Dienstag, 3. Juni 2014

Reizwortgeschichte: Bazis Ausflug in die weite Welt

Reizwörter

Nachbarn,Telefon, sympathisch, keck, schämen




Die erste Zeit, als mein Mann und ich zusammen waren, fuhr er noch zur See. Und bei unserem ersten Abschied, als wir uns für Monate trennen mussten, schenkte er mir einen Wellensittich, damit ich nicht so allein wäre.
Ich nannte ihn „Bazi“ das bayrische Wort für Lausbub oder Schlingel.
Der kleine Bazi wurde sehr zutraulich und machte mir große Freude und wenn ich meine seitenlangen Briefe an meinen Mann schrieb, trippelte er über den Tisch und sah mir mit schief geneigtem Kopf dabei zu.
Daran erinnerte ich mich, als ich diese Geschichte schrieb.




 Bazis Ausflug in die weite Welt




Es war ein schöner sonniger Herbsttag, ein Tag den man wohl den goldenen nennt.
Die Sonne war nicht mehr so heiß, aber doch von einer angenehmen Wärme und ließ den kleinen Garten und das gemütliche Häuschen im goldenen Schein erstrahlen.
Die Fenster waren weit geöffnet und man konnte einen Blick in das gemütliche Wohnzimmer werfen.
Ein blaues Sofa und zwei gemütliche Sessel, die um einen Tisch gruppiert waren nahmen fast den ganzen Raum ein.
Ein Schrank fehlte ganz, dafür aber sah man einen Kachelofen, der fast die ganze Wand bedeckte und im Winter wohlige Wärme spendete.
Ein Bücherregal stand in seiner Nähe und zeigte, dass die Bewohnerin sehr gerne las.
In der Nähe des Fensters war noch ein rundes Tischchen,
auf dem ein großer Käfig thronte, in dem ein Wellensittich auf einer Stange saß.
Gerade kam Frau Kohlhuber herein, die Besitzerin dieses Häuschens.
Sie trat an den Käfig und lockte:
Sag Bazi, ... Baaaziiiii!“
Der Vogel sah sie nur mit schief geneigtem Kopf an und blieb stumm.
Die alte Frau seufzte. Ihr Mann stammte aus Bayern und hatte sie immer, wenn sie in verliebtem Übermut allzu keck wurde, „mein kleiner Bazi“ genannt.
Vor zwei Jahr war er gestorben und sie war zurück in den Norden in die Nähe von Hamburg gezogen, da ihr Sohn zur See fuhr.
Bevor er diesmal in das weit entfernte Brasilien aufbrach hatte er ihr noch einen Wellensittich geschenkt und sie hatte ihn Bazi genannt und nun versuchte sie ihm schon seit Wochen diesen Namen beizubringen.
Sie sah, dass der Futternapf leer war und öffnete den Käfig, um ihn zu füllen.
In dem Moment klingelte das Telefon und schnell drückte sie die kleine Tür des Gitters zu und eilte in den Flur.
Bazi sah ihr nach und trippelte an den weißen Futternapf.
Enttäuscht klammerte er sich an das Gitter und kletterte daran entlang und kam zu der Tür.
Aber was war das denn, diese war ja gar nicht richtig geschlossen und als er mit dem Schnabel nachhalf, da schwang sie auf.
Einen Moment verharrte der Wellensittich an der offenen Tür, dann breitete er die Flügel aus und flog durch das offene Fenster hinaus in die große unbekannte Welt.
Auf einem Baum, dessen Blätter sich schon bunt färbten ließ er sich nieder uns sah sich neugierig um.
Die Sonne brannte warm auf seine Federn und er fühlte sich wohl hier und was gab es doch alles zu sehen.
Eine Taube ließ sich auf dem Baum nieder und Bazi flog neben sie und wollte ein Gespräch mit ihr anfangen, doch diese sah ihn nur von oben herab an und flog davon.
Der Wellensittich war enttäuscht. Er hätte doch soviel zu fragen und außerdem verspürte er Hunger.
Seine Eltern hatten ihm nie beigebracht, wie man in der Freiheit Nahrung suchen kann, denn genau wie er waren sie in einer Zoohandlung geboren und von den Menschen gefüttert worden.
Eine Elster kam nun angeflogen und der kleine Bazi duckte sich tiefer in die Blätter, denn er fürchtete sich vor dem großen Vogel.
Die Elster aber beachtete ihn nicht und flog weiter.
Das kleine Herzchen des Ausreißers klopfte heftig und außerdem begann der Hunger sich gar arg zu melden.
Ach wäre er doch niemals ausgerissen.






Warum weinst du,“ fragte eine freundliche Stimme und als Bazi aufsah, erblickte er einen kleinen Vogel mit einem blauen Köpfchen und auch der lange Schwanz war blau und auf dem hellgelben Bauch war ein schwarzer Streifen zu sehen.
Der Wellensittich hatte sofort Vertrauen zu dem freundlichen Gesellen und erzählte ihm sein Leid.
Als er erwähnte, dass er Hunger hat, lachte die Blaumeise und meinte:„Komm mit!“
Sie landeten unter dem Baum, wo im Gras einige Äpfel lagen und die beiden Vögel pickten eifrig in einen der saftigen rotbackigen Frucht.
Wie das schmeckte.
Beinahe hätten sie die getigerte Katze übersehen, die sich heranschlich und eben zum Sprung ansetzte.
Erschrocken flatterten sie hoch und flogen davon.
Der Wellensittich hielt erst an, als er keine Kraft mehr hatte.
Von seinem Freund war nichts zu sehen und auch die Gegend war ihm unbekannt
Gegenüber auf dem Dach erblickte er einige Vögel, die
aufgeregt zwitscherten und glücklich wieder Freunde gefunden zu haben, flog er hinüber.
Doch die Spatzen verspotteten ihn und jagten ihn davon.
Traurig s er wenig später auf einer Linde und dachte an seinen Käfig und die freundlich Frau, die ihn immer aufgefordert hatte seinen Namen zu sagen.

Frau Kohlhuber war inzwischen ganz verzweifelt und suchte dann Garten ab nach ihrem kleinen Kameraden, sie lockte und schmeichelte, doch kein Bazi ließ sich sehen.
Die zwölfjährige Tochter der Nachbarn, kam an den Zaun und fragte wen sie den suche.
Weinend erklärte ihr die alte Frau, dass sie aus Versehen den Käfig nicht richtig geschlossen hatte und nun ihr Wellensittich entwischt wäre und doch in der Freiheit gar nicht überleben könnte.
Elke kam in den Garten und tröstete die alte Frau. Gemeinsam gingen sie ins Haus und bei Kakao und Kuchen schmiedeten sie einen Plan.
Sie entwarfen ein Flugblatt, das Elke auf ihrem Kopierer vervielfältigen und mit ihren Freunden im Ort verteilen wollte.
Bald liefen die Kinder durch die Straßen und verteilten die Blätter, baten, sie im Supermarkt aushängen zu dürfen, hängten sie an Bäume und im Kindergarten und der Schule aus.
Doch wie ist es Bazi inzwischen ergangen. Ab und zu fand er einige Samen und Beeren in den Sträuchern, aber an das Fallobst im Gras traute er sich nicht mehr heran.
Und auch anderen Vögel wagte er sich nicht zu nähern, nach der schlechten Erfahrung mit den Spatzen.
Eine Rauchschwalbe hatte ihn schon einige Zeit beobachtet und ihr mütterliches Herz regte sich.
Seit ihre Jungen das Nest verlassen hatten fühlte sie sich oft etwas einsam und so lud sie den heimatlosen kleinen
Bazi zu sich nach Hause ein.
Und der Wellensittich fühlte sie sehr wohl in dem Nest aus Lehm, das so schön warm war und sie vor den kalten Herbststürmen schützte. Die Schwalbe zeigt ihm wie man Insekten fing und abends kuschelten sich beide zusammen und freuten sich, dass sie nicht allein waren.
Doch eines Tages erklärte die Schwalbe, dass es bald schneien und sie mit ihren Kameraden in den Süden fliegen würde, aber Bazi könne gerne in ihrem Nest bleiben bis sie im Frühjahr wieder kommt.
Der Wellensittich weinte bittere Tränen als seine mütterliche Freundin fort flog und sich dem Schwarm anschloss, der gen Süden flog.
Eine Weile noch fand er Nahrung, doch dann begann es zu schneien.
Und eines Tages fiel er vollkommen geschwächt aus dem Nest in den weißen kalten Schnee.
Die alte Frau, die in dem Häuschen wohnte fand den armen Vogel und als sie spürte, dass das kleine Herz noch schlug, wenn auch ganz schwach, nahm sie ihn mit in das Haus.
Sie hüllte ihn in ein weiches Tuch, legte ihn in ein Körbchen, das sie vor den Ofen stellte.
Aus Haferflocken machte sie einen Brei und fütterte ihn und langsam ging es dem Wellensittich wieder besser.
Und als die alte Frau eines morgens ins Zimmer kam, saß der Vogel auf dem Kaminsims und rief ihr ein begeistertes „Bazi, Bazi, Bazi!“ entgegen.
Diesen nicht so seltenen Namen hatte sie doch vor einiger Zeit irgendwo gelesen.
Da fiel ihr die Zeitung ein. Vor ein paar Tagen stand doch unter „Suchen und Finden“ eine Annonce drin.
Denn als die Flugblätter keinen Erfolg brachten, hatte Frau Kohlhuber sich an die Zeitung gewandt.
Frau Jansen durchsuchte nun die Zeitungen der letzten Tage bis sie die Anzeige fand, dann rief sie die angegebene Nummer an.
Kurze Zeit später hielt ein Auto vor dem Haus und Frau Kohlhuber kam mit dem Käfig in der Hand durch den Garten.
Die beiden alten Damen waren sich sofort sympathisch.
Und als sie den geöffneten Käfig im Wohnzimmer abstellten, flog der Wellensittich mit einem begeisterten „Bazi! Bazi“ hinein und die beiden Frauen schämten sich nicht ihrer Tränen, die ihnen über die Wangen liefen.
Und als sie später bei Kaffee und Kuchen saßen, beäugt von dem glücklichen Vogel, der froh war wieder in seinem schützenden Käfig zu sitzen, beschlossen die beiden einsamen alten Damen sich in Zukunft öfter zu treffen.







Kommentare:

  1. Liebe Lore,
    das ist eine ganz wunderbare Geschichte. Ich habe mit dem kleinen Bazi mitgelitten und auch mit der Dame, die so traurig war. Wie gut, dass alles einen guten Ausgang genommen hat!
    Herzliche Grüße
    Regina

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  2. Wieder eine deiner wundervollen Geschichten. LG Christa

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  3. Liebe Lore,
    danke für diese wunderschöne Geschichte.
    Ich bin immer wieder überrascht über deine Kreativität.
    Einen schönen Abend wünscht
    Irmi

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Für die lieben Kommentare möchte ich mich bedanken, ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich nicht immer dazu komme, sie zu beantworten.