Freitag, 28. September 2012

Wer schreibt, der bleibt


Wer schreibt, der bleibt


Das sagte vor kurzem eine liebe Freundin zu mir.
Und wie recht sie hat, das zeigt folgende Geschichte.
Meine Schwiegermutter war Jahrgang 1905 und malte wunderschöne Bilder, die sie bis nach Amerika verkaufte.
Vor ungefähr 30 Jahren, drückte sie mir ein Büchlein mit handgeschriebenen Gedichten in die Hand, die von ihrer längst verstorbenen Jugendfreundin waren.
Damals war ich jung verheiratet und hatte andere Dinge im Kopf , als Gedichte zu lesen. Ich hielt den kleinen Ordner aber in Ehren. Leider habe ich mich nie bei meiner Schwiegermutter nach der Verfasserin erkundigt und bereue das sehr.
Denn als mir kürzlich der Ordner in die Hände fiel und ich zu lesen begann, erkannte ich erst welch wunderschöne Gedichte diese Frau verfasst hatte.
Sie muss ein ganz besonderer Mensch gewesen sein.
Auch meine Schwiegermutter ist nun bereits seit über 20 Jahren verstorben und ich kann nichts mehr über ihre Jugendfreundin erfahren.
Diese hat ihre handschriftliche Werke mit E. Ammerich unterschrieben und wäre heute wie auch meine Schwiegermutter wohl über 100 Jahre alt.
Aber es wäre sehr schade, würden diesen Gedichte einfach in der Versenkung verschwinden.



Deshalb möchte ich ab und zu eines ihre Werke in meinem Blog stellen.
Vielleicht sieht sie ja vom Himmel herunter und freut sich.

Herbst

Im Wiesengrund steh`n schon die Herbstzeitlosen
Bald ist des Sommers bunte Pracht vorbei
Verblüht, verweht die letzten Rosen
Vielleicht ging auch ein Traum vom Glück vorbei

Scharf weht der Wind schon über Stoppelfelder
Herbstnebel breiten ihre Schleier aus
In Gelb und Rot entflammt das Laub der Wälder
Die letzten Astern blühen im Garten draus

Was nützt die Wehmut, das Jammern, Klagen
Es hat im Leben alles seine Zeit
Sie kommt und geht, und auch nach trüben Tagen
Da ist ein neuer Frühling nicht mehr weit


E. Ammerich







Freitag, 21. September 2012

Drei gute Freunde


Drei gute Freunde

Der Bauernhof lag etwas abseits in einer schönen Gegend.
Doch wie sah es hier aus. Alte verbogene Milchkannen lagen herum. Verrostete Maschinenteile lehnten an der Wand des Stalles, von der der Verputz bröckelte und aus dem Stall drang ein Gestank, als wäre er schon wochenlang nicht mehr ausgemistet worden.
Eben führt der Bauer, der genauso verwahrlost aussah, wie sein Hof, eine Stute aus dem Stall.
Er zerrte sie mehr, als dass er sie führte.
Das arme Tier sah schrecklich aus. Es war so dünn, dass man die Rippen zählen konnte. Sein glanzloses Fell war total verdreckt und auf der Hinterhand waren Narben zu sehen, die wohl von Schlägen herrührten.
Es trottete traurig neben seinem Herrn, nur als es an seinem Freund, dem Hofhund vorbeikam, der an einer Kette vor seiner Hütte lag, hob es kurz den Kopf.
Der Hofhund bellte zum Gruß, doch der Bauer brüllte:
Halt´s Maul!“
Er spannte das Pferd vor einen voll beladenen Wagen und ließ die Peitsche auf den Rücken des armen Tieres sausen.
Die Stute zuckte zusammen und bemühte sich verzweifelt, den Wagen vorwärts zu ziehen, doch sie war einfach zu schwach.
Der Bauer fluchte und schlug wütend auf das Tier ein, doch der Wagen bewegte sich nicht.
Rot im Gesicht vor Jähzorn schirrte der Bauer das Pferd aus, führte es zur Seite und begann erbarmungslos auf es einzuschlagen.
Die Stute wieherte vor Schmerz und bemühte sich verzweifelt den Schlägen auszuweichen.
Sein Freund der Hofhund bellte lärmend und versuchte ihr zu Hilfe zu kommen, doch die Kette riss ihn immer wieder zurück.
Die Bäuerin von dem Lärm angelockt stürzte aus dem Haus.
Simon, du schlägst sie ja tot!“ rief sie verzweifelt.
Ruf den Abdecker an,“ knurrte der Unhold und wandte sich ab.
Im Vorbeigehen trat er mit dem Fuß nach dem bellenden Hund, stieß seine Frau in den Hausgang und brüllte:
Hab´ich dir nicht gesagt, du sollst den Abdecker anrufen!“
Er gab ihr eine Ohrfeige und beide verschwanden im Haus.
Der Hund, nennen wir ihn Randi, starrte zur Stute, die wir Herta nennen wollen, hinüber.
Sie bewegte sich nicht, ob sie wohl tot war?
Er legte sich nieder, den zotteligen Kopf auf den Pfoten und starrte vor sich hin.
Ein kleiner Hase hoppelte über die Wiese, schlüpfte durch das Loch im Zaun und knabberte genüsslich an den Salatblättern.
Erstaunt hob er den Kopf.
Es war ja heute so still. Sonst bellte Randi immer, wenn er ihn sah.
Mit großen Sprüngen überquerte der Hase den Hof und blieb bei Randi stehen.
Weinst du?“ wollte er wissen.
Der Hund sah ihn traurig an.
Der Alte hat Herta tot geschlagen.“
Der Hase erschrak und seine Nase zuckte aufgeregt.
Er hüpfte hinüber zu der Stute und stupste sie mit der Nase an.
Herta öffnete die Lider und sah ihn aus ihren schönen braunen Augen traurig an.
Der Hase hoppelte zurück.
Sie lebt noch,“ verkündete er.
Randi rührte sich nicht.
Ich kann ihr doch nicht helfen,“ seufzte er mutlos.
Der Hase besah sich die Kette.
Die ist aus Eisen, die kann ich nicht durchbeißen“,
murmelte er vor sich hin, „ aber dein Halsband ist doch aus Leder, leg deinen Kopf zur Seite.“
Rande gehorchte teilnahmslos und der Hase schlug seine kräftigen Zähne in das Lederband.
Plötzlich öffnet sich die Tür und der Bauer stapfte zu seinem alten Auto.
Der Hase war blitzschnell in der Hundehütte verschwunden.
Nach einer Weile spähte er zitternd hervor.
Ist er weg?“ wisperte er.
Ja, er fährt jetzt zum Wirt und wenn er zurück kommt, ist er noch schlimmer.
Der Hase machte sich wieder an die Arbeit und bald war Randi frei.
Er schüttelte seinen zotteligen Kopf sie liefen zu Herta hinüber.
Randi stupste sie an.
Herta, bitte wach` doch auf. Wir müssen hier fort. Wenn der Bauer zurück kommt und sieht, dass du noch lebst, dann schlägt er dich tot.“
Die Stute versuchte verzweifelt auf die Beine zu kommen, doch immer wieder kippte sie um.
Doch Randi gab nicht auf.
Er feuerte sie an, sprach ihr Mut zu, bettelte und flehte.
Endlich stand die Stute zitternd auf ihren vier Beinen.
Der Hund nahm die Zügel ins Maul und führte seine Freundin hinter dem Hasen her, der ihnen im Wald eine geheime Höhle zeigen wollte.
Herta wankte mit halb geschlossenen Augen neben ihren Freunden und Randi war froh, als sie endlich den schützenden Wald erreichten.
Als sie in die Höhle kamen, war es mit Hertas Kraft vorbei und sie stürzte zu Boden.
Ist sie tot?“ fragte ein Eichhörnchen, das neugierig näher gekommen war.
Randi beobachtete die zitternden Flanken seiner Freundin und sah auch, dass ihr Brustkorb sich hob und senkte und schüttelte den Kopf.
Ich muss Hilfe holen!“ In großen Sprüngen eilte er ins Dorf.
Zwei Mädchen spielten im Garten. Das kleinere der Beiden wandte sich schreiend um, als es den Hund kommen sah.
Doch ihre Schwester Karin ging beherzt auf das Tier zu und streckte ihm die Hand entgegen, damit er ihren Geruch aufnehmen konnte und streichelte den Hund dann vorsichtig.
Komm Elli, er ist ganz lieb.“
Ängstlich ging die Kleine näher, doch als der Hund sie liebevoll mit der Nase stupste, legte sie vorsichtig ihre Hand auf seinen Kopf und als er sich nicht bewegte, begann sie ihn behutsam zu streicheln.
Randi, der noch nicht viel Liebe erfahren hatte, genoss es von den beiden Mädchen geknuddelt zu werden.
Doch dann fiel ihm seine schwer verletzte Freundin wieder ein.
Er packte die Kleinere am Rock und zerrte sie Richtung Wald.
Elli schubste ihn lachend weg.
Randi bellte kurz und packte Karin am Rock.
Ich glaube er will uns etwas zeigen,“ meinte diese.
Als hätte der Hund sie verstanden, lief er los, drehte sich um und bellte auffordernd.
Die beiden Mädchen folgten ihm und standen wenig später erschüttert vor dem gequälten Pferd.
Karin liefen die Tränen über die Wangen und auch Elli schluchzte laut.
Sie knieten beide nieder und strichen zart über den Kopf des Pferdes.
Dieses bewegte sich nicht, nur am Heben des Brustkorbs stellten sie fest, dass es noch lebte.
Wer kann nur so grausam sein,“ flüsterte Elli, als sie die offenen, blutenden Striemen betrachtete.
Wir müssen ihm helfen!“
Karin nickte, „ komm wir holen den Tierarzt.“
Die beiden Mädchen nahmen sich an der Hand und liefen durch den Wald ins Dorf.
Atemlos polterten sie ins Wartezimmer.
Eine ältere Frau mit einem Korb auf den Knien, in dem eine siamesische Katze fauchte, sah die Mädchen missbilligend an.
Könnt ihr nicht manierlich ein Zimmer betreten und wie ihr bloß ausseht, schmutzig und zerzaust.“
Ein Junge in Lederhosen, auf dessen rechtem Oberschenkel eine Schildkröte saß, lächelte die Mädchen freundlich an.
Hallo Karin, hallo Elli, wo habt ihr den euer krankes Tier?“
Die Mädchen erzählten ihm aufgeregt von dem verletztem Pferd im Wald.
Anderl sprang so schnell auf, dass die Schildkröte beinahe
auf den Boden gefallen wäre. Doch gekonnt fing er sie auf und rannte gefolgt von den Mädchen in das Zimmer des Arztes.
Dieser verabschiedete sich gerade von einem kleinen Mädchen, das vorsichtig einen Käfig mit einem Wellensittich
vom Tisch hob.
An der Tür erschien die Sprechstundenhilfe mit hochrotem Kopf.
Entschuldigen sie Herr Doktor, die Kinder sind einfach an mir vorbei gerannt.“
Schon gut Margret.“
Die junge Frau verließ mit dem kleinen Mädchen und seinem Sittich das Zimmer.
Der Tierarzt wendete sich an die Kinder.
Wo brennt`s denn?“
Der Junge und die Mädchen erzählten nun von dem misshandelten Pferd im Wald.
Der Doktor nahm mit ernstem Gesicht seine schwarze Tasche und verließ mit den Kindern das Zimmer.
Im Vorbeigehen sagte er seiner Sprechstundenhilfe, dass er zu einem Notfall müsse.
Anderl legte grinsend seine Schildkröte auf den Schreibtisch.
Pass gut auf sie auf!“
Im Hof kletterten sie in den dunkelblauen Geländewagen und waren bald im Wald.
Erschüttert stand der Tierarzt wenig später vor dem übel zugerichteten Pferd.
Das ist die Stute vom Huberbauern, diesmal ist er dran,“ brummte er grimmig.
Er gab dem Pferde eine Spritze und säuberte dann vorsichtig die Wunden.
Die Kinder halfen ihm die Salbe aufzutragen und Randi saß zufrieden daneben und beobachtete alles aus klugen Augen.
Wird es wieder gesund?“ fragte Elli ängstlich.
Ich hoffe es,“ seufzte der Arzt, „aber wir können es nicht hier liegen lassen.“
Ich hol den Vater!“ rief Anderl
Ja und schau auch beim Gendarm vorbei!“
Karin hatte den Kopf des Pferdes in ihren Schoß gebettet und streichelte es liebevoll.
Elli kniete neben Randi und hatte tröstend die Arme um ihn gelegt.
Das Geräusch eines Bulldozers war zu hören und Anderl mit seinem Vater und drei kräftigen Männern, sowie dem Dorfpolizisten betraten die Höhle.
Randi bellte begrüßend und Anderl kraulte ihn hinter den Ohren.
Entsetzt standen die Männer vor dem Pferd und nur die Anwesenheit der Mädchen hinderte sie daran einen kräftigen Fluch auszustoßen.
Der Polizist nahm seinen Block und machte sich Notizen.
Ich werde dafür sorgen, dass der Huberbauer keine Tiere mehr halten darf,“ versprach er grimmig.
Am besten, wir bringen die Stute zu uns,“ meinte Anderls Vater und sah den Polizisten fragend an.
Dieser nickte und Anderl fragte: „Dürfen wir den Hund auch behalten?“
Auch das wurde erlaubt.
Es war einen verflixte Schinderei das Pferd auf den Wagen zu schaffen und die Männer kamen ganz schön ins Schwitzen.
Doch endlich lag es auf der Plane und Randi sprang auf den Wagen und legte sich neben seine Freundin.
Anderl kletterte ebenfalls hinauf und streichelte beruhigend den Hals der Stute, die unruhig mit den Beinen zappelte.
Tuckernd setzte sich der Bulldozer in Bewegung.
Der Gendarm sah ihnen eine Weile nach.
Ich werde jetzt zum Huberbauern gehen,“ brummte er mit grimmigem Gesicht und stapfte davon.
Karin und Elli kletterten zu dem Doktor in den Geländewagen und er fuhr sie nach Hause.
Ein kleiner Hase, der alles aus sicherer Entfernung beobachtete hatte, hoppelte zufrieden davon.
Der Huberbauer aber bekam eine kräftige Geldstrafe und durfte keine Tier mehr halten.
Herta aber wurde wieder gesund und tollte zusammen mit Randi glücklich über die Wiese.
Karin und Elli besuchten sie fast täglich.







Sonntag, 16. September 2012

Am Donnerstag hat in Bayern die Schule begonnen.

Am Donnerstag hat in Bayern die Schule begonnen.


Auch für mich war das 1956 ein aufregender Tag und es gab sogar schon eine Schultüte, natürlich nicht so reich gefüllt wie sie heute sind.
Es gefiel mir auch ganz gut in der Schule, wenn nicht der lange Schulweg gewesen wäre.
Das Laufen machte mir nichts aus, denn ich war so ein richtiger 
"Hans-guck-in-die-Luft"
Meine Mutter schickte mich auch immer früher los, da sie wusste, dass ich eine kleine Trödelliese war.
Meine Schwester fuhr später mit dem Rad.
Sie war fünf Jahre älter als ich und ein richtiger Wildfang und ihre Freunde auch.
Ich dagegen war ein schüchternes, ängstliches Dingelchen und eine  furchtbare Heulsuse.
Meine arme Schwester musste mich immer mitschleppen, was nicht leicht für sie war.
Denn meistens wenn ich endlich den Mut aufbrachte mit ihren wilden Spielen mitzumachen, dann passierte mir etwas.
Einmal hatte die ganze Bande ein lustiges Spiel im Heuschober entdeckt.
Sie rannten die hölzernen Stufen hinauf  auf den Heuboden und sprangen durch die Luke mit Geschrei und Hurra auf das darunter
liegende Heu.
Die Stufen hinauf bin ich ja noch gegangen, aber an der Luke blieb ich stehen und schaute schaudernd in die Tiefe.
Meine Schwester forderte mich ständig auf zu springen.
Endlich fasst ich mir ein Herz und sprang.
Aber in meiner Angst verkrampfte ich mich, kam mit dem Knie an meine Nase und fing fürchterlich an zu bluten. 
Natürlich flossen meine Tränen reichlich.



Auf meinem Schulweg musste ich an einer Tankstelle vorbei und der Sohn des Besitzer gehörte zu den Freunden meiner Schwester.
Jedes Mal, wenn ich vorbei ging, kam er wie ein "Schachterlteufel"
heraus geschossen und schmetterte frei nach der "Vogelhochzeit"
"Die Neuheule, die Neuheule, die macht ein groß Geheuheule!"
Dieses Geheule verleidete mir den ganzen Schulweg und ich sann, wie ich dem Entkommen konnte.
Als ich wieder einmal auf der Anhöhe stand , auf deren rechter Seite die Tankstelle war, klemmte ich meine Daumen unter die Lederriemen meines Schulranzens und rannte los.
Der Tornister auf meinem Rücken hüpfte auf und ab.
Die Schiefertafel und die Griffelschachtel klapperten, aber ich lief und lief und erst nachdem ich an der Tankstelle vorbei war, ging ich wieder langsamer.
Nach einiger Zeit hörte der "Spottgesang" auf.

Samstag, 15. September 2012

Der Flug des Drachens

Der Flug des Drachens

Hoch oben in den Wolken liegt die Felsenburg des Windes.
Mutter Wirbelwind huscht durch die Schlafstuben ihrer Kinder.
Ihre Tochter Windsbraut, die ständige Begleiterin des Frühlings schläft mit einem sanften Lächeln auf den Lippen.
Ihre Mutter betrachtet die zarte liebliche Schönheit zärtlich.
Dann gleitet sie zu dem Bett ihres Sohnes , dem Südwind, der den Sommer unterstützt.
Stolz betrachtet sie die hübsche, stattliche Gestalt.
Etwas bekümmert wandert ihr Blick hinüber zum Nordwind, dem Spießgesellen des Winters.
Er ist ein rauer, ruppiger Geselle und wohl der schlimmste ihrer Kinder.
Leise schwebt sie zu Huijui, dem Freund des Herbstes.
Er ist ein hübscher rothaariger Bursche voller Temperament.
Sie weckt ihn sanft und Huijui fährt hoch und seine Augen funkeln.
"Es geht los?"
Seine Mutter nickt.
"Prima!"
Ein wilder Hauch fährt durch die Höhle und seine Geschwister bewegen sich unruhig im Schlaf.
Huijui folgt seiner Mutter zum Eingang.
"Sei vorsichtig," ermahnt sie ihn.
Er lacht nur und sorgenvoll blickt sie ihm nach.
Er war manchmal zu leichtsinnig, wild und übertrieb gern.
Huijui aber ist schon unterwegs zur Erde.
Kurz hält er noch an Frau Sonne`s Garten an und späht über den Zaun, ob er nicht Prisilla, eine der  Töchter von Frau Sonne sehen kann.
Er hat eine heimliche Schwäche für die kecke Prisilla.
Leider aber scheinen alle noch zu schlafen.
Huijui aber ist kein Freund von Traurigkeit.
Er saust vergnügt die Milchstraße hinab auf die Erde und fährt durch die noch schlafenden Bäume, die vor Schreck ihre Blätter fallen lassen.
Huijui lacht übermütig und lässt die gelben, rostbraunen und roten Blätter wild durch die Luft wirbeln.
Einigen Menschen, die bereits zur Arbeit gehen, reißt er fröhlich die Hüte vom Kopf, plustert die Kopftücher auf und bauscht die Mäntel.
Er pustet den Staub der Straßen hoch und bringt die Menschen zum Husten.



Vergnügt rüttelt er an den Straßenlampen, die vor Angst zittern und ihre Lichter flackern.
Als er müde ist ruht er sich aus, plauscht ein wenig mit Prisilla, bis Frau Sonne ärgerlich nach ihrer Tochter ruft.
Huijui sieht sich um und erblickt einige Jungen, die ihre Drachen aus der Schnur wickeln.
Hier werde ich gebraucht.
In übermütigen Sprüngen saust er den Berg hinauf, wirft im Vorbeisausen noch ein Fahrrad um, verschnauft einen Moment, doch als er sieht, wie die Kinder Anlauf nehmen, um die Drachen zum Steigen zu bringen, stürzt er sich mit Begeisterung auf die Papierflieger.
Eine Freude wie sie in alle Himmelrichtungen auseinander schwirren.
Ein grellgelber Drache mit einem verschmitzten Gesicht hat es ihm besonders angetan.
Er scheucht ihn immer höher, wirbelt ihn dem Himmel entgegen, lässt ihn wieder fallen bis er fast das Gras berührt und reißt ihn im letzten Moment hoch.
Er treibt sein wildes Spiel mit ihm.
Sie genießen beide die wilde stürmische Jagd und bemerken nicht, dass plötzlich die Schnur reißt und weit unten ein kleiner Junge weint.
Doch plötzlich los gelöst von allen Zwängen saust der gelbe Papierdrache angetrieben von seinem Freund Huijui, der mächtig die Backen bläst, über den Berg hinaus, der Stadt entgegen.
Langsam segelt er jetzt über die Häuser, taumelt ein bisschen, denn er ist müde und auch Huijui muss erst wieder zu Atem kommen.
Aber als der Drache  plötzlich an einen Fabrikschornstein stößt saust Huijui schnell herbei und bläst ihn mit letzter
Kraft an dem gefährlichen Hindernis vorbei.
"Ich muss nach Hause, lieber Freund! Vielleicht begegnen wir uns wieder einmal!" ruft der Wind, bläst den Drachen noch einmal kräftig nach oben und verschwindet.
Der gelbe Fetzen genießt noch einmal den Flug, wird immer langsamer, taumelt und landet schließlich auf den kahlen Ästen eines Apfelbaumes.
Müde sackt er zusammen.
Gegenüber des Baumes ist ein Fenster und dahinter sitzt ein trauriger kleiner Junge.
Auf seinem Gesicht sind noch die Spuren von Tränen zu sehen.
Nun hebt er den Kopf und erstarrt.
"Mama! Papa" schreit er gellend,.
 "Mein Drache ist wieder nach Hause gekommen!"

Freitag, 14. September 2012

Kein Fest für Lisa

Kein Fest für Lisa

Lisa gab der Coladose einen wütenden Tritt, dass sie scheppernd über den Schulhof rollte und an der Treppe liegen blieb.
Heute war Frau Krumbirn wieder einmal besonders ekelig.
"Lisa, wenn du nicht endlich die zehn Euro für Kunst und die zwanzig Euro für die Bücher mit bringst, dann darfst du an dem Ernte-Dank-Fest nicht teilnehmen."
meinte sie streng.
"Pah, wer wollte schon mit so einem blöden Ährenbusch durch die Gegend rennen!"
Traurig seufzt Lisa. Gestern hatte Mama geweint, als die Stromrechnung kam.
Oh ja, sie hatte es genau gesehen, obwohl Mama sich schnell abgewandt hatte.
Und Andreas, ihr kleiner Bruder durfte auch nicht mehr in den Kindergarten gehen, da Mama das Geld dafür nicht aufbringen konnte.
Plötzlich fiel ihr der Brief ein, den Frau Krumbirn ihr für  Mama mitgegeben hatte.
Sie konnte sich vorstellen, was darin stand.
Lisa blieb stehen, zog das Kuvert aus der Schultasche und zerriss es in ganz kleine Schnipsel, die sie dann in den Abfalleimer an der Haltestelle warf.
Auf einmal war sie ganz vergnügt und hüpfte das letzte Stück nach Hause.

"Hallo, Mama!" Sie stellte den Schulranzen in den Flur und umarmte ihre Mutter stürmisch.
"Hallo, meine Große, du kommst aber heute spät, Andreas ist schon fertig."
Lisa nahm ihren kleinen Bruder an der Hand und die Beiden marschieren zu der Arche, wo sie ein kostenloses Mittagessen bekamen.
Die Mutter schaute ihnen vom Fenster aus nach.
Dann setzte sie sich wieder an den Tisch, um die Stellenanzeigen zu studieren, obwohl sie wusste, dass es umsonst war.
Die Arbeitslage war sowieso schlecht und sie hatte noch dazu zwei Kinder.
Seit ihr Mann vor eineinhalb Jahren verstorben war, musste sie mit einer kleinen Witwen- und Waisenrente auskommen.
Es reichte mehr recht als schlecht.
Ein Glück, dass es die Arche gab und die Kinder wenigstens ausreichend zu Essen bekamen.
"Michael, du fehlst mir so!"
Sie legte den Kopf auf die Arme und ließ ihren Tränen freien Lauf.

Lisa nahm Andreas bei der Hand und wollte die Arche verlassen, da sah sie drei ihrer Mitschülerinnen untergehakt die Straße herunter kommen.
Schnell zog sie Andreas in die Arche zurück und versteckte sich hinter der Tür.
Andreas zappelte empört und versuchte seine Hand aus ihrem festen Griff zu lösen.
"Sei still!" zischte Lisa und atmete  erleichtert auf, als die Mädchen in der Ferne verschwanden.
Der Pastor, der sie beobachtet hatte, kam nun herüber.
"Lisa, " meinte er ernst, " es gibt keinen Grund sich zu schämen."
Das Mädchen wurde rot und verließ mit Andreas die Arche.
"Mama, wir sind wieder da!" rief Lisa und half ihrem Bruder die Schuhe aus zu ziehen , dann trat sie in die Küche und erstarrte.
In der Küche saß Frau Krumbirn.
"Was will die denn da!"
"Lisa!" rief ihre Mutter entsetzt.
Doch diese hörte nicht. Ihre ganze aufgestaute Wut entlud sich jetzt.
Mit geballten Fäusten und zornfunkelnden Augen trat sie vor ihre Lehrerin.
"Was wollen sie von meiner Mutter? Seit Wochen schon plagen sie mich wegen den 30 Euro. Ich habe meiner Mutter nichts davon gesagt, weil sie es sowieso schon so schwer hat und den Brief habe ich zerrissen!"
Lisa war zornrot im Gesicht und funkelte ihre Lehrerin trotzig an.
"Lisa," sagte ihre Mutter leise, "geh auf dein Zimmer."
Das Mädchen warf ihr einen verzweifelten Blick zu, doch sie verließ stumm die Küche.
Andreas kletterte auf den Schoß der Mutter und schlang die Arme um ihren Hals.
"Lisa ist heute ganz böse, sie hat mich fest gepackt und ich durfte nicht auf die Straße, bis die Mädchen vorbei waren. Sie hatten Eis!" meinte er sehnsüchtig.
Frau Bernsdorf strich ihm über das Haar.
"Geh spielen mein Schatz."
Seufzend sah sie ihm nach.
" Ich kann den Kindergarten nicht bezahlen," brach es aus ihr heraus ," und wenn der Pastor mit seiner Arche nicht wäre, hätten die Kinder keine geregelte Mahlzeit."
Sie sah Verstehen in den Augen der Frau gegenüber, kein Mitleid und dann sprudelte alles aus ihr heraus, was sie schon viel zu lange mit sich herum getragen hatte.
Der frühe Tod ihres Mannes, die viel zu kleine Rente, ihre verzweifelten Suche, Arbeit zu finden.
Zwischendurch hatte sie Tee gemacht.
Als sie den Beutel aus der Kanne nahm, lächelte sie kläglich.
"Wie gerne hätte ich manchmal eine Tasse Kaffee."
Frau Krumbirn, die auch lieber Kaffee trank, hatte sich noch nie darüber Gedanken gemacht, dass dies ein Luxus war, den sich nicht jeder leisten konnte.
Ihr Blick fiel auf die Nähmaschine.
"Sie nähen?"
"Wie gerne, das war schon immer mein Hobby und jetzt kann ich es gut brauchen. Ich mache gerade einige Blusen für Lisa aus den Hemden meines Mannes."
"Ja, mir ist schon aufgefallen, wie adrett Lisa immer gekleidet ist. Würden sie denn auch für fremde Leute schneidern? Mein Mutter hat ein bisschen Gewichtsprobleme und ist auch sehr wählerisch."
In Gedanken bat sie ihre Mutter um Verzeihung und beschloss gleichzeitig mit Mutters Damenkränzchen zu sprechen.
"Glauben sie, dass sie ihr einige Kleider nähen könnten?"
Frau Bernsdorf strahlt. "Gerne!"
"Prima! Und wegen dem Büchergeld machen sie sich keine Gedanken, ich werde dies regeln."
Frau Bernsdorfs Gesicht verschloss sich.
"Keine Angst, ich zahle es nicht aus eigener Tasche, wir haben einen Fond, über den wir dies verrechnen können."
Lisa stand an der Tür, hinter ihr lugte Andreas hervor.
"Komm doch zu uns, Lisa," bat Frau Krumbirn freundlich.
"Es tut mir leid, dass ich dich wegen dem Geld so geplagt habe, aber ganz schuldlos bist du auch nicht.
Du hättest mit mir reden können. Es gibt keinen Grund sich zu schämen, wenn ihr zur Zeit wenig Geld habt."
"Dasselbe hat der Pastor auch gesagt," murmelt Lisa.
" Wie wäre es, wenn wir alle zum Italiener um die Ecke gehen, deine Mutter trinkt sicher gerne einen Kaffee, Andreas möchte wohl ein Eis...", der Junge beginnt zu strahlen, " und du, nimmst du ein Eis als Entschuldigung an?"
Lisa nickte eifrig.

Am Erntedank-Sonntag ging Lisa mit den anderen Schülern stolz mit ihrer mit Blumen geschmückten Ähre in die Kirche, an der Hand Andreas, der auch ein Herbst-Sträußchen trug.
Bild von dreamies.de
Am Straßenrand aber steht Frau Bernsdorf und sieht dem Einzug der Kinder zu und nach langer Zeit waren ihre Augen wieder voller Hoffnung.








Montag, 10. September 2012

Die alte Vogelscheuche



Das Weizenfeld war abgeerntet und nur noch Stoppeln ragen aus der Erde.
Die alte Vogelscheuche blickt traurig unter ihrem zerbeulten Hut in die Ferne.
Der Sommer war vorbei und ihre Arbeit getan. Keinem Vogel konnte sie mehr Angst machen, keine Rehe mehr erschrecken.
„Hallo, Herr Vogelscheuche“, piepst eine zarte Stimme.
„Guten Tag, Frau Feldmaus, ich habe von ihrem Unglück gehört.“
„Ach ja, mein armer Mann. Frau Eule hat ihn erwischt und nun bin ich Witwe und muss meine fünf Kinderchen alleine aufziehen.“
Sie wischt sich eilig mit der Pfote über die Augen.
„Mein herzlichstes Beileid!“
„Danke, ob ich wohl ein paar der abgefallenen Körner nehmen darf?“
fragt sie schüchtern.
„Aber sicher, sehen sie dort drüben, nicht weit von ihrer Wohnung liegt eine ganze Ähre.“
Der Wind gibt der Vogelscheuche einen Schubs und sie dreht sich so, dass ihr
ausgestreckter Arm auf die herabgefallene Ähre zeigt.
„Vielen herzlichen Dank!“
Die kleine Feldmaus trippelt zu der Stelle und nimmt das Ende der Ähre ins Mäulchen und zerrt und schleift sie in ihre Höhle.
Die Vogelscheuche seufzt.
Wie gerne hätte sie geholfen, doch sie muss ja hier stramm und steif stehen.
Zwei Krähen fliegen herbei und setzen sich auf ihre Schultern, ohne sich durch ihren grimmigen Gesichtsausdruck stören zu lassen.
Ein ungehobeltes Volk diese Krähen!
Sie tratschen über alles mögliche und fliegen dann über das Stoppelfeld in den nahe gelegenen Wald.
Wildgänse fliegen kreischend über das Feld und traurig sinniert die Vogelscheuche , wie schön es doch wäre, fliegen zu können und fremde Länder zu sehen.
Maxl, der Sohn des Bauern kommt mit mürrischem Gesicht angelaufen.
Wütend gibt er ihr einen Tritt, dass sie empört ächzt.
„Blöder, alter, vergammelter Trampel,“ schimpft der Junge zornig.
Er war kurz davor, Schusserkönig zu werden, als sein Vater ihn rief und befahl die alte Vogelscheuche in den Schuppen zu bringen.
Nun würde wohl der Jokel gewinnen!
Der Gedanke macht ihn noch wütender und er umfasst mit beiden Händen das alte Ding, reißt es aus der Erde und pfeffert es auf den Boden.
Maxl packt nun die Vogelscheuche und schleift sie über Sand und Kies zum Schuppen.
Immer dünner wird diese, denn unterwegs verliert sie das ganze Stroh, mit dem sie gepolstert war.
Der Junge öffnet die Schuppentür und wirft die Vogelscheuche in die Ecke.
Sie knallt gegen einen verrosteten Pflug, streift einige alte Melkeimer und landet, oh Wunder, auf mehreren alten Säcken.
Zufrieden wälzt sie sich in eine bequeme Lage.
Wegen dem Stroh macht sie sich keine Gedanken. Sie weiß , im Frühjahr wird sie wieder frisch ausgestopft.

Maxl, aber hat seine Freunde noch nicht erreicht, da taucht sein Vater auf.
Mit grimmigem Gesicht deutet der auf den Weg.Vom Feld bis zum Schuppen war alles voller Stroh.
„Nimm sofort den Besen und mach den Weg sauber!“knurrt der Bauer.
Maxl seufzt.
Das Schusserspiel konnte er für heute vergessen.

Im Schuppen aber grinst die Vogelscheuche und schließt zufrieden die Augen.

(c) Lore Platz