundert Euro und außerdem, habe ich keine Lust mehr um jeden Cent zu betteln. Ab heute will ich wieder Vollmacht über unser Konto.“
Mit diesen Worten verließ sie die Küche.
Bertl sah ihr mit offenen Mund nach und Theres kicherte.
Mit der neuen Kurzhaarfrisur sah Luise wirklich hübsch aus und es schien als wäre sie um Jahre jünger, vielleicht aber lag das auch an dem Strahlen, das von ihr ausging.
Mit Friedel und den Kindern verlebte sie einen schönen Nachmittag in der Stadt und sie kleidete die drei von Kopf bis Fuß neu ein.
Als ihre Schwiegertochter protestiert, meinte sie nur, sie hätte so viele Jahre nachzuholen.
Nachdem sie noch ein großes Eis gegessen hatten fuhren
sie wieder nach Hause.
Wieder schlief sie wunderbar diese Nacht und am nächsten Tag beim Frühstück teilte sie mit, dass das Doktorhaus renoviert werde, damit die Familie des neuen Arztes einziehen könnte und sie sich angeboten hat, sich in der Zeit um die Kinder zu kümmern.
Mach was du willst,“ brummte Bertl nur, dem seine plötzlich so selbstbewusste Frau ein wenig unheimlich wurde.
Und von nun an kamen die Kinder jeden Tag und auch Bertl begann sich mit ihnen anzufreunden.
Ja er ertappte sich sogar dabei, dass er frühmorgens schon Ausschau nach ihnen hielt.
Pünktchen hatte ihn bereits um ihren kleinen reizenden Finger gewickelt und nur allzu gern beantwortete er die Fragen von Tobias, der alles über die Landwirtschaft wissen wollte.
Nur dass der Bub immer wieder in seinen Berliner Dialekt zurück fiel, störte ihn ein wenig.
Bald war es als gehörten die Kinder schon immer zum Alpenhof und auch Friedel, die abends wenn sie die Kinder abholte noch ein wenig blieb, gehörte bald dazu.
Inzwischen waren die Zimmer im Doktorhaus alle fertig und ein großer Möbelwagen war aus Berlin gekommen.
Begeistert erzählten die Kinder wie schön es jetzt wäre und jeder hätte wieder sein Zimmer genau wie in Berlin.
Trotzdem aber kamen sie jeden Tag, denn der Alpenhof war ihre zweite Heimat geworden.
Die Dörfler aber hatten neugierig den Umzugswagen beobachtet, doch noch immer war von dem neuen Doktor nichts zu sehen.
Und wenn sie den alten Pankratz fragten, dann meinte der
nur, der kommt schon noch oder könnt ihr es nimmer erwarten bis ihr mich los seid.
Luise aber hatte schon öfter mit ihrem Sohn telefoniert und
wusste, dass er bald kommen würde.
Sein Vertrag mit der Charité war jetzt ausgelaufen, die Wohnung hatte er verkauft und nun musste er nur noch ein paar Behördengänge machen, dann könnte er los.
Es war Sonntag und wie immer waren Friedel und die Kinder da und sie alle saßen bei Kaffee und Kuchen, als die Tür aufging und ein junger gut aussehender Mann die Stube betrat.
Papa!“ jubelte Pünktchen und die Kinder liefen zu Andreas der sie fröhlich umfing.
Luise presste beide Hände auf die Brust und Tränen traten in ihre Augen.
Friedel schenkte ihrem Mann einen zärtlichen Blick
Bertl aber saß wie erstarrt und über sein Gesicht zuckte es wie Wetterleuchten und seine Hände ballten sich zu Fäusten.
Andreas setzte Pünktchen vorsichtig auf den Boden und trat an den Tisch.
Er streckte die Hand aus und sagte leise.
Grüß Gott, Vater, willst mich denn nicht willkommen heißen?“
Bertl rührte sich nicht und alle hielten den Atem an.
Pünktchen aber kletterte auf die Bank, schmiegte ihre Wange an die raue Backe des Bauern und fragte:
Warum willst du denn dem Papa nicht 'Grüß Gott' sagen?“
Behutsam reichte der das kleine Dirndl an seine Frau weiter, die neben ihm saß, dann stand er auf und drückte fest die Hand seines Sohnes.
Die beiden Männer umarmten sich und schämten sich nicht der Tränen, die in ihren Augen standen.
Luise und Friedel aber liefen die Tränen über das Gesicht und die Kinder sahen mit großen staunenden Augen auf die Erwachsenen.

Noch mehr aber staunten sie, als sie erfuhren, dass Luise und Bertl ihre Großeltern waren.
Nun aber ging es ans erzählen, viele Jahre waren aufzuholen.
Pünktchen war längst im Arm ihres Vaters eingeschlafen und Tobias stand am Fenster und schaute mit gerunzelter Stirn hinaus.
Dann drehte er sich um und rief:
Opa, kieck mol, gleich wird’s zu pladdern (stark regnen) afange und dös Vieh is no uff der Weide“
Der alte Bauer stand auf und meinte gemütlich:
Dann wollen wir es rein holen, bleibt nur sitzen,“ winkte er zu Luise und Andreas.
Dann legte er die Hand auf die Schulter von Tobias.
Der Bua und ich wir schaffn des scho. Der wird moa a guater Landwirt, nur des berlinern, des muss i eam no abgwöhna!“
Fröhliches Lachen folgte den Beiden, als sie hinaus gingen.

© Lore Platz