Wie
Elke ihrem Opa durch eine Geschichte geholfen hat
„Gefangen
in einem immer gleichen
Muster, gelang es ihm nicht sein Leben
perfekt zu strukturieren!“
Aufatmend
schloss Elke das Heft und gab es Lukas, der durch die Reihen ging, um
die Diktate einzusammeln.
Endlich
Wochenende.
Vergnügt
lief sie nach Hause, stellte im Flur den Schulranzen ab und trat in
die Küche.
Die
Oma ließ gerade den Strudelteig auf das Brett krachen und knetete
wütend darauf herum.
„So
ein alter Sturkopf, da lässt er sich nicht operieren, nur weil der
Professor ihm keine hundertprozentige Garantie geben kann.“
Wieder
hob sie den Teig und knallte ihn nieder.
Schmunzelnd
von der Mutter beobachtet, die gerade Äpfel schälte.
Sie
lächelte ihrer Tochter zu.
„Du
kommst ja früh, das Mittagessen dauert noch ein bisschen.“
„ Die
letzte Stunde ist ausgefallen, wo ist Opa?“
„Der
sitzt draußen im Garten,“ antwortete die Mutter.
Die
Oma schnaubte nur und klatschte auf den Teig.
Grinsend
hüpfte das Mädchen nach draußen.
Doch
dann wurde sie nachdenklich. Sie wusste warum die Oma sich ärgerte.
Vor
einiger Zeit waren Opas Augen immer schlechter geworden und er war
von Arzt zu Arzt gelaufen, doch niemand konnte ihm helfen.
Mittlerweile
war er fast blind. Da hatte die Oma von einem berühmten Professor
gehört, der eine neue Operationstechnik in der Augenheilkunde
entwickelt hatte. Doch Opa weigerte sich, denn er hatte die Nase voll
von den Ärzten und war nicht sicher, ob die OP ihm helfen könnte.
Außerdem
hatte er sich mit seiner Blindheit inzwischen abgefunden.
Elke
ging zu ihrem Opa der auf der Bank an der Hauswand saß und nun
lauschend den Kopf hob.
„Hallo,
meine Kleine.“
„Woher
weißt du, dass ich es bin?“
„Seit
ich nicht mehr so gut sehe, habe sich meine anderen Sinne verschärft
und ich kann euch an den Schritten auseinander halten. Willst du mir
aus der Zeitung vorlesen?“
„Ach
nöööö, da steht immer so langweiliges Zeug drin. Ich erzähle dir
lieber eine Geschichte.“
Sie
setzte sich neben ihn und begann.
„ In
einem großen Wald wohnten die Tiere friedlich und freundschaftlich
zusammen.
Auch
ein großer Bär hauste dort in einer Höhle und alle liebten ihn. Er
passte auf die Tierkinder auf, wenn die Eltern keine Zeit hatten.
Gutmütig legte er sich auf den Boden und die kleinen Eichhörnchen
und Hasenkinder hüpften auf ihm herum.
Manchmal
brummte er, wenn sie es gar zu toll trieben, aber er tat ihnen nichts
zuleide.
Die
Jahre vergingen und der Bär wurde immer älter. Graue Haare waren in
seinem Fell zu sehen und er bemerkte, dass seine Augen immer
schlechter wurden.
Bald
konnte er nur noch einen schwachen Schimmer wahrnehmen und wenn er
durch den Wald lief, stieß er sich oft an den Bäumen.
Seine
Freunde waren sehr besorgt und jeden Tag wurde
nun
eines der Tiere bestimmt, das ihn begleiten musste.
Auch
führten sie ihn zu den Sträuchern mit den süßesten Beeren. Und
der Dachs brachte ihm die Fische, die die Biber an Land warfen in
seine Höhle.
So
ging das einige Zeit und obwohl es beschwerlich für die Waldtiere
war sich um den alten Bären zu kümmern, beklagte sich doch keiner.
Hatte
er doch früher auch ihnen geholfen und besonders liebevoll auf ihre
Kinder aufgepasst.
Doktor
Pillendreher, der in dem nahe gelegenen Wichteldorf wohnte und den
sie um einen Rat baten konnte ihnen auch nicht helfen.
Eines
Tage kam die Eule Eusebia von einem ihrer Rundflüge zurück und
erzählte aufgeregt von einem Einsiedler, der wahre Wunder in der
Heilkunst vollbrachte.
Die
Tiere machten sich auf den Weg zu dem Heiler.
Lange
mussten sie laufen und besonders beschwerlich war der Weg den steilen
Berg hinauf, doch endlich standen sie vor der Hütte des Einsiedlers.
Sie
erzählten ihm von dem blinden Bären und er fragte sie genau über
die Krankheit des Bären aus.
Er
versprach eine Kräutermixtur zu bereiten, womit er die kranken Augen
auswaschen wollte und würde damit morgen zu ihnen in den Wald
kommen.
Glücklich
und zufrieden liefen die Tiere zurück und in die Höhle des Bären,
um ihm die freudige Nachricht zu bringen.
Dieser
aber war den ganzen Tag allein gewesen, keiner hatte sich um ihn
gekümmert und war deshalb sehr griesgrämig.
Er
hörte gar nicht richtig zu, was seine Freunde ihm erzählten sondern
knurrte nur, sie sollten ihn mit dem Quacksalber in Ruhe, er sei alt
und blind und daran sei nun mal nichts zu ändern.
Traurig
zogen die Tiere ab.
Eusebia,
die bei dem Lärm nicht schlafen konnte und alles beobachtet hatte
rauschte in die Höhle und zerrte den alten Bären kräftig am Ohr
und dann begann sie wütend zu zetern.
Undankbar
nannte sie ihn, einen alten Narren, der so gute Freunde gar nicht
verdient hätte. Sie hatten sich auf den langen beschwerlichen Weg
gemacht, nur um ihm zu helfen und er benehme sich wie ein kleines
trotziges Kind.
Der
alte Bär schämte sich und versprach kleinlaut, dass der
Heiler
kommen könnte und er alles machen würde was er verlange.
Am
nächsten Tag kam der alte Mann in die Höhle und richtete sich dort
ein.
Mehrmals
am Tag wusch er die Augen des Bären und verband sie.
Für
die Nahrung der beiden sorgten die Tiere, das Trinkwasser schleppten
die Wichtel herbei und die
Bienenkönigin
sandte ihnen Honig, denn sie wusste wie gerne der Bär diesen hatte.
Der
alte Einsiedler strahlte über das ganze Gesicht, denn er war ein
Schleckermäulchen.
So
vergingen einige Tage, dann wurde der Verband von den Augen des Bären
genommen.
Langsam
öffnete er die Augen.
Erst
sah er nur einen schwachen Lichtschimmer, doch dann wurden die
Konturen um ihn herum immer schärfer, bis er alle seine Freunde
erkennen konnte, die mit erwartungsvollen Gesichtern um ihn herum
standen.
Als
sie bemerkten, dass er sie sehen konnte, da brach ein Jubel los.“
Elke
schwieg und schmiegte sich an den Großvater.
Eine
Amsel, die auf dem Birnbaum saß flötete ihr schönstes Lied und
übertönte damit sogar das Gezänk der Spatzen auf dem Kirschbaum.
Der
alte Mann legte seine Hand auf den Kopf des Mädchens und fragte
leise.
„Du
meinst also, dass ich mich operieren soll?“
„Ja,
wäre es denn nicht schön, wenn du wieder im Garten arbeiten und
deine geliebten Kreuzworträtsel lösen könntest?
Außerdem
müsste ich dir dann nicht mehr aus der Zeitung vorlesen, wo immer so
schrecklich schwere Wörter drinstehen.“
„Das
ist ein Argument!“
Der
Opa lachte.
Es
klang fröhlich und befreiend.
„Ich
werde mich operieren lassen,“ versprach er.
Elke
umhalste und küsste ihn, dann nahm sie seine Hand.
„Komm,
das wollen wir Oma und Mama erzählen.“
©
Lore Platz 15.10.2019
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