Dienstag, 24. November 2015

Hiernonymus und der Stift des Glücks - Reizwortgeschichte

Wie schnell die Zeit doch vergeht. Heute in vier Wochen ist schon Heiligabend.
Nun zu den Reizwörtern, die wir in unsere Geschichte mit einbringen sollten:
Nachttischlampe, Bleistiftstummel, hecheln, offen, stoßen
Viel Spaß beim Lesen!






Hieronymus und der Stift des Glücks


Lena springt aus dem Schulbus und läuft die paar Meter zu dem alten Mietshaus. Ihr Schulranzen auf dem Rücken hüpft dabei fröhlich auf und ab.
Nachdem sie die ausgetretenen Holzstufen bis zum zweiten Stock hinter sich hat, klingelt sie an der Tür von Henriette Ohlsen.
Henriette wohnt gleich gegenüber von Lena und ihrer Mutter und passt auf das Mädchen auf, bis deren Mutter von der Arbeit kommt.
Die alte Frau öffnet und Balduin, der alte Dackel, drängt sich an ihr vorbei und begrüßt das Mädchen freudig.
Er bellt und hechelt etwas kurzatmig und wedelt heftig mit dem Schwanz.
Lena krault ihn zwischen den Ohren und stellt dann ihren Schulranzen ab.
Lena gehst du schon in die Küche, ich möchte nur noch die Glühbirne in meiner Nachttischlampe auswechseln.“
Das Mädchen nickt vergnügt und gefolgt von Balduin hüpft sie in die Küche, in der es herrlich duftet.
Auf dem Ofen blubbert ein Gemüseeintopf und in einem Topf schwimmen Würstchen.
Lena holt zwei Teller aus dem Küchenschrank und deckt flink den Tisch, während Balduin sich in sein Körbchen verzieht und sie von dort aus beobachtet.
Nach dem Essen holt Henriette ihr Strickzeug und das Mädchen macht ihre Hausaufgaben.
Es ist still in der warmen gemütlichen Küche, in der noch ein leichter Essensgeruch liegt. Nur das gleichmäßige Ticken der alten verschnörkelten Uhr und das leise Schnarchen des Dackels ist zu hören.
Lena klappt aufatmend das Heft zu. „Fertig nun muss ich nur noch ein Herbstbild malen.“
Sie holt aus ihrem Schulranzen den Zeichenblock und wühlt in ihrem Schlampermäppchen.
Tante Henriette hast du einen Bleistift?“
Sieh mal in der Krimskrams-Schublade nach Kind.“
Lena springt auf.
Sie liebt die Krimskrams-Schublade, in der Dinge sind, die man nicht mehr, aber vielleicht doch noch einmal gebrauchen konnte.
Eifrig wühlt Lena zwischen den alten Knöpfen, Resten von Garn und einer alten Schnur, einem abgebrochenem Schraubenzieher, Nägeln und noch so allerlei und zieht schließlich einen Bleistiftstummel heraus.
Zweifelnd betrachtet sie ihn.
Ob man den noch benutzen kann?“
Aber sicher,“ meint Henriette lakonisch, die nicht gerne etwas weg warf, bevor es total unbrauchbar war.
Lena schließt die offene Schublade und kommt zurück zum Tisch.
Erzählst du mir eine Geschichte während ich male?“
Henriette überlegt einen Moment und ihr Blick ruht auf dem Mädchen, das mit hochkonzentrierten Gesicht mit dem Stift über das Papier fährt.
Möchtest du die Geschichte von einem Stift hören, der Glück brachte ?“
Lena nickt und Henriette beginnt zu erzählen.

In einem alten Mietshaus, ganz oben unterm Dach wohnte Hieronymus Notnagel, ein junger Künstler.
Viele Möbel hatte er nicht.
Auf dem Boden lag eine Matratze mit einer Decke. Daneben stand eine alte Holzkiste, auf der ein alter Teller mit einer Kerze stand, denn man hatte ihm mal wieder den Strom abgestellt.
Auf einem alten wackeligen Tisch, dessen linkes Bein mit einem dicken Telefonbuch gestützt war, lagen kreuz und quer eine Menge Zeichnungen, die Ronny, wie man ihn nannte, angefertigt hatte.
Ein Stuhl, aus dem die Lehne herausgebrochen war, vervollständige die Einrichtung.
Vielleicht sollte man den Eimer in der Ecke noch erwähnen, denn, wenn es regnete, dann regnete es durch das löchrige Dach.
Den jungen Mann störte das Alles nicht. Er war ein fröhlicher Typ mit einem goldenen Herzen und durch kleine Aushilfsjobs verdiente er sich das Wenige, das er zum leben brauchte.
Und die Menschen mochten ihn wegen seiner fröhlichen unbekümmerten Art.
Ronny glaubte fest an seinen großen Durchbruch als Maler und in letzter Zeit mehr denn je, denn er war verliebt und wollte dem Vater seiner Liebsten imponieren.
Der reiche Bäckermeister Gottfried Semmel sah es gar nicht gern, dass der arme Hungerleider seiner Tochter Else
schöne Augen machte. Das Mädel war sowieso schon so verdreht, seit sie aus dem feinen Internat zurück gekommen war.
Einen Bäcker sollte sie heiraten, der einmal das Geschäft übernahm.
So hatte das Liebespaar also wenig Aussichten.
Else brachte jeden Morgen einen Korb mit frischen Brötchen und allerlei Leckereien zu dem Kiosk an der Ecke. Denn die alte Berta war ihre Verbündete.
Berta kochte in dem kleinen Raum hinter dem Kiosk einen guten Kaffee und frühstückte mit dem jungen Mann, der
dann seufzend den Liebesbrief seiner Else las, der jeden
Morgen zwischen den frischen Brötchen steckte.
Bevor er dann in die Arbeit ging, schlenderte er an dem Haus des Bäckers vorbei und Else winkte ihm von ihrem
Fenster aus zu.
So vergingen die Tage, der Herbst hatte schon längst die Blätter bunt gefärbt und sein Spießgeselle, der stürmische frostige Wind, hatte sie von den Bäumen gepustet.
Manchmal wollte Ronny die Hoffnung aufgeben jemals als Maler berühmt zu werden und überlegte sogar eine Bäckerlehre zu machen, denn er wollte seiner Else nahe sein.
Als er eines Tages von einem seiner zahlreichen Jobs nach Hause ging sah er vor sich eine alte Frau, die tief gebeugt immer wieder kurz stehen bleibend, durch den Park schlurfte.
Mitleidig sprach Ronny sie an.
Gute Frau, wohin müssen sie denn gehen, kann ich sie nach Hause bringen.“
Die alte Frau blieb stehen und ihre erstaunlich jungen Augen in dem von Runzeln übersäten Gesicht sahen ihn freundlich an.
Danke junger Mann, wenn sie mir ihren Arm reichen könnten.“
Sie zog fröstelnd das zerschlissene Schultertuch um ihre mageren Schultern.
Der junge Mann zog seine Jacke aus und hängte sie ihr über, dann legte er seinen Arm um die Alte, um sie zu stützen.
Als sie den Park verlassen hatten, blieb die Frau stehen, schlüpfte aus der Jacke und reichte sie Ronny.
Danke junger Mann von hier aus kann ich alleine weiter gehen. Aber weil sie so ein gutes Herz haben, will ich ihnen etwas schenken. Denken sie niemals daran ihren Traum aufzugeben, denn sie können Großes erreichen. Hier dieser Stift wird ihnen Glück bringen.“
Ronny betrachtete den einfachen unansehnlichen Kohlestift und steckte ihn in die Jackentasche, denn er wollte die alte
Frau nicht kränken.
Als er sich umwandte, um ihr zu danken, war sie verschwunden.
Doch von diesem Tag an, schien das Glück in sein Haus zu kommen.
Berta musste zum Zahnarzt und Ronny wollte in dieser Zeit auf den Kiosk aufpassen.
Es war nicht viel los. Die Menschen hasteten vorbei, ohne stehen zu bleiben und zwei Jungen spielten Fußball mit einer Blechbüchse, während ein Hund sie umsprang.
Ronny holte seinen Zeichenblock, um dieses Bild festzuhalten. Und wie durch Zauberhand lag plötzlich der Stift der alten Frau in seiner Hand. Mit schnellen gekonnten Strichen fuhr Hieronymus über das Blatt.
Aufatmend betrachtete er das Bild, das ihm besonders gut gelungen war, da begann der Stift in seiner Hand zu blinken, als würde er ihm zuzwinkern.
Ein Mann in einem teuren Pelz kam auf den Kiosk zu und verlangte eine Tasse Kaffee.
Ronny ließ die Espressomaschine laufen.
Zucker und Milch?“
Als er keine Antwort bekam, drehte er sich um und sah wie der Herr seine Zeichnung betrachtete.
Junger Mann sie haben Talent, das ist wunderschön und sehr detailgetreu. Malen sie auch Porträts?“
Rony nickte.
Auch in Öl?“
Ja.“
Der gut gekleidete Herr reichte ihm eine Visitenkarte.
Ich bin Kommerzienrat Goldner, kommen sie morgen zu dieser Adresse, ich möchte, dass sie ein Porträt meiner Frau malen.“
Dann ging er, ohne seinen Kaffee getrunken zu haben.
Rony malte das Porträt und es wurde in der feinen Gesellschaft bewundert.
Bald konnte er sich vor Aufträgen nicht mehr retten.
Er heiratete seine geliebte Else und niemand war stolzer
auf seinen berühmten Schwiegersohn, als Bäckermeister Semmel.“
Das war schön und mein Bild ist auch fertig, gefällt es dir?“
Henriette bewundert das schöne Herbstbild.
Balduin aber verließ sein Körbchen und lief zur Tür.
Ich glaube Lena, wir drehen noch eine Runde mit Balduin, bevor deine Mutter kommt.“

© Lore Platz


Donnerstag, 19. November 2015

Über das Glück




Ich bin wirklich überwältigt, innerhalb einer Woche hatte ich mehr als siebenhundert Besucher.
Es freut mich, dass es euch hier bei mir gefällt.
Danke für euren Besuch.
Mein Freund, die Nachtigall, hat mir wieder eines seiner schönen Gedichte geschickt.
Es handelt von dem kleinen Glück.
Ich habe mir darüber einmal so meine Gedanken gemacht.
Pearl S. Buck eine Frau, die ich sehr bewunderte und deren Bücher ich gerne las, sagte einmal:

"Viele Menschen versäumen das kleine Glück, während sie auf das Große vergebens warten"

Und wenn ich so zurück denke und an die vielen Menschen, denen ich so im Laufe meines Lebens begegnet bin, dann waren etliche dabei die am Glück vorbei lebten.
Die meisten ihrer Sätze begannen: " wenn doch ... dann wäre alle besser.
In dem Forum bei dem ich dabei bin. höre ich oft von Kinderarmut, Rentnerarmut und wie schlecht es uns Deutschen doch geht.
Wo aber beginnt Armut?
Ich kann alles haben und doch arm sein, wenn ich die innere Zufriedenheit nicht habe.
Vielleicht errinnert ihr euch an die Geschichte über meine Patentante, eine wirklich arme Frau aber so bescheiden, liebevoll, fröhlich und vor allem zufrieden.
In der Erzählung nur "Nur ein Päckchen Kaffee" habe ich ihr ein Denkmal gesetzt.
Ich setze euch die beiden Links hier ein, solltet ihr die Geschichten noch nicht kennen
 

Es ist so leicht glücklich zu sein und auch andere glücklich zu machen.
Ich versuche  mit meinen Geschichten ein wenig Glück in euren Alltag zu bringen und hoffe, dass es mir gelingt.




Glück im Alltag

Ein Sonnenstrahl am Morgen,
oder ein Licht in dunkler Nacht,
vertreibt alle Sorgen,
und das Leben schöner macht.

Ein Kind das herzlich lacht,
und lachen steckt uns an,
ob am Tag oder in der Nacht,
wie glücklich sind wir dann.

Nachts ein sternenklarer Himmel,
ein Farbklecks an der Wand,
ein liebes Glockengebimmel,
ein Blümchen am Straßenrand.

In der Nacht ganz ruhig schlafen,
und ein schöner Traum,
lieblich im Ehehafen,
ein blühender Fliederbaum.

Kein Geld kann es ersetzen,
ist der Reichtum noch so groß,
wenn in der Ehe fliegen Fetzen,
dann ist alles Glückslos.

Gesund und glücklich leben,
ist doch oberstes Gebot,
von Zufriedenheit umgeben,
lindert alles, auch die Not.

Des Glückes holdes Wesen,
kein Gold bringt es zurück,
wie wichtig ist doch im Leben,
des Alltags kleines Glück.

Die Nachtigall



 












Dienstag, 17. November 2015

Über die Fotografie und eine private Fotoschau - Reizwortgeschichte

Um eure Frage zu beantworten, meine Schwester und ich haben Arco und sein Herrchen leider nie wieder gesehen.
Doch nun zu den heutigen Reizwörtern.
Diesmal gilt es die Wörter:
Bild, Kugel, erscheinen, auffahren, bereichert
unterzubringen.
Viel Spaß beim Lesen und anschauen


Der erste Zahn, den die Zahnfee mitnahm



Über die Fotografie und eine private Fotoschau


Ein Bild sagt mehr als tausend Worte!
Dieses geflügelte Wort stammt angeblich von Paul Julius Freiherr von Reuter (1816 – 1899) Begründer der Nachrichtenagentur „Reuters“
Heute ist das fotografieren für uns selbstverständlich und kinderleicht.
Ich kann mich noch erinnern, als im Kindergarten Fotos gemacht wurden und der Fotograf einen riesigen Kasten aufbaute und dann hinter einer dicken Decke verschwand.
Oder wie mein Vater an Weihnachten eine Schnur spannte, sie mit Alufolie umwickelte, anzündete und dann schnell zu uns kam. Dies sollte wohl das Blitzlicht ersetzen.
Anfangs waren die Fotos ja schwarzweiß, später dann, ich denke mal so Anfang der siebziger, wurden die Bilder bunt.

 
Das Handarbeitgeschäft meiner Mutter
Meine selbstgebaute Schneekugel

Im Kindergarten durfte ich 
als Verkündigungsengel erscheinen




als 4-jährige auf dem Umzugswagen


Dass wir überhaupt fotografieren können haben wir dem
Franzosen Josef Nicephore Niepce (1765 – 1833) zu verdanken.
Um 900 herum entdeckten arabische Astronomen das Prinzip der Kamera. Es handelte sich dabei um einen Kasten mit einem Loch in der Mitte, in dessen Inneren sich eine auf dem Kopf stehende Abbildung erzeugen ließ.
Diese „Camera obscura“ kombinierte Niepce 1816 mit lichtempfindlichen Chemikalien und erfand den Fotoapparat.
1826 konnte er seine Bilder fixieren.
Heute können wir uns die Fotografie gar nicht mehr wegdenken und Fotos unterstreichen unsere Erinnerungen. 
Gigantisch

Kein Wunder, dass ich ein wenig bedröppelt gucke, denn meine Tochter ein überaus braves Kind, aber mit eigenem Kopf, probte den stillen Widerstand. Wenn ihr der Brei nicht schmeckte, schob sie ihn einfach mit der Zunge wieder heraus.
Unser Clown
Papa als Bär


 Oma ließ ihre berühmte Buttercremtorte auffahren zum ersten Geburtstag von Claudia


Hier habe ich den Müslibehälter fallen lassen

Lore übt auf dem Idiotenhügel, landete aber immer wieder auf dem Allerwertesten, ein Glück, dass der Schnee so weich war. Einmal sauste ein etwa fünfjähriges Mädchen an mir vorbei und rief: "Ich kann schon fahren ohne hinzufallen!"



In der Weihnachtsbäckerei

Und nun zum Schluss noch die Zwillinge, die ich in Pflege hatte, der Abschied tat sehr weh, aber sie haben doch zwei Jahre unseres Lebens bereichert.
Ich hoffe das kramen mit mir in meiner Fotokiste hat euch gefallen.


Dienstag, 10. November 2015

Arco - Reizwortgeschichte


Zuerst einmal möchte ich mich ganz herzlich bedanken, für eure Kommentare und Besuche meines Blogs.
Ich habe die 50 000 überschritten und freue mich natürlich riesig darüber.




Diesmal geht es um die Reizwörter
Lebensgeschichte, Käfig, entscheiden, clever, verdächtig

Und es ist keine erfundene, sondern wahre Geschichte.
Viel Spaß beim Lesen!




Arco

Wenn man wie ich, den siebzigern immer näher kommt, dann hat man fast ein ganzes Leben schon hinter sich.
Und jeder von uns hat ja so seine eigene Lebensgeschichte und aus meiner habe ich euch ja schon einige Episoden erzählt.
Erinnert ihr euch noch wie meine damals zehnjährige große Schwester Karin versuchte einen Hund vor dem Erschießen zu retten, das ihr aber leider nicht gelang.
Jahre sind inzwischen vergangen.
Mein Vater ist versetzt worden und wir lebten nun in einer Kleinstadt in einem großen Mietshaus im zweiten Stock, ohne Garten, nur mit einem kleinen Balkon.
Meine große Schwester hatte ihre Ausbildung beendet und arbeitete in einer anderen Stadt.
Ich war inzwischen sechzehn Jahre alt und ging auf die Realschule und hieß jetzt Lore.
Eines Tages hatte ich nämlich meiner Familie erklärt, dass ich für den kindlichen Namen Norle zu groß wäre und ab heute Lore heißen würde.
Da meine Mutter ein kleines Handarbeitsgeschäft eröffnet hatte, fiel mir die Aufgabe zu, mich um meine kleine zehnjährige Schwester Renate zu kümmern.
Ich wärmte für uns das Essen auf, machte mit ihr Hausaufgaben und kümmerte mich um sie, bis unsere Eltern abends nach Hause kamen.
Eines Tages wartete ich vergebens auf Renate.
Als es immer später wurde, begann ich mir ernsthaft Sorgen zu machen, blieb sie doch verdächtig lange aus.
Die Schule müsste schon längst zu Ende sein.
Immer wieder lief ich zum Fenster, um nach ihr zu sehen.
Endlich klingelte es und als ich hinunter sah, stand Renate mit einem Schäferhund an der Leine vor der Tür.
Sie winkte mir, dass ich nach unten kommen sollte.
Unten angekommen machte ich mich erst einmal mit dem wirklich schönen Tier bekannt.
Während ich ihn zwischen den Ohren kraulte, wedelte er so begeistert mit dem Schwanz, dass das ganze Hinterteil gleich mit wackelte.
Der Hund gefiel mir und das sagte ich auch meiner Schwester, die sofort zu strahlen begann und verkündetet:
Arco gehört mir, ich habe ihn geschenkt bekommen!“
Nun war ich sprachlos. Ich schüttelte den Kopf und machte meiner Schwester klar, dass unsere Eltern das nie erlauben würden und forderte sie auf, den Hund sofort zurückzubringen. Außerdem konnten wir in einer Dreizimmerwohnung im zweiten Stock keinen Schäferhund halten.
Wir können ihn doch auf dem Speicher verstecken. Morgen ist Samstag und dann können wir mit den Eltern reden. Vielleicht geht es doch! Biiiiitttteeee!“
Nun meine kleine Schwester war ja sehr clever und wusste genau wie sie mich herumkriegen konnte.
Sie warf mir diesen – ich bin ja so unglücklich – Blick zu, den sie bis zur Perfektion beherrschte.
Doch mittlerweile war ich immun dagegen, aber nicht gegen den Blick des Hundes.
Ich schmolz dahin und entschied gegen meinen Willen, den Hund auf den Speicher zu bringen.
Meine Schwester flog mir jubelnd um den Hals und Arco gleich mit, sodass ich Mühe hatte mich auf den Beinen zu halten.
Nun aber hatten wir ein Problem. Arco ein ganz junges Tier, das bisher im Käfig lebte, hatte noch nie eine Treppe gesehen und weigerte sich hoch zu laufen.
Renate lief einige Stufen hoch und zog an der Leine, doch Arco krebste langsam zurück und legte sich nieder.
So sehr wir auch bettelten und schmeichelten, er rührte sich nicht von der Stelle.
Erst als meine Schwester auf ihn zuging, sprang er auf und leckte ihr freudig das Gesicht.
Doch sobald sie mit ihm auf die Treppen zuging, blieb er, am ganzen Körper zitternd, stehen.
Was sollten wir tun?
Wir konnten den Hund nicht die ganzen vier Stockwerke hoch tragen.
Schließlich zogen und schoben wir ihn bis zur Treppe und dann habe ich ihn Pfote für Pfote, Stufe für Stufe, die vier Stockwerke hoch gezogen und geschoben.
Als ich oben ankam, fühlte ich mich, als hätte ich den Mount Everest bestiegen.
Jeder Mieter hatte ein Speicherabteil mit einer Tür.
Während ich nun einen schönen Platz für Arco richtete und nebenbei seine stürmischen Begeisterungsausbrüche abwehrte, ging Renate hinunter, um frisches Wasser und etwas zum Fressen zu holen.
Anschließend spielten wir mit dem Hund, bis wir durch das Fenster unsere Eltern kommen sahen und schnell in die Wohnung hinab liefen.
Am frühen Morgen wollten wir uns gleich um den Hund kümmern.
Mein letzter Gedanke beim Einschlafen war:
'Hoffentlich geht das Treppensteigen morgen besser.'
Manchmal spielt der Zufall uns einen Streich.
Mein Vater hatte Frühschicht und musste um vier Uhr aufstehen und ausgerechnet an diesem Tag brauchte er etwas von der Wäscheleine auf dem Speicher.
Arco, der dachte, wir wären es, kam freudig aus seiner Ecke. Als er unseren Vater sah, blieb er erschrocken stehen und ließ vor Angst Wasser ab.
Vati erzählte uns das später lachend.
Er war nicht böse auf uns und wir durften den Hund behalten, aber nicht für immer. Wir sollten für ihn ein gutes Zuhause finden denn der Speicher war auf die Dauer keine Lösung.
Doch darum machten wir uns keine Gedanken. Wir waren einfach nur glücklich und kümmerten uns gut um unseren Arco.
Vor der Schule und nach der Schule gingen wir abwechselnd mit ihm Gassi. Nach den Hausaufgaben unternahmen wir dann einen längeren Spaziergang.
Dabei lernten wir einen jungen Mann kennen.
In der Straße, durch die wir immer kamen, wurde ein Cafe
renoviert und wenn wir mit Arco ankamen, dann sprang Hans vom Gerüst und tobte mit dem Hund herum.
Er liebte Hunde und auch Arco mochte ihn gern.
Der junge Mann kam aus einem zwanzig Kilometer entfernten Ort und war hier nur so lange, bis der Umbau das Cafes fertig war.
Eine Zeitlang ging alles gut und wir hatten uns nicht wirklich um einen Platz für Arco gekümmert.
Doch die Geduld unseres Vaters war zu Ende und er stellte uns ein Ultimatum.
Niedergeschlagen trotteten wir am nächsten Tag neben unserem freudig hechelndem Hund einher und bemerkten gar nicht, dass wir in der Nähe des Cafes waren,
Erst als Arco freudig bellte und Hans vom Gerüst sprang, sahen wir auf.
Die beiden balgten sich begeistert, dann fiel Hans unsere belämmerten Gesichter auf.
Was für eine Laus ist euch denn über die Leber gelaufen?“ wollte er wissen und wir erzählten ihm von unserem großen Kummer.
Da ging ein Leuchten über sein Gesicht und er meinte:
Gebt Arco doch mir. Ich habe ein kleines Häuschen mit Garten und Arco wird es gut bei mir haben.“
Das war die Lösung!
Wir verabredeten, den Hund am nächsten Tag, wenn Hans Feierabend hatte, vorbei zu bringen.
Der Abschied am nächsten Tag war herzzerreißend.
Für uns! Nicht für Arco, denn der lief freudig mit seinem neuen Herrchen mit.
Und wir waren glücklich, dass er ein so schönes Zuhause gefunden hatte.






Dienstag, 3. November 2015

Rettung in der Not - Reizwortgeschichte


Vor vielen Jahren hatten wir einmal in einem kleinen Dorf ein Haus gemietet. Hinter dem Haus war ein Stück Wiese mit einem Kirschbaum und ein kleiner Garten, in dem Kurtl seine geliebten Tomaten anpflanzen konnte.
Vor dem Haus aber war ein kleiner Vorgarten, den ich wild wuchern ließ. Mir gefiel das, aber nicht meiner Vermieterin.
Sie kniete eines Tages in dem kleinen Gärtchen und rodete es mit Begeisterung, dann pflanzte sie Tulpen an und kam immer wieder um ja jedem kleinsten Unkraut den Garaus zu machen.

Diesmal geht es um die Reizwörter:
Not, Rettung, berichten, werben, grün



Rettung aus der Not


Eine große grüne Raupe kroch direkt vor Ferdinands Nase und er musste nur noch zuschnappen, da wurde er unsanft aus seinem Schlummer geweckt.
Ein komisch surrendes Geräusch ertönte und die Blätter, unter denen sich der kleine Igel vergraben hatte, verschwanden in einem seltsamen Gerät.
Ein Mann und ein Junge standen vor Ferdinand, der sich sofort in eine Kugel verwandelte und der Junge rief.
Papa ein Igel!“
Lass ihn liegen, der ist voller Flöhe!“
Ferdinand aber blieb lange liegen, bis die Geräusche im Garten verstummten.
Dann erst wagte er seine Verteidigungsstellung aufzugeben.
Die kleinen schwarzen Knopfaugen sahen sich prüfend um.
Kein einziges Blatt lag mehr im Garten und auch sonst konnte er keinen geeigneten Unterschlupf entdecken.
Dabei waren die Temperaturen bereits gefallen und er brauchte ein Winterquartier. Nun musste er sich erneut auf die Suche machen. Dabei hatte er doch so großen Hunger, kein Wunder, dass er von leckeren Raupen träumte.
Zum Fressen fand er auch nichts mehr, denn die Insekten hatten sich bei der Kälte alle in ihre Schlupflöcher verkrochen.
Wenn er den Winter überleben wollte musste er unbedingt schlafen.
Seufzend trippelte Ferdinand los und grub sich mit seinen kräftigen Vorderbeinen unter dem Lattenzaun durch.
Vor ihm lag die Straße. Der Igel wusste, wie gefährlich diese war, denn seine Mutter hatte ihn gewarnt und zwei seiner Geschwister waren von einer lauten stinkenden Maschine platt gewalzt worden.
Ferdinand fasste sich ein Herz und, die gegenüberliegende Seite nicht aus den Augen lassend, lief er los.
Ein großes blaues Auto kam auf ihn zu, doch der Igel bemerkte es nicht, auch hätte er sich gar nicht in Sicherheit bringen können.
Aber eine ältere Dame sah in welcher Gefahr der kleine Kerl steckte. Sie lief auf die Straße, packte den kleinen Igel, warf ihn in ihren Einkaufskorb und hastete zurück.
Der Autofahrer fuhr wild hupend vorbei.
Amalie Garner blickte lächelnd auf die kleine stachelige Kugel in ihrem Korb.
Was sollte sie nun mit dem kleinen Kerl machen? Am besten sie brachte ihn zu Doktor Helfrecht.
Bald lag Ferdinand auf dem Tisch und der Tierarzt versuchte ganz vorsichtig die kleine Kugel zu öffnen.
Nachdem er den Igel gründlich untersucht hatte, sah er Frau Garner lächelnd an.
Kerngesund, wäre doch schade gewesen, wenn er unter die Räder gekommen wäre.“
Was soll ich aber nun mit ihm machen?“
Am besten sie nehmen ihn zu sich nach Hause. Ihr Garten ist doch bestens geeignet für so einen kleinen Kerl, bei ihnen wird er sich wohl fühlen.“
Amalie wird etwas rot.
Meine Nachbarn sagen, ich würde meinen Garten verwildern lassen.“
Ja, die Ordnungsliebe unserer Landsleute, am wohlsten fühlen sie sich, wenn ihre Gärten sauber sind wie ihre
Wohnzimmer und bedenken gar nicht, dass die Tiere sich dort gar nicht wohl fühlen.
Sehen sie zum Beispiel der Igel, er braucht einen Unterschlupf, damit er tagsüber schlafen kann, denn er ist ein nachtaktives Tier. Und er ist ja auch nützlich, frisst er doch Käfer, Raupen und Schnecken und sorgt so für das Gleichgewicht in der Natur und hält die Gärten von Schädlingen frei.
Aber zuerst brauchen sie mal für den Kleinen hier ein Winterquartier. Außerdem sollten sie ihn vorher noch ein wenig aufpäppeln, sein Gewicht ist gerade so an der Grenze. Es ist noch ein Jungtier.“
Der Tierarzt betrachtete lächelnd den Kleinen, der nun neugierig den Tisch erkundete.
Am besten sie setzen ihn in eine Schachtel, die sie in die Nähe der Heizung stellen. Futter gebe ich ihnen mit und auch eine Tinktur für die Flöhe.“
Kann er denn in der Schachtel auch überwintern?“
"Nein, er braucht etwas, wo er sich verkriechen kann am besten bauen sie eine Igelburg! Die kann auch dann das ganz Jahr genutzt werden. Ich bin sicher ihr Sohn wird ihnen helfen und ihre Enkelkinder werden den größten Spaß beim bauen haben.“
Der Tierarzt schmunzelte und auch Amalie lächelte.
Versehen mit Futter und Tinktur machte sich die alte Dame auf den Heimweg.
Eine passende Schachtel ist bald gefunden, sie polsterte sie mit weichen Papiertüchern aus, und zwei kleine Kompottschüsseln dienten als Futter und Wassernapf.
Dann setzt sie den kleinen Igel hinein. Vorsorglich hatte sie vorher ihre Gartenhandschuhe angezogen.
Ihre Familie staunte, als sie am Sonntagnachmittag zum Kaffee kam. Torsten und Ellen waren gar nicht von der Schachtel wegzubringen.
Erst als die Oma mahnte, dass der kleine Kerl seine Ruhe brauchte, gingen sie widerstrebend zum Tisch zurück.
Als Amalie ihren Sohn Richard fragte, ob er ihr eine Igelburg bauen würde, da stimmt dieser sofort begeistert zu und Torsten tippte schnell in sein Smartphone und
zeigte ihnen wie so eine Burg aussah.
Ich werde mir die besten Baupläne zuhause ausdrucken und am Samstag können wir dann mit dem Bau beginnen,“ versprach Richard.
Wisst ihr, was der Name Igel bedeutet?“ rief Torsten, der inzwischen mehr über den neuen Hausbewohner erfahren wollte.
Schlangenfresser oder 'der zur Schlange gehörende', berichtete Torsten.
Oma, dann hast du keine Schlangen mehr im Garten,“ meinte die kleine Ellen.
Ja, denn in meinem Garten wimmelt es ja geradezu vor Schlangen,“ lachte die Oma.
Der Igel frisst auch Käfer, Raupen und Schnecken!“ Torsten sah von seinem Smartphone auf.
Na, davon habe ich mehr als genug. Aber zuerst muss unser kleiner Gast den Winter gut überstehen und wer weiß, ob er dann überhaupt hier bleiben will.“
Am nächsten Wochenende wurde die neue Behausung für Ferdinand gebaut und dann wurde er feierlich hineingesetzt.
Einen Moment blieb er regungslos stehen, dann vergrub er sich in das duftende weiche Heu, rumorte ein bisschen darin herum und dann rührte er sich nicht mehr.
Ich denke mal es gefällt ihm,“ meinte Amalie zufrieden.
Ferdinand schlief in seiner Burg bis April, dann wagte er sich ins Freie und er blieb, denn Amalies Garten war wie geschaffen für so einen kleinen Igel.



Und auf seinen nächtlichen Streifzügen traf er einmal ein bezauberndes Igelfräulein und er begann sie zu umwerben.
Und als sie ihn erhörte, da führte er sie heim in seine Burg
und Amalie freute sich, wenn sie die kleine Familie, mit ihren drei Kindern in der Dämmerung durch den Garten trippeln sah.


© Lore Platz