Freitag, 29. Juli 2016

Kleiner Gruß

Da es heute nicht gar so schwül ist, will ich euch ganz schnell einen lieben Gruß schicken und einige Bilder zum Abkühlen.
Dieser Erpel fühlt sich eindeutig wohl, wem er wohl gerade etwas erzählt?





Vielleicht wollt ihr mich ja auch begleiten auf einem Spaziergang durch den Wald, dann machen wir Rast und hängen die Füße in den Bach.


Angenehm wäre es allerdings jetzt auch in Skandinavien. Ein See umgeben von Bergen und der Wind spielt in euren Haaren, ihr atmet tief durch und die weite der Landschaft macht euch frei.





Nun genießen wir noch den Sonnenuntergang und kehren zurück.

Ich wünsche euch ein schönes Wochenende, nächste Woche kommt meine Tochter auf Urlaub, worauf ich mich schon sehr freue.
Macht es gut!

Donnerstag, 21. Juli 2016

Hexenkind - Reizwortgeschichte

Sicher haben die regelmäßigen Leser meines Blogs gemerkt, dass ich jetzt ab und zu alte Geschichten aus der Versenkung hole.
Vielleicht lest ihr sie ja gar noch einmal und die neu hinzugekommenen Leser werden sich hoffe ich auch darüber freuen.
Viel Spaß beim Lesen und noch viel Freude an dem wirklich prächtigen Altweibersommertag. 



Hexenkind

Vergnügt pfeifend schulterte der Holzfäller Andreas seine Axt und marschierte mit weit ausholenden Schritten durch den dämmrigen Wald.
Seine Kollegen waren schon längst nach Hause gegangen zu ihren Familien.
Aber auf ihn wartete niemand in der kleinen Hütte am Waldrand und so hatte er es nicht so eilig.
Es fing zu regnen an, aber das minderte seine gute Laune nicht.



Als er zu der großen Lichtung kam, blieb er abrupt stehen.
Ein wunderschönes graziles Mädchen tanzte selbstvergessen im warmen Sommerregen.
Als sie ihn erblickte lächelte sie heiter und winkte ihn heran.
Komm Andreas tanz' mit mir!“
Der junge Mann ließ die Axt fallen und ging wie im Traum auf die schöne Lichtgestalt zu und dann tanzten sie verliebt die ganze Nacht.
Einige Monate später.
Andreas konnte die schöne Fee nicht vergessen, aber so oft er auch zu der Lichtung lief, er traf sie nie wieder.
Heute war Sonntag und Andreas trat vor die Tür.
Er band die Ziege an den Pfahl, um sie zu melken und dann fütterte er die Hühner.
Als er zurück über den Hof ging nahm er eine Bewegung am Waldrand wahr.
Mit schnellen Schritten ging er auf die verhüllte Gestalt, die ihm so bekannt vorkam, zu.
Melisande, du bist es!“ jubelte er.
Die Fee lächelte traurig und trat einen Schritt zurück, als er sie umarmen wollte.
Sie hob ihm das Bündel, das sie in den Armen hielt entgegen und Andreas erblickte ein reizendes Baby, das ihn mit veilchenblauen Augen anstrahlte.
Das ist unsere Tochter Melody, ich vertraue sie dir an. Gib gut auf sie acht und schütze sie vor den Menschen.“
Warum bleibst du nicht bei mir und wir beschützen sie beide!“
Die Fee sah ihn mit einem traurigen Lächeln an.
Ich passe nicht in deine Welt, die Menschen würden mich zerstören. Außerdem hat mein Vater mich verbannt, denn es ist verboten, dass eine Fee sich mit einem Menschen vereint. Er hat mir nur erlaubt, dir unsere Tochter zu bringen. Lebe wohl!“
Mit Tränen in den Augen wandte sie sich ab und war verschwunden.
Das Baby gluckste und Andreas sah hinunter auf das bezaubernde Kind in seinen Armen.
Liebe zu dem kleinen Geschöpf zog in sein Herz und er flüsterte: „Meine Tochter, ich werde auf dich aufpassen!“
Es war nicht einfach für ihn, aber bald konnte er wunderbar mit dem Baby umgehen.
Er nahm es mit in den Wald, legte es auf eine Decke und bald sammelten sich die Tiere des Waldes um das kleine Mädchen, als wollten sie es beschützen.
Melody entwickelte sich prächtig und wuchs zu einem hübschen heiterem Kind heran, das gerne sang und lachte.
Wenn sie eine Pflanze berührte, dann wuchs diese besonders schön und prächtig und bald schon erkannte sie, dass sie die Sprache der Tiere verstand.
Die Leute im Dorf betrachteten die Kleine, die so anders als ihre Kinder war, mit scheelen Augen.
Und da Andreas ihnen nie die Frage nach der Mutter des Kindes beantwortete, stellten sie die abenteuerlichsten Vermutungen an.
Eines Tages, als sie wieder einmal auf dem Dorfplatz zusammen standen, meinte einer der Dörfler:
Vielleicht hat er sich ja im Wald mit einer Hexe eingelassen und nun hat er ein Hexenkind!“
Und der Name Hexenkind ward geboren.
Sie sprachen es leise und hinter vorgehaltener Hand, denn sie fürchteten den starken kräftigen Riesen Andreas.
Aber wenn sie Melody allein antrafen, dann riefen sie ihr schon Hexenkind und Ausgeburt der Hölle nach.
Am schlimmsten aber trieben es die Kinder, die ja von den Erwachsenen nichts anderes hörten.
Sie liefen sogar bis zum Häuschen am Waldrand und brüllten „Hexenkind! Hexenkind!“
Bis der große schwarze zottige Hund mit gefletschten Zähnen am Zaun hoch sprang und wütend bellte.
Dann liefen sie lachend und schreiend davon.



Der Hund Wolf kam zu ihnen als Melody ungefähr zwei Jahre alt war. Andreas hatte den Welpen im Wald gefunden und in relativ kurzer Zeit war er zu einem riesigen großen Wolf herangewachsen, der dem Mädchen nicht mehr von der Seite wich.
So konnte Andreas beruhigt in die Arbeit gehen, denn er wusste sein Kind hatte einen guten Beschützer.
So führten Vater und Tochter ein schönes beschauliches Leben.
Melody machte das Heim gemütlich und Andreas freute sich jetzt immer wenn er nach Hause kam.
Das Mädchen fühlte sich auch tagsüber nicht einsam, denn sie konnte sich mit Wolf unterhalten und auch die Tiere des Waldes besuchten sie täglich.
Die Dörfler aber mied sie.
Als sie siebzehn Jahre alt war, geschah ein großes Unglück.
Ihr Vater geriet unter einen gefällten Baum und wurde schwer verletzt.
Als der Arzt mit sehr besorgtem Gesicht das Haus verließ, setzte sich Melody zu ihrem todkranken Vater an das Bett.
Andreas öffnete mühsam die Augen und flüsterte.
Melody, ich spüre, wir müssen scheiden. So viele Jahre warst du mein Sonnenschein, doch nun muss ich dich verlassen.“
Weinend schmiegte sich das Mädchen an den geliebten Vater.
Mit seiner großen schwieligen Hand streichelte er über das seidige Haar seiner Tochter, dann aber schob er sie von sich.
Kind du musst sofort deine Sachen packen und gehen. Nimm Wolf mit und flieh in den Wald. Die Tiere werden dich beschützen und dann suche nach deiner Mutter.
Sag meiner Melisande, dass sie die Liebe meines Lebens war und dass ich ihr danke, für die wundervolle Tochter, die sie mir geschenkt hat.
Aber nun geh', ich weiß nicht was die aus dem Dorf mit dir machen, wenn ich dich nicht mehr schützen kann!“
Melody küsste ihren Vater und packte weinend ihr Bündel. Die Vorräte aus der Speisekammer füllte sie in einen großen Beutel, dann verließ sie das Haus.



Mit Wolf an ihrer Seite ging sie den Hang hinauf zum Wald.
Bevor sie den Wald betrat, drehte sie sich noch einmal um und sie sah eine weiße Taube aus dem Haus fliegen.
Da wusste sie, dass ihr Vater gestorben und seine Seele gen Himmel flog.
Dicke Tränen fielen auf den Boden, als sie weiter ging.
Wolf drückte sich eng an sie, als wollte er sie trösten, doch er sagte kein Wort.
Lange wanderten sie durch den Wald, dann über eine große Wiese und als es dämmerte lagerten sie an einem Bach unter einer Trauerweide.
Melody packte den Proviant aus und teilte ihn mit Wolf, und sie tranken beide von dem klaren Wasser des Bachs.
Lange saß das Mädchen an die raue Rinde der Weide gelehnt und dachte an ihren Vater und die schönen Jahre mit ihm. Und in Gedanken nahm sie Abschied von ihm. Erst als es dunkel wurde zog sie ihren Umhang fest um sich, kuschelte sich eng an Wolf und schlief tief und traumlos.
Ausgeruht und voller Energie erwachte sie am nächsten Morgen, wusch sich im Bach und teilte wieder ihr Frühstück mit Wolf.
Eine Entenfamilie paddelte vorbei und Melody rief ihnen einen freundlichen Gruß zu und warf ein paar Brotkrumen ins Wasser.



Die Entenmutter dankte und kam gefolgt von ihren flauschigen Jungen ans Ufer.
Liebe Frau Ente, weißt du vielleicht, wohin der Feenkönig seine Tochter Melisande verbannt hat?“
Tut mir leid, aber frag doch Sofia, die Schildkröte. Sie ist schon sehr alt und sehr weise.“
Kannst du mir sagen wo ich sie finde?“
Folge dem Pfad, der durch den dunklen Wald führt, dann kommst du an den See wo das kleine Volk lebt. Dort lebt auch Sofia.
Pass aber auf, die Kobolde sind hinterhältig und diebisch. Wenn du etwas Glitzerndes bei dir hast, dann verstecke es lieber.“
Danke!“ rief Melody und zusammen mit Wolf wandert sie weiter.
Der Weg durch den dunklen Wald war beschwerlich und das Mädchen hatte oft das Gefühl als würden sie heimlich beobachtet.
Doch Wolfs Nähe gab ihr Mut und Kraft.
Als sie den Wald verließen breitete sich vor ihnen ein großer See aus, inmitten einer blühenden Wiese, umgeben von Hügeln.

Eine riesige Schildkröte paddelte träge im Wasser.
Melody trat ans Ufer und grüßte freundlich.
Die Schildkröte blinzelte und murmelte mit tiefer rauer Stimme.
Guten Tag, ich weiß wer du bist, du bist die Tochter der Fee Melisande und möchtest wohl wissen wo deine Mutter ist.“
Ja, könnt ihr es mir sagen?“
Nun der Feenkönig hat sie auf das Wolkenschloss zu Frau Holle verbannt und obwohl der Bann längst aufgehoben wurde, ist sie geblieben.“
Und wie komme ich zum Schloss von Frau Holle ?“
Doch die Schildkröte hatte die Augen wieder geschlossen und ließ sich vom Wasser treiben.
Sie war wohl sehr schlafbedürftig.
Was gibst du mir, wenn ich es dir sage?“
Melody drehte sich um und sah den Kobold, der sich angeschlichen hatte, fragend an.
Dann lächelte sie, griff in ihre Tasche und holte eine Haarspange heraus und legte sie auf die flache Hand.
Im Sonnenlicht begannen die Steine zu glitzern.
Der Kobold trat einen Schritt näher, Melody schloss schnell die Hand und Wolf stieß ein drohendes Knurren aus.
Erschrocken sprang der Kleine zurück.
Halt mir bloß das Ungetüm vom Hals, sonst sag ich gar nichts.“
Melody legte beruhigend die Hand auf den Kopf des Hundes.
Wenn du den See umrundest und durch den anschließenden Wald gehst, kommst du zu einem Felsengebirge und der höchste Berg führt direkt in das Wolkenschloss. Aber nun gibt her.“
Er schnappte sich die Spange und lief, so schnell er mit seinen kurzen drallen Beinen konnte, davon.
Als sie den großen Felsen erreicht hatten sah das Mädchen entsetzt nach oben.
Wie sollte sie das nur schaffen.
Wolf warte bitte auf mich.“
Ist gut, aber gibt auf dich acht.“
Beherzt griff Melody in die Wand und zog sich nach oben.
Der Aufstieg war beschwerlich, bald schmerzten ihre Füße und sie setzte sich auf einen kleinen Absatz.
Ein Adler ließ sich neben ihr nieder und als das Mädchen in seine großen klaren Augen sah, kam er ihr merkwürdig vertraut vor.
Steig auf meinen Rücken, ich bringe dich zum Wolkenschloss.“
Melody kletterte auf den Rücken des Vogels und schlang die Arme um seinen Hals.
Vor dem großen weißen Schloss auf dem Gipfel des Felsens setzte der Adler das Mädchen ab, neigte grüßend den Kopf und flog davon.
Eine Frau mit freundlichem pausbäckigem Gesicht sah aus dem Fenster.
Vergnügt schlug sie die molligen Hände zusammen und rief.
Besuch, wie schön, komm herein, die Tür ist offen.“
Melody trat in die große Halle und begrüßte Frau Holle, dann sah sie im Hintergrund ihre Mutter und erkannte sie sofort.
Stumm sahen sie sich an, dann breitete die Fee beide Arme aus und Melody stürzte sich hinein.
Frau Holle aber hatte Tränen der Rührung in den Augen.
Viel gab es zu erzählen und beide weinten um den Verlust von Andreas.
Später nahm Melody ein Bad und schlüpfte in die schönen Kleider, die für sie bereit lagen.
Dann liefen Mutter und Tochter Hand in Hand aus dem Schloss, sprangen auf eine vorbeiziehende Wolke, die sie nach unten brachte.
Wolf kam ihnen schon entgegen. Lange betrachtete er Melody, die wunderschön in dem zarten bunten Kleid aussah. In ihr langes Haar hatte die Mutter Blumen geflochten.
Du bist wunderschön. Nun siehst du wie eine richtige Fee aus.“ brummte Wolf anerkennend.
Fröhlich lachend umarmte Melody ihren langjährigen Freund und Beschützer.
Als sie wenig später das große Schloss des Feenkönigs betraten war ihr doch etwas bang zumute. Sie drückte sich ganz eng an ihre Mutter.
Wolf aber lief zu dem großen Stuhl, auf dem der Feenkönig saß und ließ sich zu seinen Füßen nieder.
Der König betrachtete seine Enkelin und Melody fühlte sich unbehaglich unter seinem Blick.
Sie reckte das Kinn vor, verschränkte die Arme und wippte ungeduldig mit dem Fuß.
Der Feenkönig lachte:
Enkeltochter du gefällst mir!“
Ich weiß aber nicht, ob du mir gefällst, du mochtest meinen Vater nicht.“
Das stimmt nicht, er war ein guter Mensch und war es wert, der Mann meiner Tochter zu sein. Aber unser Gesetz verbietet nun mal eine Verbindung zu den Menschen. Es wäre niemals gut gegangen. Andreas hätte sich in unserer Welt nicht zurecht gefunden und Melisande wäre in der Menschenwelt zerbrochen. Oder hast du dich wohlgefühlt bei den Menschen?“
Melody schüttelte den Kopf.
Siehst du, und nun da deine einzige Verbindung zu den Menschen nicht mehr besteht, gehörst du zu uns und wirst fortan in unserem Schutz leben.“
Das Mädchen umarmte ihren Großvater.
Gerührt meinte dieser.
Ich habe ein kleines Fest vorbereitet um dich willkommen
zu heißen und gleichzeitig will ich meinen Untertanen meine bezaubernde Enkelin vorstellen. Kommt mit in den Festsaal.“
Er wendete sich zur Tür.
Wolf aber sprang auf und grollte.
Feenkönig, hast du nichts vergessen. Willst du mir nicht endlich meine wirkliche Gestalt zurück geben.“
Ach richtig!“ Der König schnippte mit dem Finger und ein Zittern ging durch den Hund und auf einmal stand ein hübscher junger Mann vor den erstaunten Frauen.
Aber, das ist ja Gernot, der Feenjunge, der vor vielen Jahren verschwunden ist. Du bist ja ein richtiger Mann geworden!“ rief Melisande erstaunt.
Nun Tochter, glaubst du, ich hätte mein Enkelkind ohne
Schutz bei den Menschen gelassen.“
Melisande umarmte ihren Vater dankbar.
Gernot aber verneigte sich grinsend vor Melody.
Dies trat ganz nahe an ihn heran und fuhr vorsichtig mit der Hand über seine Wange.
Du warst Wolf?“ Und dann sah sie in seine Augen.
Und auch der Adler?“
Gernot lächelte sie zärtlich an. „Ja dein Beschützer seit Kindertagen.“
Und das ist nun deine richtige Gestalt?“
Ja, gefällt sie dir?“
Melody betrachtete ihn kritisch.
Ich weiß nicht, als Wolf warst du knuddeliger.“
Der Feenkönig lachte dröhnend und auch Melisande kicherte.
Gernot aber verneigte sich, reicht Melody seinen Arm und fragte vergnügt grinsend.
Nun Prinzessin Melody, darf ich sie in den Festsaal begleiten.“
Das Mädchen knickste und hängte sich bei dem Feenmann ein. Gernot aber beugte sich vor und fragte so leise, dass nur Melody es hören konnte „und darf ich für immer dein Beschützer sein?“
Melody lächelte leicht errötend.
Stirn runzelnd sah der Feenkönig ihnen nach.
Ich befürchte der Tunichtgut wird wohl mein Enkel werden.“
Melisande lachte.
Ja und ich bin sehr froh über diesen Schwiegersohn.
Hat er doch meine Tochter seit Kindertagen sehr gut beschützt und wird es auch weiter tun.“


© Lore Platz




Freitag, 15. Juli 2016

Das verlorene Zwergenmützchen

Heute haben wir ja wieder Reizwortgeschichtentag und ich hätte ihn beinahe verschlafen.

Besser spät als nie und deshalb wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen der Geschichte, in der ich die Wörter:

Kuhglocken, Sicherheitsnadel, hektisch, wählen, halten

verarbeitet habe.



Das verlorene Zwergenmützchen

 
Es ist ein schöner Sommertag und eingebettet in ein tiefes Tal liegt ein kleines Dorf. Schmucke kleine Häuser umrahmen die Kirche, die stolz ihren spitzen Turm gen Himmel reckt.
Fruchtbare Felder ziehen sich bis hinauf in die Berge und von den Almen dringt das leise Klingen der Kuhglocken.
Vor dem Dorf liegt die Gemeindewiese umgeben von einem kleinen Wäldchen.
Niemand der hier aufgewachsen ist, würde jemals einen anderen Ort wählen.
Vielleicht ist Hofmann von Fallersleben ja hier vorbei gekommen, als er die Zeilen verfasste:

Kein Sehnen zieht mich in die Ferne
Kein Hoffen lohnet mich mit Schmerz
Da wo ich bin, da bin ich gerne
Denn meine Heimat ist mein Herz“

Aber es ist auch ein besonderes Dorf, denn im nahen Wald leben die Zwerge, die vor vielen vielen Jahren aus den grünen Bergen vertrieben wurden und nun
hier unter den Wurzeln der Bäume eine neue Heimat gefunden haben.
Da die Menschen, die im Dorf wohnen, mit der Natur in vollkommenen Einklang leben, stört auch niemand die beschauliche Ruhe der Kleinen.
Außer der alten Marei, die in einem alten Häuschen am Waldrand wohnt hat auch noch nie jemand die Zwerge gesehen.
Aber da alle die Marei für etwas verrückt halten schmunzeln die Dorfbewohner nur über ihre ulkigen Geschichten von den Zwergen.
Aber es gibt sie wirklich. Anders als die Zwerge die hinter den sieben Bergen wohnen und rote Zipfelmützen tragen, haben diese Zwerge hier grüne Mützchen.
Und diese Mützchen habe eine besondere Gabe, wenn man sie überstülpt wird man unsichtbar.
So können die Zwerge ungesehen herum laufen und manchen Schabernack treiben, der aber niemals bösartig war.
Sie sind nämlich liebe kleine Kerlchen.
Heute haben sie ihren Wald verlassen, denn die warme Sonne hat sie heraus gelockt.
Sie purzeln und springen übermütig durch das hohe Gras, werfen ihre Mützchen in die Luft, fangen sie wieder auf und jauchzen voller Freude.
Da ertönt ein warnender Pfiff und blitzschnell fangen sie ihre Mützchen, stülpen sie über den Kopf und sind verschwunden.




Nur Tolpatsch, der mal wieder viel zu hektisch ist und über seine eigenen Füße stolpert, fällt bäuchlings hin und sein Mützchen, dass er nicht richtig aufgesetzt hat, landete in hohem Schwung im Gras.
Schnell eilen einige der Zwerge zu ihm, heben ihn auf und schleppen ihn hinter ein Gebüsch.
Mein Mützchen,“ jammert Tolpatsch.
Seit still, da kommt jemand,“ zischt Knollnase.
Ein kleines Mädchen hüpft vergnügt ein Liedchen trällernd aus dem Wald, bückt sich und beginnt die herrlichen Blumen zu pflücken.
Es stutzt als es das Mützchen sieht, lächelt und steckt es in ihre Schürzentasche.
Tolpatsch heult auf und will aus dem Gebüsch laufen, wird aber von seinen Freunden zurückgehalten.
Eine alte Frau kommt aus dem Wald, einen Korb mit Pilzen über dem Arm.
Komm, Sonja, wir müssen nach Hause.“ ruft sie und das Mädchen folgt vergnügt ihrem Ruf.
Oma, sieh ich habe für Mama einen Strauß Blumen gepflückt.“
Die Oma lächelt und nimmt die Hand der Kleinen.

Was machen wir nun?“ Die Zwerge sind ein wenig ratlos und Tolpatsch heult verzweifelt.
Nun hör schon auf,“ brummt Knollnase, „du bekommst dein Mützchen schon wieder. Langfuß, du verfolgst die beiden Menschen und versuchst heraus zu finden in welchem Haus sie wohnen.
Wir sind im Versammlungsraum. Nun lasst uns nach Hause gehen.“
Der Versammlungsraum ist eine alte unbewohnte Fuchshöhle, die sich die Zwerge gemütlich mit Moos ausgepolstert habe.
Nun sitzen sie da und warten auf Langfuß. Tollpatsch sitzt in der Ecke, das Gesicht in den Händen vergraben und Tränen tropfen durch die Finger.
Es raschelt vor der Höhle und Langfuß, etwas außer Atem, schlüpft herein.
Ich weiß wo das Mädchen wohnt.“
Gut sobald es dunkel wird, führst du uns dorthin, aber nun lasst uns etwas ausruhen,“ bestimmt Knollnase.
Sonja aber hat ihrer Mama die Blumen in die Hand gedrückt und springt hinauf in ihr Zimmer.
Kopfschüttelnd sieht die Mutter ihr nach.
Das Kind kann nicht normal gehen, immer muss es hüpfen und springen.“
Die Oma lacht nur und gemeinsam setzen sich die beiden Frauen an den Tisch, um die Pilze zu putzen.
Sonja aber leert den Inhalt ihrer Schürzentasche aus. Ein Bonbon, ein Bleistiftstummel, ein nicht mehr ganz sauberes Taschentuch, eine Sicherheitsnadel und dazwischen die kleine grüne Mütze liegen auf dem Tisch.
Vorsichtig nimmt sie das Mützchen in die Hand. Wer es wohl verloren hat, für ein Kind ist es eigentlich viel zu klein.
Sonja, kommst du herunter zum spielen!“
Das Mädchen rennt zum Fenster und ruft ihrer Freundin Ellen zu, dass sie gleich kommt.
Im Vorbeigehen stülpt sie noch ihrem Teddy die Mütze über und verlässt das Zimmer.





Die Zähne geputzt und im Schlafanzug schlüpft Sonja in ihr Zimmer. Als sie an dem alten Sofa vorbei geht stutzt sie. Teddy ist verschwunden.
Wütend ballt sie beide Fäuste und rast in das Zimmer ihres Bruders. Markus sitzt im Schneidersitz auf dem Bett, die Nase in einem Buch vergraben.
Wo hast du Teddy versteckt!“
Was soll ich denn mit deinem Teddy, wahrscheinlich hast du ihn verschlampt.“
Nein habe ich nicht, du hast ihn versteckt!“
Hab ich nicht, lass mich in Ruhe!“
Mit Gebrüll stürzt sich das Mädchen auf ihn.
Plötzlich steht die Mutter in der Tür.
Was ist los hier?“
Er hat meinen Teddy versteckt,“ schluchzt Sonja.
Nein, habe ich nicht, „ verteidigt sich der Junge.
Nun , das werden wir Morgen klären, geht jetzt beide ins Bett und Licht aus.“
Wütend stampft Sonja an der Mutter vorbei und verschwindet in ihrem Zimmer.
Markus wirft wütend sein Buch auf den Nachtisch und vergräbt sich unter der Decke.

Das Dorf liegt im Schlaf.
Ein Wispern liegt in der Luft und obwohl man sie nicht sieht, marschieren kleine Füße im Gänsemarsch durch die Straßen.
Sie halten vor dem einstöckigen weiß getünchten Haus.
Wo ist das Zimmer des kleinen Mädchen?“ flüstert Knollnase. Langfuß deutet auf das Fenster, hinter dem Sonja schläft.
Nun machen die Zwerge eine Räuberleiter und ganz oben steht Tollpatsch. Er klettert durch das Fenster und springt auf den Boden. Langsam sieht er sich um. Auf dem Sofa blinkt ein kleines grünes Licht auf,
das Mützchen gibt sich zu erkennen.
Schnell schnappt sich der Zwerg sein Eigentum und plötzlich kann man auch Teddy wieder sehen, der niemals das Zimmer verlassen hat.
Tollpatsch aber klettert vergnügt aus dem Fenster, stellt sich auf die Schulter von Bertl und dann löst sich die Räuberleiter auf und glücklich rennen die kleinen Zwerge zurück in den Wald.

(Lore Platz)



 

Freitag, 1. Juli 2016

Der alte Puppenspieler

Zuerst möchte ich mich herzlich bedanken, obwohl ich im Moment nicht so oft hier bin, besucht ihr mich doch fleißig und ich habe über
60 000klicks inzwischen.
Nun viel Spaß beim Lesen meiner neuen Geschichte zu denen meine Freundin aus Griechenland wieder ihre bezaubernden Bilder gemalt hat und meine Tochter und meine Freundin Elli Fotos dazu gesponsert haben.



Der alte Puppenspieler


Langsam senkt sich die Dämmerung über den Marktplatz und es sind nur noch wenige Menschen unterwegs.
Eine leichte Brise wirbelt den Staub auf und der alte Mann senkt den Kopf und schlägt den Kragen seines abgetragenen Mantels hoch.
Traurig bückt er sich zu dem verbeulten Teller und schüttet die paar Kupferstücke in die hohle Hand.
Niemand hat mehr Interesse an seinem Puppenspiel, nicht mal die Kinder. Sie laufen vorbei und spotten noch über seine langweiligen Puppen.
Müde hebt er den schwarzen, abgeschabten Koffer, indem er liebevoll seine 'Kinder', wie er seine Puppen nennt,verstaut hat, auf und schlurft mit gesenktem Kopf die Straße hinab.
Er biegt in den kleinen Weg ein, der zum Häuschen seiner Schwester führt, die ihm ein kleines Kämmerchen zur Verfügung gestellt hat, als er sich nicht mehr als Puppenspieler selbst ernähren konnte.
Seinem Schwager war das gar nicht Recht und er missgönnte ihm jeden Bissen.
Der alte Mann öffnet die Holztür, die leise knarrt, als wollte sie protestieren und tritt in den gefliesten Flur.
Sein Schwager Paul tritt ihm entgegen.
Na, hast du heute gut verdient mit deinem Firlefanz,“ spottet er.
Martin senkt den Kopf und will sich an ihm vorbei drängen, doch dieser hält ihn am Arm fest.
Ich habe es satt, dich unnützen Träumer noch weiter mit durch zu füttern, du wirst in Zukunft auf dem Hof mitarbeiten.“
Hilde tritt aus der Küche und stemmt die Arme in die Hüften.
Lass meinen Bruder in Ruhe, das bisschen was er isst, können wir immer noch verkraften.“
Ins Narrenhaus gehört er, ein alter Mann, der noch mit Puppen spielt!“ brummt ihr Mann und verlässt das Haus.
Hilde aber legt liebevoll ihren Arm um Martins Schulter.
Komm mit in die Küche ich habe eine gute warme Suppe.“

Obwohl Hilde einige Jahre jünger war als ihr Bruder hatte sie ihn schon als Kind bemuttert und in Schutz genommen, wenn der Vater mal wieder grob wurde, weil Martin lieber Puppen schnitzte und träumte, als auf dem Hof zu arbeiten.
Sie hatte für seine Puppen die Kleider genäht und auch ihm das Nähen beigebracht.
Natürlich durfte der Vater das nicht mitbekommen, dann hätte er sich noch mehr erzürnt, wenn er seinen Sohn bei so einer weibischen Tätigkeit erwischt hätte.
Als die Eltern dann gestorben sind, war Hilde in die Stadt in Dienst gegangen und Martin hatte seine Puppen in den Rucksack gepackt und war über Land gezogen.
In Dörfern und Städten hatte er alte Märchen und auch ausgedachte Geschichten vorgeführt.
Reich wurde er nicht, aber für eine warme Mahlzeit hatte es immer gereicht.
Aber sein schönster Lohn war doch das Lachen und die Freude der Kinder.
So ging das viele Jahre, doch auf einmal wollten die Menschen keine Puppenspiele mehr sehen und auch die Kinder fanden andere Spiele interessanter.
Martin war inzwischen alt geworden und auch das Leben auf der Straße wurde immer beschwerlicher und so war er eines Tages vor der Tür seiner Schwester gestanden.
Hilde hatte ihn ohne viel zu Fragen aufgenommen.


Martin löffelt schweigend seine Suppe und auch den
Milchkaffee und das dick mit Butter bestrichene Brot lässt er sich schmecken.
In seiner Kammer holt er seine Puppen aus dem Koffer und setzt sie nebeneinander auf das alte Sofa.
Er legt sich auf das Bett und verschränkt die Arme unter dem Kopf. Er kann nicht schlafen, denn zu viele Gedanken gehen ihm durch den Kopf.
Die Tür unten knarrt. Sein Schwager kommt wohl aus dem Wirtshaus zurück und wenn er getrunken hat, fühlt er sich besonders stark.
Schon hört man ihn brüllen, „ und dass du es genau weißt, der alte Nichtsnutz kommt aus dem Haus, ich dulde es nicht länger, dass du ihn durch fütterst.“
Martin hebt sich die Ohren zu, um die streitenden Stimmen nicht mehr zu hören.
Endlich werden sie leiser und dann verstummen sie ganz.
Der alte Mann setzt sich im Bett auf und sieht hinüber zu seinen Puppen und flüstert. „Kinder, Morgen werden wir diese Haus verlassen. Ich will nicht, dass meine Schwester ständig Ärger wegen mir bekommt.“
Es dauert lange, bis er eingeschlafen ist, doch dann fallen ihm die Augen zu und leise Schnarchtöne sind zu hören.



Auf dem Sofa wird es auf einmal lebendig. Die Puppen recken und strecken sich.
Habt ihr gehört,“ murmelt Friederich, der meistens die Rolle des Kammerdieners spielen muss, „ Morgen will er ganz allein mit uns weiter reisen.“
Kasperles Oma sieht sehr besorgt aus.
Ja, das wird er nicht überleben, bald kommt der Winter und außerdem will uns doch niemand mehr spielen sehen.
Er wird verhungern.“
Alle Puppen nicken betrübt, selbst der Räuber, die Hexe und das Krokodil, die immer die Rolle der Bösewichte übernehmen müssen, obwohl sie doch gar nicht so böse
sind.
Hm,“ der Zauberer streicht über seinen langen grauen Bart, „Vielleicht sollten wir die Puppenfee um Hilfe bitten?“
Wer ist die Puppenfee, wo wohnt sie und warum kann sie Meister Martin helfen.“ so rufen die Puppen durcheinander.
Die Puppenfee wohnt in einem wunderschönen Land und ihre Helfer eilen durch die ganze Welt um allen traurigen Puppen, die verlassen oder durch Menschenhand zerstört wurden, zu sich zu holen und ihnen eine neue Heimat zu geben,“ erklärt der Zauberer.
Weißt du denn wo sie wohnt?“
Nicht so genau, aber vor der Stadt im Wald wohnt Eulalia, die Eule, sie ist sehr weise und kann uns weiter helfen.“
Wir können aber nicht alle gemeinsam losgehen, was wird Meister Martin denken. Er wird einen großen Schreck bekommen. Wenn nur einer von uns die Fee aufsucht, wird es ihm nicht auffallen,“ meint der König, der sehr klug ist.
Ich werde gehen,“ meldet sich das Kasperle und alle sind einverstanden.



Wenig später klettert der kleine Kerl durch das Fenster und lässt sich an der Regenrinne hinab.
Mit schnellen Schritten verlässt er den Hof und saust die Straße entlang, die aus der Stadt führt. Atemlos kommt er im Wald an.
Müde sinkt er ins Gras, lehnt sich an den Stamm eines Baumes und schließt erschöpft die Augen.
Warum rennst du denn so?“
Kasperle öffnet die Augen und sieht einen Igel vor sich, der ihn aus seinen dunklen Knopfaugen neugierig mustert.
Ich muss zu Eulalia.“
Das geht jetzt nicht, die ist vor einiger Zeit zurück gekommen und schläft jetzt sicher und wenn man sie aufweckt wird sie furchtbar böse.“
Darauf kann ich keine Rücksicht nehmen, ich brauche unbedingt ihre Hilfe.“
Na ich weiß nicht,“ meint der Igel zweifelnd.
Wenn er Eulalies Hilfe benötigt, dann wird sie ihm auch helfen.“
Ein Reh tritt zwischen den Büschen hervor.
Komm, setz' dich auf meinen Rücken, ich werde dich zu Eulalie bringen.“ wendet sie sich an das Kasperle.
Der Igel zuckt nur mit der Nase und verschwindet im Gebüsch.
Kasperle aber klettert auf den Rücken des hilfsbereiten Rehs und nun geht es über Stock und Stein durch den Wald.
Vor einer großen mächtigen Eiche bleibt das Reh stehen und deutet mit dem Kopf nach oben.
Siehst du die große runde Öffnung, dort wohnt Eulalie.“
Kasperle bedankt sich, richtet sich auf und greift nach dem nächsten Ast und schwingt sich flink den Baum hinauf.
Das Reh beobachtet ihn noch eine Weile bis er im Bau der Eule verschwunden ist, dann läuft es weiter.



Kasperle aber steht vor dem Bett der Eule, die mit leicht geöffnetem Mund leise schnarcht. Es tut ihm leid sie zu wecken, denn war sie doch als Nachttier die ganze Nacht unterwegs gewesen, aber dann denkt er an Meister Martin und auch an seine Freunde und rüttelt die Eule leicht an der Schulter.
Unwillig brummt diese und dreht sich auf die andere Seite.
Doch Kasperle lässt ihr keine Ruhe und ruft verzweifelt. „Bitte Frau Eulalie, bitte ich brauche eure Hilfe.“
Die Eule öffnet die Augen und blickt den Störenfried finster an.
Bitte, ich muss wissen wie ich zur Puppenfee komme. Es geht um Meister Martin und seine Puppen. Wir brauchen Hilfe.“
Eulalie setzt zu einer unwirschen Antwort an, doch dann sieht sie den flehenden Blick des kleinen Kerls und ihr gutes Herz siegt.
Wenn du nicht weißt, wo die Puppenfee wohnt, dann ist es dir noch nie schlecht gegangen.“
Nein!“ Kasperle lächelt, „ unser Vater Meister Martin hat uns geschaffen und all die Jahre geliebt und für uns gesorgt. Doch nun ist er alt und niemand will unser Spiel
mehr sehen und der Mann seiner Schwester ist böse und deshalb möchte Meister Martin heute wieder auf Wanderschaft gehen. Aber er ist zu alt für das Leben auf der Straße, deshalb will ich die Puppenfee um Hilfe bitten und man hat mir gesagt, sie wüssten wie ich sie finden kann.“
Eulalie richtet sich seufzend auf.
Das ist ganz einfach, du musst die Puppenfee rufen und wenn du wirklich in Not bist, wird sie dich finden. Aber nun lass mich schlafen.“
Die Holzpuppe bedankt sich und klettert flink den Baum hinab. Einen Moment bleibt sie stehen und überlegt, sollte es wirklich so einfach sein?



Nun er musste es versuchen.
Leise ruft er: „ Liebe Puppenfee, ich brauche deine Hilfe.“
Aufmerksam sieht er sich um, doch nirgends kann er jemanden entdecken. Mutlos mit gesenktem Kopf verlässt er den Wald.
Als er die große Lichtung erreicht, hört er plötzlich leises Lachen und neben ihm geht eine wunderschöne Frau mit rotbraunen wallenden Haaren. Das Kleid, das aus vielen Schleiern besteht ist fast so bunt wie sein Kasperlegewand.
Du hast mich gerufen?“
Kasperle starrt sie mit offenem Mund an. „Du bist die Puppenfee?“
Wieder erklingt das melodische Lachen und schmeichelt sich in sein Herz.
Ja, ich bin die Puppenfee und ich kenne deinen Kummer, denn schon viele Jahre beobachte ich deinen Meister Martin und seine Liebe zu meinen Geschöpfen. Längst habe ich beschlossen ihm helfen, also sorge dich nicht.“
Sie lächelt und Kasperle fühlt, wie all sein Kummer von ihm abfällt und er ist sicher, dass alles gut wird.
Aber nun lauf, bald wird Meister Martin aufstehen und dann solltest du wieder bei den anderen sein.“
Die Puppenfee verschwindet, als hätte sie sich in Luft aufgelöst.
Nun aber saust das Kasperle los, kommt über die Regenrinne ungesehen ins Zimmer und ist gerade mit seinem Bericht fertig, als Meister Martin sich in seinem Bett bewegt.
Etwas schwerfällig erhebt er sich und schlurft ins angrenzende Bad.
Als er zurück kommt nimmt er den Koffer und legt ganz liebevoll eine Puppe nach der anderen hinein. Seine wenigen Habseligkeiten packt er in den alten Rucksack, den er im Schrank verstaut hat, dann wirft er noch einen Abschied nehmenden Blick ins Zimmer und geht langsam die Treppe hinunter.
Er hört Hilde in der Küche hantieren und deponiert Koffer und Rucksack im Flur, dann tritt er zu seiner Schwester.
Diese schenkt ihm ein liebevolles Lächeln.
Guten Morgen, Martin, setz' dich. Willst du wirklich wieder durch die Gegend streifen. Es ist Sturm und Regen angesagt, da wird wohl niemand stehen bleiben.“
Ach vielleicht kann ich ja in einer Gaststube spielen.“
Hilde nickt nur, sie weiß dass niemand seine Puppen mehr sehen will, aber sie schweigt. Sie weiß wie wichtig ihrem Bruder das Gefühl ist noch etwas unternehmen zu können.
Aber wenn nicht, dann komm bitte nach Hause, aber nun trink deinen Kaffee und iss deine Stulle.“
Nach dem Frühstück bleibt der alte Mann unschlüssig stehen, dann umarmt er seine Schwester.
Nanu, was ist denn heute mit dir los?“
Ach Hilde, ich will dir einfach nur mal danken, warst immer eine gute Schwester.“
Sie gibt ihm eine kleinen Klaps und brummt, um ihre Rührung zu verbergen.
Dafür sind Geschwister doch da, aber nun nimm deine Brotzeit und bring Freude mit deinen Puppen unter die Menschen.“
Martin verlässt die Küche, dreht sich noch einmal um und wirft Hilde einen langen Blick zu, unter dem es dieser ganz eigentümlich zu Mute wird.
Langsam mit müden Schritten wandert er aus dem Dorf und das Herz ist. ihm schwer.
Nach endlos scheinender Zeit hat er die nächste Ortschaft erreicht und stellt sich auf den Marktplatz und holt seine 'Kinder' heraus.
Doch die Menschen hasten vorbei und niemand hat Interesse für seine schön geschnitzten Puppen.
Große Tropfen fallen vom Himmel und schnell verstaut er die Marionetten im Koffer. Er schlägt den Kragen hoch und eilt, um einen schützenden Platz vor dem Regen zu finden.
In einer alte Scheune lässt er sich aufatmend ins Heu sinken. Mit einem großen karierten Taschentuch fährt er sich über das nasse Gesicht. Ihm ist kalt und seine Zähne klappern, er fühlt sich so elend und müde und dann fallen ihm die Augen zu.


Ein überirdisch schönes Licht erhellt den alten Schuppen und vor ihm steht eine junge Frau in einem kunterbunten Kleid und lächelt ihn an.
Martin, komm mit!“
Und sie hält ihm ihre feingliedrige Hand entgegen und wie in einem Traum nimmt der Puppenspieler diese und folgt ihr.
Sie erreichen einen herrlichen großen Garten voller Sonnenschein in dem viele Puppen fröhlich herum springen.
Wo bin ich hier?“
In meinem Puppenreich, in dem vergessene und verletzte Puppen eine neue Heimat finden, möchtest
du mir helfen diese armen Geschöpfe wieder glücklich und gesund zu machen?“
Ach bin doch so alt und müde.“
Die Puppenfee lächelt und schnippt mit den Fingern und Martin spürt wie seine Kraft zurück kehrt. Er dehnt und streckt sich.
Dann sind auf einmal alle seine 'Kinder' hier und umringen ihn.
Vater, du bist ja auf einmal wieder jung!“ staunen sie.
Und Martin bewegt seine durch Arthritis geschwächten Finger.
Sie sind beweglich und ohne Schmerzen, da stößt er einen Jodler aus und ruft fröhlich.
Ich will all den verletzten Geschöpfen helfen, hast du ein Schnitzmesser für mich?“
Die Puppenfee lächelt und führt ihn zu einem kleinen hübschen Häuschen.
Hier kannst du mit deinen 'Kindern' wohnen und hinten ihm Anbau ist eine Werkstatt. Also willst du hier bleiben?“
Ja!“ ruft Martin mit strahlenden Augen.

Am nächsten Morgen fand man den alten Puppenspieler tot in einer alten Scheune.
Der Koffer mit seinen Puppen aber war verschwunden.

© Lore Platz