Dienstag, 14. Juli 2015

Ein Tag auf Sommering - Reizwortgeschichte

Reizwörter: Lavendel, Laken, blass, hilflos, stöhnen

 
Und wieder hatte ich keine Idee zu einer Geschichte.
Wenn ich die Worte so betrachte, dann liegt jemand in einem Laken, das nach Lavendel duftet, fühlt sich hilflos, ist blass und stöhnt.
Lore mit der Sommergrippe!
Nur dass ich einen Weichspüler ohne Lavendel habe, hahaaa!

Aber ich wollte natürlich auch nicht, dass ihr ohne eine Geschichte bleibt.
Zufällig fand ich eine uralte Geschichte, die ich 1972 geschrieben habe. Es handelt sich um eine wahre Geschichte
Die Erinnerungen einer alten Frau, der ich etwas von meiner Zeit schenkte, da sie sehr einsam war, habe ich zu einem Tag zusammen gefasst und ihr die Geschichte dann zum Geburtstag geschenkt .
Das ganze geschah Anfang der Dreißiger im vorigen Jahrhundert. Der Krieg hat dann später alles zerstört und die Familie musste fliehen.
Ach ja und sollte jemand auf die Idee kommen, ich hätte geschummelt, dann verweise ich auf ganz oben, denn die Reizwörter wurden sinnvoll erwähnt.







Ein Tag auf Sommering

Mit einem strahlendem Lächeln begrüßt die Sonne den Tag.
Sie taucht die Welt in ihr goldenes Licht, streift die wogenden Ähren, beleuchtet die grünen saftigen Wiesen, spiegelt sich in dem klaren flink dahin eilendem Bach und leuchtet schließlich auch über Sommering, dem großen behäbigen Einödhof mitten in der herrlichen Landschaft Jugoslawiens.
Die Bewohner von Sommering sind schon munter und verrichten fröhlich ihre morgendlichen Pflichten.
Peter, der Älteste striegelt die Pferde, Johann holt frisches Heu von der Tenne und Adam der Jüngste der Brüder füttert die Schweine.
Andrasch der Knecht verlässt gerade mit einer Schubkarre voll Mist den Stall.
Fröhliche Worte fliegen zwischen den jungen Männern hin und her, doch als Vater Ulrich aus dem Haus tritt, sind sie still.
Denn der Bauer ist ein sehr strenger Mann.
Lena, die älteste Tochter hilft der Mutter in der Küche.
Nun habe ich euch alle Bewohner von Sommering vorgestellt, doch halt da fehlt doch noch jemand?
Richtig! Bibi, die Jüngste kuschelt noch in ihrem Bett und schläft.
Eigentlich heißt sie ja Christine, aber da sie sie Jüngste und somit das Küken der Familie ist, wird sie von allen nur Bibi gerufen.
Lena, die schon sechzehn und etwas eifersüchtig auf das Nesthäkchen ist, blickt immer wieder zur Schlafzimmertür.
Endlich hält sie es nicht mehr aus.
Die Bibi darf noch schlafen, das ist ungerecht. Sie könnte uns ruhig hier helfen,“ mault sie.
Die Mutter lächelt nachsichtig.
Lass sie doch, sie ist doch noch so klein.“
Pah, klein! Sie ist immerhin schon zehn!“


Bä, bääää!“ tönt es durch das offene Fenster und gleich darauf ist ein Kratzen an der Tür zu hören.
In Lenas Augen blitzt es auf.
Ha, nun weiß ich, wie ich die Langschläferin aus dem Bett bringe,“ lacht sie und öffnet die Tür, um Suki, Bibis Schäfchen, hereinzulassen.
Suki bleibt mit schief geneigtem Kopf mitten in der Küche stehen, hebt dann das Näschen, bäät noch einmal herausfordernd und trippelt dann zielstrebig zur Schlafzimmertür, die Lena einladend geöffnet hat.
Tripp, Trapp, Tripp Trapp, klappern die kleinen Hufe über den Steinboden und schon fährt eine raue Zunge über Bibis Gesicht.
Erschreckt zuckt Christine zusammen, blinzelt und mit einem empörten „Suki, lass mich bloß in Ruhe!“ dreht sie sich zur Wand und zieht die Decke über den Kopf.
Doch sie hat nicht mit Sukis Beharrlichkeit gerechnet.
Energisch stößt das kleine Köpfchen gegen den Rücken des Mädchens und als das nicht hilft springt das Schäfchen einfach auf das Bett.
Bibis brauner Wuschelkopf kommt unter der Decke hervor und lachend umarmt sie das Schaf, das sich zufrieden an ihre Schulter kuschelt.
Fröhliches Lachen schallt von der Tür her, denn dort stehen die Mutter und Lena.
Na, Bibi hat Suki es endlich geschafft dich wach zu bekommen?“ schmunzelt die Mutter.
Das Mädchen blinzelt ihr vergnügt zu und springt aus dem Bett.
Zusammen mit Suki, die keinen Schritt von ihrer Seite weicht, eilt sie ins Bad und steht kurze Zeit später frisch gewaschen und gekämmt im Flur, greift sich im vorbei gehen den Eierkorb und läuft leichtfüßig über den Hof.
Die Hennen flattern aufgeregt gackernd von den Nestern

als Bibi und natürlich auch Suki sich durch die schmale Tür zwängen.
Das Schaf betrachtet misstrauisch das Federvieh. Warum müssen diese dummen Hühner nur so viel Lärm machen und diese Federn, die durch die Luft fliegen. Hatschi!
Suki tritt vorsichtig zurück, doch als ihr eins dieser unmöglichen Biester auf den Rücken fliegt und ihr mit den Flügeln eine kräftige Ohrfeige versetzt, da ist es mit ihrer Geduld zu Ende.
Sie dreht sich im Kreis, um das Federvieh auf ihrem Rücken los zu werden und landet mitten in den Eiern.
Bibi blickt entsetzt auf den goldgelben Saft, der sich über das Stroh ergießt und schiebt das Schaf energisch aus dem Hühnerstall.
Flink sammelt sie die restlichen Eier ein und verlässt den Hühnerverschlag. Sauber machen will sie später.
In der einen Hand den Korb balancierend und mit der anderen Hand das Schaf abwehren, eilt sie ins Haus.
In der Küche hat sich inzwischen die Familie zum Frühstück versammelt.
Als Bibi mit Suki in die Küche stürmt, runzelt der Vater streng die Stirn.
Bring das Schaf sofort hinaus!“ ordnet er an und schweigend stellt Bibi den Eierkorb auf die Holzbank und zieht Suki am Halsband hinaus.
Sie weiß, dass der Vater das Schaf nicht leiden kann, weil es immer etwas anstellt und schuldbewusst denkt sie an die kaputten Eier.
Und auch der entsetzliche Wintermorgen fällt ihr ein, als Suki den Truthahnküken die in einem Korb am warmen Ofen lagen, einfach die Köpfe und Glieder abgebissen hat.
War das eine Aufregung! Damals wollte der Vater Suki verkaufen, aber glücklicherweise konnte die Mutter ihn besänftigen.
Bibi wird ganz bange bei dem Gedanken und sie zerrt das Schaf in den Stall und verschließt fest die Tür.
Krampfhaft versucht sie das klägliche 'Bäääää' zu überhören.
Und nach dem Frühstück hat sie nichts eiligeres zu tun, als Suki aus ihrem Gefängnis zu befreien.
Übermütig springt das Schäfchen um seine kleine Freundin
herum und versucht immer wieder die leuchtend roten Zopfschleifen zu erwischen.
Die beiden gebärden sich, als hätten sie sich monatelang
nicht mehr gesehen.
Peter, der lässig die Hände in den Hosentaschen, über den Hof schlendert, grinst von einem Ohr zum andern.
Na, Kleines fährst du mit zur Mühle?“
Ja, aber nur, wenn Suki mit darf,“ meint Bibi trotzig.
Peter lacht und zupft sie am Ohrläppchen.
Na, dann kommt ihr Zwei,“ brummt er gutmütig.
Andrasch schirrt gerade die beiden temperamentvollen Rappen Lendsch und Gendsch ein.
Ah die beiden Unzertrennlichen fahren also auch mit,“ feixt er.
Bibi streckt ihm die Zunge raus, was der Knecht mit einem fröhlichem Gelächter beantwortet.
Peter lässt die Peitsche durch die Luft sausen und die Pferde traben los.
Es ist ein wunderschöner Morgen und das Mädchen genießt die Fahrt durch ihre schöne Heimat.
Sie sitzt auf den leeren Mehlsäcken, die Arme um Sukis Hals geschlungen und träumt.
Vorbei geht das lustige Traben der Pferde an dem kleinen Bach, an dessen Ufer die Kühe in der Sonne liegen.
Große mächtige Weiden säumen den Weg und Bibi blinzelt gegen die Sonne und versucht die Nester der Raben zu erspähen.
Eine Lerche flattert aus dem Gebüsch und das Mädchen kneift die Augen zusammen und beobachtet wie der braun gefiederte Vogel jubilierend dem Himmel zu fliegt.
Der Wagen biegt jetzt in den Hof des Müllers ein und Peter springt vom Kutschbock und begrüßt diesen mit einem Handschlag.
Bald sind die Säcke mit Mehl aufgeladen und es geht zurück.
Als sie in den Hof von Sommering einbiegen, führen Adam und Johann gerade den Vollbluthengst Gidran aus dem Stall.
Nervös tänzelt das kräftige Tier zwischen den beiden jungen Männern.
Bibi!“ ruft Adam und winkt dem Mädchen zu.
Gidran braucht Bewegung, hast du Lust?“
Und ob!“ Leichtfüßig springt Bibi vom Wagen und schon sitzt sie im Sattel.

Mit sicherer Hand lenkt sie ihr Lieblingspferd und lässt ihn eine Ehrenrunde im Hof drehen.
Dann aber steht sie plötzlich im Sattel und treibt das Pferde zum Galopp
Gidran setzt über das Gatter und galoppiert den kleinen Waldweg hinunter.
Bald ist Bibi den Blicken ihrer Brüder entschwunden und sie hört auch nicht mehr Sukis verzweifeltes Blöken, die dem halsbrecherischen Tempo nicht folgen kann.
Doch zum ersten Mal vergisst das Mädchen das kleine Schaf.
Dies ist eine ganz andere Bibi.
Wild und unbezähmbar steht sie auf dem Pferderücken.
Die Zöpfe haben sich aufgelöst und der Rock schleudert um ihre Knie.
Bibi fühlt sich frei und glücklich.
Sie reitet bis zur alten Felsengrotte, schlägt einen Bogen und galoppiert in demselben Tempo zurück, begeistert von ihren Brüdern empfangen.
Glücklich und mit hochrotem Gesicht springt sie aus dem Sattel.
Bibi, Bibi!“ tönt die Stimme der Mutter aus der Küche.
Schnell fährt das Mädchen mit den Händen über den Rock und eilt ins Haus.
Vorwurfsvoll sehen die guten Augen der Mutter auf das zerzauste Mädchen.
Du weißt doch, ich will nicht, dass du so wild wie ein Junge reitest,“ tadelt die Mutter sanft.
Bibi nickt etwas schuldbewusst.
Ja, Mutter, aber es war doch so wunderschön!“
Die Mutter lacht und streicht ihr schnell über den Kopf.
Nun lauf und deck schnell den Tisch!“
Bibi nimmt die blaue Tischdecke aus der Schublade und Teller und Besteck aus dem Schrank und eilt hinaus in den Garten.
Es ist inzwischen heiß geworden, aber unter der dicken alten Linde, die ihre weit ausladenden Zweige über den grob gezimmerten Tisch breitet, ist es angenehm kühl.
Flink wirft Bibi die Decke über den Tisch, verteilt Teller und Löffel und schon kommt Lena mit der dampfenden Suppenschüssel.
Kichernd laufen die Mädchen zurück ins Haus und vergessen ganz Suki, die mit neugierig glänzenden Augen das eifrige Schaffen der Mädchen verfolgt hat.
Nun trippelt das Schäfchen näher, hebt schnuppernd das Näschen und klettert mühsam mit den Vorderbeinen auf
die Holzbank.
Ein Sprung und es steht mit den Vorderbeinen auf der Tischkante. Noch ein Sprung und Suki thront mitten auf dem Tisch.
Scheppernd fällt das Geschirr auf den Rasen.
Suki macht einen erschrockenen Satz und landet mit der rechten Vorderpfote in der heißen Suppenschüssel.
Ihr klägliches Schreien lockt die ganze Familie aus dem Haus.
Lena und Bibi befreien das Schaf und Adam verarztet es.
Der Vater hat dies alles mit strenger Miene beobachtet und als die Mutter ihm sacht die Hand auf den Arm legt, dreht er sich um und geht stumm ins Haus.
Die Mutter dirigiert nun die Kinder und bald ist alles wieder in Ordnung.
Adam aber bringt das verletzte Schaf in die Scheune. Bibi kniet sich neben Suki und schlingt die Arme um den wolligen Hals.
Kommst du mit zum Essen?“ fragt ihr Bruder.
Das Mädchen schüttelt den Kopf und Adam verlässt schulterzuckend die Scheune.
Als Peter später nach Bibi schaut, findet er sie tief schlafend, die Arme fest um Sukis Hals geschlungen.
Lächelnd schließt er die Tür.
Es ist später Nachmittag als das Mädchen erwacht.
Erschrocken springt es auf und auch Suki rappelt sich hoch.
Oh Suki!“ ruft Bibi, „ der Vater wird schimpfen, bleib du hier, ich muss ja noch die Kühe melken!“
Sie läuft über den Hof und trifft auf den Knecht, der gerade polternd die Milchkannen auf den Leiterwagen lädt.
Na auch schon wach?“ spottet er gutmütig und Bibi wird puterrot.
Schnell läuft sie an ihm vorbei ins Haus, schlüpft in die groben Holzpantoffeln, bindet sich das Kopftuch um, nimmt die beiden Melkschemel und Milchsiebe und kommt etwas atemlos auf den Hof.
Andrasch wartet bereits auf dem Kutschbock und Bibi wirft die Sachen auf den Wagen und klettert neben ihn.
Ein kurzes Wippen mit der Peitsche und ab geht die Fahrt hinunter zum Bach.
Gemeinsam verladen sie die Milchkannen in das bereit stehende Boot.
Bibi lässt die Pantoffeln am Ufer und watet in den seichten Schlamm und während Andrasch das Boot ins Wasser schiebt, springt sie hinein.
Lachend hilft sie dann dem Knecht in das schaukelnde Boot.
Dieser greift sich die Ruder und bringt sie mit kräftigen Schlägen ans andere Ufer, während Bibi vorne am Bug sitzt und spielerisch die Hände durchs Wasser gleiten lässt.
Andrasch stimmt ein fröhliches Lied an und Bibi fällt mit heller Stimme ein.




Die Kühe heben staunend die Köpfe.
Als das Boot ans Ufer stößt und Andrasch es fest gemacht hat, nehmen sie die Melkschemel und Milcheimer und klettern den Hang hinauf.
Der Abend dämmert schon herauf und graue Nebelschleier breiten sich über das Land, als sie mit den Kühen fertig sind.
Als die letzte volle Milchkanne auf dem Boot verladen ist und sie zurück rudern ans andere Ufer werden sie begleitet von dem dankbaren Muhen der Kühe, die befreit von der Milch sich viel wohler fühlen.
So sind die Tage auf Sommering ausgefüllt mit Arbeit, kleinen Erlebnissen und Freuden.
Als Bibi dann um neun Uhr abends ins Bett kriecht, denkt sie noch kurz vor dem Einschlafen, wie glücklich sie doch ist.
Glücklich auf Sommering!


© Lore Platz





Kommentare:

  1. Liebe Lore, du bist ein echter Schlawiner (nee, eine Schlawinerin)!! Aber was will man sagen: Du hast die Reizwörter alle untergebracht - und wenn du uns mit einer anderen so tollen Geschichte verwöhnst, wer will da meckern? Ich ganz bestimmt nicht - obwohl: Es waren meine Reizwörter, die dir nicht gefallen und dich nicht inspiriert haben. Nun ja, damit muss ich jetzt wohl leben :-(!!!! Quatsch!!! Tolle Geschichte, Lore, Danke dafür!!! LG Martina

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  2. Ich finde diese Geschichte sehr sehr schön. Vielen Dank, dass du sie ausgesucht hast!
    LG Elke

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  3. Liebe Lore,
    das ist ein toller Trick die Reizworter zu verpacken, lach. Deine wunderschöne Geschichte erinnert mich an früher bei meiner Oma auf dem Bauernhof. Liebe Grüße Eva

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  4. Danke, Lore für Deine Geschichte!

    Alles Liebe
    Eva :)

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  5. Liebe Lore,
    das war eine tolle Geschichte - auch wenn die Reizwörter nicht drin vorgekommen sind!
    Wenn mir mal gar nichts einfallen will, werde ich auch Deinen "Trick 17 mit Anschleichen" anwenden, bevor ich vor lauter Nachdenken Kopfschmerzen kriege... **grins**.
    Liebe Grüße
    Christine

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  6. Liebe Lore
    eine lustige tolle Geschichte auf dem Bauerhof!
    Lieben Gruss Elke

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  7. Liebe Lore,
    ich habe diese Geschichte genossen. Sie war so lebensnah erzählt.
    Man konnte meinen, man wäre selbst auf dem Bauernhof.
    Einen geruhsamen Abend wünscht Dir
    Irmi

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  8. Liebe Lore,
    ich konnte mir alles genau vorstellen.
    Die alte Frau hat sich bestimmt sehr über diese Geschichte gefreut, umso mehr weil es eine wahre Geschichte aus dem Leben ihrer Familie ist.
    Ich konnte die Idylle, aber auch das arbeitsreiche Leben der Menschen auf Sommerring richtig spüren. Schade, dass sie alles verlassen mussten.
    Mein Mann und ich hatten uns während des Studiums mal zum Urlaub bei einer Familie in Jugoslawien eingemietet. Ich habe schon oft an diese Menschen gedacht und welches Schicksal der Krieg ihnen wohl beschert hat.
    LG
    Astrid

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Für die lieben Kommentare möchte ich mich bedanken, ich freue mich über jeden einzelnen, auch wenn ich nicht immer dazu komme, sie zu beantworten.