Türchen
19 2024
Hexe
Liliput erlebt Weihnachten
Tinchen
saß auf der Fensterbank und beobachtete die dicken Schneeflocken.
Waldprinz, der am Tisch saß ,betrachtete schmunzelnd
die Schildkröte. „mach dir keine Sorgen, sie kommt schon durch den
Schneesturm. „Zu Fuß bestimmt, aber ich fürchte, sie wird den
Besen nehmen.“
In diesem Moment geht die Tür auf und eine
strahlende Liliput stürmt herein.“Puh war das ein Flug, herrlich!“
Tinchen und Waldprinz sehen sich an. Tinchen Kopfschüttelnd,
Waldprinz grinsend.
Liliput wirft den Besen in die Ecke und setzt
sich neben Waldprinz.
Neugierig betrachtet sie die Zahlen in
seinem Heft.
„Was ist das?“
„Das ist eine Zahlungsart, man
nennt sie Wurzel
ziehen."
Einen Moment sieht Liliput ihn verblüfft
an, dann beginnt sie schallend zu Lachen. „Ihr Menschen seid schon
komische Geschöpfe, wir gehen zum Wurzel ziehen in den Wald.“
Doch
dann wird sie wieder ernst. „Frau Kassandra hat uns erklärt, dass
in einigen Tagen die Menschen unten im Dorf Weihnachten feiern und
wir uns fernhalten sollen.
“Aha und jetzt willst du hinunter, weil
es verboten
ist,“ brummt Tinchen. „Nein Tinchen, du weißt, dass meine Mutter
eine Hexe und mein Vater ein Mensch war und ich will beide Seiten
kennen lernen. Und ich habe schon einen Plan.
“Ich
werde mich wie ein Menschenmädchen kleiden und als Mariannes Kusine
mit ihrer Familie Weihnachten feiern und du kommst mit.“
Waldprinz
sieht sie entsetzt an. „Niemals!“
„Ein guter Plan.“
Frau
Kassandra steht an der Tür. Tolpatsch läuft ihr entgegen kleine
Rauchwölkchen ausstoßend. Lächelnd betrachtet die Hexe den
Drachen, den sie in die Größe einer Eidechse verwandelt hatte,
damit er keinen Schaden mehr anrichten konnte und krault ihn hinter
den Ohren.
„Nun Liliput, da du zur Hälfte Mensch bist solltest du
auch deren Bräuche kennen lernen und endlich auch den Hass auf die
Menschen vergessen. Und du Waldprinz musst dich den Dorfbewohnern
stellen. sechs Jahre ist es nun her, seit Marianne und Lukas dich
gerettet haben, als dein Vater dich fast zu Tode geprügelt hat, du
bist jetzt vierzehn.
Groß, selbstbewusst und sehr klug, doch erst
wenn du dich der Vergangenheit stellst bist frei.“
Waldprinz
strafft die Schultern. „Ich begleite Liliput!“
Doch nun war
Liliput dagegen.“Nein, die Menschen da unten sind böse, es ist zu
gefährlich!“
„Frau Kassandra hat recht, ich bin kein hilfloses
Kind mehr und nicht alle im Dorfe sind böse, denk nur an deine
Freundin Marianne und ihre Familie. Weißt du was meine Mutter immer
gesagt hat, wenn ich mich weinend zu ihr geflüchtet habe und geklagt
habe, alle Menschen wären böse: Nicht alle Menschen sind böse,
fünf bösen Menschen stehen fünf guten Menschen gegenüber, das ist
Gottes Ausgleich.“
Frau
Kassandra legt beiden die Hand auf die Schulter.
„Viele Leute im
Dorf waren nicht einverstanden, wie dein Vater nach dem Tod deiner Mutter mit dir
umging, doch was sollten sie gegen den reichsten Bauern des Dorfes
und den ketzerischen Pfarrer tun.“
„Lebt er noch?“ will
Waldprinz wissen. „Nein, es ist jetzt ein junger netter
freundlicher Pfarrer im Ort. Aber
nun macht euch bereit.“
Sie
hebt den Zauberstab und Liliput steht in einem warmen Pelzmantel,
eleganten Winterstiefeln,und einer schicken Pelzmütze, da. Sie dreht
sich jubelnd im Kreis und bleibt überrascht stehen, als sie ihren
Bruder entdeckt. „Nun siehst du wirklich wie ein Prinz aus.“
Neben Liliput steht ein Koffer und als diese ihn aufhebt, schüttelt
sie den Kopf, „der ist ja ganz leicht.“
Frau
Kassandra lacht „der ist ja auch leer.“
Waldprinz schaut sie
verwirrt an. „Was sollen wir mit einem leeren Koffer?“ Das ist
ein Zauberkoffer, da ihr einige Tage bleiben werdet, braucht ihr
Kleider zum wechseln und auch Weihnachtsgeschenke. Der Koffer wird
euch jeden Wunsch erfüllen, wenn er es erlaubt.
Und du Waldprinz
bekommst eine Geldbörse, schließlich sollst du als reicher junger
Mann auftreten. Du kannst jede Summe bekommen.
Und du Liliput zügle
dein Temperament keinen Zauber, du würdest deiner Freundin Marianne
und ihrer Familie damit sehr schaden.
Und nun kommt, ich setzte euch direkt vor der Tür von Marianne und
Lukas ab.
Sie schnippt mit den Fingern und ein Umhang schwebt durch
die Luft, umhüllt die drei und sie sind unsichtbar. Die Tür öffnet
sich und schließt sich. Tinchen seufzt kummervoll. Ob das
gut geht.
Waldprinz klopft und
Josef Waller öffnet und sieht die beiden fein gekleideten jungen
Leute fragend an. „Sie wünschen?“ Liliput
kichert, “Josef wir sind es
Liliput und Waldprinz.
Josef zerrt sie ins Haus,
lässt ihnen kaum Zeit die Mäntel abzulegen und führt sie in die
gute Stube. Marianne springt auf, „ Liliput, Waldprinz!“ und
umarmt sie stürmisch.
Bald sitzen sie alle am Tisch und lassen sich
die selbst gebackenen Plätzchen und den Tee schmecken. Liliput hat
sich staunend umgesehen, nun bleibt ihr Blick verträumt
an dem Adventskranz hängen,
auf dem drei Kerzen
brennen. Die anderen sehen
sich lächelnd an.
Waldprinz nippt an seinem Tee und bittet,“könnten
wir bei euch wohnen. Frau Kassandra hat gemeint, wenn ich glücklich
werden will in der Zukunft, muss ich mich der Vergangenheit stellen
und mit ihr abschließen.“
„Eine
kluge Frau,“brummt Josef. „Und deshalb hat sie mich auch so
vornehm ausgestattet und auch genügend Geld mit gegeben, um die
ärgste Armut im Dorf zu lindern. Und dazu brauche ich deine Hilfe
Josef.
Bei meinen nächtlichen Besuchen bei euch bin ich oft am
Armenhaus vorbeigekommen, es sieht schrecklich aus und hält sicher
auch die Kälte nicht ab. Kennst du einen guten Schreiner, der
ehrlich ist?“
„ja den Angerer Karl, ein armer Kerl, der seine
Familie kaum ernähren kann, weil seine Auftraggeber nicht zahlen.
Natürlich kann er deshalb auch den Holzhändler nicht bezahlen, der
will ihn nach Weihnachten pfänden und ihn und seine Familie von Haus
und Hof jagen.“ „Das müssen wir natürlich verhindern. Wer sind
die Schuldner?“
Naja die Großkopferden, dein Vater ist auch
dabei.“Kurz blitzt es in Waldprinz Augen auf.“ „Josef willst du
einmal Nikolaus spielen?“ „Der 6. Dezember ist zwar vorbei doch
um jemanden Freude zu bereiten zählt nicht das Datum, ich soll zum
Angerer?“
„ Ja lass dir die nicht bezahlten Rechnungen geben,
dann bezahle sie und wirf sie ins Feuer. Dann sagst du ihm, dass im
Frühjahr das Armenhaus abgerissen und ein neues gebaut und er den
Auftrag erhält. Er
soll einen Kostenvoranschlag machen.
Und lass dir die Rechnung vom
Holzhändler geben, bezahle sie und verlange eine Quittung."
„Was
soll ich sagen, wenn der Angerer fragt wer der großzügige
Auftraggeber ist.“ „Die Wahrheit und dem Holzhändler sagst, der
Angerer hat einen sehr guten Auftrag bekommen und sein Auftraggeber
zahlte einen großzügigen Vorschuss.
Ach und sag dem Angerer, am
Samstag findet beim Sonnenwirt im großen Saal eine Weihnachtsfeier
statt.“
Waldprinz
zieht aus dem Beutel ein Bündel Geld und reicht es Sepp. Anamirl,
die den Raum vor einiger Zeit verlassen hat, kommt herein mit Sepps
Rucksack. „Hier ich hab etwas zu Essen und ein ein Päckchen Tee.
Die Angerer werden nicht viel zu Hause haben.“ Die beiden verlassen
das Zimmer.
Liliput hat den Kopf in die Arme gestützt und sieht
Waldprinz an. „Was ist?“ Die kleine Hexe grinst. „In all den
vier Jahren die du nun bei uns auf dem Berg oben wohnst hast du noch
nicht soviel gesprochen.“
Marianne kichert. „Du wirst ihn schon
nicht zu Wort kommen lassen. „Wenn es nur das wäre, aber ich muss
ständig aufpassen, dass sie nicht in die Klemme gerät.“ „Paah!“
Alle drei fingen zu lachen an.
Anamirl kommt herein. „Na hier geht
es aber lustig zu.“ Als sie es ihr erzählten musste auch sie
lachen.
Doch dann wurde Waldprinz ernst. „In fünf Tagen ist Heilig
Abend und es gibt noch viel zu tun. „Wie können wir helfen?“
„Erstellt eine Liste wer und wie viel Menschen bedürftig sind und
du Lukas gehst zum Sonnenwirt mietest den großen Saal. Er soll ihn
weihnachtlich schmücken und ein großes Weihnachtsessen vorbereiten.
Und ihr beide wendet er sich an die Frauen, „werdet die geladenen
Gäste aufsuchen, bringt etwas zu essen mit und in Gesprächen
versucht ihr herauszufinden was sie sich vom Christkind wünschen.“
„Das wird eine lange Liste.“ „Das schafft ihr schon,“
tröstet Waldprinz.“
„Ach ja und was macht ihr?“ „Wir ziehen
uns schick an und mischen uns unter das Volk. Das ist der zweite
Grund warum wir da sind, denn Liliput will die Welt ihres Vaters
kennen lernen.“
Wenig
später schlendern sie durch das Dorf, bewundern den großen
geschmückten Weihnachtsbaum und wandern dann an den Ständen vorbei,
um die geschnitzten Figuren zu betrachten.
„Dein Vater,“ flüstert
Liliput. Waldprinz versteift sich, und dreht sich um. Sein Vater
bleibt vor ihm stehen und betrachtet ihn von Kopf bis Fuß.
„ Es
stimmt also, du bist nach sechs Jahren als reicher Junge zurück
gekommen und wirfst nur so mit dem Geld um dich. Wie kommt ein
vierzehnjähriger Junge innerhalb von sechs Jahren zu so viel Geld.
Oder bist du doch eine Teufelsbrut und hast das Geld vom Teufel,“
sagt er gehässig.
Inzwischen haben sich eine Menge Leute hinter den
beiden eingefunden. Waldprinz sieht seinen Vater spöttisch an . „Glaubst
du der Teufel würde mir erlauben, dass ich mit seinem Geld
Gutes tue.“
„Da hat er Recht.“ rief einer. Ein anderer schrie.
„Er hat den Angerer vor der Pfändung gerettet und ihm auch die
Schulden der drei bezahlt, die ihn erst ins Unglück stürzten.“
Eine Frauenstimme rief, „Und er hat alle Armen am heiligen Abend
zum Sonnenwirt eingeladen!“ Waldprinz verbeugt sich vor seinem
Vater, der immer stiller geworden ist,
nimmt
Liliputs Arm und
schlendert davon.
„War
es schwer?“ „ja, aber auch befreiend.“ Schweigend gehen sie
weiter.
Beim
Sonnenwirt herrscht eine tolle Stimmung, es wird gegessen gelacht
Weihnachtlieder gesungen und überall sieht man glückliche
Gesichter. Waldprinz erhebt sich und sofort sind alle still. „Meine
lieben Gäste ich hoffe es hat euch allen geschmeckt und auch die
Geschenke, die das Christkind gebracht hat.“
„Ja
und wir danken auch dem edlem Spendern Waldprinz und dem
Christkind!“
Jemand zupft ihn am Arm und als er hinunter sieht,
steht ein kleines Mädchen mit einer Puppe vor ihm. „ Die Puppe
hat mir das Christkind gebracht.“
„Dann bist du aber sehr
brav gewesen.“ „Nicht immer,“ gibt sie ehrlich zu. „Ich habe
gehört, du bist früher sehr gemein behandelt worden, weil dein
rechtes Gesicht anders aussieht als dein linkes. Das waren doch nur
dumme böse Menschen. Meine Mutter sagt, man braucht kein schönes
Gesicht, um hübsch zu sein, man braucht ein schönes Herz. Dein Herz
ist wunderschön, deshalb bist du wunderschön.“ Sie winkt mit dem
Zeigefinger.
„Du
bist so groß, bück dich mal.“ Zart streicht sie über seine rechte
Wange und drückt ein Küsschen drauf, dann dreht sie sich um stapft
zu ihren Eltern. Nicht nur Waldprinz hat Tränen in den Augen. Und
dann sagt jemand.
Kindermund
tut Wahrheit kund
©
Lore Platz 1.10.2024
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