Montag, 11. November 2019

Erinnerungen

Als ich letztes Jahr diese böse Erfahrung im Internet gemacht habe, wollte ich meine zwei Blogs ganz löschen. 
Meine Freunde haben mich davon abgehalten und ich bin froh darüber, warum soll ich mir und auch meinen treuen Lesern die Freude verderben wegen einem bösen Menschen.
Nun habe ich pünktlich zur Weihnachtszeit auch meinen Blog 
Lores Weihnachtszauber wieder eröffnet und werde jeden Tag eine Geschichte einstellen.
Ich  werde sie hier verlinken.

Erinnerungen sind was schönes, besonders wenn man den Menschen geliebt hat.
Mit dieser Geschichte wünsche ich euch einen schönen Start in die neue Woche. 









Erinnerungen

Hannelore ging langsam den Kiesweg entlang und blieb dann vor dem Grab ihrer Oma stehen.
Sie legte den bunten Blumenstrauß ab und zog die gläserne Vase aus der schwarzen weichen Erde inmitten des steinernen Vierecks.
Am nahegelegenen Kompost entsorgte sie die verwelkten Blumen, spülte die Vase aus und füllte sie mit frischem Wasser.
Während sie die Blumen liebevoll arrangierte, liefen ihr die Tränen über das Gesicht.
Oma, ich vermisse dich so, hast dich einfach still und heimlich davon geschlichen, während ich mitten im Examen steckte. Nichts gesagt hast du mir, wie krank dein armes Herz war, wolltest mich nicht belasten.
Aber wenigstens hat der Arzt gesagt, du bist ganz friedlich eingeschlafen. Dabei wollte ich dir doch Lutz vorstellen, du hättest ihn sicher gemocht. Ach Omi, ich lieb dich so!“
Das Mädchen erhob sich, faltete die Hände zu einem stummen Gebet und verließ mit gesenktem Kopf den Friedhof.




Wenig später hielt ihr Auto vor dem kleinen schmucken Häuschen der Oma.
Beide Hände auf dem Lenkrad betrachtete sie den verwilderten Garten, den Apfelbaum an dem noch die Schaukel hing, die der Opa ihr aufgehängt hatte, als sie damals nach der Scheidung ihre Eltern von ihrer Mutter bei
deren Eltern abgeliefert wurde wie ein lästiges Paket.
Weder der Vater noch die Mutter wollten sie in ihr neues
Leben mitnehmen.
Mit unendlicher Liebe hatten sich die Großeltern dem verstörten Kind angenommen.
Nach dem Abitur hatte sie dann weiter entfernt einen Studienplatz bekommen und konnte nur noch gelegentlich zu Besuch kommen, denn das Fahrgeld war teuer und sie hatte auch noch einen Job als Kellnerin in einem Studenten- Cafe.
Als sie im zweiten Semester war, starb der Großvater und sie war sofort nach Hause geeilt, um der Großmutter zur Seite zu stehen.
Als alles erledigt und vorüber war, hatte die Oma sie energisch weg geschickt, denn der Opa würde sich freuen wenn sie ein gutes Examen machte.
War er doch so stolz auf seine kluge Enkelin.
Und sie hatte sich noch mehr in ihre Studien gestürzt, erstens, um zu vergessen, aber auch um ihren Großeltern zu danken, die soviel für sie getan hatten.
Dann hatte sie ihr Examen mit Eins gemacht und gerade ihre Koffer gepackt, Lutz, den sie ihrer Oma vorstellen wollte wartete schon unten in seinem alten VW-Käfer, , da kam das Telegramm.
Verzweifelt und entsetzt hatte sie dagesessen bis Lutz herauf kam und sie in die Arme nahm.
Und statt auf Besuch waren sie zu einer Beerdigung gefahren.
Da kein Testament vorhanden war, hatte ihre Mutter das Haus geerbt und schnellst möglichst verkauft.
Sie hatte ihre Tochter aufgefordert, ihre persönlichen Sachen und das der Oma aus dem Haus zu holen, bevor am Montag die Firma, die das Haus ausräumen würde, kommt.
Hannelore nahm den Schlüssel aus dem Blumentopf neben dem Eingang und betrat das Haus.
Im Flur hingen mehrere Mäntel und Jacken übereinander auf den Hacken. Verschiedene Schuhe lagen kreuz und quer darunter.
Liebevoll lächelnd betrachtete das Mädchen das Chaos. Von Ordnung hielt Oma nie viel.
Eine Wohnung ist keine Schonung, man muss sehen, dass darin das Leben stattfindet,“ pflegte sie zu sagen, wenn der Opa über ihre Unordnung meckerte.
Hannelore ging in die kleine beige geflieste Küche. 
Wie viele gemütliche Stunden hatten sie drei hier verbracht. Opa hatte die Oma immer geneckt,und die sich vergnügt zu wehren gewusst.
Hannelore hatte gekichert und sich gewünscht, auch einmal so eine glückliche Ehe zu führen.
Sie ging hinüber in die kleine Wohnstube, öffnete das Fenster, um die abgestandene Luft hinaus zu lassen.



Eine Biene kam summend herein geflogen, prallte gegen die Wand, dann gegen die Scheibe und fand endlich wieder den Weg in den Garten.
Hannelore strich liebevoll über die Lehne des alten Sessels. Hier hatte die Oma immer gesessen und ihr aus einem alten zerfledderten Märchenbuch vorgelesen, während sie auf dem Fußbänkchen saß, den Kopf an Omas Knie gelehnt und lauschte.
Der Opa war am Tisch gesessen, die geliebte Pfeife im Mund und tat als würde er Zeitung lesen.
In Wirklichkeit hörte er auch zu, aber dass hätte er niemals zugegeben.
Hannelores Blick wanderte zum Schrank, auf dessen unterer Ablage große ziemlich schiefe Stapel alter Zeitungen sich türmten.
In dem Regal darüber lagen kunterbunt durcheinander einige Bücher.
Das Mädchen holte das Märchenbuch heraus und blättert versonnen darin.
Träumst du mal wieder, Sprösschen,“ erklang Lutz Stimme hinter ihr.
Jubelnd fiel sie ihm um den Hals.
Wo kommst du denn her!“
Hab mir frei genommen, konnte dich doch nicht allein
lassen mit dem ganzen Kram hier.“
Grinsend sah er sich um.
Jetzt weiß ich woher du deinen Hang zur Unordnung hast.“
Spielerisch knuffte sie ihn in die Seite.
Nun begannen sie alle Dinge, die Hannelore gern behalten wollte in die Umzugskartons zu packen.
Die Schubladen, die vor Papieren überquollen schütteten sie in einen Wäschekorb.
Den Papierkram wollten sie zu Hause erledigen.
Die Fotoalben und Bücher legten sie dazu.
Zwei Stunden später lümmelten sie erschöpft aber froh auf dem alten Sofa.
Lutz ließ grinsend seinen Blick durch den Raum gleiten.
Gemütlich hier!“
Trotz Unordnung?“ spottete Hannelore.
Lutz küsste sie auf die mit Sommersprossen übersäte Nase, deshalb nannte er sie auch Sprösschen, und erklärte.
Seit ich dich kenne, liebe ich Unordnung geradezu!“
Das Mädchen rammte ihm den Ellbogen in die Seite.
Aua!“
Dann legte sie ihren Kopf an seine Schulter und Lutz schmiegte seine Wange auf ihr Haar.
Hannelore war, als hörte sie ihre Oma kichern.
Oh ja, Lutz hätte der Oma gefallen.

© Lore Platz



Freitag, 8. November 2019

Tobias reißt aus


Mit dieser Geschichte wünsche ich euch ein schönes Wochenende.
Viel Spaß beim Lesen!






Tobias reißt aus

Die Schulglocke ertönte und die Kinder stürmten lachend und lärmend aus dem Schulhaus.
Sechs Wochen Ferien lagen nun vor ihnen und nicht mal die Zeugnisse in ihren Mappen konnten ihnen die Freude verderben.
Tobias ging mit gesenktem Kopf und traurigem Gesicht zwischen seinen Kameraden, die ihn in Ruhe ließen.
Tobias war einst ein fröhlicher übermütiger Junge, doch vor zehn Monaten war sein Vater gestorben und seitdem hatte er sich sehr verändert.
Seine Freunde wussten nicht so recht wie sie mit ihm umgehen sollten und hatten auch eine gewisse Scheu vor Tobias.
Der Junge hatte nun das große Miethaus erreicht und ging die abgetretenen Holzstufen hinauf.
Abgestandene Luft schlug ihm entgegen und schnell öffnete er die Fenster.
In der Küche nahm er eine Dose Linsensuppe schüttete sie in einen Topf und stellte die Herdplatte an.
Dann deckte er den Tisch, schnitt Brot, stellt die Flamme kleiner und atmetet tief durch, bevor er ins Wohnzimmer ging.

Wie immer saß seine Mutter im Sessel, ein Bild des Vaters auf dem Schoß und starrte vor sich hin.
Tobias berührte sachte ihre Schulter und wie aus einem Traum erwachend sah die Mutter ihn an.
Sie versuchte ein Lächeln, doch es misslang.
Komm zum Essen, Mama.“
Schwerfällig wie eine alte Frau erhob sich die vierzigjährige und folgte ihrem Sohn stumm in die Küche.
Schweigend löffelten sie ihre Suppe, dann erhob sich Frau Königsberger und murmelte: „ Ich gehe zum Friedhof.“
Der Zehnjährige nickte nur.
Nachdem er aufgeräumt hatte warf er sich auf sein Bett, verschränkte die Arme hinter dem Kopf und starrte an die Decke.
Er fühlte sich erbärmlich !
Wie schön war es gewesen als der Vater noch lebte, die Mutter hatte gesungen und gelacht und wenn der Vater sie neckte wurde sie immer rot wie ein junges Mädchen.
Und dann war von einem Tag auf den anderen alles vorbei.
Auf dem Weg nach Hause wurde das Auto seines Vaters von einem betrunkenem Autofahrer gerammt, überschlug sich und sein geliebter Vater war tot.
Seitdem war die Sonne aus seinem Leben verschwunden und er fühlte sich, als würde er in einer Schattenwelt wohnen.
Besonders, da seine Mutter sich immer mehr in ihre
Trauer vergrub und oft vergaß, dass sie noch einen Sohn hatte.
Dabei hätte er sie gerade jetzt so dringend gebraucht, denn er wusste nicht wohin mit seinem ganzen Kummer und Schmerz.
Zu gerne hätte er sich in ihre Arme geflüchtet und geweint, doch seine Mutter hatte eine unsichtbare Mauer um sich gebaut und ihn ausgeschlossen.
So war er immer stiller geworden und hatte all sein Leid tief im Inneren verschlossen.
Mit Grauen dachte er an die vor ihm liegenden sechs Wochen. Nein das hielt er nicht aus, er würde verrückt werden. Er musste weg.
Schnell holte er sein Sparschwein und zerschlug es. Die 60 Euro, die darin waren würden genügen, bis er bei seiner Tante war, die in der Nähe des Chiemsees einen Bauernhof besaß.
Ja er wollte zu Tante Jutta, die hatte ihnen sowieso angeboten einige Zeit zu ihnen zu kommen, doch
die Mutter wollte nicht weg vom Grab ihres Mannes.
Tobias holte den Schlafsack vom Schrank und packte seinen Rucksack, dann verließ er die Wohnung.
Kurz überlegte er, ob er seiner Mutter ein paar Zeilen schreiben sollte, doch dann meldete sich sein Trotz. Nein! Sie würde doch sowieso nicht merken, ob er da war oder nicht.
Er klemmte den Schlafsack auf den Gepäckständer seine Rads, schulterte den Rucksack und fuhr los.
Bald hatte er die Stadt verlassen, ein leichter Wind fuhr durch sein Haar und die Sonne umschmeichelte sein Gesicht.


Ganz leicht wurde ihm auf einmal ums Herz.
Es war schon Spätnachmittag, als er an einem Bach
hielt, um die unterwegs gekauften belegten Brötchen zu verspeisen.
Dann legte er sich bäuchlings ans Ufer und schöpfte mit der hohlen Hand Wasser aus dem klaren Bach.
Anschließend füllte er noch die leere Saftflasche und stieg wieder aufs Rad. Es war Zeit sich nach einem Schlafplatz umzusehen.
Er musste ganz schön in die Pedale treten um die Steigung zu schaffen, auch war er schon sehr müde.
Plötzlich gab es ein komisches Geräusch und das Hinterrad fing an zu hoppeln.
Schnell sprang er ab und besah sich den Schaden. Ein langer Nagel steckte im Hinterrad. Er hatte einen Platten. Tobias schob die letzten paar Meter nach oben und blieb dann stehen.
Im Tal unten sah er die Spitze eines Kirchturms und weiter rechts flatterte eine Fahne auf einem großen Zelt lustig im Wind.
Ein Zirkus! Da wollte er hin und vielleicht erlaubten sie ihm auch dort zu übernachten. Und in dem Dorf fand er sicher jemand, der ihm das Fahrrad wieder richtetet.
Bald erreichte er die große Wiese und sah staunend das große Zelt und die bunten Wohnwagen.
Ein Clown jonglierte mit Bällen. Eine Dame ließ einen Hund in rosa Kleidchen mit vielen Rüschen auf den Hinterbeinen tanzen.
Eine Frau, die eine große Schlange um den Hals trug, tänzelte über den Platz wobei sie den züngelnden Kopf des Reptils vor ihr Gesicht hielt.

Du hast ja einen schönen Platten!“ hörte er eine Stimme neben sich und erblickte ein Mädchen ungefähr in seinem Alter, das einen Schimpansen an der Hand führte.
Tobias grinste. „Ja, gerade passiert, ich heiße Tobias und wollte fragen, ob ich bei euch übernachten dürfte. Ich brauche nicht viel Platz für meinen Schlafsack.“
Aber sicher, komm wir fragen den Direktor! Ich bin übrigens Lisa und das ist Gina. Gina sag schön guten Tag zu Tobias.“
Der Affe fletschte die Zähne, schnatterte und reichte dem Jungen seine Pfote, die dieser mit einem freundlichen: „Guten Tag Gina;“ drückte.
Dann folgte Tobias dem Mädchen und dem Schimpansen zu dem älteren Mann, der gerade mit der Schlangentänzerin sprach.
Der Direktor betrachtete forschend den Jungen, dann lächelte er und nickte. Außerdem lud er ihn zur Vorstellung ein, bevor er weiter ging.
Tobias sah etwas scheu auf die große Schlange, die sich auf der Schulter der jungen Frau ringelte.
Diese meinte lächelnd.
Hast du Angst vor Schlangen?“
Der Junge zuckte verlegen die Schultern.
Meine Indira ist ganz harmlos, willst du sie mal streicheln. Keine Angst, sie ist nicht giftig !“
Während die Schlangentänzerin den Kopf der züngelnden Schlange fest hielt, fuhr Tobias vorsichtig mit der Hand über den Rücken des Tieres.
Die Haut fühlte sich trocken und etwas rau an,
trotzdem atmete er auf, als die junge Frau sich verabschiedete und weiter ging.
Lisa führte ihn nun in ein kleines Zelt, in dem Werkzeuge und allerlei Gerümpel war.
Ein alter Mann feilte gerade an einer Eisenstange und drehte sich um, als sie eintraten.
Freundlich begrüßte er Lisa und diese stellte ihm Tobias vor. Beppo betrachtete sich den Schaden am Rad und meinte:
Wird ne Weile dauern, heute kannst du nicht weiter fahren.“
Das geht in Ordnung,“ erklärte das Mädchen, „der Direktor hat erlaubt, dass Tobias bei uns schlafen darf.“
Dann wüsste ich ein Plätzchen für dich.“
Der alte Mann deutete in die Ecke, in der neben dem Futter für die Tiere auch ein großer Heuhaufen war und gemeinsam brachten sie Tobias Sachen dorthin.
Nachdem sie sich von Beppo verabschiedet hatten, zeigte Lisa dem Jungen noch die Tiere, doch dann musste sie zurück ins Zelt, weil bald die Vorstellung begann.
Da Lisa bereits bei der Einzugsparade mitmachen musste, wollte sie sich vorher noch umziehen.
Auf dem Rückweg kamen sie an einem Wohnwagen vorbei auf dessen Stufen eine alte Frau saß und eine Pfeife rauchte.
Das ist die Großmutter von unserem Direktor, sie kann in die Zukunft sehen.“
Lisa, was wisperst du mit dem Jungen, du machst ihm doch nur Angst. Komm her mein Junge setz' dich zu mir und du Lisa lauf los, damit du nicht zu
spät kommst.“
Scheu setzte Tobias sich neben die alte Frau und betrachtete das braune lederartige Gesicht, das voller Runzeln war.
Können sie wirklich in die Zukunft sehen?“
Die alte Frau schmunzelte und einige Zahnlücken wurden sichtbar.
Wer weiß? Außerdem niemand sagt 'Sie' zu mir, ich bin Miranda und dass du Tobias heißt habe ich gehört.“
Sie kicherte und auch der Junge lächelte. Die alte Frau gefiel ihm und er vertraute ihr.
Ich kann gut in Gesichtern lesen und in die Herzen der Menschen sehen. Dein Herz ist voller Kummer und Schatten.“
Mein Vater ist tödlich verunglückt vor einigen Monaten,“ sagte Tobias leise.
Die alte Frau nickte ernst.
Ich musste schon viele der Meinen begraben, das Zirkusleben steckt voller Gefahren. Dein Vater musste viel zu früh gehen, du hättest ihn noch so notwendig gebraucht.“
Tobias nickte und eine Träne rollte über seine Wange.
Und meine Mutter hat sich so in die Trauer vergraben, dass sie vergessen hat, dass es mich gibt!“
Seine Stimme klang bitter.
Miranda schwieg eine Weile, dann sagte sie leise.
Ein indianisches Sprichwort sagt:
'Lass den Vogel der Trauer ruhig über deinen Kopf
kreisen, aber erlaube ihm nicht in deinen Haaren zu
nisten.'
Mein Vater war ein Cherokee-Indianer und in diesem Spruch steckt viel Weisheit.
Man darf die Trauer nicht unterdrücken und muss sie zulassen, nur so kann man sie einst überwinden.
Aber wenn man sich zu sehr in der Trauer verliert, dann findet man den Weg nicht mehr zurück ins Leben. Du darfst deiner Mutter nicht böse sein, der plötzliche und viel zu frühe Tod deines Vaters war für sie ein Schock.“
Aber wie kann ich ihr helfen?“
Du hast ihr schon geholfen, indem du ausgerissen bist.“
Schweigend blicken die zwei so ungleichen Menschen hinauf ins Firmament, das sich inzwischen dunkelblau verfärbt hat und ab und zu blinkt bereits ein Stern auf.
Gibt es ein Leben nach dem Tod?“
Wer weiß? Schließ' deine Augen und blicke in dein Herz.“
Was spürst du?“
Die Nähe meines Vaters.“
Mein Volk glaubt, dass nur dann eine Seele stirbt, wenn es niemanden gibt, der sich an sie erinnert. Solange du dich an deinen Vater erinnerst, wird er immer bei dir sein und du bist nie allein.
Und nun geh, die Vorstellung beginnt gleich und denke daran, dein Vater würde sich freuen, wenn du wieder lernst zu lachen und das Leben zu genießen.
Und mache dir keine Sorgen um deine Mutter. Es wird alles gut werden.“
Tobias lief zum Zirkuszelt, wo ihn Lisa schon erwartete und ihn zu einer Kiste hinter der Bühne führte, von wo er die Vorstellung verfolgen konnte.
Es waren schöne Darbietungen und bei den Späßen Clowns lachte er hellauf.
Erstaunt lauschte er den eigenen Tönen, wie lange hatte er schon nicht mehr gelacht.
Und gleichzeitig liefen ihm die Tränen über das Gesicht. Sie spülten die letzten Schatten aus seinem Herzen und das Lachen erfüllte es mit Freude.
Er fühlte sich so glücklich und frei wie schon lange nicht mehr.
Am nächsten Morgen nach einem ausgiebigem Frühstück radelte er weiter, begleitet von den guten Wünschen der Zirkusleute.
Und am Spätnachmittag fuhr er in den Hof seiner Tante Jutta.
Nachdem er ihr alles erzählt und sie ihn in der Küche bei der alten Bertha abgeliefert hatte, die den Jungen sofort begann so richtig mit Leckereien zu verwöhnen, führte Jutta ein langes Gespräch mit ihrer Schwester.
Elfriede Königsberger legt den Hörer auf. Sie schämte sich, denn sie hatte nicht einmal bemerkt, dass Tobias nicht da war.
Wie erwachend schaute sie sich um und erkannte wie ihre einstmals so saubere Wohnung herunter gekommen war.
In den achtlos hingeworfenen Papieren wühlt sie, bis
sie den Zettel mit der Telefonnummer der Trauerhilfe fand, die Pfarrer Braun ihr bei der Beerdigung in die Hand gedrückt hatte.
Nachdem sie einen Termin für Morgen Vormittag vereinbart hatte, krempelte sie die Ärmel hoch, um mit Wasser und Seife den Schmutz in ihrer Wohnung zu beseitigen.
Spät in der Nacht fiel sie todmüde ins Bett und schlief zum ersten Mal tief und traumlos.
Am nächsten Morgen, nachdem sie ein langes Gespräch mit der Dame von der Trauerhilfe geführt und die Adresse eines Trauercafes in der Tasche hatte, rief sie ihre Schwester an.
Lange redeten die beiden miteinander, dann bat Elfriede ihre Schwester ihr doch Tobias zu holen.
Tobias legte den Hörer auf und sah seine Tante strahlend an.
Mama hat sich professionelle Hilfe geholt und sie will sich eine Arbeit suchen, obwohl sie es durch Papas Lebensversicherung eigentlich nicht nötig hat.
Aber sie meint, die Arbeit würde sie vom Grübeln abhalten und sie hat versprochen wenn ich nach Hause komme wird alles anders werden.
Außerdem kommt sie in drei Wochen zu dir, bleibt bis zum Ende der Ferien und wir fahren gemeinsam zurück.“
Jutta die das alles schon wusste nickte.
Und ich werde euch nach Hause bringen, dein Rad bekommen wir locker in meinen Jeep.“
Sie umarmte ihren Neffen, der sich nicht schämte zu weinen.


Doch diesmal waren es Freudentränen.

© Lore Platz






Donnerstag, 7. November 2019

Die Mondscheinprinzessin






Niemand weiß, was uns erwartet, werden wir gesund bleiben
bis ins hohe Alter oder wird uns eine unheilbare Krankheit
treffen.
Ich habe so viele wunderbare Menschen in meinem Leben getroffen, die wirklich krank waren und Schmerzen hatten und trotzdem fröhlich und voller Lebensfreude ihr Schicksal annahmen bis zum letzten Atemzug.
Als wir die Diagnose Krebs und nicht heilbar für meinen Mann bekamen, sagten wir es unserer Tochter. 
Sie verließ die Küche, etwas später kam mein Mann zu mir und sagte leise:
"Die Claudia sitzt auf der Terrasse und weint."
Ich ging zu ihr und nun weinten wir beide. 
Da kam mein Mann mit einem - Mensch ärgere dich nicht Spiel - und forderte uns zu einem Match heraus.
Er der Todkranke hat uns getröstet und aufgemuntert.
 




Die Mondscheinprinzessin

Urlaub, ich hab Urlaub!“ trällert Gerlinde.
Vier Wochen Urlaub in den Bergen liegen vor ihr, weit weg vom Stress des Alltags. Einfach nur entspannen, wandern und die Seele baumeln lassen.
Die Sonne verschwindet langsam vom Horizont, aber in einer Stunde ist sie ja am Ziel.
Ihr guter alter Monty gibt plötzlich seltsam hustende Geräusche von sich, naja er ist ja nicht mehr der Jüngste, und dann ein langgezogenes gequältes Stöhnen und das Auto bleibt stehen.




Was nun?
Gerlinde startet, doch nur ein gequältes Knirschen ist zu hören. Seufzend kramt sie nach ihrem Handy, super, kein Empfang!
Die junge Frau springt aus dem Wagen, läuft ein paar Schritte, hebt das Telefon in die Höhe und dreht sich im Kreis.



Ein paar Kühe, die auf der Weide stehen, glotzen sie neugierig an. Was die wohl denken?
Gerlinde verdreht genervt die Augen.
Na toll, sie befindet sich mitten in einem Funkloch.
Der Urlaub fängt ja gut an.
Dann muss sie wohl auf Schusters Rappen weiter.
Aus dem braunen nicht mehr ganz neuen Koffer holt sie einige Dinge, die sie für eine Übernachtung braucht und stopft sie in ihren Rucksack.
Vorsichtshalber holt sie auch noch die Tafel Schokolade aus dem Handschuhfach.
Soweit das Auge reicht nur Kornfelder, Wiesen und weiter hinten ein großer Wald.
Hoffentlich muss sie nicht im Wald übernachten, denn die Dämmerung senkt sich bereits über das Tal.
Am besten sie nimmt auch noch die Taschenlampe mit.
Dann stiefelt sie los.
Immer mehr nähert sie sich dem Wald, dann bleibt sie überrascht stehen.
Mitten auf einer Wiese dreht sich eine Lichtgestalt, mit einem Blumenkranz im Haar, barfuß im Mondlicht.
Gerlinde schüttelt den Kopf, narren sie ihre Augen.
Feen gibt es doch nicht.
Hallo!“ ruft sie.
Das Mädchen hält inne, sieht sie erschrocken an und läuft davon.
Als Gerlinde ihr folgt steht sie plötzlich vor einem kleinen Gehöft an dessen Eingangstür eine Lampe hängt.
Da sie keine Klingel findet, klopft sie kräftig an.
Die Tür öffnet sich knarrend und eine alte Frau sieht sie unfreundlich an.
Entschuldigen sie, aber ich habe eine Autopanne, kann ich bei ihnen telefonieren?“
Die Tür öffnet sich weiter und die alte Frau tritt einen Schritt zurück.
Mit einem leisen 'Danke' betritt Gerlinde den dunklen Flur und folgt der Alten, die nun auf ein schwarzes Telefon deutet.
Können sie mir vielleicht die Nummer der Autowerkstatt sagen?“
Ja mei, den Schorsch, den werdns nimma dawischen, der sitzt um die Zeit im Wirtshaus.“
Kann das Fräulein nicht bei uns übernachten?“
Gerlinde dreht sich um und sieht sich der kleinen Tänzerin gegenüber.
Hallo ich kenne dich doch, schön hast du getanzt. Ich heiße Gerlinde.“
Ich bin die Mirzel und das ist meine Oma.“
I bin d Josefa Klinger und wenns mit unsra bscheidnen Hietn zfrien san, kenners gern hier übernachten. Hams Hunger?“
Gerne, mein Auto hat ungefähr zwei Kilometer von hier den Geist aufgegeben. Ich wollte eigentlich nach S.“
Oh das sind noch mindestens 15 Kilometer, das schaffen sie heute nicht mehr. Oma, du kannst ruhig ins Bett gehen, ich kümmere mich um unseren Gast.“
Deine Oma ist wohl nicht sehr gesprächig,“ lächelt Gerlinde, als die alte Frau in einem Zimmer weiter hinten im Flur verschwindet.
Mirzel lacht, „nein, aber sie ist unheimlich lieb, aber nun kommen sie , ich zeig ihnen ihr Zimmer.“
Da kannst ruhig du zu mir sagen.“
Gerne“
Nachdem Gerlinde ihren Rucksack abgestellt hat folgt sie dem Mädchen in die Küche.
Später setzen sich die beiden Mädchen auf die Stufen vor dem Haus.


Ein dicker leuchtender Vollmond taucht die Umgebung in sein fahles Licht. Es raschelt und eine Maus rennt quer über den Hof und schlüpft durch den Zaun des kleinen Küchengartens.
Ich mag den Mond, er tut mir nicht weh mit seinem kalten Licht.“
Gerlinde sieht Mirzel erstaunt an.
Diese lächelt: „ Ich bin ein Mondscheinkind.“
Die junge Frau erschrickt.
Sie hat von dieser seltenen Erbkrankheit gehört. Die Betroffenen können die Sonnenstrahlen nicht vertragen und da ihre Lebenserwartung nicht sehr hoch ist, nennt man sie Mondscheinkinder.
Deshalb kann ich nur nachts raus gehen und dann tanze ich auf der Wiese und träume, ich wäre eine Fee oder eine verwunschene Prinzessin.“
Eine Mondscheinprinzessin,“ lacht Gerlinde, die sich inzwischen wieder gefangen hat.
Mirzel stimmt in ihr Lachen mit ein, doch dann wird sie wieder ernst.
Als die Diagnose bekannt wurde hat meine Mutter mich zur Oma gebracht und ist fort gegangen, glaubst du, dass sie mich nicht lieb hatte?“
Gerlinde legt den Arm um die Schulter der zarten Gestalt und zieht sie an sich.
Sicher hat sie dich lieb, vielleicht zu lieb, dass sie einfach
nicht mit ansehen konnte wie du leidest. Weißt du, nicht jeder ist so stark. Wo ist denn dein Vater?“
Den kenne ich nicht, aber es ist schön bei der Oma und sie ist sehr lieb zu mir und auch die Leute im Dorf sind sehr nett.
Sie haben die Fenster mit einer schützenden Folie beklebt, haben mir einen Schutzanzug besorgt, damit ich zur Schule gehen kann und auch in der Schule hat man die Fenster mit einer Folie beklebt.
Nur manchmal bin ich sehr einsam, denn spielen kann ich nicht im Freien mit den anderen Kindern, denn ich darf nur nachts raus. Aber das ist auch schön, denn so  habe ich viel Zeit, um mir Geschichten auszudenken.“
Sie lacht fröhlich und meint verschmitzt.
Weißt du, warum der Mond mal dick und mal dünn ist?“
Gerlinde überlegt und versucht sich daran zu erinnern was sie darüber in der Schule gelernt hat.
Wenn der Schatten der Erde auf den Mond fällt...“
Unsinn!“ unterbricht sie Mirzel lachend.
Weil er verliebt ist. Willst du die Geschichte hören?“
Gerlinde nickt und Mirzel kuschelt sich an sie und erzählt:



Eines Tages verliebte sich der Mond in die schöne Sternenprinzessin. Er verließ also sein Haus und sein ach so gemütliches Bett und ging in den Sternenpalast. Dort warf er sich vor seiner Angebeteten auf die Knie und gestand ihr
seine Liebe. Doch da er so dick war konnte er nicht mehr aufstehen und fünf Diener des Sternenkönigs mussten ihm
helfen. Die Sternenprinzessin aber lachte so , dass ihr die Tränen kamen und dann sagte sie zum Mond: „ Komme wieder, wenn du so dünn bist, dass du vom Boden aufstehen kannst.
Der Mond ging also nach Hause und sagte zu seiner Mutter. Ich muss fasten, denn sonst heiratet die Sternenprinzessin mich nicht.
Nun aß er ganz wenig und wurde immer dünner. Als er so dünn und schmal wie eine Sichel war, ging er wieder in den Sternenpalast und und warf sich der Prinzessin vor die Füße.
Doch diesmal war er zu schwach, um wieder aufstehen zu können und die Diener des Königs mussten ihn nach Hause tragen. Dort schimpfte seine Mutter ganz fürchterlich und er musste nun tüchtig essen und bald war er wieder so dick wie vorher.
Aber seitdem versucht er es immer wieder.“

Gerlinde lacht.
Hat dir meine Geschichte gefallen?“
Ja sehr gut, du solltest sie aufschreiben.“
Kannst du denn deinen Urlaub nicht bei uns verbringen, dann erzähle ich dir jeden Tag eine Geschichte.
Ich habe mir noch viele Geschichten ausgedacht. Außerdem haben wir gerade Ferien. Biiiittte!“
Die junge Frau sieht in die sehnsüchtig auf sie gerichteten Augen und nickt.
Jubelnd fällt das Mädchen ihr um den Hals.




Am nächsten Morgen wird Gerlinde vom Krähen des Hahns geweckt und reibt sich verschlafen die Augen, dann springt
sie aus dem Bett und geht ins Bad. In der Küche ist nur die alte Frau Klinger. Mirzel schläft noch.
Gerlinde erzählt ihr von der Bitte des Mädchens, den Urlaub hier bei ihnen zu verbringen und fragt, ob sie bleiben darf.
Natürlich würde sie für alles bezahlen.
Die alte Frau rührt ihn ihrem Kaffee und sagt dann leise.
Des Kind ist hoalt durch ihr Krankheit vui alloa und an ernner hoats an Naaren gfressn, würd mi frein, wenns bleim dan. Zoan mirsns nixa!“
Doch, doch und wenn mein Auto wieder geht, dann werde ich auch die Einkäufe im Dorf übernehmen. Danke!“
Gerlinde ruft später die Autowerkstatt an und erklärt wo ihr Wagen steht, dann storniert sie auch die Hotelbuchung.
Für Mirzel aber beginnt eine wunderbare Zeit.
Tagsüber spielen sie Brettspiele oder sie denken sich etwas lustiges aus. Den ganzen Tag hört man sie fröhlich lachen. Sobald die Sonne untergeht, wandern sie durch die Gegend oder tanzen barfuß auf der Wiese.
Und als dann der alte Monty wieder fahrtüchtig ist, fahren sie in die Stadt, setzen sich in ein Straßencafe und beobachten
die Leute, während sie sich einen großen Becher Eis schmecken lassen.
Manchmal gehen sie auch ins Kino und Mirzel staunt über die große Leinwand.
Viel zu schnell vergeht die Zeit und der Abschied ist gekommen.
Gerlinde nimmt die weinende Mirzel in den Arm und verspricht, jeden Tag anzurufen und sie können sich ja auch
schreiben. Und sobald es ihr möglich ist, würde sie wieder
kommen.
Doch dazu sollte es nicht mehr kommen.
Denn eines Tages ruft Josefa an. Mirzel ist gestorben, ein Tumor, aber sie wäre ganz still und mit einem Lächeln eingeschlafen und ihre letzten Worte waren:
Grüß mir die Gerlinde, ich hab sie lieb, sie soll nicht traurig sein, denn ich gehe jetzt dorthin zurück, wo ich hergekommen bin.“
Gerlinde weint bitterlich um ihr kleine Freundin.
Nach der Beerdigung drückt ihr Josefa einen großen Umschlag in die Hand.
Darin sind all die schönen Märchen, die sich Mirzel ausgedacht hat und zu jedem hat sie ein schönes Bild gemalt.
Gerlinde setzt sich mit einer Schulfreundin in Verbindung, die einen kleinen Verlag leitet und lässt die Geschichten drucken.
Das Vorwort schreibt Gerlinde und berichtet von dem ganz besonderem Mädchen, das trotz ihrer schwerer Krankheit so fröhlich und lebensbejahend war und barfuß im Mondlicht auf der Wiese tanzte.

Das Buch wird ein voller Erfolg und mit dem Erlös gründete Gerlinde zusammen mit Josefa die Stiftung „Mondscheinprinzessin“, die todkranken Kindern den letzten Wunsch erfüllen will.

© Lore Platz