Montag, 21. Januar 2019

Der Schneemann der die Welt kennen lernen wollte

Ich hoffe, ihr hattet ein schönes Wochenende.
Heute habe ich wieder eine Geschichte für euch und wünsche  viel Spaß beim Lesen!
 
(c) Eva V.


Der Schneemann, der die Welt kennen lernen wollte


Herr Knudelich stand aufrecht im Vorgarten eines schmucken kleinen Häuschen und hatte wieder mal einen Traum.
Herr Knudelich war übrigens ein Schneemann und die kleine Birgit, die ihn erschaffen hatte, gab ihm diesen Namen.
Nun stand er also schon einige Zeit hier im Garten und anfangs war es ja noch sehr interessant.
Birgit besuchte ihn jeden Tag und erzählte ihm aufgeregt von einem Nikolaus und einem Christkind und ihren Wünschen an die beiden.
Auch konnte er beobachten wie der Vater der Kleinen heimlich einen Tannenbaum in den Schuppen brachte und ihn dann zusammen mit Birgits Mutter im Haus mit bunten Flitterzeug behängt.
Herr Knudelich gefiel das sehr gut.
Als dann dieses Christkind gekommen war, erzählte ihm Birgit aufgeregt, welche Geschenke es bekommen hatte und zeigte ihm ganz stolz den neuen Rodelschlitten.
Einige Tage später kam dann mitten in der Nacht die ganze Familie, selbst Opa und Oma waren dabei, in den Garten und auf einmal fingen die Sterne an zu explodieren.
Und alle freuten sich und riefen „Aaah“ „Ooooh“
Die Nachbarn kamen herüber und wünschten ein gutes neues Jahr und ein Mann der schwankte so komisch und bot ihm sogar ein Glas Sekt an.
Wusste der nicht, dass Schneemänner nicht essen und trinken.

Aber seit diesem schönen Erlebnis war es ziemlich langweilig hier.
Birgit hatte nun keine Zeit mehr für ihn, denn nach der Schule ging sie mit ihren Freunden zum rodeln.
Herr Knudelich stand also einsam da und betrachtete gelangweilt die Gegend ringsum, die er schon mit geschlossenen Augen erkennen konnte.
Die einzige Abwechslung war der Besuch der Vögel, deren Unterhaltung er lauschte, wenn sie das Futterhäuschen besuchten.
Die Spatzen stritten sich ja meistens und gönnten dem anderen das Futter nicht.
Die Meisen und Finken benahmen sich gesitteter.
Und einmal hörte er eine Kohlmeise klagen, dass ihre gute Freundin, die Schwalbe, in den Süden geflogen sei und sie diese sehr vermisse.
Nun träumte Herr Knudelich davon auch einmal in die weite Welt hinaus zu gehen.
Die Dämmerung hatte inzwischen ihre dunklen Schleier über das Land gelegt und es fing an zu schneien.
Dicke weiße Flocken setzten sich auf den Hut des Schneemanns.
Die Schneeflocken waren ja ein lustiges Völkchen und lachten und schnatterten in einer Tour.
Plötzlich kam der Wind durch den Garten und wirbelte die fröhlichen Flöckchen hoch.
Diese hielten sich an den Händen und tanzten lachend und jubelnd in der Luft.
Eine Weile ging das fröhliche Spiel, dann setzte sich der Wind erschöpft gegenüber von Herrn Knudelich in den Schnee.
Er holte ein paarmal tief Atem und lächelte verlegen.
Man merkt doch, dass man nicht mehr der Jüngste ist, diese kecken jungen Dinge bringen einem ganz schön außer Atem.“
Herr Knudelich schmunzelte.
Da haben sie recht, aber man kann ihnen ja nicht böse sein.“
Ein tiefer Seufzer begleitete diesen Satz.
Der Wind runzelte die Stirn.
Was haben sie denn!“
Ach ich möchte so gerne die Welt kennen lernen und sitze hier fest. Ach könnte ich doch auch so durch die Luft wirbeln wie ihr.“
Nachdenklich betrachtete ihn der Wind, dann rief er.
Ich habe eine Idee, ich helfe ihnen. Zuerst einmal brauchen sie Füße. Bitte erschrecken sie nicht.“
Und er pustete kräftig den Schneemann an und als dieser nach unten sah, hatte er tatsächlich zwei stämmige Füße.
Vorsichtig hob er erst den einen, dann den anderen und machte ein paar Schritte, noch etwas unbeholfen, aber mit der Zeit wusste er wie es ging und raste durch den Garten.
An der verschlossenen Tür zur Straße blieb er stehen.
Das haben wir gleich,“ meinte der Wind und warf sich gegen das Gatter, bis der Riegel raus sprang und der Weg zur Freiheit offen war.
Eine Weile noch begleitete der Wind seinen neuen Freund, doch dann musste er weiter.
Gute Reise und Lebewohl!“
Lebewohl und vielen Dank!“
Nun setzte Herr Knudelich seinen Weg alleine fort und er kam aus dem Staunen nicht heraus, was gab es doch alles zu sehen in der Stadt.
Doch dann wurden die Häuser weniger und vor ihm lag eine freies schneebedecktes Feld.
Vergnügt wanderte er über die Schneedecke und erreichte einen Wald.
Hier wollte er erst einmal ausruhen und so setzte er sich unter einen Baum.
Erschrocken fuhr er zusammen, als er ein Flügelrauschen vernahm und ein leises „Uhuhuhuhh“
Ein großer Vogel ließ sich neben ihm nieder.
Wer bist denn du?“ wollte er wissen.
Ich bin Herr Knudlich, ein Schneemann,“ stellte sich dieser vor.
Ach ja solche Dinger habe ich schon in den Gärten stehen sehen. Wusste gar nicht, dass sie laufen können. Was willst du denn hier im Wald.“
Ich möchte die Welt kennen lernen.“
Wenn es dir Spaß macht, ich will jetzt in mein Bett!“
brummte die Eule, flog auf den Baum und schlüpfte durch ein Loch.
Herr Knudelich schmunzelte, ein seltsamer Vogel und nicht mal vorgestellt hatte er sich.
Doch der Schneemann war nun auch müde und so lehnte er sich zurück an den Stamm und schloss die Augen.

Wer er wohl ist, wo er wohl er wohl herkommt?“
Herr Knudelich öffnete die Augen und bemerkte einige Hasen, die ihn neugierig betrachteten.
Der Schneemann streckte die Arme und gähnte laut, was die Hasen kichern ließ.
Guten Morgen,“ sagte er gutgelaunt.
Guten Morgen,“ tönte es im Chor.
Ich bin Herr Knudelich, ein Schneemann, der die Welt kennen lernen will. Und gestern Abend war ich so müde, dass ich hier erst einmal Rast machte.“
Ich bin Benny, das sind meine Schwester Karla, mein Bruder Rudy und der Kleine ist Felix,“ stellte der Größte der Hasen sich und seine Geschwister vor.
Es raschelte im Baum und Schnee fiel herab.
Ein Eichhörnchen kletterte geschwind den Stamm herunter und sprang in den Schnee.
Nun bin ich aufgewacht vor Hunger und weiß nicht wo ich meine Nüsse versteckt habe,“ seufzte es und lief kopfschüttelnd davon.
Jedes Jahr dasselbe, Miabel vergisst immer wieder, wo sie ihre Nüsse versteckt hat,“ lachte Benny.
Da kommt der Fuchs !“ rief Felix und auf einmal waren die Hasen verschwunden.
Neugierig sah Herr Knudelich dem rotbraunen Gesellen, mit dem buschigen Schwanz, entgegen.
Guten Tag,“ grüßte der Schneemann höflich, als der Fuchs vor ihm stehen blieb.
Ja,ja,“ brummte dieser und hob schnuppernd die spitze Nase.
Hier riecht es doch nach Hasen, ihr habt nicht zufällig welche gesehen?“
Ja, aber das ist schon eine ganze Weile her.“
Schade, dabei hätte ich so eine Lust auf Hasenbraten!“
Verärgert lief der Fuchs weiter.
Herr Knudelich sah ihm grinsend nach, dann erhob er sich,
Zeit weiter zu gehen.
Nun wanderte er viele Tage bergauf, bergab und die Welt gefiel ihm.
Oft hielt er ein Schwätzchen mit den Tieren, denen er begegnete.
Menschen ging er aus dem Weg und wenn er doch einem begegnete, dann bleib er stocksteif stehen.
Eines Tages kam er an einen Bach.
Vergnügt beobachtete er wie das Wasser fröhlich plätschern über Stock und Stein hüpfte.
Wohin des Weges mein Freund!“ rief er.
In die weite Welt!“
Dahin will ich auch, können wir denn nicht zusammen wandern, allein macht es keinen Spaß!“
Gerne, aber leider bist du viel zu schwer, ich kann dich nicht tragen!“
Inzwischen war die Sonne höher gestiegen und da es bald Frühling wurde, waren ihre Strahlen viel kräftiger und der Schnee ringsum begann zu schmelzen.
Auch an dem Schneemann liefen große Tropfen herab.
Ich weine !“ rief er erschrocken.
Der Bach lachte: „ Nein du schmilzt, es wird Frühling!“
Ach wie schrecklich!“ Nun fing er Herr Knudelich wirklich an zu weinen.
Nein, da ist doch wunderbar!“ meinte der Bach und lachte.
Was soll denn daran wunderbar sein?“ fragte der Schneemann und war einen Moment wirklich beleidigt.
Verstehst du denn nicht, wenn du schmilzt wirst du zu Wasser und dann können wir zusammen die Welt entdecken!“
Und der Schneemann wurde immer kleiner und bald war nur noch eine kleine Pfütze von ihm übrig.
Diese aber setzte sich in Bewegung und floss in den Bach.
Und nun konnten die beiden Freunde, der Schneemann und der Bach die Welt gemeinsam entdecken.

© Lore Platz








Freitag, 18. Januar 2019

Die Zaubergeige Ende



(c)  meine Tochter



Als er am nächsten Tag erwacht ist es noch dämmrig draußen.
Aber er fühlt sich frisch und ausgeruht.
Schnell springt er aus dem Bett, bückt sich und zieht das Paket hervor.
Vorsichtig wickelt er die Geige aus der Decke und betrachtet sie staunend.
Wie wunderschön sie ist.
Behutsam fährt er mit der Hand über das Gehäuse und zupft ganz zart mit dem Finger die Saiten.
Er schlüpft in seine Jacke, wickelt die Geige wieder in die Decke und klettert aus dem Fenster.
Es ist noch sehr früh und das Dorf ist wie ausgestorben.
Arne klopft an Pascals Fenster.
Das verschlafene Gesicht des Jungen erscheint und verschwindet wieder.
Verzweifelt klopft Arne noch einmal.
Die Tür öffnet und sich und Pascal sieht ihn wütend an.
Du weckst ja meine Eltern auf. Was willst du?“
Komm mit, ich muss dir was zeigen!“
Pascal knöpft sich seinen Mantel zu und folgt etwas misstrauisch dem Jungen.
 
(c) meine Tochter
Arne wartet unter der großen Kastanie in der Ortsmitte auf ihn.
Etwas verlegen sieht er Pascal entgegen, dann sagt er ernst:
Es tut mit leid, dass ich deine Geige kaputt gemacht habe, es war dumm und gemein von mir und ich danke dir, dass du mich nicht verraten hast. Doch sieh mal,was ich in einer der Höhlen in den Klippen gefunden haben.“
Er wickelt das Instrument aus und Pascal bekommt kugelrunde Augen.
Die ist ja wunderschön,“ flüstert er ehrfürchtig und nimmt die Geige in die Hand.
Sie ist vollkommen aus Glas, wie sie wohl klingt?“
Spiel,“ flüstert Arne.
Pascal stützt die Geige unterm Kinn ab und fährt
sachte mit dem Bogen über die Saiten.
Er zarter heller Ton erklingt.
Und dann beginnt Pascal zu spielen, zuerst ein Menuett von Mozart, dann einen Walzer von Johann Brahms und schließlich die Träumerei von Robert Schumann.
Und die Geige jauchzt, jubelt und singt und es ist als würden die Töne zum Himmel aufsteigen.
Plötzlich ist ein tiefes Grollen zu hören, als würde ein Gewitter aufziehen.
Ein großer weißer Wolf taucht am Ortseingang auf und kommt auf sie zu, die Lefzen zurückgezogen und aus seinen roten Augen schießen kleine Blitze.
Die beiden Jungen rücken ängstlich zusammen.
Auf einmal steht Mutter Erde neben ihnen.
Spiel weiter Pascal!“
Und obwohl sein Magen sich vor Angst verkrampft, lässt der Junge die Geige singen und jubilieren und es ist als würde sie von selber spielen.
Der weiße Wolf bleibt stehen, setzt sich auf die Hinterläufe und beginnt fürchterlich zu heulen.
Pascal aber lässt sich nicht beirren, er spielt weiter.
Das Heulen des Wolfes geht in ein Winseln über, er dreht sich um und läuft davon.
Wir haben sie besiegt, wir haben die Eishexe besiegt!“ jubelt Mutter Erde.
Spiel weiter mein Junge, spiele weiter, vielleicht weckst du meinen Sohn!“
Und Pascal spielt und die Töne umschmeicheln das Land und der Schnee beginnt zu schmelzen.
In den Häusern ringsum gehen die Lichter an und die Menschen kommen aus ihren Häusern.
 
(c) meine Tochter

Ein Rauschen und Brausen ertönt und das Meer beginnt wilde Wellen zu schlagen und aus den Fluten steigt ein junger schöner Mann.
Er ist ganz in Grün gekleidet und in seinem langen goldbraunen Haar sind Blumen geflochten.
Und als er den Boden betritt, erblühen unter jedem seiner Schritte die schönsten Blumen.
Die Menge teilt sich, als er auf sie zu schreitet.
Er verneigt sich vor Mutter Erde und diese nimmt ihn mit Tränen in den Augen in den Arm.
Dann wendet sie sich an die Menschen, die sie voller Staunen betrachten.
Wir alle waren in großer Gefahr. Die Eishexe wollte die Weltherrschaft erringen und hat meinen Sohn, den Frühling gefangen genommen.
Zum Glück konnte er auf der Flucht seine Zaubergeige verstecken.
Diese beiden mutigen Jungen haben sie gefunden und zum Spielen gebracht und so konnte der Bann der Eishexe gebrochen werden.“
Hoch Pascal, hoch Arne!“ rufen die Kinder und die anderen stimmen mit ein.
Pascal sieht zu seinen Eltern, die ihm mit Tränen in den Augen zulächeln.
Auch Arnes Blick gleitet über die Menge, doch er kann sein Eltern nirgends entdecken.
 
(c) meine Tochter

Der Frühling aber beugt sich zu Pascal und streckt die Hand aus.
Nun werde ich weiter spielen und die Natur zum Leben erwecken.“
Fröhliche Weisen spielend dreht er sich um und ringsum beginnt der Schnee restlos zu schmelzen.
Alles fängt an zu blühen und selbst an der großen Kastanie sprießen die ersten Triebe.
Mutter Sonne und ihre Töchter schieben mit ganzer Kraft die dicken Wolken weg und senden ihr Licht und ihre Wärme auf die Erde.
Die Leute jubeln und strecken ihre Gesichter der Sonne entgegen.
Mutter Erde hebt die Hand und Stille tritt ein.
Da diese beiden tapferen Jungen uns alle aus einer großen Gefahr gerettet haben, werde ich jedem einen Wunsch erfüllen. Nun Arne, was wünscht du dir?“
Arne senkt den Kopf und sagt so leise, dass nur Mutter Erde ihn verstehen kann.
Ich habe nichts verdient.“
Mutter Erde beugt sich zu ihm hinunter und flüstert:
Durch deine gute Tat hast du deinen Fehler wieder gut gemacht, aber ich werde mir für dich einen Wunsch ausdenken.“
Sie richtet sich auf und sagt.
Unser Arne ist noch so überwältigt, dass ihm gar nicht einfällt, also werde ich mir für ihn etwas ausdenken.“
Alles lacht.
Und was wünscht du dir denn Pascal?“ fragt Mutter Erde.
Lass dir dein lahmes Bein wegzaubern!“ ruft Arne.
Pascal lächelt, dann sucht sein Blick seine Eltern und langsam schüttelt er den Kopf.
Nein, ich habe mein lahmes Bein schon so lange und es stört mich nicht, aber...“
Er wendet sich an Mutter Erde und murmelt:
Ich hätte so gerne eine neue Geige.“
Lächelnd streckt Mutter Erde die Hand aus und hält auf einmal eine wunderschöne glänzende Geige in den Händen und reicht sie an Pascal weiter.
Sie ist viel viel schöner als seine alte Geige und als er den Bogen ansetzt, erklingen die Töne so zart und so rein.
Pascal lacht fröhlich und beginnt eine übermütige Weise zu spielen und die Menschen tanzen auf der inzwischen grünen blühenden Wiese.
Mutter Erde aber wendet sich um und geht leise davon.

Nun gibt es nicht mehr viel zu erzählen.
Arne und Pascal wurden die besten Freunde.
Und wehe, einer schaute Pascal nur schief an, dann war Arne schon da mit geballten Fäusten.
Arnes Eltern schafften es endlich sich zu trennen und ließen sich scheiden.
Da keiner von beiden aber Arne wollte, ging der Vater von Pascal zum Bürgermeister und setzte es durch, dass Arne bei Ihnen bleiben durfte.
Arne war nun der glücklichste Junge und dachte im Stillen, ob das wohl der Wunsch von Mutter Erde für ihn war.

Pascal wurde, wie nicht anders zu erwarten ein weltberühmter Geiger und Arne?
Nun der wurde … Geigenbauer!
Doch die Freundschaft der Beiden hielt bis an ihr Lebensende.

© Lore Platz





Donnerstag, 17. Januar 2019

Die Zaubergeige 9

Ich habe nahe ans Wasser gebaut und kann aus Freude und auch aus Kummer weinen.
Weinen reinigt die Seele.
Viel Spaß beim weiter lesen!

(c) meine Tochter


Schneidende Kälte umfasst ihn.
Die Hände tief in den Taschen vergraben, den Kopf eingezogen stapft er durch den Schnee.
Sein Weg führt ihn zu den Klippen.
Dort zieht es ihn immer hin, wenn er vor Kummer nicht mehr weiter weiß.
Er lehnt sich an den Felsen und betrachtet den sternenklaren Himmel.
Er spürt die Kälte nicht mehr und dann legt er den Kopf auf die Knie und weint, wie er noch nie in seinem Leben geheult hat.
Und all die Verzweiflung und der Hass von vielen Jahren löst sich und er fühlt, wie die Kruste um sein Herz sich auflöst und er nichts weiter ist als ein verzweifelter kleiner Junge.
Und dann weiß er, was er zu tun hat.
Morgen würde er zum Vater von Pascal gehen und ihm anbieten eine neue Geige zu kaufen.
Nach der Schule wollte er sich einen Job suchen und sie ab stottern.
Mutlos lässt er die Schultern sinken.
Was so eine Geige wohl kosten würde?


Der Mond ist inzwischen aufgegangen und taucht die eisige Landschaft in sein silbernes Licht.
Plötzlich sieht Arne gegenüber etwas aufblitzen.
Er wischt sich über die Augen, die Tränen haben ihm wohl einen Streich gespielt.
Wieder ein Blinken, es kommt aus der Höhle in den Felsen.
Arne glaubt nicht an die Legende, dass ein Pirat in einer der Höhlen einen Schatz versteckt hat, aber er ist doch neugierig.
Er umrundet die Klippen und klettert vorsichtig die steile Wand hinunter und springt auf den Absatz, der in die Höhle hinein führt.
Dunkelheit umgibt ihn, denn das Mondlicht dringt nicht bis in das Innere der Höhle.
Vorsichtig tastet Arne sich an den kahlen Wänden entlang.
Enttäuscht will er schon umkehren, als es aus der hintersten Ecke wieder aufblitzt.
Seine Augen haben sich schon ein wenig an das Dunkel gewöhnt und so geht er weiter.
Wieder blinkt es und zwar direkt vor ihm.
Der Junge bückt sich und keucht überrascht auf.
Vor ihm liegt eine Geige, die nun zu strahlen beginnt, als hätte sie nur auf ihn gewartet, um ihr Licht zu entfalten.
Sie ist aus Glas und in ihrem Innern leuchtet es, als wäre die Sonne darin gefangen.
Arne lacht glücklich und die Felsenwände werfen sein Lachen mehrfach zurück.
Schnell bückt er sich, hebt behutsam das Instrument mitsamt dem Bogen auf und schiebt es unter seine Jacke.
Dann macht er sich an den schwierigen Aufstieg.
So schnell er kann läuft er nach Hause und es ist, als würden ihn seine Beine von selber tragen.
 
In seinem Zimmer wickelt er das kostbare Instrument in eine Decke und schiebt es unter das Bett.
Gleich morgen früh würde er die Geige zu Pascal bringen.
Glücklich schläft er ein.


Fortsetzung folgt 



Mittwoch, 16. Januar 2019

Die Zaubergeige 8

 
(c) Nadine F.

Arne liegt in seinem Bett, die Arme unter dem Kopf verschränkt und starrt zur Decke.
Von unten hört er das Brüllen seines Vaters und die klagende, jammernde Stimme seiner Mutter.
Sie streiten mal wieder.
Arne ist das egal.
Schon lange hört er nicht mehr hin.
Was ihn nicht schlafen lässt, ist sein schlechtes Gewissen.
Immer wieder sieht er das mit Tränen überströmte Gesicht von Pascal vor sich und hört seine anklagenden Worte.
Das hatte er nicht gewollt!
Warum hasst du mich so!“ hatte Pascal geschrien.
Arne presst die Lippen zusammen um die aufsteigenden Tränen zu unterdrücken.
Weinen ist unmännlich !“ hatte sein Vater gebrüllt, als er ihn geschlagen hatte und Arne losheulte.
Seitdem hat er keine Träne mehr vergossen.
Wie war es nur soweit mit ihm gekommen?
Von Anfang an hat er Pascal gehasst, als er zum ersten Mal in die Schule kam und vom Lehrer vorgestellt wurde.
Er wirkte so freundlich und jeder hatte ihn sofort gemocht.
Ihn Arne mochten ja nicht einmal seine eigenen Eltern.
Und in der Schule konnte er sich nur durchsetzen, weil er kräftig war und die anderen ihn ein wenig fürchteten.
Und Rudi und Andreas waren eigentlich auch keine richtigen Freunde, das hatte sich jetzt gezeigt, als sie einfach weg liefen und ihn und Pascal allein mit der kaputten Geigen ließen. Dabei hatten sie doch auch mitgemacht.
Nein! Er, Arne hatte sie angestiftet und er allein trug auch die Schuld.
Er wollte es dem Muttersöhnchen zeigen.
Ja, oft hatte er beobachtet, wie liebevoll die Eltern zu Pascal waren und wie oft die Mutter ihn in den Arm nahm.
Ihn hatte seine Mutter noch nie in den Arm genommen, immer nur beschimpft und manchmal 
erwischte er sie dabei, wie sie ihn ansah, als wäre er ein lästiges Insekt.
Erschrocken keucht Arne auf.
Er war eifersüchtig auf Pascal!
Auf seine guten Noten, auf die Liebe seiner Eltern und auf sein wunderbares Talent.
Wie schön hat Pascal bei der Weihnachtsfeier gespielt.
Es hatte ihm gefallen, aber der Neid und Hass haben das nicht zugelassen und so hat er sich immer wieder Gemeinheiten ausgedacht, um den Jungen zu ärgern.
Und nun hatten dieser Neid und Hass ihn dazu getrieben die Geige zu zerstören.
Nein das hatte er nicht gewollt!
Arne schämt sich.
 
(c) meine Tochter
Was war nur aus ihm geworden?
Er war schlecht und gemein und ein Versager, wie seine Eltern ihm es immer vorwarfen.
Er war so wütend an diesem Tag gewesen.
Als er die Probe mit der Fünf auf den Tisch legte zum Unterschreiben, hatte sein Vater gebrüllt, er hätte einen Versager in die Welt gesetzt!
Und seine Mutter kreischte, genau wie sein Vater und wenn sie damals nicht schwanger gewesen wäre, hätte sie ihn niemals geheiratet.
Und schon waren sie wieder im schönsten Streit.
Arne hatte das Haus verlassen, sie haben es nicht einmal bemerkt.
In ihm aber war soviel Wut, Hass und Verzweiflung und da kam Pascal daher und irgendwie ist dann alles aus dem Ruder gelaufen.
Arne hält es nicht länger im Bett aus, er zieht sich an und springt aus dem Fenster.

Fortsetzung folgt

Dienstag, 15. Januar 2019

Die Zaubergeige 7

Oft sind wir entsetzt, dass Jugendliche lieblos handeln und wissen oft nicht, was dahinter steckt.
 
Mit einer Kindheit voll Liebe kann man ein halbes Leben hindurch für die kalte Welt haushalten.
Jean Paul

 (1763 - 1825), eigentlich Johann Paul Friedrich Richter, deutscher Dichter, Publizist und Pädagoge.

Viel Spaß beim weiter lesen!




Als am Nachmittag Pascal zum Geigenunterricht geht stellt sich ihm Arne in den Weg.
Na, wenn das nicht Meister Hinkebein persönlich ist,“ höhnt er.
Pascal versucht an ihm vorbei zu kommen, doch da tauchen wie aus dem Nichts Rudi und Andreas auf.
Grinsend umkreisen sie ihn und hilfesuchend sieht Pascal sich um.
Doch bei dieser Kälte bleiben die Bewohner lieber zuhause.
Obwohl ihm etwas mulmig zumute ist sieht er doch die drei Flegel ruhig an.
Lasst mich bitte vorbei, ich komme zu spät zum Unterricht.“
Arne lacht spöttisch:
Ich komme zu spät zum Unterricht,“ äfft er ihn nach und mit einer blitzschnellen Bewegung entreißt er Pascal den Geigenkasten und läuft davon.
Johlend jagen seine Freunde hinterher und sie beginnen sich den Geigenkasten gegenseitig zuzuwerfen.
 


Entsetzt verfolgt Pascal wie der schwarze Behälter wirbelnd durch die Luft fliegt und so schnell es sein lahmes Bein zulässt rennt er den Jungen hinterher.
Immer übermütiger werden diese und dann passiert es.
Arne stolpert, fällt rückwärts und der Geigenkasten fliegt über ihn hinweg und kracht zu Boden.
Andreas und Rudi bleiben erschrocken stehen, drehen sich um und laufen davon.
Pascal ist inzwischen neben seinem Kasten in die Knie gegangen und öffnet ihn vorsichtig.
Entsetzt keucht er auf, als er die zerbrochene Geige sieht.
Arne ist aufgestanden und steht nun neben Pascal, ebenso entsetzt wie dieser.
Das hatte er nicht gewollt!
Pascal aber sieht zu ihm auf.
Tränen strömen über sein Gesicht und anklagend ruft er.
Bist du nun zufrieden!
Ich kann nicht Fußball spielen wie du, ich kann auch nicht auf dem Weiher Schlittschuh laufen, obwohl ich es gerne täte.
Ich kann vieles nicht mit meinem lahmen Bein, aber ich liebe die Musik und das Geigen spielen und deshalb haben meine Eltern mir diese Geige geschenkt.
Weißt du, dass mein Vater Überstunden machte und meine Mutter drei verschiedene Putzplätze angenommen hat, damit sie mir die Geige kaufen konnten.
Und du hast sie einfach kaputt gemacht, nur aus Langweile. Warum hasst du mich so?“
Mühsam steht Pascal auf, nimmt den Geigenkasten und geht mit gesenktem Kopf nach Hause, während die Tränen über sein Gesicht laufen.
Arne aber steht mit hängenden Armen da und sieht der traurigen kleinen Gestalt nach.
Besorgt kommt die Mutter Pascal entgegen, als er das Haus betritt.
Was ist passiert? Herr Bellini hat schon angerufen, wo du bleibst.
Pascal schluchzt auf, „die Geige ist kaputt“
Die Mutter erschrickt, nimmt ihn tröstend in die Arme und packt ihn dann ins Bett.
Der Junge ist froh, dass sie nicht weiter fragt, denn aus irgendeinem Grund will er Arne nicht verraten und seine Mutter anlügen möchte er auch nicht.
Am nächsten Tag hat er hohes Fieber.
Nervenfieber, wie der Arzt meint.
Arne sieht immer wieder auf den verwaisten Stuhl in der Schule und atmet auf, als nach einer Woche Pascal wieder in die Schule kommt.
Herr Bellini leiht Pascal seine Geige und so kann er weiter Unterricht nehmen, aber er weigert sich diese Geige zum Üben mit nach Hause zu nehmen, fürchtet er doch dass die bösen Buben auch dieses schöne Stück zerstören.
Irgendwie hat er auch die Freude am Spielen verloren.

Fortsetzung folgt


Montag, 14. Januar 2019

Die Zaubergeige 6

Bei uns hat der Regen den Schnee wieder weg gewaschen, schade.

Viel Spaß beim Lesen !





Wieder sind einige Wochen vergangen.
Die Düsternis und die Kälte schlägt sich allmählich auf das Gemüt der Menschen.
Selbst die Kinder haben die Lust an Schnee und Eis verloren.
Und Arne lässt seinen ganzen Frust an Pascal aus und treibt es ärger als sonst.
Dieser versucht. so gut es geht, ihm aus dem Weg zu gehen.
Pascal ist auch der einzige, der sich von der allgemeinen Stimmung nicht nieder drücken lässt.
Jeden Abend holt er seine Geige hervor und versucht die Traurigkeit aus den Augen der Eltern und ein Lächeln in ihre Gesichter zu zaubern.
 
Der Bürgermeister hat nach dem Tod der alten Leni angeordnet, dass Bäume im Gemeindewald gefällt werden und jeder Bewohner bekam Holz zum Heizen zugeteilt.
Natürlich wurden sie angewiesen sparsam damit umzugehen, denn niemand wusste wie lange der Winter noch dauert.
Die Kinder saßen in der Schule in dicken Jacken und so sehr Lehrer Hempel sich bemühte, hatten sie doch wenig Lust zum Lernen.
Nur Pascal hörte aufmerksam zu und schrieb nur Einsen.
Was Arne, der nur schlechte Noten bekam, nur noch mehr gegen ihn aufbrachte.
Heute hatten sie eine Deutsch – Probe
herausbekommen und wie nicht anders zu erwarten hatte er eine Fünf.
Das würde wieder Backpfeifen vom Vater geben und seine Mutter würde Jammern und Klagen, dann würden sie zu streiten anfangen und sich gegenseitig die Schuld an ihrem missratenem Sohn geben.
Und bei all dem Gezanke würden sie gar nicht bemerken, dass er schon längst das Haus verlassen hatte, um ihren streitenden Stimmen zu entgehen.
Sein Blick fiel auf den strahlenden Pascal und sein Blick wurde wütend.
Sicher hatte der wieder eine Eins, das Muttersöhnchen und Liebling der Lehrer und wurde auch besser benotet, weil er ja ein lahmes Bein hatte, der arme Junge.
Ja genauso war es!
Und er bekam nur schlechte Noten, weil er ja sowieso nichts taugte, wie ihm seine Eltern jeden Tag klar machten.
Aber er würde es diesem lahmen Weichling heimzahlen!
Und sofort wurde seine Laune wieder besser.

Fortsetzung folgt