Freitag, 24. Mai 2019

Das Gespenst im Turm


Mit der heutigen Geschichte wünsche ich euch ein schönes gemütliches Wochenende.
Viel Spaß beim Lesen!


 
(c) Irmgard Brüggemann


Das Gespenst im Turm


Etwas abseits vom E. war ein altes halb verfallenes Kloster. Im Krieg flohen die Mönche oder wurden ermordet.
Seitdem stand es leer und die Gebäude sind zerfallen und die Mauer bröckelte immer mehr ab.
Nur der Turm ragte noch fest und aufrecht in die Gegend und beherbergte eine Glocke, die man nicht mehr läuten konnte, da der Strang beseitigt worden war.
Der Bürgermeister wollte diesen Schandfleck schon längst entfernen, aber das Grundstück gehörte der Kirche.
Nun sollte es dort auf einmal spuken.
In der Nacht tönte ganz leise die eherne Glocke und der alte Xaver behauptete steif und fest, das Gespenster mit riesigen Flügeln ihn gejagt und an seinen Haaren gezerrt hätten.
Die Meisten scherzten darüber und spotteten, der Alte habe mal wieder zu tief ins Glas geschaut und sah nun Gespenster, doch einige glaubten daran und schlugen ein Kreuz, wenn sie an dem Kloster vorbei mussten.
Auch auf dem Schulhof wurde heftig darüber diskutiert.
Alexander, Bertram und Rudi, steckten die Köpfe zusammen und diskutierten über das Gespenst.
Das wäre doch ein Aufgabe für den Sherlock Club,“ meinte Bertram begeistert.
Er war ein großer Fan von Sherlock Holmes und hatte ihren Club nach dessen Namen benannt.
Bertrams Vater hatten ihnen sein altes Gartenhaus als Clubhaus gespendet und dort trafen sie sich nachmittags
immer, hingen herum, spielten Play Station, hörten Musik oder träumten von großer Detektivarbeit, besonders Bertram.
Doch leider war das Einzige was hier mal passiert war, dass der Dackel Lumpi vermisst wurde und die Kinder ihn aus einem Dachsbau befreien mussten.
Mensch das wäre doch super, wenn wir das Gespenst entdecken und vergraulen würden, ereiferte sich Bertram und steckte seine Freunde mit seiner Begeisterung an.
Herr Erdenreich stand plötzlich hinter ihnen.
Was heckt ihr denn wieder für einen Unfug aus, habt ihr nicht die Glocke gehört. Die Pause ist um!“

Am Nachmittag trafen sich Bertram und Rudi im Clubhaus, nur Alexander fehlte, denn er hatte Geigenunterricht.
Ein Zeitlang spielten sie mit dem alten Kickerkasten, den Rudis Vater noch auf dem Speicher gefunden hatte und der nun in ihrem Clubhaus stand.
Dann aber fläzten sie sich auf das alte Sofa.
Glaubst du es gibt Gespenster?“ fragte Bertram.
Rudi zuckte die Schultern. „Weiß nicht, aber was sollte denn sonst den alten Xaver verfolgt haben.“
Naja,“ zweifelte Bertram, „ der alte Xaver trinkt doch recht gern und wer weiß was er sich eingebildet hat.
Weißt du was, wir gehen heute Nacht zum Turm!“


(c) meine Tochter


Bertram und Rudi trafen sich kurz vor Mitternacht, bewaffnet mit zwei Taschenlampen am Ortsende.
Der fahle Mond tauchte das Kloster in ein gespenstisches Licht und es wurde ihnen schon etwas unheimlich zumute, als sie über die moosbewachsenen Steine zum Turm gingen.
Die alte Holztreppe knarrte und mehr als einmal zuckten sie zusammen, als erwarteten sie, dass jeden Augenblick ein Gespenst auftauchen würde.
Sie ließen den Schein ihrer Taschenlampen durch den
Raum kreisen. Überall hingen Spinnweben und eine dicke fette Spinne krabbelte eilig aus dem Lichtschein.
Plötzlich ertönte aus dem Inneren der Glocke ein leiser Ton und die Buben zuckten zusammen.
Rudi schrie entsetzt auf: „ Mich hat etwas gestreift!“
Und schon wandte er sich der Treppe zu, die Taschenlampe entfiel seinen Händen und polterte vor ihm die Treppe hinunter.
Bertram folgte seinem Freund und sie rasten über den Klosterhof und hielten erst an, als sie das Dorf erreicht.
Atemlos stützten sie sich auf den Knien ab und verschnauften erst mal. 
Beide waren sie kreidebleich und ziemlich kleinlaut gingen sie nach Hause.

Sie beschlossen niemand von ihrem nächtlichen Abenteuer zu erzählen, denn die Mädchen hätten bloß wieder was zum kichern gehabt.
Daher waren sie auch nicht sehr begeistert, als Alexander nach der Schule vorschlug am Nachmittag zum Turm zu gehen, um näheres über den Spuk herauszufinden.
Aber sie wollten ja nicht als Feigling dastehen und als sie dann vor dem Kloster standen, da konnten sie ihre Angst von gestern Nacht gar nicht verstehen.
Am Tag sah alles doch ganz anders aus.
Inzwischen hatten sie den Turm erreicht und selbst die Spinnweben sahen nicht so gespenstisch aus, wie in der Nacht im Schein der Lampe.
Alexander ging durch den Raum, die Augen auf den Boden geheftet und seine Freunde beobachteten ihn.
Wenn einer das Gespenst finden konnte, dann war es ihr Freund, der in der Schule den Spitznamen „Professor“ hatte, weil er ein wandelndes Lexikon war und außerdem noch Klassenbester.
Nun bückte er sich, hob etwas vom Boden auf und betrachtete es durch die Lupe.
Igitt!“ rief Bertram, der neugierig näher getreten war, „ das sind ja Mäuseköttel!“
Nein, die sehen nur so ähnlich aus,“ murmelte der Professor und richtete sich wieder auf.
Er ließ den Blick an den Wänden empor schweifen, dann aber ging er zur Glocke, bückte sich und schaute in das Gehäuse.
Schnell winkte er seine beiden Freunde herbei, deutete aber zugleich an, dass sie leise sein sollten.
Rudi und Bertram kauerten sich neben Alexander und dann grinsten sie.
Fledermäuse!“
Am Klöppel der Glocke hingen mehre Fledermäuse und schliefen.
Miniopterus schreibersi, die Langflügelfledermaus, sie gehört zu den Zwergfledermäusen, aber nun kommt wir wollen sie nicht stören.“
Auf dem Weg zum Clubhaus erklärt ihnen Alexander, dass die Fledermäuse nachtaktive Tiere sind und wenn sie sich vom Klöppel lösten, dann würde es zu diesem leisen gespenstischen Tönen der Glocke kommen.
Und die Erscheinung die Xaver hatte könnte vielleicht durch den Schatten im Mondlicht erzeugt worden sein und Fledermäuse streifen auch manchmal die Haare der Wanderer.
Bertram und Rudi sahen sich an und wurden rot.
Am nächsten Tag erzählten sie von ihrer Entdeckung in der Schule und auch im Dorf sprach es sich bald herum, wer das Gespenst im Turm war.

© Lore Platz




Donnerstag, 23. Mai 2019

Bernie und die Ballerina finden ein neues Zuhause







Bernie und die Ballerina finden ein neues Zuhause


Marietta Mestwert verlässt mit gesenktem Kopf die Pfandleihe, denn niemand soll ihre Tränen sehen.
Fast ein ganzes Leben lang hat die kleine Ballerina mit ihr zusammen verbracht und wenn sie traurig war für sie getanzt, nach der wundervollen Musik von Mozart.
Und nun war sie durch die Not gezwungen sich von ihr zu trennen, für immer, denn niemals würde sie in ihrer derzeitigen Situation das Geld aufbringen sie wieder zurückzuholen.
Beinahe wäre sie mit einem kleinen Jungen zusammengestoßen.
Thomas was machst denn du hier so weit von zu Hause weg?“
Der achtjährige Thomas Eichhorn, der im selben Haus wie Marietta wohnt, scharrt verlegen mit den Füßen, dann platzt er mit der Frage heraus:
Sie waren doch gerade bei Herrn Pfefferkorn!“
Marietta wird eine wenig rot, doch sie will den Jungen nicht anlügen, deshalb nickt sie.
Haben sie, haben sie,“ fragt er stockend, „ vielleicht einen dicken großen Teddy mit einer blauen Latzhose gesehen?“
Die alte Dame runzelt die Stirn.
Sie war so traurig gewesen, dass sie kaum auf ihre Umgebung geachtet hatte, doch dann erinnert sie sich aus den Augenwinkel einen Teddy und auch etwas blaues wahrgenommen hatte.
Ich glaube ich habe so etwas auf dem Regal gesehen.“
Tommys Augen leuchten auf.
Welch ein Glück, das ist nämlich mein Bernie, mein Papa hat ihn mir geschenkt, kurz bevor er gestorben ist.“
Er schluckt.
Und Herr Pfefferkorn hat mir versprochen ihn zu behalten, bis ich ihn wieder holen kann. Aber es ist doch schon so viel Zeit vergangen, denn ich bekomme das Geld nicht zusammen. 
Habe doch kein Taschengeld. Einmal habe ich mich auf die Straße gestellt und mit der Mundharmonika Musik gemacht und ein Tuch auf den Boden gelegt, aber niemand hat etwas gegeben. 
Und dann ist ein Mann aus einem Geschäft gekommen und hat gesagt ' ich soll verschwinden, sonst holt er die Polizei'. Da bin ich ganz schnell weg gelaufen.“
Warum hast du denn deinen Bären zu Herrn Pfefferkorn gebracht?“
Ich wollte doch Mama zu Weihnachten ein Geschenk machen, weil sie immer so traurig ist und soviel arbeiten muss. Und sie isst doch so gerne Pralinen und ich habe auch eine ganz große Schachtel für das Geld bekommen. Mama hat geweint, sie sagte vor Freude.“
Gerührt streicht Marietta dem Jungen über den Kopf.
Sie kannte die traurige Geschichte. Tommys Vater war ein charmanter, leichtsinniger junger Mann gewesen, der es auch nicht so genau mit der Treue nahm. Vor zwei Jahren war er tödlich verunglückt, als er mit seiner neuesten Freundin einen Wochenendausflug nach Italien machte und ließ seine Frau mit einem Haufen Schulden zurück.
Else Eichhorn musste nun die Schulden von ihrem kleinen Gehalt als Verkäuferin abzahlen und ging auch noch nebenbei putzen, sodass Tommy oft sehr allein war.
Ein Windstoß lässt sie frösteln und auch der Junge hat schon ganz rote Ohren.
Frau Mestwert nimmt Tommy bei der Hand.
Komm wir wollen nach Hause gehen. Ich habe noch eine Hühnersuppe von heute Mittag, die wird uns aufwärmen.“
Das strahlende Lächeln des Jungen berührt ihr Herz.
Als sie die Wohnung betreten sitzt ihr Mann noch genauso dick vermummt in seinem Lehnsessel, wie sie ihn verlassen hat.
Endlich, kommst du, du warst solange weg,“ quengelt er, dann sieht er den Jungen.
Wen haben wir denn da?“
Tommy tritt zu dem alten Mann und reicht ihm die Hand.
Guten Tag Herr Mestwert, ich bin Thomas Eichorn und wohne mit meiner Mama einen Stock über ihnen. Meine Mama sagt immer Tommy zu mir, wenn sie wollen dürfen sie das auch,“ meint er zutraulich.
Hermann Mestwert lächelt.
Dann danke ich dir für die Ehre und werde dich Tommy nennen.“
Später sitzen sie dann alle am Tisch und verspeisen mit Genuss die einfache aber warme Suppe und Marietta bemerkt mit Freude wie lebhaft ihr Mann an den Gesprächen teilnimmt und bereitwillig die vielen Fragen des Jungen beantwortet.
Am meisten freut er sich, dass der Junge sich für Technik interessiert und als dieser erfährt, dass Herr Mestwert einst eine Maschinenbaufabrik besaß und Ingenieur von Beruf war, da verkündet er freudig, dass er auch Ingenieur werden wolle.
Später sitzen sie beiden auf dem Sofa und blättern in einem dicken Buch über Technik, während Marietta mit einem versonnenem Lächeln die Küche sauber machte.
So lebhaft hat sie ihren Mann seit dem Konkurs seiner Firma nicht mehr erlebt.
Doch dann wird Herbert, der noch geschwächt ist, müde.
Auf einen fragenden Blick seiner Frau erklärt er, dass er schon allein zurecht käme, sie soll sich nur um den Jungen kümmern.

Tommy, ich denke auch du musst ins Bett, morgen ist Schule,“ meint nun auch Marietta.
Das strahlende Gesicht des Buben wird traurig, denn ihm graut vor der leeren Wohnung.
Doch da sagt Tante Marietta, wie er sie nennen durfte:
Ich werde dich zu Bett bringen und bei dir bleiben, bis deine Mama nach Hause kommt.“
Prima!“ jubelt der Junge und umarmt die alte Frau, die ihn gerührt an sich drückt.
Wie wäre es, wenn wir den Rest der Suppe für deine Mama mit nach oben nehmen würden. Sie freut sich sicher, wenn sie etwa Warmes zum Essen bekommt.“
Darf ich den Topf tragen?“ fragt Tommy eifrig.
Bald liegt der Junge dann im Bett und nachdem ihm Marietta noch eine Gute Nacht Geschichte erzählt und einen Kuss gegeben hat, kuschelt sich der glückliche kleine Kerl in die Kissen und ist bald eingeschlafen.
Es ist fast zweiundzwanzig Uhr, als Else Eichhorn nach Hause kommt. Erschrocken sieht sie ihre Nachbarin, die sie vom sehen nur kennt, an.
Ist etwas mit Tommy passiert?“
Nein keine Bange, setzen sie sich, ich mache ihnen schnell die Suppe warm.“
Sie freut sich wie sehr es der jungen Frau schmeckt.
Danke, noch niemals hat sich jemand so lieb um mich gekümmert,“ Else schiebt ihren Teller zurück und sieht ihr Gegenüber dankbar an.
Haben sie denn keine Eltern?“
Nein, ich habe sie kaum gekannt. Ich bin im Waisenhaus groß geworden. Es ging mir nicht schlecht dort. Wir hatten Kleidung und zu Essen, auch erhielten wir eine gute Schulbildung. Nur es gab eben niemanden der mich so richtig lieb hatte. Ich machte dann eine Lehre als Verkäuferin und wurde von dem Supermarkt übernommen. Dort lernte ich dann Heinz kennen.
Er war LKW-Fahrer und brachte die Waren. 
Ach er war so charmant und immer fröhlich und er brachte mich zum Lachen und ich verliebte mich unsterblich in ihn. 
Dann wurde ich schwanger und wir heirateten. 
Doch dann stellte sich heraus wie verschieden wir doch waren. 
Ich bin zu größter Sparsamkeit erzogen worden und Heinz war eben ein Bruder Leichtfuß.
Das Geld zerrann ihm nur so zwischen den Fingern und immer öfter gab es Streit. Dann nahm er noch einen Kredit auf, um ein teures Auto zu kaufen. Eine Woche später ist er dann verunglückt und nun sitze ich hier mit einem Berg Schulden.“
Plötzlich überkommt sie die Verzweiflung. Ein heftiges Schluchzen schüttelt den zierlichen Körper.
Marietta lässt sie weinen, denn sie weiß; Tränen reinigen die Seele.
Endlich hebt die junge Frau den Kopf und lächelt kläglich.
Entschuldigen sie, nun jammere und heule ich ihnen etwas vor.“
Es ist gut, dass alles mal raus kommt, viel zulange hast du alles mit dir allein herum getragen. Ich darf doch du sagen?“
Else nickt.
Gut, ich bin Marietta!“
Später vertraut Else ihrer neuen Freundin an, dass sie ein schlechtes Gewissen hat, weil sie Tommy soviel allein lassen muss und außerdem befürchtet sie, dass das Jugendamt sich vielleicht einschalten könnte.
Ich habe eine Idee,“ verkündet Marietta, „ Tommy könnte doch nach der Schule zu uns kommen, ich bringe ihn dann abends ins Bett und bleibe bei ihm, bis du nach Hause kommst.“
Else umarmt die alte Dame mit Tränen in den Augen.
Und als sie am nächsten Morgen Tommy davon erzählt, stößt dieser ein Indianergeheul aus.

Und nun beginnt für alle ein schönes Leben. 
Tommy kommt freudestrahlend aus der Schule direkt zu ihnen und nach dem Mittagessen macht er mit Onkel Hermann seine Hausaufgaben.
Marietta aber sitzt ganz still neben den beiden und nur das Klappern der Stricknadeln ist zu hören. Sie hat einen Pullover von sich aufgetrennt, um aus der Wolle etwas für Tommy zu stricken.
Immer wieder schweift ihr Blick zu ihrem Mann, der ebenso eifrig wie der Junge über die Bücher gebeugt ist.
Der Umgang mit dem Jungen hat ihrem Mann seine Lebensfreude wieder zurückgebracht. Überraschend schnell ist er wieder gesund geworden und auch seine Haltung ist wieder straffer geworden. Als wäre Tommy ein Jungbrunnen.
Eines Tages überrascht er sie, dass er den Jungen von der Schule abholen würde. Seit sie hier wohnten hatte er nicht mehr die Wohnung verlassen.
Und Tommy freut sich, als er Onkel Hermann vor der Schule stehen sieht. Da macht es ihm auch nichts aus, dass Robin ihn mal wieder geärgert hat.
Auch Else sieht nicht mehr so verhärmt und traurig aus. Sie blüht richtig auf, wie eine verwelkte Blume, die endlich Wasser und Sonne bekommen hat.
Und so wachsen die vier ungleichen Menschen zu einer Gemeinschaft zusammen, die sich von der Armut nicht in die Knie zwingen lassen.
 
(c) Roswitha B.

Und dann kommt das Glück.
Als hätte Fortuna, die ja sehr launisch ist, Gefallen an ihnen gefunden.
An einem Vormittag klingelt es und als Marietta öffnet steht ein älterer sehr gepflegter Herr vor der Tür.
Er stellt sich als Notar Friedrich Haller vor und möchte ihren Mann sprechen.
Marietta führt ihn in die Küche.
Nachdem er freundlich dankend Platz genommen hat, holt der Besucher aus seiner Aktentasche einige Papier heraus und sieht dann lächelnd in die erwartungsvollen Gesichter des Ehepaares.
Ist ihnen der Name Frederic van Geldern ein Begriff?“
In Herberts Augen blitzt es überrascht auf.
Freddy? Er war mein Jugendfreund, ein wenig leichtsinnig und vor dreißig Jahren geriet er dann auch in Schwierigkeiten und musste das Land verlassen.“
Ja und sie haben damals seine Schulden bezahlt, gaben ihm das Reisegeld und noch eine größere Summe für einen Neuanfang.“
Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört,“ bedauert Herbert.
Herr von Geldern wollte mit der Vergangenheit gänzlich abschließen. Er hat es in Kanada zu Wohlstand gebracht, hat dort geheiratet und drei Kinder. Kürzlich nun ist er verstorben und hat sie in ihrem Testament bedacht.
Er hat nie vergessen, was sie damals für ihn getan haben und hat ihnen die Summe, die sie bezahlten plus Zinsen der vergangenen Jahre hinterlassen.“
Als der Notar dann die sechsstellige Summe nennt stockt ihnen der Atem und sie können es gar nicht fassen.
Noch lange nachdem Dr. Haller sie verlassen hat sitzen sie stumm da und starren auf den Scheck, der vor ihnen auf dem Tisch liegt. Dann aber fallen sie sich weinend und lachend in die Arme.
Und sie schmieden Pläne. Als erstes wollten sie hier ausziehen und ein Häuschen mit Garten kaufen, in dem sie gemütlich ihren Lebensabend verbringen können.
Doch dann wird Herbert traurig. „Dann sehen wir ja Tommy nicht mehr?“
Marietta lächelt.
Wir nehmen die beiden einfach mit. Else kann uns den Haushalt führen und wir geben ihr ein gutes Gehalt, dass sie ihre Schulden abzahlen kann.
Und für Tommy legen wir ein Sparbuch an, dass er später studieren kann.
Schließlich sind die beiden doch unsere einzige Familie.“
Herbert gibt seiner Frau einen Kuss.
Schatz du hast die besten Ideen.“
Dann lächelt er verschwörerisch.
Wir wollen aber noch nichts sagen, erst wenn wir das passende Haus gefunden haben. Komm zieh dich an, wir wollen den Scheck auf die Bank bringen, schauen gleich bei einem Makler vorbei und dann holen wir Tommy gemeinsam von der Schule ab.
Einige Wochen später haben sie das passende Haus gefunden. 
Eine alte Villa inmitten eines parkähnlichen Gartens, teilweise bereits möbliert.
Im Erdgeschoss eine große gemütliche Wohnküche, ein Salon, eine Bibliothek und ein Schlafzimmer.
Im oberen Stock sind vier Zimmer und ein Bad.
Sie beauftragen einen Innenarchitekten der die Zimmer nach ihren Wünschen einrichten soll.
Tommy bekommt ein tolles Jugendzimmer und ein Schlafzimmer und für Else wird ein gemütliches Wohnzimmer und Schlafzimmer bestellt.
Ende November ist das Haus bezugsfertig.
Es ist Sonntag und die vier sitzen gemütlich beim Frühstück, als es klingelt.
Else öffnet die Tür und führt einen Taxifahrer herein.
Gut, dass sie schon da sind, wir kommen sofort, nehmen sie bitte die Tasche mit.“ 
Herbert drückt dem Mann eine große Reisetasche in die Hand und gleichzeitig einen Geldschein, der diesen strahlen lässt.
Er tippt sich an die Mütze und poltert die Treppe hinunter.
Herbert reibt sich vergnügt die Hände.
Holt eure Mäntel wir machen einen Ausflug!“

Wenig später sitzen sie alle vier im Taxi und erreichen kurze Zeit später die Villa.
Sie öffnen das schmiedeeiserne Tor und als sie durch den weitläufigen Park zum Haus gehen, sieht Tommy sich staunend um.
Wer wohnt denn hier?“ fragt er ehrfürchtig.
Herbert lächelt nur, holt einen Schlüssel aus der Tasche und öffnet das schwere Portal.
Wie staunen Else und Tommy als sie die große Halle sehen und dann werden sie von Zimmer zu Zimmer geführt.
Im Wohnzimmer aber steht ein kleiner Biedermeiertisch und auf einem weißes Deckchen steht eine wunderschöne Spieluhr. 
Wenn man genau hinsieht, kann man das glücklich strahlende Lächeln der kleinen Ballerina erkennen. 
Sie ist wieder zuhause.
Aber wer wohnt denn hier,“ will Tommy wissen.
Wir, es ist unser Haus,“ erklärt Herbert.
Große Tränen rollen über die Wangen des Jungen.
Aber, aber, dann sind Mama und ich ja ganz allein,“ schluchzt er und auch Else sieht traurig aus.
Marietta lacht vergnügt.
Aber nicht doch ihr kommt mit uns. Komm wir zeigen euch eure Zimmer.“
Sie gehen die breite Treppe nach oben und Else staunt als sie ihre liebevoll eingerichteten Zimmer sieht.
In ihrem kleinen Wohnzimmer steht eine große Schale mit den feinsten Pralinen.
Marietta aber nimmt den Jungen zur Seite und flüstert.
Da hinten sind deine beiden Zimmer, dort wartet jemand auf dich.“
Darf ich?“ Marietta nickt und Tommy saust los, gleich darauf hört man ihn jubeln.
Er kommt zurück einen dicken kuscheligen Bären mit blauer Latzhose auf dem Arm.
Du hast ihn geholt!“
Die alte Dame lächelt. „Er wohnt jetzt auch bei uns.“
Später sitzen sie dann alle in der gemütlichen Küche und nun geht es ans erzählen.
Else wischt sich immer wieder über die Augen.
Das ist wie Weihnachten im November.“
Und sie bleiben gleich über Nacht, denn in der großen Reisetasche hat Marietta für alle Nachtzeug eingepackt und der Kühlschrank ist auch gefüllt.
Am nächsten Tag wird sie das Taxi wieder abholen, denn es gibt noch einiges zu regeln. Aber bald würden sie für immer hier bleiben.
Else kündigt und da sie noch Urlaub hat muss sie nur noch eine Woche arbeiten.
Marietta aber geht mit Else und Tommy zum Einkaufen und kleidet sie vollkommen neu ein. Als Else protestieren will, meint sie nur: „Ihr seid jetzt unsere Familie.“
Und am nächsten Wochenende wohnen sie dann bereits alle sechs in der Villa.
Abends aber wenn alle schlafen, schlüpft Bernie aus dem Bett von Tommy und schleicht hinunter zu der kleinen Ballerina und sie unterhalten sich die ganze Nacht.

© Lore Platz

Mittwoch, 22. Mai 2019

Nachts im Pfandhaus


Gestern war ich ja leider verhindert, manchmal fordert einen der Alltag. Ich hoffe ihr habt mich nicht zu sehr vermisst. (zwinkern)
Viel Spaß beim Lesen!






Nachts im Pfandhaus


Obwohl es noch nicht 18 Uhr war dämmerte es bereits und es war für September auch schon empfindlich kühl.
Die alte Frau, die langsam die Straße entlang ging, fröstelte und sie zog das wollene Tuch fester um ihre Schultern.
Eine kleine Glocke über der Tür bimmelte leise, als sie das alte Pfandhaus betrat.
Der Pfandleiher, Herr Pfefferkorn, sah der Kundin abwartend entgegen.
Diese holte aus ihrer Tasche einen in grobes Papier eingeschlagenen Gegenstand hervor.
Vorsichtig löste sie das Packpapier und es kam eine wunderschöne Spieluhr aus Porzellan hervor.
Eine zierliche Ballerina stand in der Mitte auf Zehenspitzen, als warte sie nur darauf, dass sie zu tanzen beginnen dürfe.
Herr Pfefferkorn setzte seine Brille auf und betrachtete das kleine Kunstwerk von allen Seiten. Den Stempel einer namhaften Firma sah er sich sehr genau an.
Hundert Euro,“ brummte er.
Die alte Frau nickte und der Geldschein wechselte den Besitzer.
Etwas traurig sah sie dann auf die Spieluhr und strich wie Abschied nehmend der kleinen Tänzerin über den Kopf.
Dann drehte sie sich um und verließ schnell den Laden.





Herr Pfefferkorn aber trug den Neuzugang in das große Buch ein.
Er bekam tagtäglich soviel Elend zu sehen, dass er sich Mitleid nicht leisten konnte.
Die Zeiten waren schlecht.
Wieder bimmelte die Tür und ein junger Mann stürmte herein. Er trug einen fadenscheinigen Anzug und einen dicken Wollschal um den Hals und seine Haare waren vom Wind zerzaust.
Der Pfandleiher schmunzelte.
Der Künstler Adalbert Kernhaus kam so oft zu ihm, dass er schon ein lieber Bekannter war.
Der junge Mann legte einige Geldscheine auf den Tresen.
Lieber Herr Pfefferkorn ich habe ein neues Engagement und einen Vorschuss bekommen. Ich möchte meine Geige auslösen.“
Als der etwas abgeschabte Geigenkasten vor ihm auf dem Tisch lag, holte er das Instrument hervor und bald war der Raum erfüllt von einschmeichelnden Melodien.
Die Geige verschwand wieder im Kasten und der junge Mann verließ mit einem fröhlichem Gruß den Laden.
 
(C) meine Tochter


Von der nahen Turmuhr ertönten nun sechs voll tönende Schläge und Herr Pfefferkorn nahm eine lange Stange, öffnete die Tür und zog das große eiserne Gitter herunter.
Dann versperrte er die Tür, nahm die bereit liegende Geldkassette und schlurfte die Stufen zu seiner Wohnung hinauf.
Das Licht erlosch und der Laden lag im Dunkel.
Die Menschen auf der Straße wurden immer weniger, bis sie ganz verschwanden.
Die Nacht legte ihre dunklen Schleier über das Land und die Straßenlampen schalteten sich ein und warfen ihren Lichtschein durch die Gitter in das Pfandhaus.
Auch der Mond hatte sich aus seinem Bett gewälzt, was ihm heute besonders schwer fiel, da er wieder mal beträchtlich zugenommen hatte.

Dafür schien er aber besonders hell.
Die kleine Ballerina sah sich in dem halbdunklem Raum um. Wo war sie hier nur gelandet und musste sie nun für immer hier bleiben?
Sie stieß einen tiefen Seufzer aus.
Jeder von uns hat am ersten Tag Heimweh, aber du wirst sehen so schlimm ist es bei uns gar nicht,“ hörte sie eine mitfühlende Stimme neben sich.
Sie wandte ihren Kopf und sah einen dicken kuscheligen Teddybären neben sich sitzen.
Wo bin ich hier denn?“
Das ist ein Pfandhaus, da tragen Menschen ihre wertvollen
Dinge hin und bekommen dafür Geld, damit sie sich was zu essen kaufen können.“
Hahaaa, was ist denn an dir so wertvoll, du bist doch nur ein ausgestopftes altes Fellbündel. Und wenn ich mich recht erinnere hat der alte Pfefferkorn dem Jungen nur fünf Euro für dich gegeben.“ ertönte eine spöttische Stimme über ihnen.


(c) Bonmomo

Und so weit ich mich erinnere hat man für dich auch nur zehn Euro bezahlt,“ meinte Teddy gutmütig.
Was eine Frechheit ist, denn ich bin schließlich ein Sammlerstück!“ zeterte die Puppe.
Nun gib doch Ruhe, musst du immer streiten,“ meldete sich ein alter Kontrabass, der in einer Ecke lehnte.
Was willst du alter Brummkasten, bist doch schon längst von den deinen verlassen und vergessen.
Außerdem streite ich nicht, sondern sage nur meine Meinung und das wird ja wohl nicht verboten sein.“
Der Kontrabass schloss die Augen und gab keine Antwort.




Letztes Jahr an Weihnachten hat Thomas, der Junge dem ich gehörte mich hierher gebracht. Er brauchte das Geld, um seiner Mutter ein Weihnachtsgeschenk zu kaufen.“ erklärte Teddy.
Jeder von uns hier hat seine eigene Geschichte, willst du uns nicht deine erzählen?“




 Die Ballerina lächelte versonnen.
Mareike, die Frau die mich gestern hierher gebracht hat, und ich sind schon seit mehr als fünfzig Jahren zusammen.
An ihrem siebzehnten Geburtstag bekam sie mich als Geschenk von ihrem Verlobten. Wie oft habe ich seitdem für sie getanzt. Wir lebten in einem schönen großen Haus mit vielen Dienstboten und Mareike hat so gern gelacht und getanzt. Die Hochzeit war wunderschön und sie nahm mich mit in die Villa ihres Mannes, der ein Fabrikant war und sehr reich.
Die beiden haben sich sehr geliebt und nur manchmal war Mareike traurig, weil sie keine Kinder bekommen konnte, aber wenn ich dann für sie tanzte, dann lachte sie wieder.
So lebten wir viele viele Jahre zusammen. 
Und auch wenn meine liebe Mareike inzwischen graue Haare hatte, so war sie doch immer noch das fröhliche junge Mädchen geblieben und ihr Mann liebte sie wie am ersten Tag.
Doch dann vor einigen Jahren wurde alles anders. 
Wir mussten aus der schönen großen Villa ausziehen und wohnten seitdem in einer kleinen Wohnung in einem großen alten Haus.
Weltwirtschaftskrise hörte ich die Leute sagen.“
Ein vielstimmiger Seufzer kam aus einer Vitrine und im Chor riefen die Schmuckstücke, die dort ausgestellt waren:
Weltwirtschaftskrise, dieses schreckliche Wort kennen wir auch, es hat uns hierher gebracht.“
Die kleine Ballerina nickte und erzählte weiter.
Sie hatten alles verloren und der Mann war sehr sehr traurig, doch Mareike machte ihm Mut und sagte sie würden das schon schaffen. 
Doch nur ich sah ihre heimlichen Tränen, und ich tanzte für sie!
Dann aber wurde der Mann schwer krank und sie brauchten teure Medikamente.
Gestern Abend durfte ich noch einmal für sie tanzen, dann streichelte sie mich zärtlich und flüsterte:
'Du bist das letzte kostbare Stück, das ich noch habe.'
Und heute brachte sie mich hierher.“
Eine Weile war es still und kleine Tränen flossen aus den Augen der zierlichen Ballerina.
Um sie auf andere Gedanken zu bringen fragte Teddy.
Willst du nicht für uns tanzen?“
Gern, aber dazu brauche ich deine Hilfe. Unten an dem Podest, auf dem ich stehe, ist ein kleiner Stahlstift, den musst du drücken.“
Teddy beugte sich hinunter und betrachtete zweifelnd das zierliche kleine Ding und drückte mit seiner dicken Pfote dagegen.
Nichts bewegte sich.
Meine Pfote ist wohl zu groß,“ brummte er verlegen.
Ein spöttischen Lachen über ihm ertönte.
Vielleicht kann ich ja helfen?“ piepste eine schüchterne Stimme und eine Maus kam aus einer dunklen Ecke.
Versuche es!“
Flink kletterte das Mäuschen an dem Regal hoch und ließ sich auf das Brett neben die Spieluhr fallen.
Vorsichtig drückte es dann mit seiner spitzen Nase gegen den Stahlstift und eine wunderschöne Melodie erklang und die Ballerina begann sich zu drehen.
Alle Gegenstände reckten die Köpfe, um sie tanzen zu sehen.
Die Musik endete und die Ballerina blieb mit hoch erhobenen Armen stehen.
Plötzlich ging das Licht auf der Treppe an und Herr Pfefferkorn kam herunter. Er trug ein langes weißes Nachthemd und eine Zipfelmütze.
Stirn runzelnd sah er sich im Raum um, schüttelte den Kopf, murmelte etwas vor sich hin und schlurfte die Treppe hinauf.
Das Licht erlosch.

© Lore Platz

Als ich damals diese Geschichte schrieb, wurde ich ich von einigen meiner Leser gebeten, eine Fortsetzung zu schreiben. Die könnt ihr Morgen lesen.
Denn eigentlich bringe ich meine Geschichten immer zu einem guten glücklich Ende. (zwinkern)

Montag, 20. Mai 2019

Cornelia ist anders

Ich hoffe ihr habt den gestrigen Sonnentag genossen. 
Nun hat der Frühling wirklich endgültig das Zepter übernommen und wenn es auch bald wieder regnet, sollten wir nicht traurig sein, die Natur braucht das Wasser.
Nun wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen!


 
(c) meine Tochter




Cornelia ist anders


Benommen richtete sie sich auf und sah sich um.
Wo war sie hier?
Sie fröstelte und ein unheimliches Gefühl beschlich sie. Waren das dort hinten Gräber, war sie etwa auf einem Friedhof?
Dunkel konnte sie sich an ein Fest erinnern, lachen und trinken, doch dann hatte sie einen Filmriss.
Durch den dichten Nebel kam eine schwarz gekleidete Gestalt auf sie zu.
Schemenhaft tauchten Erinnerungen auf. Er hatte sie zu einem Tango aufgefordert und sie elegant und doch feurig durch die Schritte geführt.
Sie war vollkommen hingerissen von ihm gewesen. Er war irgendwie faszinierend.
Nun blieb er vor ihr stehen.
Ein teuflisches Lächeln spielte um seine Lippen. Dann öffnet er den Mund und zwei spitze lange Zähne wurden sichtbar.
Sie fing gellend an zu schreien!“



Bianca!“
Enttäuscht legte die Vierzehnjährige das Buch hin.
Ich komme!“
Ihre Mutter stand in der Küche und knetete einen Teig, der Tisch brach fast zusammen unter dem Chaos.
Die Oma schälte, ungerührt von dem Ganzen, Äpfel.
Frau Bauer strich sich eine Strähne zurück und hinterließ eine Mehlspur auf der Stirn.
Bianca du solltest doch Petra vom Kindergarten abholen, hast du wieder die Zeit vergessen beim Lesen.“
Das Mädchen errötete und sah schuldbewusst zur Uhr.
Bin schon weg!“
Im Laufschritt lief sie zum Kindergarten, der zum Glück nur zwei Straßen weiter lag.
Gerade rechtzeitig kam sie etwas atemlos an. Die Kinder verließen gerade lärmend das Gebäude, Petra mitten unter ihnen.
Als sie ihre große Schwester entdeckte winkte sie ihren Freundinnen zu und lief zu Bianca.
Wie viele hast du denn zu deinem Geburtstag eingeladen?“
Oh nur Elfie, Gretel, Paula, Babsi, Tom, Andreas und Karin!“
Das geht ja noch,“ grinste Bianca.
Der Hof hatte sich inzwischen geleert, nur ein kleines Mädchen stand noch da und sah irgendwie verloren aus.
An ihrem rechten Bein trug sie eine Schiene.
Kennst du sie?“
Ja, sie heißt Cornelia Larson und ist noch nicht lange hier. Sie wohnt mit ihrer Oma in dem Haus von der alten Berta, die letztes Jahr gestorben ist.“
Das ist ja nicht weit von uns, komm wir fragen sie, ob wir sie mitnehmen sollen.“
Cornelia hob nicht den Kopf, als Bianca sie fragte und meint nur zögernd; ihre Oma würde sie abholen.
Da kam die alte Frau auch schon etwas außer Atem in den Hof.
Tut mit leid Nelly, ich habe Kekse gebacken und musste noch auf das letzte Blech warten, um es aus dem Ofen zu holen.“
Sie sah Bianca und Petra freundlich an. „Danke, dass ihr mit Cornelia gewartet habt.“
Ja, wir wollten sie gerade mitnehmen, da ihr ja in unsere
Nähe wohnt,“ erklärte Bianca.
Die alte Frau sah sie nun genauer an, dann lächelte sie.
Ihr seid die Bauer-Kinder und wohnt in dem schönen großen Haus schräg gegenüber.“
Cornelia hob den Kopf und warf ein: „ mit dem schönen großen Hund!“


    (c)Roswitha und Werner B.

Ja, das ist Sedy, ein richtiger Clown, doch sehr lieb, kommt wir wollen gehen,“ meinte Petra, nahm Cornelia bei der Hand und ging mit ihr dem Ausgang zu.
Es war rührend zu sehen wie Petra sich den langsamen Schritten des anderen Mädchens anpasste.
Als sie das kleine Häuschen der Larsons erreicht hatten, bat die Oma sie ins Haus, um die frisch gebackenen Kekse zu probieren.
Während Petra mit Cornelia schon im Haus verschwand, lief Bianca schnell hinüber, um der Mutter zu sagen wo sie waren.
Später als sie dann mit Frau Larson bei einer Tasse Tee und Keksen zusammen saß, erfuhr sie die ganze traurige Geschichte.
Petra und Nelly spielten in deren Zimmer, reichlich mit einem Teller voller Kekse versehen.
Mit Tränen in den Augen erzählte Frau Larson von dem großen Unglück, dass ihre Familie getroffen hatte.
Bei einem unverschuldetem Unfall kamen ihr Sohn und seine Frau vor zwei Jahren ums Leben. Cornelia überlebte schwer verletzt, doch ihr rechtes Bein war total zerschmettert. Über ein Jahr lag sie in der Klinik und musste immer wieder operiert werden.
Dann starb ihre Kusine Berta und hinterließ ihnen ihr kleines Haus. Und sie zogen hierher.
Inzwischen hatte sie auch eine nette Therapeutin für Nelly gefunden, die ihr über das erlebte Trauma hinweg helfen sollte.
Die Therapeutin war es auch, die vorgeschlagen hatte, das Kind in den Kindergarten zu bringen.
Finanziell waren sie gut versorgt, da die Versicherung des
Unfallverursachers eine große Summe als Schmerzensgeld an Nelly zahlen musste und außerdem noch eine lebenslange Rente.
Die Kinder kamen in die Küche.
Bianca , ich habe Nelly zu meinem Geburtstag morgen eingeladen.“
Das ist eine gute Idee, kommen sie morgen doch beide, das Fest beginnt um 14 Uhr.“
Gerne, aber was wird eure Mutter dazu sagen.“
Bianca lachte.
Das kann ich ihnen gleich sagen. Sie wird nur antworten, das Haus bricht sowieso auseinander bei dem Ansturm, da kommt es auf zwei Personen auch nicht mehr an.“
Petra grinste.
Wir haben so viele Tanten, Onkel, Vettern und Basen , die kommen morgen alle zu meinem Geburtstag, außerdem habe ich auch noch Elfie, Gretel, Paula, Babsi, Karin, Tom und Andreas eingeladen,“ wendete sie sich an Nelly. „Du kennst sie aus dem Kindergarten.“
Als Bianca später ihrer Mutter dann von den neuen Gästen erzählte, winkte diese nur ab. Zwei Gäste mehr war kein Problem.
Als Petra dann im Bett lag, setzte sich Bianca zu ihren Eltern und der Oma ins Wohnzimmer und erzählte ihnen von dem traurigen Schicksal von Cornelia.
Allen tat das Mädchen leid.
Da müssen wir eben mehr Spiele machen, die im Sitzen stattfinden, damit sie mitmachen kann.“ meinte die Oma.
Ich werde mir einige ausdenken,“ versprach Bianca.
Und bei den Spielen, die draußen stattfinden, kann sie sich zu den Zuschauern setzen. Wir werden schon dafür sorgen, dass sie sich nicht ausgeschlossen fühlt,“ versprach die Mutter.
(c) Irmgard Brüggemann

Und der Vater erklärte in resigniertem Ton.
Und ich werde mich wieder opfern und den Clown spielen
und beim Sack hüpfen auf die Nase fallen.“
Fröhliches Gelächter erfüllte das Wohnzimmer.

Pünktlich um 14Uhr kamen Frau Larson und Cornelia.
Das Mädchen war total eingeschüchtert von all den vielen Menschen, die lachend und schwatzend im Garten waren, die langen Biertische deckten und zwischen Haus und Garten eilig hin und her liefen.
Nelly schmiegte sich Schutz suchend an ihre Oma.Sedy kam zu ihr und leckte ihr die Hand, als spürte er ihre Unsicherheit. 
Lächelnd streichelte sie den Hund.
Petra kam herüber und fasste Nelly resolut an der Hand.
Komm mit zu den anderen.“
Für die Kinder war unter einem Pavillon, der mit Luftballons geschmückt war, ein großer runder Tisch gedeckt.
Nelly wurde herzlich begrüßt und da Sedy nicht von ihrer Seite wich, verlor sie auch ein wenig ihre Scheu.
Keines der Kinder machte eine Bemerkung über das lahme Bein von Nelly und hatten auch bald vergessen, dass sie eigentlich „anders“ war.
Später spielten sie einige Spiele am Tisch unter der Aufsicht von Bianca.
Nelly machte eifrig mit und ab und zu lachte sie sogar hellauf.
Ihre Oma, die das Kind nicht aus den Augen gelassen hatte, rührte dieses Lachen zu Tränen.
Wie lange hatte sie das Kind nicht mehr lachen gehört.
Frau Bauer trat neben sie.
Es tut Nelly gut hier unter den Kindern zu sein.“
Frau Larson nickte. „Danke, dass sie uns eingeladen haben.“
Sie sollten öfter zu uns kommen. Sehen sie die meisten der Kinder sind meine Neffen und Nichten. Ich stamme aus
einer großen Familie und alle wohnen in der Nähe. Bei uns ist immer etwas los.“
Nelly und ich sind noch das Einzige, was von unserer
Familie übrig ist,“ murmelte Frau Larson traurig.
Frau Bauer legte ihr den Arm um die Schulter.
Wissen sie was, ab jetzt gehört ihr beide zu unserer Familie. “
Die beiden Frauen umarmten sich.
Sedy weicht nicht von Nellys Seite.“
Frau Bauer runzelte die Stirn.
Wissen sie, ach nein wir wollen du zueinander sagen, ich bin Barbara.“
Betty!“
Also Betty, ich glaube es wäre gut für Nelly, wenn sie einen eigenen Hund hätte.Ein Hund könnte ihr helfen die schlimmen Erlebnisse besser zu verkraften.
Weißt du was, Sedys Mutter hat vor kurzem wieder geworfen. Wir könnten nächste Woche zum Züchter fahren und Nelly kann sich dann einen der Welpen aussuchen. Aber jetzt beginnt das Sack hüpfen. Wir wollen Nelly in unsere Mitte nehmen, denn bei den folgenden Spielen kann sie nicht mitmachen.“
Nelly war nicht traurig darüber, dass sie ausgeschlossen war. Sie fiebert richtig mit und feuerte Petra lautstark an und als Herr Bauer der Länge nach ins Gras fiel, da lachte sie laut auf.

Am Abend, als Frau Larson das Mädchen ins Bett brachte, sah diese so glücklich aus wie schon lange nicht mehr.
Und als sie ihr erzählte, dass sie ein Geschwisterchen von Sedy bekommen würde, da fiel sie ihr jubelnd um den Hals.
Als Nelly sich mit ihrem Teddybären in die Kissen kuschelte murmelte sie, während ihr die Augen zufielen:
Weißt du Petra hat gesagt, ich sei ihre aller, aller beste
Freundin und soll nun jeden Tag zu ihr kommen. 
Wenn ich dann meinen eigenen Sedy habe, dann können die beiden Hund auch miteinander spielen.“
Die letzten Worte konnte Frau Larson kaum mehr verstehen, denn das Kind war eingeschlafen.
Dankbar faltete sie die Hände und sandte ein stummes Gebete zum Himmel.
Nach all der schweren dunklen Zeit, hatte Gott ihr wieder einen Sonnenstrahl gesandt.

© Lore Platz