Dienstag, 30. August 2016

Lila-Luna ,Anneliese und der böse Anton



Viel Spaß beim Lesen!




Lila-Luna, Anneliese und der böse Anton


Anneliese sah sich vergnügt in der Küche um, alles blitzblank.
Ihre Mutter hatte zur Zeit Doppelschicht, da einige ihrer Kollegen krank waren und würde sich sicher freuen wenn sie nach Hause kam.
Schließlich waren zur Zeit Ferien und sie hatte doch Zeit und es war schön, wenn die müden Augen der Mutter strahlten und sie sie liebevoll dann ' mein kleines Hausmütterchen' nannte.
Und Morgen hatte die Mama frei und sie würden zusammen ins Schwimmbad gehen.
Durch das Küchenfenster beobachtete das Mädchen wie der Postbote gerade auf sein Fahrrad stieg und weiter fuhr.
Ob Bärbel ihr geschrieben hatte? Seit sie deren Adresse an dem gelben Luftballon gefunden hatte, schrieben sie sich eifrig und in diesen Ferien wollten sie sich treffen.
Schnell lief Anneliese hinaus und strahlte, als sie das gelbe Kuvert herauszog. Gelb war nämlich Bärbels Lieblingsfarbe.
Wieder im Haus legte sie die Post für ihre Mutter auf den Küchentisch und ging in ihr Zimmer.
Enttäuscht las sie, dass Bärbels Vater von seiner Firma zum Leiter eines neuen Projekts ernannt wurde und kurzfristig nach Spanien reisen musste und ihre Mutter ihn begleitete. Deshalb sei sie nun hier in Hamburg bei der Oma.
Jetzt erst fiel Anneliese auf, dass der Absender eine Hamburger Adresse war.
Etwas traurig und enttäuscht holte sie einen Bogen Briefpapier aus der Schublade und begann zu schreiben.
Nun noch eine Marke drauf und sie konnte ihn gleich in den Briefkasten werfen.
Als sie aufsah bemerkte sie Lila-Luna, die mit unterschlagenen Beinen auf dem Schreibtisch saß.
Wie lange bist du denn schon hier?“
Och, eine ganze Weile, wollte dich aber nicht stören.“
Anneliese bemerkte, dass ihre kleine Freundin traurig und besorgt aussah.
Was ist los?“
Wie lange dauern eigentlich diese schrecklichen Ferien noch?“
Anneliese lachte.
Schrecklich! Ferien sind wunderbar, ausschlafen, keine Hausaufgaben und viel Zeit, das ist doch herrlich!“
Wir aber sind froh, wenn sie bald zu Ende sind!“
Und nun erzählte die kleine Elfe ihrer Freundin von dem Enkel des alten Mannes, der am Rande des Waldes lebte.
Anton rief ihn der alte Mann. Ein ganz böser Junge war das. Den ganzen Tag stapfte er mit mürrischem Gesicht
durch den Wald und schlug mit einem Stecken auf alles ein, ohne dabei auf die kleinen Tiere zu achten.
Seit er hier war, wurde das Wartezimmer von Dr. Wichtel nicht mehr leer.
Neulich hatte dieser unartige böse Junge sogar mit einem Stock einen Ameisenbau zum Einsturz gebracht und wollte sich ausschütten vor Lachen, als die Ameisen völlig verzweifelt durcheinander liefen.
Lila -Luna sah richtig traurig aus, doch dann hellte sich ihr Gesicht auf.
Hast du Zeit, um mit mir zu kommen.“
Anneliese nickte: „Aber vorher möchte ich noch schnell den Brief ein werfen.“
Die Elfe saß auf den Schultern des Mädchens, von den Haaren verdeckt, als dieses durch den Ort lief.
Mit einem Klappern verschwand der Brief im Kasten und als sie dann am Waldrand waren, verwandelte Lila - Luna ihre Freundin in eine Elfe.
Vergnügt flogen sie im Sonnenschein, bis sie unter sich das Haus von Dr. Wichtel sahen.
Unzählige Käfer, Bienen, Hummel, Schnecken,Marienkäfer, ein dicker Maikäfer, ja selbst Pilze, die ihre Hüte in der Hand hielten, tummelten sich vor der Praxis.
Ein Heuhüpfer, der nicht mehr stehen konnte, da sein Bein abgewinkelt war, saß im Gras.
Alle sahen irgendwie bedauernswert aus.
Die beiden Mädchen schwebten auf den Boden.
Ein Hirschkäfer, dessen Geweih geknickt war und recht armselig zur Seite hing, murrte:
Warum geht es denn nicht weiter, ich habe Schmerzen!“
Wir auch, wir auch!“ ertönte es ringsum.
Und Max der Regenwurm, dem ein Stück seines Schwanzes fehlte, rief:
He Pietro, du Schlafmütze, öffne endlich die Tür, wir wollen zu Dr. Wichtel.“
Pietro, der Assistent von Dr. Wichtel steckte seinen Kopf durch das Fenster und rief.
Der Doktor ist nicht da, unsere Salbe ist ausgegangen und er holt neue Kräuter. Ihr müsst euch also noch etwas gedulden.“
Da ging die Tür des Häuschen auf und Primela die Frau von Dr. Wichtel begleitet von ihren Töchtern kam heraus und bot den Ungeduldigen Tee und kleine Kuchen an.
Lila - Luna und Anneliese aber flogen zu der Wiese auf der Dr. Wichtel immer seine Kräuter sammelte, vielleicht konnten sie ja helfen.
Bald sahen sie ihn, wie er eifrig Kräuter in einen Korb legte.
Gerade wollten sie landen, da bemerkten sie einen Jungen der sich dem Wichtel näherte und blitzschnell einen Sack über ihn stülpte.
Erschrocken flogen die Mädchen in ein Gebüsch und beobachteten wie der Junge sich böse grinsend den Sack mit dem zappelnden Wichtel über die Schulter warf.
Was sollen wir nur machen!“ jammerte Lila - Luna.
Kannst du ihn den nicht klein zaubern?“
Das darf ich n..., was soll's, es geht nicht anders.“
Die Elfe zückte den Zauberstab, murmelte einige Worte und Anton war auf einmal klitzeklein.
Der Sack aber landete auf der Erde, ein „Aua“ war zu hören und Dr. Wichtel kroch ins Freie.
Als Anton aber den Wichtel sah, der auf einmal viel größer als er selbst war, drehte er sich um lief davon.
Die Feenkönigin erschien auf der Wiese und sah Lila-Luna mit einem strengen Blick an.
Du weißt, dass es verboten ist einen Menschen zu verzaubern?“
Die kleine Elfe wurde rot und senkte beschämt den Kopf.
Aber sie darf mich doch auch verwandeln?“ rief Anneliese.
Der ernste Blick der Feenkönigin richtete sich auf das Mädchen.
Du bist ihre Freundin und alle hier in meinem Reich haben dich gern und damit du mit deinen großen Füßen keinen Schaden anrichten kannst, wenn du uns besuchst, habe ich ausnahmsweise die Erlaubnis erteilt.“
Frau Königin,“ meldete sich nun Dr. Wichtel zu Wort, „ Lila-Luna hat mir das Leben gerettet. Wer weiß was der Unhold vorhatte, bestimmt wollte er mich auch in eine Schachtel mit Löchern stopfen, wie neulich Maikäfer Moritz, den wir gerade noch vor dem Ersticken retten konnten.
Außerdem schadet es dem Bengel gar nicht, wenn er mal sieht, wie schwer es ist so klein zu sein.“
Es zuckte um die Mundwinkel der Fee.
Du hast Recht, ich beobachte den Jungen bereits seit einiger Zeit und hätte ihm wohl bald eine Lehre erteilt.
Das bedeutet aber nicht, dass du das noch einmal machen
darfst, Lilia-Luna.
Außerdem darf ihm nichts passieren, die Tiere sind sehr aufgebracht. Du wirst auf ihn aufpassen!“
Mit diesen Worten verschwand die Fee und die Mädchen machten sich auf die Suche nach dem winzig kleinen Anton.
Dieser aber war sehr erschrocken, als er auf einmal so klein war und die Welt um ihn herum erschien ihm sehr bedrohlich.
Die Grashalme waren hoch wie Bäume und es war beschwerlich sich einen Weg zu bahnen.
Über ihm brummte es und eine dicke Hummel erschien und schnell duckte er sich und atmete erleichtert auf, als sie weiter flog.
Es raschelte und ein dicker Käfer groß wie ein Pferd krabbelte schwerfällig direkt auf ihn zu.
Mit einem Hechtsprung brachte Anton sich seitwärts in Sicherheit.
Als aber ein Regenwurm in der Größe einer Riesenschlange vor ihm auftauchte, lief er blindlings davon.
Er stolperte in ein Loch und rutschte schreiend auf dem Rücken einen Abhang hinunter.
Benommen, mit geschlossenen Augen blieb er liegen.

Als er sie vorsichtig wieder öffnete sah er zwei riesige schwarze Ameisen vor sich stehen.
Sie hatten Speere in der Hand und Helme auf dem Kopf und sahen alles anders als freundlich auf ihn herab.
Was willst du Eindringling, wir bringen dich zum König.“
Sie zogen ihn nicht gerade sanft hoch und nahmen ihn in die Mitte.
Der König musterte Anton lang und nachdenklich, dann verfinsterte sich sein Gesicht.
Du bist doch der Junge, der unseren Bau zerstört hat, mitkommen.“
Die beiden Soldaten packten Anton und schritten hinter dem König her.
Dieser öffnete eine Tür und der Junge sah viele Ameisen, die ihnen mit müden Augen entgegensahen.



Jede von ihnen trug einen Verband um den Kopf, oder das Bein oder einem Arm.
Ein alter Mann humpelte auf sie zu und betrachtete Anton lange, dann grinste er zufrieden.
Ihr habt den Unhold also gefangen, was sollen wir mit ihm machen?“
Nun kamen auch die anderen Verletzten näher, selbst ein kleiner Junge, der an zwei Krücken ging, schleppte sich heran.
Er war es auch, der rief: „Schmeißt ihn doch in ein Loch und werft Erde über ihn, dann sieht er wie das ist!“
Drohend kamen die Ameisen näher und Anton wurde es ganz bang zumute, aber die Angst verlieh ihm Bärenkräfte.
Er riss sich los und rannte davon, verfolgt von den wütenden Ameisen.
Schnell kletterte er den Abhang hinauf, rutschte aber auf der lockeren Erde immer wieder ab, doch endlich hatte er es geschafft und ließ sich erschöpft ins Gras sinken.
Doch als die erste Ameise ihren Kopf aus dem Loch steckte, rappelte er sich wieder auf und lief blindlings immer tiefer ihn den Wald.
Erschöpft blieb er liegen.
Vor ihm lag eine kleines Häuschen und davor standen oder saßen viele Tiere.



Ein Schnecke entdeckte ihn als erste.
Seht das ist doch der Junge der mein Haus zertrümmert hat!“
Nun wurden auch die anderen aufmerksam.
Maikäfer Moritz rief: „ Mich hat er eingesperrt und seitdem
leide ich an Atemnot!“
Mir hat er das halbe Geweih abgeschlagen,“ klagte der Hirschkäfer.
Der Pilz jammerte: „ Und mir den Hut vom Kopf, der hat einen Riss und kann mich bei Regen nicht mehr schützen.“
Jedes der Tier klagte ihn an und dabei kamen sie drohend näher.
Aber Anton hatte keine Kraft mehr und blieb angstvoll sitzen.
Er glaubte schon sein letztes Stündlein hätte geschlagen,
da wurde er an den Händen gepackt, flog durch die Luft und landete zwischen zwei Elfen sitzend auf einem Ast.



Erschrocken aber auch erleichtert sah er seine beiden Retterinnen an.
Danke, ich hatte mächtige Angst!“
Und mit Recht, denn für all diese Verletzungen bist du zuständig!“ sagte Lila-Luna streng.
Beschämt senkte Anton den Kopf. „Ich weiß.“
Was hast du dir überhaupt dabei gedacht, wie ein wilder Büffel durch die Gegend zu laufen und auf alles einzudreschen?“

Auch Anneliese sah den Jungen sehr streng an.
Dieser errötet: „Ich war so furchtbar wütend, weil mein Vater uns verlassen hat, meine Mutter soviel arbeiten muss, dass sie kaum mehr Zeit für mich hat und nun hat sie mich einfach in den Ferien zu meinem Großvater geschickt, damit sie mich los wird.“
Unsinn, warum sollte sie dich loswerden wollen?“
Ich habe einige Dummheiten gemacht. Die Schule geschwänzt, mich herumgetrieben und gestohlen. Es sollte so eine Art Mutprobe sein, damit ich bei den Blackbirds aufgenommen werde, aber ich wurde erwischt. Deshalb hatte meine Mutter Angst mich alleine zu lassen. In der Schule habe ich einen Verweis bekommen und meine Noten sind so miserabel, dass ich wohl durchfallen werde.“
Eine Weile schwiegen die drei, dann sagte Anneliese leise:
Meine Eltern haben sich auch scheiden lassen und ich war traurig und wütend auf meinen Papa, aber deshalb habe ich die Wut nicht an anderen ausgelassen. Und auch meine Mama muss viel arbeiten und weil ich sie lieb habe, helfe ich ihr zuhause wo ich nur kann, auch lerne ich fleißig, damit sie nicht noch mehr Kummer hat. Hast du denn deine Mama nicht lieb?“
Doch!“
Warum vergrößert du dann ihre Sorgen durch dein schlechtes Benehmen?“
Anton senkte ganz tief den Kopf und murmelt: „ So habe ich das noch nicht gesehen?“
Dann wird es Zeit, dass du darüber nach denkst!“
Wieder schwiegen sie eine Weile, dann fragte Anton schüchtern: „Lassen denn Elfen sich auch scheiden?“
Anneliese lachte.
Ich bin keine Elfe, ich bin ein Menschenkind wie du?“
Hast du auch etwas böses gemacht, weil du verzaubert wurdest?“
Anneliese lächelte und deutete auf Lila-Luna.
Lila-Luna ist meine Freundin und wenn ich sie besuche verwandelte sie mich in eine Elfe, damit ich mit meinen großen Füßen ihre kleinen Freunde nicht verletze. Sie war es auch die dich verwandelte, als du Dr. Wichtel fangen wolltest. Warum hast du das überhaupt getan?“
Anton zuckte verlegen mit den Schultern.
Zwerge sollen doch einen Topf mit Gold habe, ich wollte ihn zwingen ihn mir zu geben, denn dann müsste meine Mama nicht soviel arbeiten und hätte mehr Zeit für mich.“
Die beiden Mädchen lachten und Lila-Luna erklärte.
Wichtel und Zwerge besitzen kein Gold, das sind die Kobolde, aber mit denen solltest du dich lieber nicht einlassen, die sind ganz schön hinterhältig.“
Anton nickte und sah dann Lila-Luna traurig an.
Muss ich nun für immer ein Winzling bleiben?“
Nein! Ich werde dich zurück verwandeln.“



Die Mädchen fassten Anton an den Händen und flogen mit ihm durch den Wald zur großen Wiese.
Langsam ließen sie sich ins Gras gleiten, Lila-Luna murmelte einige Worte und Anton hatte wieder seine normale Größe.
Erstaunt sah er sich um, dann lief er los zum Haus seines Großvaters.
Die Feeenkönigin stand auf einmal neben den Mädchen und Anneliese fragte:
Wird er sich daran erinnern, dass er ein Winzling war?“
Die Fee schüttelte den Kopf.
Er wird alles vergessen, nur eine Ahnung wird in seinem Herzen bleiben und er wird in Zukunft achtsamer sein. Auch deine Worte werden bleiben, aber er wird nicht wissen woher sie kommen, doch wird er in Zukunft versuchen seiner Mutter keinen Kummer mehr zu machen.
Ihr habt es beide sehr gut gemacht!“
Die Fee verschwand.
Lila-Luna und Anneliese aber flogen zurück in den Wald.

© Lore Platz

Übrigens die Fotos sind wieder von Elli und die Zeichnungen von 
Heide Marie.






Montag, 29. August 2016

Erinnerung







Heute jährt sich bereits zum dritten Mal der Todestag meines Mannes.
Was mir bleibt ist nur noch die Erinnerung an einen wunderbaren und besonderen Menschen, den ich 35 Jahre lang begleiten durfte und dafür danke ich dem lieben Gott. 





Eine Kiste mit Fotos und ein Ordner voller Briefe die wir uns während seiner Seefahrt schrieben sind mir geblieben und das ist doch schön, denn um diese Jahre mit Kurt zu erleben, dafür hat es sich gelohnt auf die Welt zu kommen.

Montag, 15. August 2016

Nicht standesgemäß






Diesmal waren die Reizwörter:  Ponyhof, Triumph, heulen, demonstrieren,standesgemäß, 
eine wahre Herausforderung.  
Meine Tochter fuhr  erst am Samstag wieder nach Berlin zurück und während ihres Besuches hatte ich keine Lust zum Schreiben, denn da ist mir jede Minute mit ihr kostbar.
So entstand diese Geschichte gestern und es wurde auch noch eine richtige Kaugummigeschichte.
Ihre wisst nicht was das ist. Nun manchmal entstehen meine Geschichten wie von selbst, doch dann wiederum zieht sich die Bearbeitung hin zäh wie ein Kaugummi.

Trotzdem wünsche ich euch viel Spaß beim Lesen !




Nicht standesgemäß

 

Elena betritt neben Direktor Zimmermann das Klassenzimmer und sieht sich zweiundzwanzig erwartungsvollen Gesichtern gegenüber.
Fräulein Hartleitner, das ist ihre neue Schülerin Elena von Straten. Ihre Eltern haben das Gut Waldblick übernommen und den dazu gehörigen Ponyhof.
Freundlich nickt die Lehrerin dem Mädchen zu, trotzdem war sie Elena nicht sehr sympathisch.
Sie setzt sich auf den ihr angewiesenen Platz und packt ihre Schultasche aus.
Die Tür wird leise geöffnet und ein Mädchen drückte sich herein.
Entschuldigung,“ murmelt sie und hastet in die hinterste Bank.
Das ist Bärbel, sie ist strohdoof und außerdem hässlich angezogen.“ flüstert Rita Elena zu.
Diese betrachtet unauffällig das Mädchen, dessen Kleider geflickt sind, und deren Haare unordentlich aus den Zöpfen hängen.
Direktor Zimmermann hat inzwischen das Zimmer verlassen und der Unterricht beginnt.
Elena beobachtet, dass die Lehrerin das Mädchen in der letzten Bank vollkommen ignoriert und in der Pause wird sie von den anderen Kindern gehänselt.
Elena gefällt das gar nicht und sie fragt Rita „ was hat euch das Mädchen denn getan?“
Ach,“ meint diese schnippisch, „ schau sie dir doch an wie hässlich sie angezogen ist, bestimmt hat sie auch Läuse, außerdem wohnt sie in einer ärmlichen Hütte mit ihrer Oma und mein Opa, der ja Bürgermeister ist, hat gesagt, die beiden sind der Schandfleck in unserem schönen Dorf.“
Elena runzelt die Stirn und nimmt sich fest vor zu Bärbel besonders nett zu sein.
Doch das war nicht so einfach, denn Bärbel lässt niemand an sich heran und so gibt Elena allmählich auf.

Nach einigen Wochen hat Elena sich eingewöhnt und viele Freunde gefunden. Jeder möchte ihre Freundin sein, war sie doch die Tochter des reichen Gutsbesitzer und die Kinder durften auf den Ponys reiten, wenn sie Elena besuchten.
Bärbel kam jeden Morgen zu spät und huschte schnell auf ihren Platz von niemand beachtet. Die Kinder hänselten sie auch nicht mehr, hatten sie doch schnell gemerkt, dass das Elena gar nicht gefiel und mit dieser wollte es sich keiner verderben.
Und die Lehrerin kümmerte sich überhaupt nicht um das Mädchen. Bärbel wurde niemals aufgerufen und selbst ihre Hausaufgaben wurden nicht eingesammelt.
Als wäre sie überhaupt nicht anwesend.
Manchmal warf Elena einen heimlichen Blick nach hinten und sah, dass das Mädchen sehr aufmerksam verfolgte was vorne geschah. Wenn ihre Blicke sich trafen sah Bärbel scheu weg und spielte mit ihrem Bleistift.
Elena war gerade von der Schule nach Hause gekommen und lief in die Küche, wo Martha, die Köchin ihr lächelnd das Essen servierte und erzählte, dass ihre Mutter in die Stadt gefahren war und ihr Vater eine Besprechung mit dem Bürgermeister hatte.
Martha sah dabei sehr grimmig aus und Elena fragte sie
was denn los sei.
Ach den Bürgermeister hier kann ich gar nicht leiden, so ein Unmensch, will das arme Weiblein und ihre Enkelin aus dem Haus werfen. Sind ein Schandfleck für das Dorf behauptet er.“
Was will er denn von Papa?“
Der Wald gehört doch zu dem Gut und das alte Häuschen ist nur gemietet. Also soll der Herr seine Macht als Vermieter demonstrieren und ihnen kündigen.“
Das wird doch Papa nicht machen!“ rief Elena erschrocken.
Als der Bürgermeister abgefahren war, schlüpfte Elena in das Arbeitszimmer ihres Vaters.
Lächelnd sah Herr von Straten sein Töchterlein an. „Was hast du denn auf dem Herzen?“
Papa, du willst doch nicht Bärbel und ihre Oma aus dem Haus werfen?“
Kennst du sie denn?“
Ja, Bärbel geht mit mir in dieselbe Klasse.“ Und dann erzählt sie ihrem Papa, was ihr aufgefallen war und wie die Lehrerin und auch die Kinder mit dem armen Mädchen umgehen.
Ihr Vater nickte nachdenklich.
Die Menschen vergessen viel zu schnell, wenn es ihnen gut gut, dass nicht jeder soviel Glück hat.“
Aber hast du nicht immer gesagt, wir sollen dankbar sein, dass es uns so gut geht und die nicht vergessen, denen es nicht so gut geht.“
Ja, meine Kleine und daran wollen wir uns auch halten, habe keine Angst um deine Freundin.“
Elena widerspricht nicht, denn eigentlich wollte sie gerne mit Bärbel befreundet sein.
Im Stall trifft sie auf Justus, den Stallmeister, der an seiner alten Pfeife kaut. Er wollte sich nämlich das Rauchen
abgewöhnen, aber von seiner geliebten Pfeife konnte er
sich nicht trennen.
Na Prinzessin willst wohl ausreiten, Triumph muss bewegt werden.“
Elena ging an die Box, holte aus ihrer Hosentasche ein Stück Zucker und hielt es auf der flachen Hand dem weißen Pony hin.
Bald trabten die beiden über den Hof, begleitet von Gina dem schwarzweiß gefleckten Mischling.
Der Hund umsprang sie freudig bellend, dann spitzte er plötzlich die Ohren und sauste los und verschwand im Wald.
Ärgerlich rief Elena den Hund,natürlich hörte er nicht, sicher hatte er wieder ein Kaninchen aufgestöbert.
Das Mädchen band das Pony an einen Baum und folgte dem Hund in den Wald.
Sie hörte ein komisches Geräusch, das konnte nur Gina sein.
Als sie den seltsamen Lauten folgte, sah sie Bärbel, die auf einem Baumstamm saß, Tränenspuren auf dem Gesicht, und mit offenen Mund Gina betrachtete.
Die Hündin hatte die Schnauze nach oben gerichtet und heulte Herz erweichend.
Als Bärbel Elena sah wollte sie aufspringen, doch dann fiel ihr Blick wieder auf den Hund und sie prustete los.
Elena ließ sich neben ihr auf dem Baumstamm nieder und auch sie konnte sich nicht mehr halten.
Weißt du, Gina ist ein besonders mitfühlender Hund, wenn sie jemand weinen sieht, weint sie gleich mit.
Wieder prusteten sie los und der Hund, der die Beiden lachen sah, drängte sich schwanzwedelnd zwischen sie.
Die Mädchen streichelten den Hund.
Warum hast du geweint?“
Bärbel wurde rot und wandte das Gesicht ab.
Elena ergriff ihre Hand.
Du brauchst keine Angst haben, mein Vater hat nicht vor euch zu vertreiben, auch wenn der Bürgermeister es so will.“
Er war gestern bei meiner Oma und hat ihr angedroht, dass der neue Besitzer uns rausschmeißen wird. Wir sind der Schandfleck des Dorfes. Aber meine Oma hat doch nur eine kleine Rente. Außerdem hat sie Arthritis und kann nicht mehr so arbeiten. Ich helfe ihr so gut ich kann, deshalb komme ich auch morgens immer zu spät in die Schule. Eigentlich will ich gar nicht mehr in die Schule gehen. Frau Hartleitner will sowieso nichts mit mir zu tun haben, sie mag nur die reichen Kinder.“
Elan umarmte Bärbel spontan. „ Ich mag dich und wäre so gerne deine Freundin.“
In diesem Moment entstand eine Freundschaft fürs Leben und für Bärbel und ihre Oma begann eine Zeit des Glücks.
Herr von Straten hatte auf seinem Besitz ein kleines unbewohntes Häuschen, das es herrichten ließ und in dem Bärbel und ihre Oma in Zukunft leben konnten.
Zuerst aber schickte er die alte Frau in ein Heilbad zur Erholung und während dieser Zeit durfte Bärbel bei Elena wohnen.
Martha, die Köchin verwöhnte das arme Mädchen mit Leckerbissen und Elenas Mutter sorgte für passende Kleider.
Elena und Bärbel aber waren unzertrennlich und mit Elenas Hilfe wurden auch deren Leistungen in der Schule besser.
Nichts erinnerte mehr an das zerlumpte Kind, das der Außenseiter in der Schule war.
Anfangs zögernd aber dann wurde Bärbel in die Klassengemeinschaft aufgenommen.


© Lore Platz