Samstag, 27. Oktober 2012

Nur ein Päckchen Kaffee (Teil 2)




Am nächsten Morgen, Lieschen war gerade gähnend auf dem Weg ins Bad, läutet es Sturm.
Noch immer gähnend und verschlafen öffnet sie und sieht in die vergnügt grinsenden Augen von Jutta.
Frühstückservice !“
Sie drängt an dem alten Fräulein vorbei in die Küche und stellt den großen Korb auf der Spüle ab.
Dann nimmt sie das alte Mädchen bei der Schulter, setzt es sanft auf den Stuhl und zaubert aus ihrem Korb eine große blaue Thermoskanne.
Kaffee!“ erklärt sie, dann folgt ein Kännchen mit Sahne, Zucker, ein Hefezopf, Butter, Marmelade und eine Schale mit Erdbeeren und zu guter Letzt eine kleine Vase mit frischen Wiesenblumen.
Guten Appetit, meine Liebe!“
Sie beugt sich hinab und küsst Lieschen auf den Wange.
Ich muss jetzt los, bald werden meine Trabanten aufwachen und laut “Hunger!“ brüllen.
An der halb geöffneten Tür bleibt sie noch einmal stehen.
Übrigens Lieschen, zieh dich morgen schön an, ich hole dich um neun Uhr ab. Wir werden deinen Geburtstag feiern und bei dieser Gelegenheit lernst du auch meine Familie kennen.“
Die Tür fällt hinter ihr ins Schloss.
Lieschen aber lehnt sich wie erschlagen im Stuhl zurück.
Es kommt ihr vor, als wäre ein Wirbelsturm durch ihr stilles Zimmer gesaust.
Dann aber lässt sie ihren Blick über den liebevoll gedeckten Tisch schweifen und grinst vergnügt.
Vorsichtig schraubt sie den Deckel von der Kanne und seufzt wohlig, als der frische Duft des Kaffees in ihre Nase steigt.
Langsam gießt sie ihre Tasse voll, lässt zwei Stückchen Zucker hineinfallen, gießt etwas Sahne dazu und nimmt den ersten Schluck.
Ihr Gesicht strahlt vor Wonne.
Gibt es etwas Schöneres einen Sonntagmorgen zu beginnen.


Am nächsten Morgen ist Lieschen schon lange vor der verabredeten Zeit fertig.
Schick hat sie sich gemacht für den bevorstehenden Besuch.
Zu ihrem taubenblauen Kostüm trägt sie ihre beste Bluse aus beigefarbener Seide mit hohem Spitzenkragen und schweren metallenen Knöpfen.
Auf dem Kopf thront ein dunkelblaues Hütchen, dessen schwarzer Spitzenschleier bis in die Stirn ragt.
Aufgeregt trippelt sie durch die Küche, immer wieder einen Blick auf die Uhr werfend.
Als sie von draußen das Gezanke der Spatzen hört, öffnet sie lächelnd das Fenster und streut etwas von dem Hefezopf auf die Fensterbank.
Als hätten sie nur darauf gewartet stürzen sich die kleinen frechen Gesellen auf die Leckerbissen.
Zanken, schimpfen, zwitschern aufgeregt und wollen sich die besten Bissen gegenseitig weg schnappen.
Lächelnd sieht Lieschen ihnen zu, bis die nahe Turmuhr neunmal schlägt.
Sie schließt das Fenster, hängt sich die altmodische Tasche an den Arm und lauscht.
Wenig später läutet es Sturm und als sie öffnet, wird sie heftig umarmt.
Alles Gute zum Geburtstag, liebes Lieschen!“
Jutta schiebt das alte Fräulein etwas zurück und betrachtet sie schmunzelnd.
Schick siehst du aus! Aber nun komm, meine Familie freut sich schon auf dich!“
Lieschen folgt ihr etwas bang, es ist doch schon lange her, seit sie unter Menschen war.
Doch Juttas fröhliches Geplauder lässt sie gar nicht zum Grübeln kommen.
Staunend betrachtet sie wenig später das große schöne Haus und den wundervollen Garten, als Jutta schwungvoll in die Einfahrt fährt.
Fürsorglich hilft ihr diese aus dem Auto und führt sie durch den Garten auf die Terrasse zu ihrem Mann, der Lieschen freundlich lächeln die Hand entgegen streckt.
Guten Morgen, Fräulein Krämer und alles Gute zum Geburtstag. Entschuldigen sie, dass ich ihnen nicht entgegen gekommen bin, aber zwei kleine Monster halten mich umklammert.“
Nun erst bemerkt Lieschen die beiden Kinder hinter Herrn Zimmermann.
Das kleine blonde Mädchen mit dem Schnuller im Mund verschwindet blitzschnell hinter seinem Vater, als der Blick Lieschens sie trifft.
Der Junge aber tritt nun hervor, reicht ihr die Hand und meint artig:
Guten Tag Fräulein Krämer und alles Gute zum Geburtstag.“
Danke mein Junge, aber du kannst ruhig Lieschen zu mir sagen.“
Dirk schüttelt den Kopf.
Ich darf Erwachsene nicht beim Vornamen nennen.“
Wie wäre es dann mit Tante Lieschen? Wäre dir das recht?“
Dirk nickt.
Nun komm aber mit, ich führe dich an deinen Ehrenplatz.“
Er nimmt ihre Hand und als Lieschen sich auf den
bequemen Stuhl setzt, deutet er auf den Blumenkranz, der um das Gedeck dekoriert ist.
Das war ich, gefällt es dir?“
Lieschen streicht ihm über den Kopf.
Ja sehr, das hast du wirklich fein gemacht, danke dir.“
Der Junge grinst erfreut, tritt einen Schritt zurück und betrachtet sie aufmerksam, dann dreht er sich um und läuft ins Haus.
Jutta und Harald sind inzwischen auch an den Tisch gekommen und die junge Frau legt Lieschen ein Stück Kuchen auf den Teller.
Für eine Schwarzwälderkirschtorte hatte ich die richtigen Zutaten nicht daheim. Ich hoffe du magst Käsekuchen.“
Oh ja!“ Lieschen lässt ihren Blick über den liebevoll gedeckten Tisch gleiten und meint nur schlicht:
Danke!“
Jemand zupft sie am Rock und als sie nach unten sieht, bemerkt sie das kleine niedliche Mädchen.
Der Schnuller hüpft aufgeregt auf und ab und die Kleine hebt beide Arme.
na o“ versteht Lieschen.
Jutta bückt sich und nimmt ihrer Tochter den Schnuller aus dem Mund.
So kann Tante Lieschen dich nicht verstehen.“
Susanna runzelt die Stirn und wiederholt.
Sanna, Tane ieschen och.“
Lächelnd hebt diese das kleine Persönchen auf ihren Schoß.
Wie eine Königin blickt Susanna über den Tisch.
Ihr Blick bleibt auf dem Kuchen auf Lieschens Teller hängen.
Sie deutet darauf und fordert:
Sanna, Gucken essen!“
Schmunzelnd nimmt Lieschen ein kleines Stückchen auf einen Kaffeelöffel und stopft es in das weit aufgerissene kleine Schnäbelchen.
Zufrieden kuschelt sich die kleine Prinzessin an ihre Schulter.
Das Eis war gebrochen.
Dirk kommt aus dem Haus gelaufen und legt ein großes Stück Papier vor Lieschen.
Das habe ich für dich zum Geburtstag gemalt,“ verkündet er stolz.
Lächelnd betrachtet Lieschen sich das Bild.
Rechts oben war eine grellgelbe etwas schiefe Sonne und unten viele grüne Striche, sollte wohl eine Wiese darstellen, denn darauf standen fünf Strichmännchen.
Dirk deutet auf die Figuren und erklärt.
Mama, Papa, Sanna, ich und du!“
Lieschen sieht sich das letzte Männchen auf dessen Kopf ein großer blauer Ballon sitzt an und deutet auf das blaue Gebilde.
Das soll wohl mein Hut sein?“
Dirk nickt ernsthaft.
Ich wusste doch nicht, wie du aussiehst, deshalb konnte ich mein Bild noch nicht fertig machen. Gefällt es dir?“
Ganz prima, das ist wunderschön und du hast mir eine große Freude damit gemacht.“
Dirk strahlt, dann setzt er sich auf seinen Stuhl und ist die nächste Zeit damit beschäftigt, seine Backen mit Kuchen voll zu stopfen.
Es wurde für Lieschen ein wunderschöner Tag und als sie abends müde in ihrem Bett lag, dankte sie dem lieben Gott für den schönen Geburtstag.


Nun holte Jutta ihre Freundin jedes Wochenende zu sich nach Hause und das alte Fräulein blühte richtig auf unter den netten liebevollen Menschen.
Die Kinder kamen ihr jedes Mal jubelnd entgegen gelaufen. Sie liebten ihr Tante Lieschen heiß und innig.
Und eines Tages hatte Jutta mit ihrem Mann ein langes Gespräch.
Die nächsten Tage herrschte geschäftiges Treiben im Haus Zimmermann.
Den Samstag darauf nachdem sie wieder zusammen gefrühstückt hatten und Harald mit den Kindern auf den Spielplatz ging, nahm Jutta Lieschen bei der Hand und zog sie in ein hübsches kleines Zimmer.
Zarte duftige Gardinen bauschten sich an dem Fenster, an dem ein großer gemütlich aussehender Sessel stand, daneben ein kleines Lesetischen.
Helle freundliche Möbel und eine bunte Couchgarnitur füllten den Rest des Zimmers aus.
Jutta zerrte Lieschen durch die Verbindungstür in ein ebenfalls mit hellen freundlichen Möbeln eingerichtetes Schlafzimmer.
Sie deutet auf eine weiße Tür in der Ecke und meinte, „ dort ist noch ein kleines Badezimmer.
Glaubst du es würde dir hier gefallen?“
Bange ist die sonst so lebhafte Jutta.
Als Lieschen nichts sagt, sich nur mit großen Augen umschaut, sprudelt es aus Jutta heraus.
Wir haben dich alle so lieb gewonnen, die Kinder beten dich an und wir möchten gerne, dass du für immer bei uns bleibst. Wenn dir der ganze Trubel bei uns einmal zu viel wird,dann kannst du dich hier in deine eigenen vier Wände zurück ziehen!“
Etwas ängstlich sieht die sonst so burschikose junge Frau das alte Mädchen an.
Auf einmal geht ein strahlendes Lächeln über das schöne Altfrauengesicht und Lieschen nickt, während Tränen in ihren Augen schimmern.
Stumm umarmen sich die beiden so ungleichen Frauen, die doch so gute Freundinnen geworden sind.


Ende







Nur ein Päckchen Kaffee (Teil 1)




Nur ein Päckchen Kaffee

Schlendert man durch das Städtchen R über die schöne geschwungene Brücke, gelangt man in die Altstadt.
Hier sind die Häuser nicht mehr so gepflegt und man sieht ihnen an, dass der Zahn der Zeit kräftig an ihnen genagt hat.
Ganz am Ende der Straße steht ein großer Block mit sechs Wohnungen.
Er gehört der Stadt und die Mieter, die bereits mehr als 40 Jahre hier wohnen, gehören zu den Einkommen schwachen.
Dementsprechend niedrig ist auch die Miete.
Doch in den letzten Jahren sind die Mietpreise explodiert und auch die Stadtverwaltung überlegt, sich der Zeit anzupassen.
Daher grenzt es fast an ein Wunder, als eine Bau-Genossenschaft an die Stadt herantrat , um das alte Gemäuer zu kaufen.
Bei einer Mieterversammlung wurden die Bewohner in Kenntnis gesetzt, dass das Haus renoviert würde und sie vorübergehend ausziehen mussten. Der Umzug würde natürlich bezahlt werden. Wer nach der Sanierung zurück kommen möchte, müsste allerdings mit einer größeren Miete rechnen.

Ganz oben in einer kleinen Dachwohnung lebt Fräulein Lieschen Krämer.
Ein altes Fräulein, bescheiden, schüchtern und arm.
Jahrelang hatte sie ihre schwerkranke Mutter gepflegt und ging nebenbei noch putzen.
Nun stand sie da mit 585€ Rente.
Als ihre Mutter noch lebte, die ihre Kriegsrente hatte, ging es beiden relativ gut.
Doch nun musste sie doch sehr sparsam mit dem Geld wirtschaften und war froh, dass sie nach dem Tod er Mutter die so billige kleine Wohnung behalten konnte.
250€ Miete musste sie bezahlen, das war sehr wenig, denn in den vergangenen Jahren sind die Preise für Wohnungen, auch wenn sie so klein wie ihre waren, sehr gestiegen.
Und wenn sie sich nun eine neue Wohnung suchen sollte, wie die Bau-Genossenschaft verlangte, dann würde das wohl ihre ganze Rente verschlingen.
Als sie schüchtern ihre Sorge vorgetragen hatte, meinte der Herr von der BG:
Sie können ja Wohngeld beantragen!“
Daraufhin setzte das alte Fräulein sich still auf ihren Platz und war sehr besorgt. Wusste sie doch gar nicht wie man das machte und sie kannte doch auch niemanden, den sie fragen konnte.
Also war sie nach der Mieterversammlung traurig in ihre kleine Wohnung unter dem Dach gegangen, verwirrt und voller Sorgen.


Müde erhebt sich Fräulein Lieschen und schlüpft in ihre ausgelatschten Pantoffeln.
Kurz fährt sie sich mit der Hand über den schmerzenden Rücken.
Die Matratze war eben schon alt, aber wenn sie einige Zeit lief, dann vergingen die Schmerzen.
Sie schlurft ins Bad .
Wenig später kommt sie wieder heraus, noch immer im Morgenmantel, aber frisch und sauber,
und die langen grauen Haare, die ihr bis zur Hüfte reichten, zu einem ordentlichen Knoten aufgesteckt.
Sie sieht auf die Uhr. 8.30! Zeit fürs Frühstück.
Die Sonne blinkt schon durch die blank geputzten Scheiben.
Nachdem sie den Wasserkessel auf den Gasherd gestellt hat, öffnet sie das kleine Fenster mit den hübschen zierlichen Gardinen und sieht über die Dächer von R.
Sie liebt diesen Blick über die Stadt und sie freut sich, dass heute die Luft so klar ist, dass man in der Ferne die Berge schimmern sieht.
Ein paar Spatzen sitzen in der Dachrinne und tschilpen laut.
Lieschen lächelt und eilt zum Brotkasten, nimmt das Brot heraus und sucht in der Schublade nach dem Messer.
Da verkündet ein schrilles Pfeifen, dass das Wasser kocht.
Schnell legt sie das Messer beiseite, dreht den Gashahn ab und füllt in die frische Tasse, in der sie den gebrauchten Teebeutel von gestern gehängt hat,
das kochende Wasser.
Einen Teebeutel konnte man ruhig zweimal benutzen hatte ihre sparsame Mutter ihr beigebracht.
Fräulein Lieschen stellt die dampfende Tasse auf den Tisch, und holt Margarine und Honig aus dem Kühlschrank.
Dann schneidet sie drei dünne Scheiben Brot ab.
Zwei davon legt sie auf einen Teller.
Von der dritten Scheibe löst die Rinde und legt sie in den Brotkasten zu den anderen.
Die würde sie heute Mittag rösten und zu ihrer Suppe geben.
Sie zerbröselt das Weiche des Brotes und streut es auf die Fensterbank.
Als hätten sie nur darauf gewartet stürzen sich die Spatzen lautstark schimpfend über die Krümmel.
Lieschen beobachtet ihre gefiederten Freunde vergnügt, während sie ebenfalls ihr Frühstück verzehrt.
Ein Blick auf den Kalender zeigt ihr, dass heute der 29. April ist.
Am Montag war Feiertag, der 1. Mai, dann kam die Rente erst am Dienstag. Also musste das Geld für drei Tage reichen.
Sie holt den alten braunen, an den Ecken abgestoßenen Geldbeutel aus der Schublade und schüttet seinen Inhalt auf den Tisch.
Sorgsam zählt sie die Münzen.
Es sind 3 € und 87 Cent.
Kurz überlegt sie:
Honig und Margarine würden noch reichen, brauchte sie also nur noch Brot. Heute würde sie eine Kartoffelsuppe machen, Kartoffeln hatte sie noch, und die gerösteten Brotrinden darüber streuen. Wenn sie gleich mehr machte, dann reichte es auch für Morgen.
Vergnügt lacht sie.
Aber was sollte sie am Montag kochen? Es sollte schon etwas Besonderes sein, denn da war ihr Geburtstag.
Sie hatte doch noch zwei Eier im Kühlschrank, die würden reichen für ein feines Omelett und zur Feier Tages könnte sie sich ein Glas Pilze gönnen und einen schönen Kopfsalat. Was für ein Festmahl.
Und abends eine feine Quarkspeise.
Ihre Gedanken schweiften in die Vergangenheit.
Wie schön waren ihre Geburtstage immer solange ihre Mutter noch lebte.
Mama hatte für sie immer ihren Lieblingskuchen „Schwarzwälderkirsch „ gebacken und dazu gab es echten Bohnenkaffee.
Sie glaubte den Duft dieses herrlichen Getränks in der Nase zu spüren.
Seit ihre Mutter vor zwei Jahren gestorben war, konnte sie sich keinen Bohnenkaffee mehr leisten.
Schnell schüttelt sie die drüben Gedanken ab und schreibt ihren Einkaszettel.
Einkaufszettel

Brot 1,19 € 3,87€
Pilze -,79 € - 2,76€
Salat -,40 € 1,11€ Rest
Quark -,38 €
Summe 2,76 €

Lieschen muss lachen als sie die Endsumme sieht.
Dreimal die Eins!
Die Zahl sollte ihr eigentlich Glück bringen.
Sie verschwindet im Schlafzimmer und kommt bald darauf altmodisch, aber adrett und sauber gekleidet wieder zum Vorschein.
Sie schließt das Fenster, wo die Spatzen inzwischen verschwunden sind, zieht vor dem Spiegel im Flur ihr altmodisches kleines Hütchen auf, legt Geldbeutel und Einkaufszettel in die Tasche und verlässt die Wohnung.
Vorsichtig hält sie sich am Geländer fest, als sie die abgetretenen Holzstufen hinunter geht.
Einen Moment blinzelt sie geblendet, als sie von dem halbdunklem Flur in das helle Sonnenlicht tritt.
Dann geht sie mit forschen Schritten zum Kaufhaus, holt sich einen Wagen und beginnt ihren kleinen Einkauf.
Sorgfältig prüft sie, ob sich die Preise auch nicht geändert haben, damit sie an der Kasse nicht in Verlegenheit geriet.
Durch die langen Gänge schiebt sie ihren Wagen in Richtung Kasse.
Da erfasst ihre Nase den feinen Duft von Kaffee.
Rechts und links sind die Regale gefüllt mit Kaffeepäckchen, in bunten Farben und in allen möglichen Sorten.
Nur mal so aus Neugier schiebt Lieschen ihren Wagen näher heran. Sie wollte doch einmal die Preise studieren.
Da erblickt sie die Sorte, die ihre Mutter immer gekauft hatte und langsam, als wäre es eine große Kostbarkeit nimmt sie das Päckchen Kaffee in die Hand.
Sie schielt auf den Preis und seufzt.
Unbezahlbar für sie!
Die schöne Zeit mit ihrer Mutter, die bescheiden doch ohne Not waren und die wunderbaren Geburtstage, die diese ihr immer bereitet hatte, all dies ging ihr durch den Kopf.
Und auf einmal, sie weiß es eigentlich selbst nicht, wie es geschah, war das Kaffeepäckchen in ihrer Tasche verschwunden.
Auf dem Weg zur Kasse lief es ihr plötzlich heiß über den Rücken.
Was hatte sie getan?
Das war ja Diebstahl!
Was war nur über sie gekommen?
Noch nie in ihrem Leben hatte sie etwas Unrechtes getan und nun war sie plötzlich zur Diebin geworden.
Sie öffnet ihre Tasche und holt das grüne Päckchen Kaffee heraus.
In dem Moment legt sich eine schwere Hand auf ihre Schulter.
Lieschen blickt in das Gesicht eines bulligen Mannes.
Kommen sie mit ins Büro, ich habe sie beobachtet, sie wollten diesen Kaffee stehlen!“
Ich, ich, ich ...“, stammelt Lieschen und ihre Augen füllen sich mit Tränen.
Eine junge Frau, die im gegenüberliegenden Regal die Waren studiert, dreht sich zu den Beiden um.
Was ist hier los?“ fragt sie die Stirn runzelnd.
Mischen sie sich nicht ein! Ich bin der Kaufhausdetektiv!“
Ach, und was hat die alte Dame verbrochen?“
Ich habe sie beobachtet, wie sie ein Paket Kaffee in ihrer Tasche verschwinden ließ.“
Die junge Frau überfliegt den kärglichen Einkauf in dem Wagen und den Kaffee in der Hand des vor Angst zitternden Lieschens und meint spöttisch.
Ich sehe nur eine leere Tasche und ein Päckchen in der Hand der Dame. Sieht mir nicht nach einem Diebstahl aus!“
Der Detektiv wird unsicher, trotzdem beharrt er weiterhin:
Ich habe genau gesehen, wie sie den Kaffee in die Tasche steckte!“
Na und? Haben sie noch nie in Gedanken etwas in ihre Tasche gesteckt? Ich suche ständig meine Autoschlüssel, weil ich sie irgendwo hin gesteckt habe.“
Na gut,“ murmelt der Mann, nimmt Lieschen das Paket aus der Hand und legt es in ihren Einkaufswagen.
Dann gehen sie mal zur Kasse!“ brummt er und verschwindet zwischen den Regalen.
Die junge Frau tritt neben das alte Fräulein.
Jutta Zimmermann,“ stellt sie sich vor.
Noch ganz benommen ergreift Lieschen die dargebotene Hand und murmelt leise:
Lieschen Krämer.“
Wunderbar, freut mich, sind sie fertig mit ihren Einkäufen?“ hört sie die frische Stimme von Jutta und nickt.
Ich auch, dann können wir ja gemeinsam zur Kasse gehen.“
Wie im Traum geht Lieschen in Richtung Kasse.
Jutta bleibt direkt hinter ihr, als wollte sie sie beschützen, denn aus den Augenwinkeln hat sie den Kaufhausdetektiv bemerkt, der mit verschränkten Armen in der Nähe der Kasse lungert und die alte Frau nicht aus den Augen lässt
Lieschen aber läuft es heiß und kalt über den Rücken. Was sollte sie nur tun. Sie hatte doch gar nicht soviel Geld dabei, um den Kaffee zu bezahlen.
Sie wirft einen verzweifelten Blick nach hinten in Juttas vergnügt blitzende Augen.
Den Wagen hinter sich herziehend, tritt diese neben sie und murmelt: „ Was ist los?“
Ich habe nicht genügend Geld dabei,“ flüstert Lieschen.
Keine Bange, ich mache das schon!“
Doch das alte Fräulein hört es nicht mehr, denn nun ist sie dran.
Langsam und bedächtig legt sie ihre Waren auf das Laufband.
Jutta beginnt sofort auch ihre Einkäufe auszupacken und mit einer unauffälligen Bewegung schiebt sie das dubiose Kaffeepäckchen zu ihren Waren.
Lieschen merkt es nicht, so benommen ist sie und die Kassiererin muss sie zweimal auffordern.
2€ 76“ „ Wie bitte?“ „2€ 76!“ wiederholt diese nun leicht ungeduldig.
Lieschen sieht zu Jutta, die ihr vergnügt zu zwinkert und entdeckt den Kaffee unter deren
Einkäufen.
Erleichtert atmet sie auf, zählt umständlich das Geld auf die Theke, verstaut ihre Einkäufe in ihrer alten Tasche und schiebt den leeren Wagen hinaus.
Als sie den Einkaufswagen abgestellt hat, verlassen sie ihr Kräfte und sie lässt sich auf die Bank in der Nähe fallen. Ihr zittern die Knie!
Schluchzend legt sie den Kopf in beide Hände. Wie peinlich war das doch gewesen und sie schämt sich so sehr, denn beinahe wäre sie zur Diebin geworden.
Welcher Teufel hatte sie da nur geritten?
Ein Hand legt sich sachte auf ihre Schulter und durch einen Tränenschleier sieht sie die freundliche junge Frau neben sich sitzen.
Sie schnieft und Jutta reicht ihr ein Papiertaschentuch.
Nachdem sich Lieschen kräftig die Nase geputzt hat, lächelt sie Jutta dankbar an.
Wieder besser?“ meint diese freundlich.
Lieschen nickt, doch als Jutta ihr das Päckchen Kaffee hinhält, hebt sie abwehrend beide Hände.
Nein, den haben sie bezahlt. Ich habe ihn nicht verdient!“
Ach Unsinn! Nehmen sie ihn doch, sie können mir ja später einmal das Geld zurück geben, wenn es das ist , was ihnen Kopfzerbrechen macht!“
Doch Lieschen schüttelt nur den Kopf und wird puterrot.
Dann sieht sie der jungen Frau offen ins Gesicht.
Ich wollte den Kaffee wirklich stehlen und habe ihn in die Tasche gesteckt,“ bekennt sie tapfer.
Und warum hatten sie das Päckchen dann in der Hand?“
Weil ich erschrocken über mich selber war und den Kaffee wieder zurück stellen wollte,“ flüstert das alte Mädchen beschämt und senkt den Kopf.
Die junge Frau aber sieht auf das schmächtige, altmodisch gekleidete Fräulein und denkt:
Millionen Euros werden auf der Welt verschoben, betrogen und veruntreut und dieses arme alte Mädchen hat die größten Gewissensbisse, weil sie
sie für einen Moment schwach geworden war.
Jutta legt ihre Hand auf Lieschens nervös spielende Hände und meint:
Ich respektiere es, wenn sie den Kaffee nicht annehmen wollen, aber darf ich sie zu einer Tasse Kaffee einladen. Nicht weit von hier ist ein hübsches kleines Cafe. Sie würden mir eine große Freude machen.“
Sie zieht Lieschen hoch, nimmt ihr die Einkaufstasche ab und ehe sich diese versieht, sitzt sie schon angeschnallt im Auto.
Unterwegs plaudert Jutta ganz zwanglos, erzählt lustige Anekdoten von ihren Kindern, dem fünfjährigen Dirk und der zweijährigen Susanna und langsam entspannt sich Lieschen.
Einmal entschlüpft ihr sogar ein Kichern.
Schwungvoll fährt Jutta auf den Parkplatz und gleich darauf betreten sie den behaglich eingerichteten Raum.
Sie finden einen Tisch gleich neben dem riesigen Kuchenbüfett, das Lieschen mit großen staunenden Augen betrachtet.
Jutta bestellt zwei Kännchen Kaffee und fragt Lieschen welchen Kuchen sie haben möchte.
Diese löst ihren Blick von dem reichhaltigen Büfett und meint schüchtern.
Eine Schwarzwälderkirschtorte.“
Jutta gibt die Bestellung an die Kellnerin weiter und beobachtet wenig später amüsiert, wie Lieschen genussvoll den ersten Schluck Kaffee nimmt und dann andächtig ihren Kuchen verspeist.
Zufrieden lehnt Lieschen sich zurück und strahlt ihr neue Freundin an.
Das war fein, danke!“
Und dann lacht sie plötzlich auf.
Dann haben sie mir doch Glück gebracht!“
Auf den fragenden Blick von Jutta erzählt sie ihr, wie sie heute morgen den Einkaufszettel geschrieben hat und ihr genau noch 1,11€ übrig geblieben sind und sie gedacht hat, die Zahlen müssen ihr doch Glück bringen.
Jutta ist betroffen.
Selbst in einer gut situierten Familie groß geworden, mit einem gut verdienenden Architekten verheiratet, hatte sie sich noch nie Gedanken gemacht, dass es auch Menschen gab, die mit jedem Cent rechnen mussten.
Dabei machte diese schmächtige kleine Person so einen glücklichen, fröhlichen und zufriedenen Eindruck, wirkte weder vergrämt noch verbittert.
Lieschen, die immer mehr Vertrauen zu der freundlichen jungen Frau gewinnt erzählt ihr nun, dass sie am Montag Geburtstag hat und ihre Mutter ihr immer ihren Lieblingskuchen Schwarzwälderkirschtorte gebacken hatte und dazu gab es dann immer guten echten Bohnenkaffee.
Und Jutta erzählt von ihrer Familie und ihrem Wunsch, im September, wenn Dirk in die Schule und Susanna in den Kindergarten kam, wieder zurück in ihren Beruf als Werbezeichnerin zu gehen.
Denn sie könnte da auch viel von zu Hause aus arbeiten und ihr Mann der Architekt war, arbeitet auch manchmal zu Hause und so könnten sie sich dann wegen der Kinder absprechen.
Die Beiden plauderten, als würden sie sich schon lange kennen, längst waren sie zum „Du“ übergegangen.
Dann aber sieht Jutta erschrocken auf die Uhr.
Himmel, ich muss Dirk vom Kindergarten abholen!“
Schnell winkt sie die Kellnerin herbei, zahlt und wenig später sitzen sie im Auto.
Vor dem Wohnblock halten sie.
Frau Kalupke aus dem 2. Stock verlässt eben das Haus und beobachtet, wie Lieschen vorsichtig und etwas umständlich aus dem Auto steigt.
Jutta hupt, hebt grüßend die Hand und braust davon.
Das ist aber ein schöner Wagen, eine Verwandte von Ihnen?“
Nein, eine liebe Freundin,“ antwortet Lieschen freundlich und eilt schnell ins Haus, um weiteren neugierigen Fragen zu entgehen.
In ihrer Wohnung angekommen schlüpft sie erleichtert aus ihren Straßenschuhen und in ihre ausgetretenen Pantoffeln.
Dann setzt sie vorsichtig das Hütchen ab, zieht die Jacke aus, hängt sie ordentlich an die Garderobe und eilt zum Fenster, um es weit zu öffnen.
Tief atmend genießt sie den schönen Blick über die Dächer der Stadt.
Weit hinten flirren die Berge im Sonnenlicht.
Ihr Blick wandert zum Himmel hinauf.
Mama, heute hätte ich beinahe eine große Dummheit gemacht, aber du hast mir einen Engel gesandt,“ flüstert sie leise.


Es geht noch weiter

Herbstzeit - Kartoffelzeit







Herbstzeit - Kartoffelzeit



Vielleicht habt ihr auch schon als Kind am Lagerfeuer gesessen und Kartoffel gebraten.
Wir haben die Kartoffeln ,die auf dem Feld vergessen wurden immer aufgesammelt und dann ein Lagerfeuer gemacht und die Erdäpfel hinein geworfen.

Eine regelrechte Mutprobe war es dann ,die kohlschwarzen Dinger mit spitzen Fingern aus der heißen Glut zu klauben und zum Abkühlen neben sich zu legen.

Aber die Mühe war es wert, wenn auch die Schale verbrannt war, aber das Innere war köstlich.
Zu Hause aber wurden wir in den Waschzuber gestellt und von Kopf bis Fuß abgeschrubbt , denn wir sahen wie kleine Kaminfeger aus.

Doch wo kommt die Kartoffel eigentlich her?
Vor 500 Jahren brachten sie die spanischen Eroberer aus Südamerika mit.
Die Kartoffel hatte in Südamerika so eine große Bedeutung, dass man Kartoffel aus Stein und Tonkrüge in Form einer Kartoffel herstellte, wie Entdeckungen eines 8000 Jahre alten Grabes in Peru
bestätigen.

Obwohl wir in der Volksschule noch das Lied des Dorfschullehrers
Friedrich Sauter (1766-1846) lernen mussten und mit Begeisterung plärrten:
„Frank Drake hieß der brave Mann, der vor zweihundert Jaaaahren ,“
war der englische Pirat Sir Franicis Drake nicht der Entdecker der Kartoffel.


Eine nette kleine Geschichte wurde überliefert, ich weiß aber nicht ,ob sie stimmt.
Ein englischer Graf kaufte ein paar Kartoffeln und ließ sie in seinem Garten anpflanzen,
Die Kartoffel wurde nämlich anfangs wegen ihrer schönen Blüten als Zierpflanze gehalten.
Eines Tages erzählte ihm ein Spanier, dass man die Kartoffel essen könnte.
Der Graf lud seine Freunde zum Festmahl ein und als besonderes Dessert ließ er die Beeren der Kartoffel servieren.

Die Gäste spuckten diese aus, so scheußlich schmeckten sie.
Zornig befahl der Graf seinem Gärtner die Kartoffeln zu vernichten.
Dieser riss alle Pflanzen aus und verbrannte sie. Doch stieg ihm ein köstlicher Duft in die Nase und er fischte ein Knolle heraus und probierte sie. Sie schmeckte köstlich!
Wenig später lud der Graf wieder seine Freunde ein und diesmal waren alle begeistert von der Kartoffel.
So soll sie sich in Europa verbreitet haben.

Ich denke aber, dass es von Spanien aus ging, denn die Spanier und Italiener waren die ersten ,die die Kartoffel auf ihrem Speiseplan hatten.
Die Deutschen waren der neuen Speise eher skeptisch gegenüber eingestellt.
Der“ Alte Fritz „musste die Bauern 1756 mit einem „Kartoffelbefehl „
zum Anbau zwingen.

Heute gehört die Kartoffel wie selbstverständlich zu unserem Leben und es gibt viele wunderbare Gerichte ,die man aus dieser Knolle zaubern kann.
Aber am besten schmeckt mir immer noch: Eine heiße Pellkartoffel mit ein bisschen Salz und einem Stückchen Butter. Hmmmm!






Freitag, 26. Oktober 2012

Der Trotzkopf


Der Trotzkopf


Bin gerade dabei meine alten Fotos durchzusehen , da ich für meine Tochter zu Weihnachten ein Album basteln möchte.
Ich habe mir vorgestellt, ich mache so eine kleine Chronik, beginnend mit meinen Großeltern bis zur  jetzigen Zeit.
Dabei bin ich auf  ein altes Bild von mir gestoßen aus dem Kindergarten. Ich kann mich noch genau erinnern. 
Der Fotograf kam in unseren Kindergarten mit einem riesigen schwarzen Apparat, bei dem man noch unter eine Decke kriechen musste.
Das Ding machte mir Angst und ich kam auch noch als Letzte dran,
war also auch schon sehr ungeduldig und so entstand dieses Bild.





Gern ging ich in den Kindergarten.
Konnte oft es nicht erwarten.
Eines Tages kam ein Mann.
Schleppte einen großen Kasten an.
Einzeln muss nun jedes Kind,
Vor das seltsame Ding geschwind.
Mit erwartungsvollem Grinsen,
Blickt ein jedes in die Linse.
Hat der Mann doch versprochen,
Ein Vöglein käme raus gekrochen.
Doch so sehr ich guckte, schaute
Es kam nicht, ob es sich nicht traute?
Nun denn kam ich dran als Letzte.
Die sich vor das Ungetüm dann setzte.
Ungeduldig begann ich zu schielen,
Wollte doch mit den Anderen spielen.
Unter tauchte dann der Mann
Und säuselte mich an
"Komm doch Kleine, sieh hier her
Gleich kommt das Vöglein, es ist doch gar nicht schwer."
Ach du dummer, dummer Mann,
Bis jetzt kam noch kein Vöglein an!
"Mädelchen schenk mir ein Lachen,
Wirst den Eltern Freude machen."
Langsam nervt mich dein Getue,
Lass mir endlich meine Ruhe!
"Ach Mädchen, schau doch in die Linse,
Schenk mir ein Lächeln, ein Gegrinse."
Langsam werde ich ganz wild
Und so entstand dann diese Bild.







Donnerstag, 25. Oktober 2012

Vanessa und der Feenkönig (Ende)







Vanessa und der Feenkönig  (Ende)



Vanessa sitzt schmollend in ihrem Zimmer.
Peter und Papa sind mit Opa in den Wald gegangen und sie durfte nicht mit.
Das ist Männersache hat Peter hochnäsig erklärt.
Verena schaut ins Zimmer.
Sei nicht traurig meine Süße, komm mit zu Oma in den Garten.“
Missmutig erhebt sich das Mädchen und schlurft hinter ihrer Mutter hinaus.
Das ist doch langweilig,“ mault sie und beobachtet, wie die Oma Kartoffel schält.
Wie kann man an so einem schönen Tag nur so grantig sein,“ lacht Verena.
Vanessa scharrt mit der Fußspitze im Kies.
Ich möchte zu Tante Lilofee.“
Verena tauscht mit ihrer Schwiegermutter einen Blick.
Du hast also meine Schwester kennen gelernt?“
Vanessa nickt und dann sprudelt die ganze Geschichte aus ihr heraus, nur von der Begegnung mit dem Feenkönig erzählt sie nichts.
Aufgeregt umfasst sie die Hände der Mutter.
Komm doch mit Mama, Tante Lilofee wird sich bestimmt freuen.“
Geht nur, ich komme allein zurecht,“ lacht die Oma.
Vergnügt wandern sie durch den Zauberwald.
Ein aufgeregtes Wispern begleitet sie.
Verena ist wieder da!Verena ist wieder da!
Vor Lilofees Haus bleiben sie stehen und schon läuft diese heraus und umarmt ihre Schwester liebevoll.
Wie schön, dass du endlich wieder einmal im Zauberwald bist, komm herein, Muhme Immerzerstreut ist auch da.“

Mathilde hüpft durch die Küche und zuckt erschreckt zusammen, als sie jemand am Schürzenband zupft.
Unwirsch dreht sie sich um und bemerkt Vanessa die mit ernstem Gesicht zu ihr aufsieht.
Sie beugt sich zu der Kleinen hinab.
Begleitest du mich zu meinem Großvater, aber Mama und Tante Lilofee dürfen davon nichts wissen.“
Mathilde überlegt und schmunzelt.
Ich verstehe, warte im Garten auf mich.“
Vanessa schlendert hinaus zu den Anderen.
Mathilde hüpft heran, am Arm einen Henkelkorb.
Ich muss zu Agnes, um Kräuter zu holen, kann ich Vanessa mitnehmen?“
Verena möchte etwas sagen, doch Lilofee legt ihr die Hand auf den Arm.
Im Zauberwald ist sie sicher.“
Wenig später springt das Mädchen vergnügt neben dem Känguru durch das grüne Moos.
Der Weg zum Schloss ist steil und Mathilde muss öfter stehen bleiben und verschnaufen.
Endlich stehen sie vor dem mächtigen Tor und betätigen den Türknopf, der wie der Kopf eines Wolfes aussieht.
Ein dumpfer Ton hallt durch die Halle und die Hausdame öffnet die Tür.
Ich möchte meinen Großvater sprechen,“ verlangt Verena energisch.
Die alte Dame strahlt.
Du bist die Tochter von Verena. Ich habe deine Mutter schon gekannt, da war sie noch ein ganz kleines Ding und genau so keck wie du. Kommt herein.“
Vanessa betritt das Schloss und Mathilde macht sich auf den Weg zu der Kräuterfrau Agnes, verspricht aber auf dem Rückweg wieder vorbei zu kommen.
Die Hausdame führt das Mädchen durch die riesige Halle zu einer Treppe, die mit einem roten Teppich ausgelegt ist.
An den Wänden hängen Bilder mit altmodisch gekleideten Damen und Herren. Frauen in wallenden Kleider, einige mit spitzen Hüten und Männer in prächtigen Gewändern.
Die alte Frau öffnet nun eine große Tür, die leise knarrt und führt Vanessa in eine Bibliothek.
Staunend betrachtet das Mädchen die riesigen Regale, die bis zu der hohen Decke reichen und voll mit Büchern sind.
Der Feenkönig sitzt an seinem Schreibtisch und öffnet einladend die Arme.
Jubelnd umarmt Vanessa ihren Opa und die Hausdame wischt sich schnell ein paar Tränen aus den Augen.
Das ist ja wunderbar, dass du mich besuchst. Bist du allein gekommen?“
Hoffnung schwingt in seiner Stimme.
Mama ist bei Tante Lilofee. Sie weiß nicht, dass ich hier bin. Mathilde holt mich später ab.“
Spitzbübisch blinzelt das Mädchen den alten Mann an.
Wie wäre es, wenn du mit mir kommen würdest zu Mama.“
Ich weiß nicht,“ murmelt dieser unbehaglich.
Empört strampelt sich Vanessa frei und springt von seinem Schoß.
Mit blitzenden Augen, die Hände in die Hüften gestemmt stellt sie sich vor den Feenkönig.
So du hast gesagt, du willst dich mit Mama versöhnen und nun habe ich sie überredet, Tante Lilofee zu besuchen und du kneifst. Pah!“
Sie dreht sich um und marschiert zur Tür.
Ein dröhnendes Lachen ertönt hinter ihr und der Feenkönig ruft.
Warte kleiner Hitzkopf, ich begleite dich.“
Langsam dreht sich Vanessa um
Ehrenwort?“
Ehrenwort!“
Das Mädchen strahlt und umarmt den Opa stürmisch.
Die Hausdame verspricht Mathilde zu benachrichtigen und der große mächtige Feenkönig marschiert den Berg hinunter, an der Hand ein kleines Mädchen.
Mit klopfendem Herzen steht der Feenkönig wenig später im Garten seiner Tochter Lilofee.
Die Tür des Hauses wird aufgerissen und Verena stürmt heraus.
Papa!“ Schluchzend liegen sie sich in den Armen.
Vanessa lehnt an der Mauer, die Arme verschränkt und zufrieden grinsend.
Lilofee steht neben ihr, glücklich lächelnd, mit feucht schimmernden Augen.
Mathilde hüpft in den Garten.
Das wurde ja endlich Zeit, dass der alte Querkopf sich besinnt!“
Das habe ich gehört!“ ruft der Feenkönig.
Das Känguru brummelt etwas und hüpft in die Küche.
Glücklich lachend hebt der alte Mann seine Enkelin in die Höhe und gibt ihre einen schallenden Kuss.
Na du kleiner Friedenstifter bist du zufrieden?“
Vanessa lacht vergnügt und schlingt die Arme um Opa und Mama.

Später begleitet der Feenkönig Verena und ihre Tochter zum Forsthaus.
War das eine Überraschung, als der mächtige Herr der Feen in die Stube tritt.
Etwas verlegen reicht er seinem Schwiegersohn die Hand, in die dieser nach kurzem Zögern einschlägt.
War das ein Fest!
Oma Braun trägt auf, was die Küche zu bieten hat und es wird erzählt und gelacht.
Später holt Opa Braun seine Zither und es wird musiziert.
Peter ist anfangs etwas beleidigt, weil Vanessa ohne ihn den Großvater besucht hat, aber als der Feenkönig ihm verspricht, dass er morgen ganz allein zu ihm kommen darf, ist er beruhigt.
Der Feenkönig lehnt sich in seinem Stuhl zurück und schmunzelt. Es gefällt ihm bei den Menschen.




Nun habt ihr Peter und Vanessa und ihre Familie kennen gelernt.
Schon lange habe ich vor, diese beiden Kinder zauberhafte Abenteuer erleben zu lassen, doch erst jetzt habe ich so richtig die Zeit zum Schreiben.
Mittlerweile gibt es drei abenteuerliche Geschichten, die ich nach und nach hier einstellen möchte.
















Mittwoch, 24. Oktober 2012

Vanessa und der Feenkönig (6)







 Vanessa und der Feenkönig   ( 6 )


Atemlos stürmen die Kinder durch den Wald.
Sie haben keinen Blick für die herrlichen grün goldenen Sprenkel, die Frau Sonne in die Blätter zaubert und hören auch nicht das fröhliche Jubilieren der Vögel, die für die Hochzeit üben.
Sie haben nur Angst zu spät zu kommen.
Endlich erreichen sie Lilofees Garten.
Mume Immerzerstreut steht am Brunnen und bewundert sich im klaren Wasser.
Herrlich ist sie heraus geputzt.
Ihr kunterbuntes Kleid ist mit rosa Rüschen und lila Bändern verziert.
Auf ihrem Kopf thront ein riesengroßer Strohhut, beladen mit Kirschen und Äpfeln.
Uiiii!“ Mit offenem Mund bestaunen die Kinder ihre Großtante.
Lilofee kommt aus dem Haus, neben ihr hüpft Mathilde in den Garten.
Jubelnd laufen ihr die Kinder entgegen.
Bist du wunderschön!“ ruft Vanessa und auch Peter nickt anerkennend.
Lilofee sieht auch bezaubernd aus.
Ein unifarbenes zartgrünes Kleid aus feinster Seide umschmeichelt ihre grazile Gestalt, dazu hat sie ein gleichfarbiges
Band in ihre Haare geflochten.
Madame Spinne und ihre Helferinnen haben sich selbst übertroffen, als sie das Kleid schneiderten.
Ein Wunder, dass sie dies schafften, bei den vielen Aufträgen, denn jeder wollte zur Hochzeit neu eingekleidet werden.

Die kleine Gesellschaft macht sich nun auf den Weg ins Zwergenreich.
Unterwegs schließen sich immer mehr Waldbewohner an und es wird recht lustig.
Vanessa und Peter sind entzückt von all den neuen Freunden.
Schön geschmückt ist das Zwergenreich und auf einer großen Wiese stehen Tische und Bänke.
An den Bäumen hängen Girlanden und die Äste sind voll mit fein heraus geputzten Vögeln.
Eben verlässt das Brautpaar das Schloss von begeisterten Hochrufen empfangen.
Zwergenkinder laufen voraus und streuen Blumen und in einem geschmückten Pavillon wartet mit wichtiger Miene der Bürgermeister.
Königin Rosamund und Amalie, die beiden Mütter, weinen um die Wette, als nach der Trauung das Brautpaar sich küsst.
Dann aber wird gefeiert!
Die Grillen spielen zum Tanz auf und fröhlich dreht sich das kleine Völkchen im Kreise.
Peter und Vanessa schlendern über die Wiese, spielen mit den Zwergenkindern Ringelreihen, tollen mit den Fuchskindern, hören den Vögeln zu und setzen sich etwas müde unter einen Schatten spendenden Baum.
Hier findet sie Lilofee.
Kommt mit, ich möchte euch jemand vorstellen.“
Auf einem großen hölzernen Stuhl sitzt der Feenkönig.
Zwei Diener haben den Stuhl extra vom Schloss hierher getragen, denn die kleinen Stühle der Zwerge sind viel zu klein für ihre Majestät.
Neugierig mustern die Kinder die große Gestalt.
Ein weißer buschiger Bart reicht ihm bis zum obersten Knopf seines blauen Mantels, dicke Augenbrauen geben ihm ein etwas finsteres Aussehen und unwillkürlich klammern sich die Kinder an ihre Tante.
Diese gibt dem alten Mann einen Kuss auf die Wange.
Hallo Papa! Darf ich dir meine Freunde Vanessa und Peter vorstellen?“
Kritisch werden sie betrachtet.
Unter diesem Blick fühlen sie sich ganz klein, wie an Weihnachten, wenn der Nikolaus aus seinem goldenen Buch vorliest.
Vanessa streckt ihre Hand aus:
Guten Tag, ich bin Vanessa und das ist mein Bruder Peter, dürfen wir dich einmal auf deinem Schloss besuchen?“
Lachend ergreift der alte Mann die kleine Kinderhand und sieht auf einmal gar nicht mehr so furchteinflößend aus.
Du bist ja ein keckes kleines Ding,“ etwas nachdenklich fügt er hinzu, „ du erinnerst mich an jemand, aber sagt wie gefällt es euch denn hier.“
Nun taut auch Peter langsam auf und zutraulich setzen sie sich zu ihrem Großvater und plaudern vergnügt mit ihm.
Lilofee entfernt sich lächelnd.
Die Zwerge und Waldbewohner tanzen ausgelassen.
Die Grillen und Vögel musizieren vergnügt, doch als nun die Frösche zu Quaken beginnen, ist die Aufregung groß.
Dirigent Amsel wirft seinen Taktstock nieder, die Vögel hören mitten im Lied zu singen auf und die Grillen lassen ihre Geigen sinken.
Nun ist nur noch das Quaken der Frösche zu hören.
Die Tänzer bleiben stehen, denn nach dieser Melodie kann niemand tanzen.
Ein ärgerliches Murren beginnt.
Doch der König hebt gebieterisch die Hand.
Die Frösche wollen ja nurdem Brautpaar ein Ständchen bringen, dass es entsetzlich klingt, bemerken sie ja nicht.
Geduldig lauschen Mirzel und seine Braut dem Musikgenuss. Doch als die Frösche immer wieder von vorne beginnen und kein Ende finden , winkt Prinz Mirzel den Koch Petersilie herbei und flüstert ihm etwas ins Ohr.
Mit einer tiefen Verbeugung entfernt sich der Koch und kommt wenig später mit einer riesigen Schüssel, die von zwei Zwergen getragen wird, zurück.
Mirzel bittet die Frösche freundlich, doch eine Pause zu machen und von dem köstlichen Salat mit Fliegengeschmack zu kosten, den der Schlosskoch extra für sie zubereitete hat.
Das lassen sich die Frösche nicht zweimal sagen, denn außer Singen lieben sie noch das Fressen.
Nun kann das Fest ungestört weiter gehen.
Lilofee freut sich.
Prinz Mirzel wird einmal ein guter König werden.
Vanessa hat inzwischen einen Entschluss gefasst.
Zutraulich klettert sie auf den Schoß des Feenkönigs und zupft ihn am Bart.
Duuu, warum kannst du meinen Papa nicht leiden?“
Peter verschluckt sich an seinem Kakao.
Ich kenne doch deinen Papa nicht.“
Doch du kennst ihn. Du bist nämlich unser Opa und weil Mama
unseren Papa lieb hat, redest du nicht mehr mit ihr. Mama ist bestimmt sehr traurig deswegen und wir haben nicht gewusst, dass wir außer Opa Braun noch einen Opa haben. Und das ist doch schade, denn wir finden dich ganz toll.“
Es wird ganz still am Tisch.
Peter hat einen hochroten Kopf und spielt mit den Krümeln seines Kuchens.
Lilofee beobachtet besorgt ihren Vater.
Dieser sieht ziemlich finster aus, doch als sein Blick auf Vanessa fällt die ihn kritisch mustert, bricht er in lautes dröhnendes Lachen aus.
Lilofee atmet auf.
Theoderich aber beugt sich zu Vanessa hinunter und flüstert ihr ins Ohr.
Ich bin auch sehr traurig und habe schon lange bereut, dass ich so böse zu deiner Mutter war. Aber ich weiß nicht wie ich es anfangen soll, dass wir uns wieder vertragen. Willst du mir helfen?“
Vanessa nickt eifrig und zwinkert verschwörerisch.
Ich will sehen, was ich tun kann,“ flüstert sie, „aber nun müssen wir nach Hause, es wird schon dunkel.“
Sie rutscht von seinem Schoß, zwinkert noch einmal verschmitzt und zusammen mit Lilofee verlassen sie das Fest, nachdem sie sich bei dem Brautpaar bedankt haben.
Die Fee begleitet sie bis zum Forsthaus.
Bald liegen alle friedlich im Bett.