Freitag, 31. Mai 2019

Einmal und nie wieder


Gestern war ja Vatertag, ob es viele Bierleichen gegeben hat?
Ich verstehe nicht. wie man soviel trinken kann, wenn man am nächsten Tag dann krank ist, hahaaa.
Ich hab nur einmal in meinem Leben ein wenig zu tief ins Glas geguckt.
Viel Spaß beim Lesen!





Einmal und nie wieder


Heute möchte ich euch erzählen, wie ich zum ersten und letzten Mal in meinem Leben total betrunken war.
Ich selbst konnte mich kaum noch daran erinnern, aber mein Mann erzählte es mir am nächsten Tag mit einem unverschämten Grinsen.
Mein Mann war Matrose und fuhr auch nach unserer Hochzeit weiter zur See, aber er heuerte auf einem Schiff an, das alle zwei Monate nach Europa kam und außerdem wurde ihm als verheirateter Matrose
eine Einzelkabine zugeteilt.
Dank meines wunderbaren Chefs, durfte ich alle zwei Monate eine Woche Urlaub nehmen, wenn das Schiff einen europäischen Hafen anlief.
Einmal fuhr ich wieder los, diesmal nach Rotterdam.
Dort lag das Schiff aber nicht direkt am Kai, sondern etwas außerhalb.
Man musste eine steile eiserne Leiter an der Kaimauer hinunter und dann in ein wackeliges Ruderboot klettern.
Keine leichte Übung für eine Landratte wie mich.




Als Kurtl mit seiner Arbeit fertig war, schlug er einen Ausflug an Land vor.
Obwohl mir ein wenig bange war vor dem schaukelnden Ruderboot, stimmt ich zu.
Wir gelangten glücklich an Land und verbrachten einen wunderschönen Nachmittag in Rotterdam.
Gegen Abend kehrten wir in einer Kneipe in der Nähe der Kaimauer ein.
Mein Mann bestellt sich ein Bier und mir einen Martini.
Ich vertrage so gut wie keinen Alkohol und nippte nur an meinem Glas.
Da ging plötzlich die Tür auf und einige Matrosen von unserem Schiff betraten die Kneipe.
Als sie uns sahen gab es ein großes Hallo und sie setzten sich zu uns.
Sie bemerkten, dass ich einen Martini vor mir stehen hatte und spendierten mir gleich den nächsten.
Wie gesagt, ich war Alkohol nicht gewohnt und trank höchstens einmal ein Glas Wein oder Sekt.
Aber ich wollte mich vor den Kumpels meines Mannes nicht blamieren und trank tapfer das zweite Glas und schon fing ich an zu kichern.
Diese Wirkung hat Alkohol auf mich.
Nach dem dritten Glas redete ich wie ein Wasserfall
und die Jungs wieherten vor Lachen.
Nicht weil ich so witzig oder geistreich war, sondern weil ihnen mein bayrischer Dialekt so gefiel.
Mein Mann hatte schon längst mit dem Trinken aufgehört und betrachtete das Ganze mit etwas Besorgnis.
Schließlich musste er mich ja noch sicher aufs Schiff bringen.
Als wieder, wie durch Zauberhand, ein Glas Martini vor mir stand, da ergriff er meine Hand und zerrte mich zum Ausgang.
An der Tür drehte ich mich noch einmal um und winkte den Jungs neckisch zu, dann stolperte ich hinter meinem Herrn und Meister aus dem Lokal.
War ich auf der Hinfahrt ängstlich wie ein Hase, so fühlte ich mich jetzt mutig wie ein Löwe.
An der Kaimauer angekommen packte ich das Geländer und schwang todesmutig mein Bein auf die erste Stufe der Leiter.
Mein Mann konnte sich gerade noch schnell über mich schwingen, sodass ich zwischen ihm und der steilen Leiter war.
Doch ich verfehlte keine einzige Sprosse und auch in das schaukelnde Ruderboot ließ ich mich vergnügt plumpsen.
Anschließend schob mein Mann mich dann die Gangway hinauf, die ich immer wieder kichernd als Hühnerleiter bezeichnete.
Erst als ich in der Koje lag, begann sich alles zu drehen.
Doch bald schlief ich ein.
Doch das Erwachen war fürchterlich.
Mein Mann, der überhaupt kein Mitleid mit meinem brummenden Schädel hatte, erzählte mir grinsend von meinen gestrigen Eskapaden.
Ich schwor nie wieder einen Martini auch nur anzusehen, so schlecht fühlte ich mich.
Auch genierte ich mich an Deck zu gehen.
Doch als ich den Jungs später begegnete, da lachten sie mich nur freundlich an und keiner erwähnte den vergangenen Abend.
Ich habe nie mehr so eine Kameradschaft kennengelernt wie auf dem Schiff.

© Lore Platz


Mittwoch, 29. Mai 2019

Merle hat ein Geheimnis


 
(c) Helge T.



Das Frühstück sagt man sei die wichtigste Mahlzeit am Tag, denn es bringt Energie für den ganzen Tag.
Ob dies stimmt, weiß ich nicht, ich frühstücke gerne und halte mich dann auch an den Spruch:
Frühstücken wie ein Kaiser, Mittagessen wie ein König und Abendessen wie ein Bettler.
Da ich Frühaufsteher bin und früh zu Bett gehe, entspricht das wohl meinem Lebensrhythmus.
Mein Mann konnte morgens nichts essen, nur eine Tasse Kaffee, nach der er dann langsam ansprechbar wurde.
Seine Hauptmahlzeit lag am Abend.
Trotzdem ist das Frühstück sehr wichtig, besonders für Kinder.
Doch viele Kinder gehen ohne Frühstück in die Schule und oft auch ohne Pausenbrot.
Viele Eltern denken gar nicht daran, dass das Frühstück wichtig für ihr Kind ist und schlafen oft noch, wenn das Kind aus dem Haus geht. Oder sie sind bereits in der Arbeit und das Kind ist allein für sein Frühstück verantwortlich und wenn auch der Kühlschrank voll ist, denkt es nicht daran sich etwas zu machen.
Uschi Glas hat vor Jahren zusammen mit ihrem Mann den Verein 'Brotzeit' gegründet.
Noch eine kleine Geschichte dazu
Viel Spaß beim Lesen




(C) Barbara W.




Merle hat ein Geheimnis


Vergnügt hüpft die neunjährige Merle in den Garten vor ihrem Elternhaus.
Die Mutter, die gerade vor einem Beet kniet sieht ihr lächelnd entgegen.
Du bist aber heute früh.“
Die letzte Stunde ist ausgefallen.“
Dann kannst du mir ja helfen,“ meint Frau Berger lächelnd.
Merle nickt fröhlich, stellt den Schulranzen ab und bald kniet sie neben ihrer Mutter.
Während sie beide die Pflanzen vom Unkraut befreien und die Erde rundum lockern, erzählt das Mädchen ihrer Mutter, dass sie sich als Patin für ein Kind aus der ersten Klasse gemeldet hat.
Das Mädchen heißt Susanne und Merle wird ihm helfen beim Lesen lernen und auch so wenn es nicht zurecht kommt.
Die Mutter freut sich über ihre so vernünftige Tochter.
Merle nimmt ihre Patenschaft sehr ernst. 
In der Pause setzt sie sich zu der sehr schüchternen Susanne und kümmert sich um sie.
Langsam fasst das kleine Mädchen Vertrauen zu ihr. 
Merle fällt auf, dass Susanne nie ein Pausenbrot dabei hat, aber sie denkt sich nichts dabei, denn vielleicht hat sie ja zuhause so gut gefrühstückt, dass sie keinen Hunger hat.
Doch eines Tages kommt sie etwas später in den Pausenhof und beobachtet Susanne die immer wieder ängstlich um sich blickend zu dem Papierkorb schleicht und dort herum wühlt.
Was machst du denn da?“ fragt Merle.
Susanne lässt das angebissene Brot, das es in der Hand hält erschrocken fallen.
Beschämt senkt sie den Kopf, ihr Wangen werden rot und in ihren Augen sammeln sich die Tränen.

Ich wollte nicht stehlen, aber ich habe gesehen, wie ein Mädchen ihr Brot weg geworfen hat und dann zum Kiosk gelaufen ist.“ stammelt sie.
Du hast Hunger.“
Susanne senkt noch tiefer den Kopf.
Komm mit!“
Merle nimmt ihr Patenkind an der Hand und setzt sich mit ihr auf die Bank, dann nimmt sie ihre Brotbox und reicht dem Mädchen ihr belegtes Brot.
Zögernd greift diese zu und dann verzehrt sie es voller Heißhunger.
Wann hast du denn zuletzt etwas gegessen?“
Gestern Abend, Mama hat nach der Arbeit Pizza mitgebracht,“ erzählt Susanne mit beiden Backen kauend.
Und dann erfährt Merle, dass die Mutter ihres Schützlings als Verkäuferin arbeitet und nebenbei noch putzen geht und oft zu müde zum kochen ist und auch das einkaufen vergisst.
Aber bitte, du darfst niemand davon etwa sagen, sonst kommen die vom Jugendamt und holen mich ab.“
Merle verspricht es, als sie in die angstvollen Augen von Susanne blickt.
Frau Berger aber wundert sich die nächste Zeit, weil Merle immer eine doppelte Portion ihres Pausenbrots verlangt.
Eines Tages stellt sie ihre Tochter zur Rede und nur langsam und zögernd erzählt Merle ihrer Mutter von Susanne und auch deren Angst, dass das Jugendamt sie ihrer Mama wegnehmen würde.
Unsinn, aber weißt du wo Susannes Mutter arbeitet?“
Im Kaufhaus Poldinger in der Parfümerie.“
Frau Berger geht gleich am nächsten Tag, kurz vor Ladenschluss in die Parfümerie und fragte nach Frau Hansen.
Während sie sich verschiedene Proben zeigen lässt und sich dann schließlich für einen Duft entscheidet, sagte sie leise zu der jungen Frau.
Hätten sie nach Feierabend etwas Zeit, ich würde sie gerne auf eine Tasse Kaffee gegenüber einladen, unsere Kinder sind befreundet.“
Nur zögernd nickt diese, doch als sie später dann in dem kleinen Cafe sitzen, fasst die junge Frau schnell Vertrauen zu Merles Mutter.
Und nun erfährt diese die traurige Geschichte.
Nach der Scheidung war sie mit Susanne hierher gezogen und brachte sich nun recht und schlecht durch.
Da ihr Mann keinen Unterhalt zahlte, war sie gezwungen noch nebenbei zu putzen, da das Gehalt einer Verkäuferin kaum reichte.
Als Frau Berger nun erzählt, dass Susanne immer hungrig in die Schule kommt, senkt deren Mutter beschämt den Kopf.
Ich bin oft so müde und auch verzweifelt, dass ich wohl nicht gut genug für mein Kind sorge,“ flüstert sie.
Frau Berger aber hat eine Idee.
Bereits ab dem nächsten Tag durfte Susanne nach der Schule mit Merle nach Hause.
Sie aßen zusammen Mittag, machten die Hausaufgaben und spielten und am Abend dann brachte Frau Berger Susanne zurück zu ihrer Mutter.
Frau Hansen die in Frau Berger eine Freundin gefunden hatte blühte auf und Susanne verlor ihre Schüchternheit und Traurigkeit.

© Lore Platz


Dienstag, 28. Mai 2019

Der Schatz des Piraten


2010 wurde das handschriftliche Tagebuch von Casanova (1725-1798) von der Familie Brockhaus für viele Millionen Euro an die Nationalbibliothek in Paris verkauft.
Im Alter fand Casanova 1785 doch noch als Bibliothekar des Grafen Waldstein auf Schloss Dux eine Bleibe.
Bis zu seinem Tode am 4. Juni 1798 verfasste er hier seine Memoiren.
Die Blätter, die niemand haben wollte, blieben im Besitz seiner Familie, dann bot ein Neffe sie dem Verleger Arnold Brockhaus an, der sie für ungefähr 200 Taler im Jahr 1821 erwarb.
Über Generationen blieb die Urschrift bei der Verlegerfamilie, überstand den englischen Bombenangriff auf Leipzig in einem Bunker, und als Hans Brockhaus 1945 mit seiner Familie von Leipzig nach Wiesbaden umsiedelte, nahm er die Handschrift mit.
Während des zweiten Weltkrieges beförderte Hans Brockhaus mit dem Rad die Schriften durch Leipzig und die Sekretärin musste neben her laufen und die Kiste festhalten.
Über 140 Jahre hielt die Familie das Manuskript geheim.
Ein Vermächtnis, von Friedrich Arnold Brockhaus soll seinen Erben zur Pflicht gemacht habe, den Originaltext der berühmt-berüchtigten „Histoire de ma vie“ erst dann zu publizieren, wenn es dem Verlag Brockhaus einmal schlecht gehe.
Nun hat es sich gelohnt, dass sie all die Jahre diesen Fund bewahrten und schützten.






Der Schatz des Piraten


Das Meer hatte sich zurück gezogen und wartete nun in sicherer Entfernung, dass es sich wieder nach vorne stürzen konnte, um den Strand erneut zu überfluten.
Drei Jungen gingen über das Watt und ihre Stiefel machten schmatzende Geräusche bei jedem Schritt.
Ihre Gesichter waren genauso bewölkt, wie der Himmel über ihnen.
Heute Morgen hätten sie mit dem Fischer Alfred und dessen Sohn aufs Meer hinaus fahren dürfen, um zu Fischen, doch sie hatten alle drei verschlafen und so war der Kutter ohne sie los.
Was machen wir nun?“ Lars beobachtete eine Krabbe, die schwerfällig über den Schlamm krabbelte.
Seine Freunde schwiegen.
Jan sah nachdenklich hinüber zu den Klippen.
Es gibt viele Höhlen in den Klippen und der
'Schwarze Prinz' soll dort einen Schatz vergraben haben.“
Der ' Schwarze Prinz' war ein Pirat, der vor vielen hundert Jahren hier gelebt hatte und wegen seiner feinen Manieren diesen Beinamen erhielt.
Du weißt, dass es verboten ist in die Höhlen zu gehen, weil sie bei Flut unter Wasser stehen,“ mahnte Flo der dritte Junge.
Jan winkte ab.
Bis dahin sind wir längst wieder draußen. Du kannst ja hierbleiben, wenn du zu feige bist.“
Das wollte Flo nun auch nicht und so ging er hinter seinen Freunden in den Eingang bei den Klippen.
Kalt war es hier, eng, feucht und dunkel.
Jan knipste seine Taschenlampe an und sie zwängten sich hintereinander durch die schmalen Felsenwände, die in eine große Höhle führte.
Enttäuscht sahen sie, dass die Höhle leer und auch keine Einbuchtung zu einem Versteck führte.
Nun drangen sie immer tiefer ein, erforschten Höhle für Höhle und vergaßen völlig die Zeit.
Sie überhörten auch, dass das Wasser gegen die Felsen brandete.
Erst als es ihre Füße umspülte erschraken sie und begannen zu laufen.
Wir müssen nach oben!“ keuchte Jan und mühsam kletterten sie hinauf.
Flo setzte sich erschöpft nieder, doch Jan schrie:
Siehst du denn nicht, dass hier die Felsen feucht sind, so hoch steigt die Flut, du musst weiter!“
Zusammengekauert saßen sie auf den Felsen und starrten hinunter auf das Wasser, das mit voller Kraft in die Höhle stürzte und sie langsam füllte.
Erleichtert atmeten sie auf, als einen Meter unter ihren Füßen das Wasser zum Stillstand kam.
Nun sitzen wir für Stunden fest,“ seufzte Lars.
Doch Jan, der niemals aufgab, sah sich um.
Seht, da oben ist eine kleine Einbuchtung, vielleicht finden wir einen Ausgang.“
Sie kletterten hinauf, zwängten sich hinein und krochen auf dem Bauch weiter.
Der Weg verbreitete sich und sie standen in einer kleinen Höhle.
Das ist bestimmt die Schatzhöhle!“ jubelte Jan, doch seine beiden Freunde schüttelten nur den Kopf.
Ihnen war die Lust nach Schätzen schon längst vergangen, sie wollten nur noch hinaus.

Da vorne ist ein Lichtschein, vielleicht finden wir einen Ausgang?“ brummte Lars und stiefelte los.
Flo lief ihm nach.
Sie folgten dem Lichtstrahl und kamen durch mehrere kleinere Höhlen.
Dann sahen sie durch ein schmales Loch ein Stück vom Himmel.
Lars machte eine Räuberleiter und Flo kletterte hinauf.
Es geht! Draußen ist ein Vorsprung, da kann man gut stehen und dann hinunter klettern!“ jubelte er und schon war er verschwunden.
Ich habe ihn gefunden, ich habe ihn gefunden, den Piratenschatz!“
Jan stürzte keuchend in die Höhle.
Wir haben ihn auch gefunden, den Ausgang nämlich,“ brummte Lars, der im Moment im Stimmbruch war.
Wenig später standen alle drei erleichtert auf den Klippen und nach einem beschwerlichen Abstieg hatten sie erst Zeit sich den Schatz anzusehen.
Es war eine verschlossene alte Blechkiste, die sich nicht öffnen ließ.
Doch auch hier wusste Jan wieder was zu tun war.
Im Gartenhäuschen seines Vaters lag allerlei Werkzeug.
Es dauerte auch nicht lange, bis er das Schloss gesprengt hatte.
Langsam hob er den Deckel und sechs Augenpaare warteten nun gespannt, was zum Vorschein kam.
Das sind ja nur alte Papiere!“ rief Lars enttäuscht und auch Jan machte ein betretenes Gesicht.
Nur Flo beugte sich eifrig über die Papiere.
Das ist Latein, schade, meine Lateinkenntnisse sind noch nicht so gut, dass ich es übersetzen kann.“
Warum willst du diesen Krempel noch übersetzen,“ knurrte Jan, der sehr enttäuscht war.
Oh, Handschriften sind sehr wertvoll und diese stammt aus dem Jahre 1497!“
Woher willst du das wissen,“ brummte Lars
Hier steht es: ' Anno 20. Mai 1497', das war doch zu der Zeit, in der der ' Schwarze Pirat' gelebt hatte.
Und vor kurzem habe ich gelesen, dass die Pariser Nationalbibliothek für das Originalmanuskript von Casanova mehrere Millionen bezahlt hat.“
Mehrere Millionen,“ flüsterte Jan ehrfürchtig,“ denkst du diese Papiere sind auch etwas wert?“
Flo zuckte die Schultern.
Am besten wir fragen den Professor,“ schlug er vor.
Der Professor war der Leiter des hiesigen Museums und wohnte gleich daneben in einem kleinen Haus.
Frau Zeisig, die Haushälterin öffnete auf ihr stürmisches Klingel die Tür.
Wir müssen unbedingt den Herrn Professor sprechen, es ist sehr dringend!“
Sie runzelte die Stirn und ihr Blick wurde abweisend
So schmutzig kommt ihr mir nicht herein und außerdem ist der Herr Professor verreist und kommt vor Dienstag nicht zurück.
Enttäuscht zogen die Jungen ab.
Die Tage bis Dienstag wollten gar nicht vergehen.
Endlich war es soweit.
Als Frau Zeisig diesmal öffnete musste sie schmunzeln.
Drei saubere Jungen standen geschniegelt und gestriegelt vor der Tür.
Sie führte sie in das Arbeitszimmer des Museumsleiter.
Dieser stand am Fenster und hielt eine seltsam geformte Vase gegen das Licht.
Vorsichtig stellte er sie wieder in den Karton und wandte sich lächelnd zu den Jungen um.
Ich habe schon gehört, dass ihr mich dringend sprechen wollt, was gibt es denn so Wichtiges?“
Wir haben in den Höhlen etwas gefunden!“ rief Jan und legte die Blechkiste auf den Tisch.
Der Professor beugte sich darüber und nahm eines der Blätter vorsichtig heraus.
Sein Blick wurde immer gespannter.
Das ist ja höchst interessant, da habt ihr einen wertvollen Fund gemacht.“
Kriegen wir eine Belohnung?“ will Jan wissen.
Nein! So wertvoll ist es nicht.
Es ist wertvoll für unsere Region, denn es ist das Tagebuch des ' Schwarzen Prinzen.“
Der Professor hatte sich schon wieder in die Schriftstücke vertieft, notierte etwas auf einen Block und murmelte:
Der Pirat muss ein sehr gebildeter Mann gewesen sein, denn er schrieb es in einem einwandfreien Latein.
Es ging ja das Gerücht um, dass er ein verarmter Adeliger gewesen war.“
Frau Zeisig kam herein.
Da müsst ihr etwas Tolles gebracht haben. Wenn der Herr Professor diesen Gesichtsausdruck hat, dann ist er für Stunden nicht mehr zu gebrauchen. Er vergisst sogar zu Essen und zu Trinken.
Ihr habt aber doch sicher Hunger, kommt mit in die Küche. Ich habe frisch gebackene Kekse und Kakao.“
Mit einem letzten Blick auf den Professor folgen die Jungen der netten Haushälterin.
Eine Belohnung gab es zwar nicht, aber der Professor übersetzte das Tagebuch und ließ es drucken und im Vorwort erwähnte er die drei Jungen und erzählte, wie sie den Schatz des Piraten gefunden hatten.
Es kam sogar ein Reporter von der Lokalzeitung und brachte ihre Geschichte in die Zeitung.
Und für kurze Zeit waren Jan, Lars und Flo berühmt.

© Lore Platz


Montag, 27. Mai 2019

Lenerl verirrt sich


Schon wieder beginnt eine neue Woche und am Ende dieser  fängt schon der Juni an.
Haben wir uns doch dringend den Regen gewünscht und nun würden wir ihn am liebsten wieder abstellen.
Als ich noch ein Kind war, las ich einmal ein Märchen, ich weiß nicht von wem es ist und ich weiß auch nicht, ob ich es noch richtig erzählen kann.
Ich versuchs mal.
Ein Bauer beschwerte sich beim lieben Gott über das schlechte Wetter, sein Getreide würde nicht
hoch genug sein.
Gott bot ihm an, dieses Jahr selbst das Wetter zu machen.
Der Bauer rieb sich die Hände und ließ nun abwechselnd Regen und Sonne scheinen.
Seine Felder waren wunderbar anzusehen, groß und goldgelb stand das Getreide. 
Doch als er es erntete waren die Ähren leer.
Er hatte den Wind vergessen!


 
(c) Werner Borgfeldt


Lenerl verirrt sich


Der Gong ertönte und die Klassen verließen lärmend die Zimmer, um in den Pausenhof zu stürmen.
Nur Anderl und Maxl drückten sich auf dem Flur herum.
Als endlich alle Kinder das Schulhaus verlassen hatten, liefen die beiden Buben über die Hintertreppe zum obersten Stock ins Kartenzimmer.
Hier wurden alle die Atlanten, ausgestopften Tiere, der Vorführapparat für Filme, eben alles was man zum anschaulichen Unterricht brauchte, aufbewahrt.
Zielstrebig durchquerten sie den Raum und öffneten das Fenster.
Ich hab dir`s ja gesagt, von hier aus kann man hinüber zum Jahrmarkt sehen!“ rief Maxl triumphierend.
He, was macht ihr da, schaut dass ihr hinunter kommt!“
Der alte Hausmeister sah sie grimmig an.
Grinsend liefen die Buben an ihm vorbei.
Verflixte Lausbuam,“ brummte der alte Mann und schloss das Fenster, dabei schmunzelte er aber.

Endlich war Samstag und der Jahrmarkt sollte heute eröffnet werden.
Anderl hatte mit dem Messer ein Geldstück nach dem anderen aus seiner Sparbüchse geangelt.
Vergnügt betrachtete er die 10 glitzernden 2 Euro Münzen, dann verstaute er sie in seinem Geldbeutel.
Es klingelte. Das war sicher sein Freund Maxl.
Vergnügt pfeifend polterte Anderl die Treppe hinunter.


Seine Mutter kam aus dem Nebenzimmer, seine kleine
Schwester an der Hand.
Hör mal Andreas, die Oma hat gerade angerufen, es geht ihr nicht so gut. Könntest du Lenerl mitnehmen?“
Sie drückte dem Verdutzten einen Geldschein in die Hand und verließ das Haus.
Mit missmutigem Gesicht stapften die beiden Jungen durch die Straßen, während die kleine Marlene vergnügt neben ihnen herhüpfte.
Dabei stand ihr Plappermäulchen keinen Moment still.
Sie wollte mit dem Karussell fahren, Zuckerwatte essen, ins Kasperletheater und einen großen Luftballon.
Sie waren am Eingang des Jahrmarkts angekommen. Obwohl es noch früh am Nachmittag war, wälzten sich doch schon eine Menge Menschen durch die Gassen zwischen den Buden.
Lenerl klammerte sich fest an die Hand ihres Bruders.
Was gab es alles zu sehen.
Staunend standen sie vor der größten Schaukel der Welt.
Sie sollte 45m hoch sein und neigte sich um 120°.
Die Buben versuchten sich im Pfeil werfen, am „Hau den Lukas“ und an der Torwand.
Dann standen sie bei dem Breakdancer. Das war eine sechseckige Drehscheibe, auf der sich in gleichmäßigem Abstand vier Gondelkreuze befanden, an denen sich jeweils vier Gondeln befanden.
Die vier Gondeln bewegten sich schnell in Gegenrichtung der Drehscheibe.
Das sah aus als würde man Breakdance tanzen.
Fahren wir mit ?“
Ja, aber was machen wir mit Lenerl?“
Die Jungs sahen sich enttäuscht an, dann hatte Anderl eine Idee.
Stell dich schon an und besorge uns Karten, ich bringe Lenerl zum Kinderkarussell.“


Der Junge kaufte fünf Chips und drückte sie seiner Schwester in die Hand.
Hier gib dem Mann jedes Mal einen Chip, dann kannst du
ganz lang Karussell fahren. Ich hol dich dann wieder ab.“
Die Dreijährige nickte ernsthaft und hielt die kostbaren Plastikdinger ganz fest in der kleinen Faust.
Von dem weißen Pferdchen, auf das sie ihr Bruder gesetzt hatte, sah sie ihm nach.
Dann drehte sich das Karussell und Lenerl juchzte vor Freude.
Doch nach der fünften Runde musste sie das Karussell verlassen und das Mädchen stand etwas verloren da.
Keine Spur von ihrem Bruder.
Lenerl beschloss ihn zu suchen.
Sie drängte sich durch die Menschen hindurch. Blieb bei einem Clown stehen, der aus Luftballons verschiedene Tiere formte. Zu gerne hätte sie eins gehabt, aber sie hatte ja kein Geld.
Aus der Kasperlbude klang fröhliches Lachen und sehnsüchtig sah das kleine Mädchen hinüber.
Auch die Zuckerwatte die sich in dem runden Ofen wie eine rosa Wolke um das Holzstäbchen drehte, weckte Sehnsucht ihn ihr.
Sie musste unbedingt ihren Bruder finden, um all diese Herrlichkeiten zu bekommen.
Doch es waren zu viele Menschen und sie waren alle so groß, dass sie gar nicht richtig den Platz überblicken konnte.
Tränen schossen ihr aus den Augen und tropften auf den Boden.
Und als gar noch aus der Geisterbahn ein schauerliches Geheul ertönte, lief Lenerl vollkommen verzweifelt los.
Plötzlich fand sie sich am Eingang der Festwiese wieder und setzte sich einfach heulend auf den Boden.
Ja, Lenerl was ist denn los?“ hörte sie die Stimme von Marianne.
Marianne wohnte ihnen gegenüber und hatte auf Lenerl
schon öfter aufgepasst, wenn die Mama dringend wohin
musste.
Erleichtert stürzte sich die Kleine in die Arme der jungen Frau und erzählte schluchzend ihren Kummer.
Tröstend strich ihr Marianne über das Haar und putzte ihr die Nase.
Komm wir suchen den Anderl.“
Lenerl strahlte und schob ihre kleine Hand vertrauensvoll in die Hand der jungen Frau.

Die beiden Jungen hatten endlich einen Platz in einer der Gondeln bekommen und standen nun beim Kinderkarrussel.
Andreas Herz klopfte plötzlich voller Angst. Von seiner Schwester war weit und breit nichts zu sehen.
Sie liefen durch die Menschenmengen und riefen laut ihren Namen, doch in dem Lärm ringsum gingen ihre Stimmen unter.
Maxl hatte keine Lust mehr und verdrückte sich, so irrte Andreas allein weiter und je mehr er suchte, umso mehr machte er sich Vorwürfe.
Er hätte seine kleine Schwester nicht einfach allein lassen
dürfen. Sie war doch noch so klein und seine Mutter hatte sie ihm anvertraut. Was war er doch ein schlechter verantwortungsloser Bruder.
Dann stand sie plötzlich vor ihm, an der Hand von Marianne.
Anderl kniete sich nieder und umarmte seine kleine Schwester schluchzend.
Bin ich froh, dass ich dich wieder habe!“
Ja, aber nun passe besser auf sie auf,“ mahnte Marianne und ging zu ihren Freundinnen hinüber.
Der Junge nickte nur und nahm seine kleine Schwester fest an Hand.
Er kaufte ihr Zuckerwatte, einen kleinen zu einer Giraffe
geformten Ballon und setzte sich auch mit ihr geduldig in die Kasperlbude.
Nie wieder, das schwor er sich, würde er so unverantwortlich handeln.

© Lore Platz

Freitag, 24. Mai 2019

Das Gespenst im Turm


Mit der heutigen Geschichte wünsche ich euch ein schönes gemütliches Wochenende.
Viel Spaß beim Lesen!


 
(c) Irmgard Brüggemann


Das Gespenst im Turm


Etwas abseits vom E. war ein altes halb verfallenes Kloster. Im Krieg flohen die Mönche oder wurden ermordet.
Seitdem stand es leer und die Gebäude sind zerfallen und die Mauer bröckelte immer mehr ab.
Nur der Turm ragte noch fest und aufrecht in die Gegend und beherbergte eine Glocke, die man nicht mehr läuten konnte, da der Strang beseitigt worden war.
Der Bürgermeister wollte diesen Schandfleck schon längst entfernen, aber das Grundstück gehörte der Kirche.
Nun sollte es dort auf einmal spuken.
In der Nacht tönte ganz leise die eherne Glocke und der alte Xaver behauptete steif und fest, das Gespenster mit riesigen Flügeln ihn gejagt und an seinen Haaren gezerrt hätten.
Die Meisten scherzten darüber und spotteten, der Alte habe mal wieder zu tief ins Glas geschaut und sah nun Gespenster, doch einige glaubten daran und schlugen ein Kreuz, wenn sie an dem Kloster vorbei mussten.
Auch auf dem Schulhof wurde heftig darüber diskutiert.
Alexander, Bertram und Rudi, steckten die Köpfe zusammen und diskutierten über das Gespenst.
Das wäre doch ein Aufgabe für den Sherlock Club,“ meinte Bertram begeistert.
Er war ein großer Fan von Sherlock Holmes und hatte ihren Club nach dessen Namen benannt.
Bertrams Vater hatten ihnen sein altes Gartenhaus als Clubhaus gespendet und dort trafen sie sich nachmittags
immer, hingen herum, spielten Play Station, hörten Musik oder träumten von großer Detektivarbeit, besonders Bertram.
Doch leider war das Einzige was hier mal passiert war, dass der Dackel Lumpi vermisst wurde und die Kinder ihn aus einem Dachsbau befreien mussten.
Mensch das wäre doch super, wenn wir das Gespenst entdecken und vergraulen würden, ereiferte sich Bertram und steckte seine Freunde mit seiner Begeisterung an.
Herr Erdenreich stand plötzlich hinter ihnen.
Was heckt ihr denn wieder für einen Unfug aus, habt ihr nicht die Glocke gehört. Die Pause ist um!“

Am Nachmittag trafen sich Bertram und Rudi im Clubhaus, nur Alexander fehlte, denn er hatte Geigenunterricht.
Ein Zeitlang spielten sie mit dem alten Kickerkasten, den Rudis Vater noch auf dem Speicher gefunden hatte und der nun in ihrem Clubhaus stand.
Dann aber fläzten sie sich auf das alte Sofa.
Glaubst du es gibt Gespenster?“ fragte Bertram.
Rudi zuckte die Schultern. „Weiß nicht, aber was sollte denn sonst den alten Xaver verfolgt haben.“
Naja,“ zweifelte Bertram, „ der alte Xaver trinkt doch recht gern und wer weiß was er sich eingebildet hat.
Weißt du was, wir gehen heute Nacht zum Turm!“


(c) meine Tochter


Bertram und Rudi trafen sich kurz vor Mitternacht, bewaffnet mit zwei Taschenlampen am Ortsende.
Der fahle Mond tauchte das Kloster in ein gespenstisches Licht und es wurde ihnen schon etwas unheimlich zumute, als sie über die moosbewachsenen Steine zum Turm gingen.
Die alte Holztreppe knarrte und mehr als einmal zuckten sie zusammen, als erwarteten sie, dass jeden Augenblick ein Gespenst auftauchen würde.
Sie ließen den Schein ihrer Taschenlampen durch den
Raum kreisen. Überall hingen Spinnweben und eine dicke fette Spinne krabbelte eilig aus dem Lichtschein.
Plötzlich ertönte aus dem Inneren der Glocke ein leiser Ton und die Buben zuckten zusammen.
Rudi schrie entsetzt auf: „ Mich hat etwas gestreift!“
Und schon wandte er sich der Treppe zu, die Taschenlampe entfiel seinen Händen und polterte vor ihm die Treppe hinunter.
Bertram folgte seinem Freund und sie rasten über den Klosterhof und hielten erst an, als sie das Dorf erreicht.
Atemlos stützten sie sich auf den Knien ab und verschnauften erst mal. 
Beide waren sie kreidebleich und ziemlich kleinlaut gingen sie nach Hause.

Sie beschlossen niemand von ihrem nächtlichen Abenteuer zu erzählen, denn die Mädchen hätten bloß wieder was zum kichern gehabt.
Daher waren sie auch nicht sehr begeistert, als Alexander nach der Schule vorschlug am Nachmittag zum Turm zu gehen, um näheres über den Spuk herauszufinden.
Aber sie wollten ja nicht als Feigling dastehen und als sie dann vor dem Kloster standen, da konnten sie ihre Angst von gestern Nacht gar nicht verstehen.
Am Tag sah alles doch ganz anders aus.
Inzwischen hatten sie den Turm erreicht und selbst die Spinnweben sahen nicht so gespenstisch aus, wie in der Nacht im Schein der Lampe.
Alexander ging durch den Raum, die Augen auf den Boden geheftet und seine Freunde beobachteten ihn.
Wenn einer das Gespenst finden konnte, dann war es ihr Freund, der in der Schule den Spitznamen „Professor“ hatte, weil er ein wandelndes Lexikon war und außerdem noch Klassenbester.
Nun bückte er sich, hob etwas vom Boden auf und betrachtete es durch die Lupe.
Igitt!“ rief Bertram, der neugierig näher getreten war, „ das sind ja Mäuseköttel!“
Nein, die sehen nur so ähnlich aus,“ murmelte der Professor und richtete sich wieder auf.
Er ließ den Blick an den Wänden empor schweifen, dann aber ging er zur Glocke, bückte sich und schaute in das Gehäuse.
Schnell winkte er seine beiden Freunde herbei, deutete aber zugleich an, dass sie leise sein sollten.
Rudi und Bertram kauerten sich neben Alexander und dann grinsten sie.
Fledermäuse!“
Am Klöppel der Glocke hingen mehre Fledermäuse und schliefen.
Miniopterus schreibersi, die Langflügelfledermaus, sie gehört zu den Zwergfledermäusen, aber nun kommt wir wollen sie nicht stören.“
Auf dem Weg zum Clubhaus erklärt ihnen Alexander, dass die Fledermäuse nachtaktive Tiere sind und wenn sie sich vom Klöppel lösten, dann würde es zu diesem leisen gespenstischen Tönen der Glocke kommen.
Und die Erscheinung die Xaver hatte könnte vielleicht durch den Schatten im Mondlicht erzeugt worden sein und Fledermäuse streifen auch manchmal die Haare der Wanderer.
Bertram und Rudi sahen sich an und wurden rot.
Am nächsten Tag erzählten sie von ihrer Entdeckung in der Schule und auch im Dorf sprach es sich bald herum, wer das Gespenst im Turm war.

© Lore Platz




Donnerstag, 23. Mai 2019

Bernie und die Ballerina finden ein neues Zuhause







Bernie und die Ballerina finden ein neues Zuhause


Marietta Mestwert verlässt mit gesenktem Kopf die Pfandleihe, denn niemand soll ihre Tränen sehen.
Fast ein ganzes Leben lang hat die kleine Ballerina mit ihr zusammen verbracht und wenn sie traurig war für sie getanzt, nach der wundervollen Musik von Mozart.
Und nun war sie durch die Not gezwungen sich von ihr zu trennen, für immer, denn niemals würde sie in ihrer derzeitigen Situation das Geld aufbringen sie wieder zurückzuholen.
Beinahe wäre sie mit einem kleinen Jungen zusammengestoßen.
Thomas was machst denn du hier so weit von zu Hause weg?“
Der achtjährige Thomas Eichhorn, der im selben Haus wie Marietta wohnt, scharrt verlegen mit den Füßen, dann platzt er mit der Frage heraus:
Sie waren doch gerade bei Herrn Pfefferkorn!“
Marietta wird eine wenig rot, doch sie will den Jungen nicht anlügen, deshalb nickt sie.
Haben sie, haben sie,“ fragt er stockend, „ vielleicht einen dicken großen Teddy mit einer blauen Latzhose gesehen?“
Die alte Dame runzelt die Stirn.
Sie war so traurig gewesen, dass sie kaum auf ihre Umgebung geachtet hatte, doch dann erinnert sie sich aus den Augenwinkel einen Teddy und auch etwas blaues wahrgenommen hatte.
Ich glaube ich habe so etwas auf dem Regal gesehen.“
Tommys Augen leuchten auf.
Welch ein Glück, das ist nämlich mein Bernie, mein Papa hat ihn mir geschenkt, kurz bevor er gestorben ist.“
Er schluckt.
Und Herr Pfefferkorn hat mir versprochen ihn zu behalten, bis ich ihn wieder holen kann. Aber es ist doch schon so viel Zeit vergangen, denn ich bekomme das Geld nicht zusammen. 
Habe doch kein Taschengeld. Einmal habe ich mich auf die Straße gestellt und mit der Mundharmonika Musik gemacht und ein Tuch auf den Boden gelegt, aber niemand hat etwas gegeben. 
Und dann ist ein Mann aus einem Geschäft gekommen und hat gesagt ' ich soll verschwinden, sonst holt er die Polizei'. Da bin ich ganz schnell weg gelaufen.“
Warum hast du denn deinen Bären zu Herrn Pfefferkorn gebracht?“
Ich wollte doch Mama zu Weihnachten ein Geschenk machen, weil sie immer so traurig ist und soviel arbeiten muss. Und sie isst doch so gerne Pralinen und ich habe auch eine ganz große Schachtel für das Geld bekommen. Mama hat geweint, sie sagte vor Freude.“
Gerührt streicht Marietta dem Jungen über den Kopf.
Sie kannte die traurige Geschichte. Tommys Vater war ein charmanter, leichtsinniger junger Mann gewesen, der es auch nicht so genau mit der Treue nahm. Vor zwei Jahren war er tödlich verunglückt, als er mit seiner neuesten Freundin einen Wochenendausflug nach Italien machte und ließ seine Frau mit einem Haufen Schulden zurück.
Else Eichhorn musste nun die Schulden von ihrem kleinen Gehalt als Verkäuferin abzahlen und ging auch noch nebenbei putzen, sodass Tommy oft sehr allein war.
Ein Windstoß lässt sie frösteln und auch der Junge hat schon ganz rote Ohren.
Frau Mestwert nimmt Tommy bei der Hand.
Komm wir wollen nach Hause gehen. Ich habe noch eine Hühnersuppe von heute Mittag, die wird uns aufwärmen.“
Das strahlende Lächeln des Jungen berührt ihr Herz.
Als sie die Wohnung betreten sitzt ihr Mann noch genauso dick vermummt in seinem Lehnsessel, wie sie ihn verlassen hat.
Endlich, kommst du, du warst solange weg,“ quengelt er, dann sieht er den Jungen.
Wen haben wir denn da?“
Tommy tritt zu dem alten Mann und reicht ihm die Hand.
Guten Tag Herr Mestwert, ich bin Thomas Eichorn und wohne mit meiner Mama einen Stock über ihnen. Meine Mama sagt immer Tommy zu mir, wenn sie wollen dürfen sie das auch,“ meint er zutraulich.
Hermann Mestwert lächelt.
Dann danke ich dir für die Ehre und werde dich Tommy nennen.“
Später sitzen sie dann alle am Tisch und verspeisen mit Genuss die einfache aber warme Suppe und Marietta bemerkt mit Freude wie lebhaft ihr Mann an den Gesprächen teilnimmt und bereitwillig die vielen Fragen des Jungen beantwortet.
Am meisten freut er sich, dass der Junge sich für Technik interessiert und als dieser erfährt, dass Herr Mestwert einst eine Maschinenbaufabrik besaß und Ingenieur von Beruf war, da verkündet er freudig, dass er auch Ingenieur werden wolle.
Später sitzen sie beiden auf dem Sofa und blättern in einem dicken Buch über Technik, während Marietta mit einem versonnenem Lächeln die Küche sauber machte.
So lebhaft hat sie ihren Mann seit dem Konkurs seiner Firma nicht mehr erlebt.
Doch dann wird Herbert, der noch geschwächt ist, müde.
Auf einen fragenden Blick seiner Frau erklärt er, dass er schon allein zurecht käme, sie soll sich nur um den Jungen kümmern.

Tommy, ich denke auch du musst ins Bett, morgen ist Schule,“ meint nun auch Marietta.
Das strahlende Gesicht des Buben wird traurig, denn ihm graut vor der leeren Wohnung.
Doch da sagt Tante Marietta, wie er sie nennen durfte:
Ich werde dich zu Bett bringen und bei dir bleiben, bis deine Mama nach Hause kommt.“
Prima!“ jubelt der Junge und umarmt die alte Frau, die ihn gerührt an sich drückt.
Wie wäre es, wenn wir den Rest der Suppe für deine Mama mit nach oben nehmen würden. Sie freut sich sicher, wenn sie etwa Warmes zum Essen bekommt.“
Darf ich den Topf tragen?“ fragt Tommy eifrig.
Bald liegt der Junge dann im Bett und nachdem ihm Marietta noch eine Gute Nacht Geschichte erzählt und einen Kuss gegeben hat, kuschelt sich der glückliche kleine Kerl in die Kissen und ist bald eingeschlafen.
Es ist fast zweiundzwanzig Uhr, als Else Eichhorn nach Hause kommt. Erschrocken sieht sie ihre Nachbarin, die sie vom sehen nur kennt, an.
Ist etwas mit Tommy passiert?“
Nein keine Bange, setzen sie sich, ich mache ihnen schnell die Suppe warm.“
Sie freut sich wie sehr es der jungen Frau schmeckt.
Danke, noch niemals hat sich jemand so lieb um mich gekümmert,“ Else schiebt ihren Teller zurück und sieht ihr Gegenüber dankbar an.
Haben sie denn keine Eltern?“
Nein, ich habe sie kaum gekannt. Ich bin im Waisenhaus groß geworden. Es ging mir nicht schlecht dort. Wir hatten Kleidung und zu Essen, auch erhielten wir eine gute Schulbildung. Nur es gab eben niemanden der mich so richtig lieb hatte. Ich machte dann eine Lehre als Verkäuferin und wurde von dem Supermarkt übernommen. Dort lernte ich dann Heinz kennen.
Er war LKW-Fahrer und brachte die Waren. 
Ach er war so charmant und immer fröhlich und er brachte mich zum Lachen und ich verliebte mich unsterblich in ihn. 
Dann wurde ich schwanger und wir heirateten. 
Doch dann stellte sich heraus wie verschieden wir doch waren. 
Ich bin zu größter Sparsamkeit erzogen worden und Heinz war eben ein Bruder Leichtfuß.
Das Geld zerrann ihm nur so zwischen den Fingern und immer öfter gab es Streit. Dann nahm er noch einen Kredit auf, um ein teures Auto zu kaufen. Eine Woche später ist er dann verunglückt und nun sitze ich hier mit einem Berg Schulden.“
Plötzlich überkommt sie die Verzweiflung. Ein heftiges Schluchzen schüttelt den zierlichen Körper.
Marietta lässt sie weinen, denn sie weiß; Tränen reinigen die Seele.
Endlich hebt die junge Frau den Kopf und lächelt kläglich.
Entschuldigen sie, nun jammere und heule ich ihnen etwas vor.“
Es ist gut, dass alles mal raus kommt, viel zulange hast du alles mit dir allein herum getragen. Ich darf doch du sagen?“
Else nickt.
Gut, ich bin Marietta!“
Später vertraut Else ihrer neuen Freundin an, dass sie ein schlechtes Gewissen hat, weil sie Tommy soviel allein lassen muss und außerdem befürchtet sie, dass das Jugendamt sich vielleicht einschalten könnte.
Ich habe eine Idee,“ verkündet Marietta, „ Tommy könnte doch nach der Schule zu uns kommen, ich bringe ihn dann abends ins Bett und bleibe bei ihm, bis du nach Hause kommst.“
Else umarmt die alte Dame mit Tränen in den Augen.
Und als sie am nächsten Morgen Tommy davon erzählt, stößt dieser ein Indianergeheul aus.

Und nun beginnt für alle ein schönes Leben. 
Tommy kommt freudestrahlend aus der Schule direkt zu ihnen und nach dem Mittagessen macht er mit Onkel Hermann seine Hausaufgaben.
Marietta aber sitzt ganz still neben den beiden und nur das Klappern der Stricknadeln ist zu hören. Sie hat einen Pullover von sich aufgetrennt, um aus der Wolle etwas für Tommy zu stricken.
Immer wieder schweift ihr Blick zu ihrem Mann, der ebenso eifrig wie der Junge über die Bücher gebeugt ist.
Der Umgang mit dem Jungen hat ihrem Mann seine Lebensfreude wieder zurückgebracht. Überraschend schnell ist er wieder gesund geworden und auch seine Haltung ist wieder straffer geworden. Als wäre Tommy ein Jungbrunnen.
Eines Tages überrascht er sie, dass er den Jungen von der Schule abholen würde. Seit sie hier wohnten hatte er nicht mehr die Wohnung verlassen.
Und Tommy freut sich, als er Onkel Hermann vor der Schule stehen sieht. Da macht es ihm auch nichts aus, dass Robin ihn mal wieder geärgert hat.
Auch Else sieht nicht mehr so verhärmt und traurig aus. Sie blüht richtig auf, wie eine verwelkte Blume, die endlich Wasser und Sonne bekommen hat.
Und so wachsen die vier ungleichen Menschen zu einer Gemeinschaft zusammen, die sich von der Armut nicht in die Knie zwingen lassen.
 
(c) Roswitha B.

Und dann kommt das Glück.
Als hätte Fortuna, die ja sehr launisch ist, Gefallen an ihnen gefunden.
An einem Vormittag klingelt es und als Marietta öffnet steht ein älterer sehr gepflegter Herr vor der Tür.
Er stellt sich als Notar Friedrich Haller vor und möchte ihren Mann sprechen.
Marietta führt ihn in die Küche.
Nachdem er freundlich dankend Platz genommen hat, holt der Besucher aus seiner Aktentasche einige Papier heraus und sieht dann lächelnd in die erwartungsvollen Gesichter des Ehepaares.
Ist ihnen der Name Frederic van Geldern ein Begriff?“
In Herberts Augen blitzt es überrascht auf.
Freddy? Er war mein Jugendfreund, ein wenig leichtsinnig und vor dreißig Jahren geriet er dann auch in Schwierigkeiten und musste das Land verlassen.“
Ja und sie haben damals seine Schulden bezahlt, gaben ihm das Reisegeld und noch eine größere Summe für einen Neuanfang.“
Ich habe nie wieder etwas von ihm gehört,“ bedauert Herbert.
Herr von Geldern wollte mit der Vergangenheit gänzlich abschließen. Er hat es in Kanada zu Wohlstand gebracht, hat dort geheiratet und drei Kinder. Kürzlich nun ist er verstorben und hat sie in ihrem Testament bedacht.
Er hat nie vergessen, was sie damals für ihn getan haben und hat ihnen die Summe, die sie bezahlten plus Zinsen der vergangenen Jahre hinterlassen.“
Als der Notar dann die sechsstellige Summe nennt stockt ihnen der Atem und sie können es gar nicht fassen.
Noch lange nachdem Dr. Haller sie verlassen hat sitzen sie stumm da und starren auf den Scheck, der vor ihnen auf dem Tisch liegt. Dann aber fallen sie sich weinend und lachend in die Arme.
Und sie schmieden Pläne. Als erstes wollten sie hier ausziehen und ein Häuschen mit Garten kaufen, in dem sie gemütlich ihren Lebensabend verbringen können.
Doch dann wird Herbert traurig. „Dann sehen wir ja Tommy nicht mehr?“
Marietta lächelt.
Wir nehmen die beiden einfach mit. Else kann uns den Haushalt führen und wir geben ihr ein gutes Gehalt, dass sie ihre Schulden abzahlen kann.
Und für Tommy legen wir ein Sparbuch an, dass er später studieren kann.
Schließlich sind die beiden doch unsere einzige Familie.“
Herbert gibt seiner Frau einen Kuss.
Schatz du hast die besten Ideen.“
Dann lächelt er verschwörerisch.
Wir wollen aber noch nichts sagen, erst wenn wir das passende Haus gefunden haben. Komm zieh dich an, wir wollen den Scheck auf die Bank bringen, schauen gleich bei einem Makler vorbei und dann holen wir Tommy gemeinsam von der Schule ab.
Einige Wochen später haben sie das passende Haus gefunden. 
Eine alte Villa inmitten eines parkähnlichen Gartens, teilweise bereits möbliert.
Im Erdgeschoss eine große gemütliche Wohnküche, ein Salon, eine Bibliothek und ein Schlafzimmer.
Im oberen Stock sind vier Zimmer und ein Bad.
Sie beauftragen einen Innenarchitekten der die Zimmer nach ihren Wünschen einrichten soll.
Tommy bekommt ein tolles Jugendzimmer und ein Schlafzimmer und für Else wird ein gemütliches Wohnzimmer und Schlafzimmer bestellt.
Ende November ist das Haus bezugsfertig.
Es ist Sonntag und die vier sitzen gemütlich beim Frühstück, als es klingelt.
Else öffnet die Tür und führt einen Taxifahrer herein.
Gut, dass sie schon da sind, wir kommen sofort, nehmen sie bitte die Tasche mit.“ 
Herbert drückt dem Mann eine große Reisetasche in die Hand und gleichzeitig einen Geldschein, der diesen strahlen lässt.
Er tippt sich an die Mütze und poltert die Treppe hinunter.
Herbert reibt sich vergnügt die Hände.
Holt eure Mäntel wir machen einen Ausflug!“

Wenig später sitzen sie alle vier im Taxi und erreichen kurze Zeit später die Villa.
Sie öffnen das schmiedeeiserne Tor und als sie durch den weitläufigen Park zum Haus gehen, sieht Tommy sich staunend um.
Wer wohnt denn hier?“ fragt er ehrfürchtig.
Herbert lächelt nur, holt einen Schlüssel aus der Tasche und öffnet das schwere Portal.
Wie staunen Else und Tommy als sie die große Halle sehen und dann werden sie von Zimmer zu Zimmer geführt.
Im Wohnzimmer aber steht ein kleiner Biedermeiertisch und auf einem weißes Deckchen steht eine wunderschöne Spieluhr. 
Wenn man genau hinsieht, kann man das glücklich strahlende Lächeln der kleinen Ballerina erkennen. 
Sie ist wieder zuhause.
Aber wer wohnt denn hier,“ will Tommy wissen.
Wir, es ist unser Haus,“ erklärt Herbert.
Große Tränen rollen über die Wangen des Jungen.
Aber, aber, dann sind Mama und ich ja ganz allein,“ schluchzt er und auch Else sieht traurig aus.
Marietta lacht vergnügt.
Aber nicht doch ihr kommt mit uns. Komm wir zeigen euch eure Zimmer.“
Sie gehen die breite Treppe nach oben und Else staunt als sie ihre liebevoll eingerichteten Zimmer sieht.
In ihrem kleinen Wohnzimmer steht eine große Schale mit den feinsten Pralinen.
Marietta aber nimmt den Jungen zur Seite und flüstert.
Da hinten sind deine beiden Zimmer, dort wartet jemand auf dich.“
Darf ich?“ Marietta nickt und Tommy saust los, gleich darauf hört man ihn jubeln.
Er kommt zurück einen dicken kuscheligen Bären mit blauer Latzhose auf dem Arm.
Du hast ihn geholt!“
Die alte Dame lächelt. „Er wohnt jetzt auch bei uns.“
Später sitzen sie dann alle in der gemütlichen Küche und nun geht es ans erzählen.
Else wischt sich immer wieder über die Augen.
Das ist wie Weihnachten im November.“
Und sie bleiben gleich über Nacht, denn in der großen Reisetasche hat Marietta für alle Nachtzeug eingepackt und der Kühlschrank ist auch gefüllt.
Am nächsten Tag wird sie das Taxi wieder abholen, denn es gibt noch einiges zu regeln. Aber bald würden sie für immer hier bleiben.
Else kündigt und da sie noch Urlaub hat muss sie nur noch eine Woche arbeiten.
Marietta aber geht mit Else und Tommy zum Einkaufen und kleidet sie vollkommen neu ein. Als Else protestieren will, meint sie nur: „Ihr seid jetzt unsere Familie.“
Und am nächsten Wochenende wohnen sie dann bereits alle sechs in der Villa.
Abends aber wenn alle schlafen, schlüpft Bernie aus dem Bett von Tommy und schleicht hinunter zu der kleinen Ballerina und sie unterhalten sich die ganze Nacht.

© Lore Platz